Ende einer Dienstfahrt
URAUFFÜHRUNG
nach der Erzählung von Heinrich Böll in einer Theaterfassung von Armin Petras
Regie: Armin Petras
Was als kleiner Akt des Ungehorsams beginnt, entwickelt sich in ENDE EINER DIENSTFAHRT zu einer absurden Farce über Staat, Ordnung und gesellschaftliche Anpassung. Mit scharfem Humor und feiner Ironie erzählt Heinrich Böll von Protest, der nicht bekämpft, sondern vom System entschärft und vereinnahmt wird.
Johann Gruhl und sein Sohn Georg arbeiten als Möbeltischler in der kleinen Stadt Birglar, irgendwo in der rheinischen Provinz zwischen Köln und Bonn. Vater Gruhl hat erhebliche Steuerschulden angehäuft und als Georg zur Bundeswehr eingezogen wird, verschärft das die finanzielle Misere.
Am Ende seiner Dienstzeit erhält Georg den Befehl, durch ziellose Fahrten mit einem DKW MUNGA Geländewagen den für die routinemäßige Inspektion benötigten Kilometerstand zu erzeugen. Er führt diesen absurden Auftrag allerdings nicht aus, sondern fährt stattdessen nach Hause, um seinem fast bankrotten Vater bei der Arbeit zu helfen. Gemeinsam präparieren sie den Bundeswehr-Jeep und verbrennen ihn unter Absingen von Litaneien auf freiem Feld nahe ihrer Heimatstadt. Natürlich wird das Ganze strafrechtlich verfolgt und mündet in einen Prozess.
Vor dem Amtsgericht der kleinen Kreisstadt wird an einem einzigen Tag der Fall von Vater und Sohn verhandelt. Die meisten an der Prozessbeteiligten sowie alle im Publikum Anwesenden kennen sich untereinander oder sind sogar auf die eine oder andere Art und Weise miteinander verwandt. Ausnahmen davon sind der gerade erst aus Bayern an den Rhein versetzte Staatsanwalt und ein aus »der nahen Großstadt« abgesandter Prozessbeobachter.
Anfänglich wird die Straftat als politisch motiviert eingestuft, aber durch Auftritte von Experten, vor allem eines kunstsachverständigen Professors als »Happening« und damit als Ausdrucksform von Anti-Kunst qualifiziert und somit quasi ‚aufgewertet‘. Der Richter, ohnehin für seine Milde bekannt, steht kurz vor der Pensionierung; dies ist sein letzter Fall. Die Angeklagten kommen am Ende glimpflich davon; verurteilt zu vollem Schadensersatz und wegen groben Unfugs zu sechs Wochen Haft. Dieser »triumphale« Ausgang, bei dem sogar der Staatsanwalt befriedet scheint, deutet aber vor allem darauf hin, dass das politische System der Bundesrepublik gelernt hat, den Protest durch Einbindung zu neutralisieren.
Die Verhandlung vor dem Amtsgericht wird von Böll als eine Art »rheinisches Familientreffen« beschrieben, als eine Farce, die die Ernsthaftigkeit und Entscheidungskompetenz staatlicher Institutionen zumindest bezweifeln lässt. Vor diesem Hintergrund liefert Bölls Erzählung ein Plädoyer für individuellen Freiraum und gegen blinden Gehorsam, verpackt in eine satirische Sozialstudie.
Armin Petras, geboren 1964 in Meschede/Sauerland, siedelte 1969 mit seinen Eltern in die DDR über. Von 1985 bis 1987 studierte er Regie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin, 1988 reiste er in die Bundesrepublik aus. Von 2006 bis 2013 war Petras Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin, von 2013 bis 2018 Intendant am Schauspiel Stuttgart. Seither arbeitet er als freier Regisseur und inszeniert u.a. am Theater Bremen und Staatstheatern Cottbus und Saarbrücken. Nach LENZ von Georg Büchner und der Uraufführung blut wie fluss von Fritz Kater ist ENDE EINER DIENSTFAHRT seine dritte Arbeit am Theater Bonn.