Meine Kirschen, mein Garten, mein Geld
Eine Abrechnung von Tschechow, David und Ensemble
Regie: Rebekka David
Nach dem Ende von Tschechows DER KIRSCHGARTEN ist aus dem Sehnsuchtsort ein Geschäftsmodell geworden. Tschechows Figuren kehren zurück und mit ihnen die Frage, warum Geld unser Leben bestimmt, obwohl niemand darüber sprechen will.
Ein kleines Ferienhaus im Bonner Umland: ca. 70 € – 100 € die Nacht. Mit Gartenzugang natürlich Aufpreis. Mit Blick auf Kirschbäume zusätzlicher Aufpreis. Aber davon wollen wir nicht reden! Haben wollen wir das Geld – gern reichlich, gern mit Puffer, gern sicher angelegt und sich tüchtig vermehrend – aber darüber reden, das wollen wir nicht. Mein Kontostand, meine Sache. Für zu viel würden wir uns schämen, für zu wenig sowieso. Darüber spricht man einfach nicht, das haben wir schon mit sechs gelernt, als Oma uns zum ersten Mal ein Fünf-Mark-Stück zugesteckt hat, heimlich, wenn niemand guckt, mit diesem verschwörerischen Blick in den Augen. Warm wurde die Münze in der Hand, immer wieder haben wir unsere klebrigen Kirscheis-Finger in die Hosentasche gesteckt, um zu überprüfen, ob es wirklich noch da war. Später am Kiosk waren wir nicht mehr ganz sicher, ob 5 Pfennig pro Gummitier ein wirklich fairer Preis ist oder wir hier mies übers Ohr gezogen werden. Die Frage »Wie viel Geld hast du?« scheint intimer als die Frage nach der letzten Geschlechtskrankheit. Warum eigentlich?
Am Ende von Tschechows DER KIRSCHGARTEN hört man die Äxte. Der Kirschgarten wird abgeholzt und Lopachin hat große Pläne, das Grundstück gewinnbringend neu zu organisieren. Wir treffen ihn einige Jahre später, sein Traum wurde Realität: Dort, wo früher die Kirschblüten in den Himmel wuchsen, erstreckt sich nun eine Feriensiedlung. Und seltsamerweise treffen wir dort nicht nur ihn, auch Ranjewskaja, Warja, Gajew und Trofimow zieht es immer wieder zu diesem Ort. Die finanziellen Verhältnisse, die Abhängigkeiten haben sich geändert, doch immer noch geht es nur um eins: Geld.
Rebekka David, geb. 1993 in Leipzig, studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Ihre Arbeiten sind und waren u. a. am Schauspielhaus Graz, Staatstheater Hannover, Staatstheater Braunschweig, Volkstheater Rostock, Theater Osnabrück, Deutschen Theater Berlin, Schauspiel Dortmund, Theater Basel und dem Saarländischen Staatstheater zu sehen. Ihre Inszenierungen wurden zu mehreren Gastspielen und Festivals eingeladen, u. a. zum Körber Studio für junge Regie. Außerdem gibt sie Workshops zum Thema Sexismus und Gender, inszeniert an Schauspielhochschulen und produziert Hörspiele für den DLF und den SWR, u. a. 2021 Die Welt im Rücken von Thomas Melle. 2022 erhält sie für Der Termin nach dem gleichnamigen Roman von Katharina Volckmer den Deutschen Hörspielpreis der ARD. Ihre Inszenierungen und Texte entstehen vor und während des Probenprozesses in Co-Autorenschaft mit dem Ensemble. Nach KOHLHAAS (CAN’T GET NO SATISFACTION) ist die Fortschreibung von Tschechows KIRSCHGARTEN ihre zweite Arbeit am Theater Bonn.