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Musik aus dem Melting Pot

Am 15. September feiert das Musical WEST SIDE STORY in einer Neuinszenierung von Erik Petersen Premiere im Opernhaus

Auf den Straßen der New Yorker West Side tobt ein Bandenkrieg: Die US-amerikanischen Jets auf der einen Seite, die puertoricanischen Sharks auf der anderen. Inmitten von Hass und Gewalt treffen sich Tony und Maria, verlieben sich – und alle sind dagegen. Es ist die alte Geschichte, die bereits Shakespeare erzählte. Romeo und Julia, katapultiert in den amerikanischen Traum.Bereits 1949 entstand die erste Idee zu EAST SIDE STORY, so der ursprüngliche Titel, den Choreograf und Broadway-Regisseur Jerome Robbins gemeinsam mit Komponist Leonard Bernstein ihrem Projekt gaben. Doch erst acht Jahre später, am 26. September 1957, sollte sich zum ersten Mal der Vorhang heben und WEST SIDE STORY – so der finale Titel – seine Uraufführung feiern. Tatsächlich erlebte das Genre an diesem Tag eine Revolution. Seichte Themen und komödiantische Motive prägten derzeit noch das Musical. Die Adaption einer Tragödie war ein durchaus gewagter Schritt, brach man damit doch mit bestehenden Sehgewohnheiten.

Die meisten Leute meinten: Diese Idee ist Quatsch. Du kannst kein Musical an den Broadway bringen, in dem es so viel Hass gibt und Feindseligkeit. Aber wir haben daran festgehalten. (Leonard Bernstein)

Auch musikalisch schlug man neue Wege ein. Die Mischung aus Progressive Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen war bis dahin am Broadway nicht zu hören gewesen. Neben dem stilistischen Mix zeichnet sich WEST SIDE STORY auch durch die enorme Komplexität der Kompositionen aus. Bernstein selbst lehnte schon immer eine Einteilung in ernste Musik und Unterhaltungsmusik strikt ab. Heute haben Songs wie Maria, Tonight, Somewhere oder America Kult­Status erlangt.

Das hat uns zusammengeschweißt: dieses Gefühl, dass Minderheiten benachteiligt werden in Amerika. (Arthur Laurents)

Leonard Bernstein entstammt einer jüdischen Einwandererfamilie. Sein Talent als Pianist zeigte sich schon früh, was ihm ein Stipendium und einen Studienplatz an der Harvard University einbrachte. 1951 heiratete er die Schauspieler­in Felicia Montealegre, mit der er drei Kinder hatte. Gleichzeitig war er innerhalb der Musikszene für seine homosexuellen Beziehungen bekannt. Den Umstand, gleich zwei Minderheiten anzugehören – jüdisch und schwul – teilte Bernstein mit seinen Kollegen Jerome Robbins, Arthur Laurents und Stephen Sondheim. Aus dieser Motivation heraus entstand auch der Mut, an dem Projekt WEST SIDE STORY festzuhalten, obgleich völlig unklar war, wie das Publikum reagieren würde. Festzuhalten an einer tragischen Geschichte im Herzen Amerikas, die von dem erzählt, was das Land ausmacht: dem Aufeinanderprallen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und von ganz eigenen Lebensweisen. Amerika, als einen Ort, der allen das gleiche Versprechen gab, nämlich einen Strich unter das alte Leben zu ziehen, neu anzufangen und alles zu erreichen. Für Maria und Tony löst sich dieses Versprechen nicht ein. Sie scheitern daran, die ihnen gesetzten Grenzen zu überwinden. Und doch bleibt am Ende die Hoffnung auf Versöhnung. Dass die Erkenntnis, miteinander auskommen zu müssen, und die Tatsache, dass im Melting Pot alle ihren Platz haben, das eigentliche Versprechen Amerikas ist.    
         
Am Theater Bonn wird das Stück zum Auftakt der Spielzeit 2019/20 in einer Neuinszenierung zu erleben sein. Der junge Musiktheater-Regisseur Erik Petersen verlagert die Handlung von den Hinterhöfen der West Side der 1950er-Jahre in eine Metro-Station des heutigen New Yorks. Ein Umschlagplatz, ein Ort des ständigen Kommens und Gehens, an dem ganz unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen und – zumindest für die Dauer der Fahrt – den selben Raum miteinander teilen müssen. Ein Melting Pot im Miniaturformat, entworfen von Ausstatter Dirk Hofacker. Die musikalische Leitung des Beethoven Orchesters Bonn wird Daniel Johannes Mayr übernehmen, der in den vergangenen Jahren bereits bei KISS ME, KATE und SUNSET BOULEVARD sein besonderes Gespür für klanggewaltige Musical-Arrangements unter Beweis gestellt hat. Die Proben laufen auf Hochtouren, und das Bonner Publikum darf sich auf ein Stück Musikgeschichte freuen, das nicht zuletzt deshalb so populär wurde, weil ihm seine Schöpfer etwas zutiefst Persönliches eingeschrieben haben.                

Das ist die wichtigste Komponente des Musikschaffens – die Persönlichkeit des Komponisten, der mit Kopf und Herz etwas zu sagen hat. (Leonard Bernstein)

von Jan Stangier