Tanz

Monatsspielplan

MY LADIES ROCK

Groupe Émile Dubois / Compagnie Jean-Claude Gallotta [Frankreich]

Opernhaus

Choreografie Jean-Claude Gallotta
Musik Wanda Jackson, Brenda Lee, Aretha Franklin, Joan Baez, Nina Hagen, Tina Turner u. a.
mit 11 Tänzerinnen und Tänzern

mit deutschen Untertiteln

Zu Beginn des Jahres 2018 feierte die Compagnie Jean-Claude Gallotta aus Grenoble mit der Deutschland-Premiere von MY ROCK einen Riesenerfolg im Bonner Opernhaus. Viele Gastspiele folgten. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Frauen im Rock Business und ist ebenso erfolgreich.

„Anfang der 50er Jahre taucht in den USA ein musikalisches Genre auf, das aus Rhythm and Blues und Country Music entstand. Man nennt es Rock´n´Roll, nach einem Ausdruck, der im Slang amerikanischer Musiker ‘Sex haben‘ bedeutet. Das zeigt schon, wie sehr diese Musik auch jenseits der Bühne die Umgangsformen befreien und eine ganze Generation mit neuem Atem erfüllen sollte. Die unerhörten neuen Rhythmen begleiteten meine Jugendträume. Vielleicht überwand ich mit ihrer Hilfe meine existentielle Angststörung und fand Antwort auf die Frage: Was fange ich mit meinem  Leben an? Dank der Rockmusik ertrug ich meine Einsamkeit, fand ich andere verlorene Seelen, baute ich mich auf durch ihren wilden Lebenshunger“, mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Vertreter des französischen Tanzes, Jean-Claude Gallotta, die Intensionen seiner beiden Choreografien zum Rock´n´Roll. „Rock war Teil meiner Teenager-Welt... Er hat mir geholfen, meiner existentiellen Angst zu entkommen.“

„Die Geschichte der Rockmusik ist also Männersache. Testosteron-geboostete Konzerte, Musik wie in zu enge Jeans gezwängt, kometengleiche Schicksale von Helden. Frauen sollen da nur schwärmerische Muse sein, heimliche Ikone oder manipulatorische Mätresse. Das zeigt, was die ersten Rockerinnen wagen mussten, um die Grenzen der ihnen zugedachten Rollen aufzusprengen. Ihr Weg in die Rockmusik war wie das Durchbrechen einer Felswand, mit störrischen Schlägen, mit Eigensinn, Verwegenheit, Übermaß, Anstößigkeit, mit röhrenden Akkorden und poetischen Texten. Um sich selbst zu ihrem Recht zu verhelfen, waren sie nicht zimperlich, bis hin zum musikalischen Exzess und zum Genie, bis hin zu Transgender-Spielen und in die Trance. Manche prallten gegen die verschlossene Tür, durch die Männer zu Ruhm und Anerkennung finden, und gerieten in Vergessenheit.“ Diejenigen, die es schafften, wie Brenda Lee, Aretha Franklin, Janis Joplin, Patti Smith und ihre Erbinnen waren freie Frauen mit ihrer Stimme, ihren Körpern, ihrer Lebensweise, auch in ihrer sexuellen Orientierung. Davon erzählt Jean-Claude Gallottas Arbeit MY LADIES ROCK. MY LADIES ROCK erzählt vom Rock, der weniger im Rampenlicht steht als der der Männer, aber er ist genauso fruchtbar, wenn nicht sogar spannender, da er mit dem aktuellen Kampf für Frauenrechte verbunden ist, der noch lange nicht vorbei ist.

Jean-Claude Gallotta, geb. 1950 in Grenoble, studierte zunächst bildende Kunst, bevor er den Tanz für sich gemeinsam mit Mathilde Altaraz entdeckte. Daraufhin studierte er Ballett und Stepptanz sowie zeitgenössische Tanztechniken. In New York entdeckte er die Kunst von Merce Cunningham, Bob Wilson und anderer Postmoderner für sich, in der die Trennlinien zwischen Tanz, Oper und Theater zunehmend verschwanden. 1979 gründete Gallotta zusammen mit Mathilde Altraraz, mit Tänzerinnen und Tänzern, Schauspielerinnen und Schauspielern und weiteren Künstlerinnen und Künstlern die Groupe Émile Dubois. Gallotta choreografierte außerhalb seiner Compagnie u. a. für das Lyon Opera Ballet und das Ballet de l'Opéra de Paris. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt.

Weit weg von allen fühlt Jean-Claude Gallotta sich am wohlsten. Wer den Choreografen sucht, der findet ihn in der Peripherie der südfranzösischen Alpen: Im pittoresken Niemandsland, am Stadtrand, liegt das Maison de la Culture de Grenoble. Und in einem Teil des klobigen Sechziger-Jahre-Baus hat Gallotta das Centre Choréographique National (CCN) aufgebaut. Seit Jahren residiert der scheue Choreograf hier mit seiner Compagnie Groupe Émile Dubois und probt, weitab vom Pariser Theaterrummel, den performativen Aufstand. „Ich tanze, weil ich das Leben abseits der Bühne nicht verstehe“, sagt eine junge blonde Tänzerin ins Publikum in einem seiner Werke. „Ich tanze, weil ich gar nichts anderes kann“, ein grauhaariger Tänzer. Erfahrung gehört bei Gallotta zum ästhetischen Konzept. Wenn Gallottas Tänzerinnen und Tänzer beschreiben, was sie auf die Bühne treibt, geht es allein um ihre persönlichen Geschichten, um ihre ureigenen Erfahrungen. Jean-Claude Gallotta liebt die Einfachheit, das Schlichte. „Simplicité“, wie es Französisch so selbstverständlich aus seinem Munde klingt, als Antwort auf Überfluss und Scheinwelt. Eine Reduktion, die der Choreograf und Tänzer auch als politische Geste versteht. Was Tanz für Jean-Claude Gallotta bedeutet? „Es mag nichts sein – außer zu leben.“ Da ist sie, die selbstverständliche Verschmelzung von Bühnenwelt und Wirklichkeit, die keine Maschinerie zulässt, als wolle Gallotta das Leben arrangieren ganz ohne dessen Künstlichkeit.

Koproduktion mit Maison de la Culture de Bourges, Théâtre du Rond Point, Théâtre de Caen, CNDC d’Angers, Châteauvallon, scène nationale & mit Unterstützung von MC2: Grenoble

www.gallotta-danse.com

Besetzung

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