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HIERONYMUS BOSCH: DER GARTEN DER LÜSTE

COMPAGNIE MARIE CHOUINARD (Kanada)

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03 Sep 18:00 H
04 Sep 19:30 H
Opernhaus

COMPAGNIE MARIE CHOUINARD (Kanada)
HIERONYMUS BOSCH: DER GARTEN DER LÜSTE
The Garden of Earthly Delights
Choreografie, Bühne, Kostüme, Licht: Marie Chouinard
Musik: Louis Dufort
10 Tänzerinnen und Tänzer

„Kunst kann glücklich machen, Ideen geben, Perspektiven eröffnen“, ist Marie Chouinards Credo. Ein Charakteristikum von großen Kunstwerken ist, dass sie kreative Leute anregen, sich damit selbst auf ihrer eigenen, künstlerischen Ebene auseinanderzusetzen. Auch noch viele Jahrhunderte nach ihrer Entstehung. „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch ist so ein Kunstwerk. Das Triptychon, das um 1500 gemalt wurde, gibt den Betrachtenden seit mehr als 500 Jahren Rätsel auf. Es ist eines der ganz wenigen Bilder aus der Zeit, auf welchen nackte Menschen in eindeutigen sexuellen Posen zu sehen sind. Ob es Bosch gepeinigt hat oder ob es für ihn gar befreiend war, all die Monstren und Quälgeister zu erfinden und zu malen, die sein Universum bevölkern, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Ein halbes Jahrtausend ist kein Katzensprung. Wie auch immer seine Kunst bis in die Gegenwart hinein wirkt, in Hieronymus Bosch hat der Schlaf der Vernunft die Ungeheuer seiner unerhörten Einbildungskraft frei von Ironie geboren. Zum Saisonauftakt präsentiert die gefeierte kanadische Choreografin Marie Chouinard eine Hommage an den bis heute geheimnisvollsten Künstler und sein Meisterwerk „Der Garten der Lüste“, die sie 2016 anlässlich des 500. Todestages von Hieronymus Bosch geschaffen hat.

Verdammnis und Paradies: dieser „Garten der Lüste“ entführt in eine fantastische Bilderwelt. Chouinard ist nicht die erste, die sich mit dem Stoff tänzerisch auseinandersetzt und in das Universum des niederländischen Malers eintaucht. Bereits 2009 verfasste die in Paris lebende spanische Choreografin Blanca Li eine Choreografie mit dem Titel LE JARDIN DE DÉLICE, die beim Tanzfestival in Montpellier uraufgeführt wurde. Bei den Bonner HIGHLIGHTS war die Arbeit im Februar 2013 zu sehen. Blanca Li gestaltete mit einem Pianisten den Soundtrack, Marie Chouinard arbeitete mit dem Musiker Louis Dufort zusammen, der ihr ein vielfältiges Soundmaterial zur Verfügung stellte. Verfremdete, fragmentierte Choräle und Orgelstücke im ersten Teil, dunkle, bedrohliche Klangwolken im zweiten sowie Vogelgezwitscher und Wassergeplätscher und ein im Finale warmer, wogender Klang begleiten das 10-köpfige Ensemble auf seiner Reise durch Boschs fantastische Bilderwelt.

Das berühmte Altarbild dient sowohl als Inspirationsquelle als auch als Partitur für das Bühnenstück. Die Choreografie durchstreift tänzerisch in drei Akten das berühmte Triptychon – den Garten Eden, das Paradies und die Hölle – und führt die Tänzer und Tänzerinnen tief in verspielte Wunderwelten. Das Ensemble bewegt sich ekstatisch zwischen Schöpfung und Verdammnis. Bereits im ersten Akt tauchen sie in den Garten der Lüste ein wie in eine musikalische Partitur. Sie wechseln sodann zum Inferno, um schließlich den ursprünglichen Garten Eden zu vermessen. Chouinard hinterfragt mit ihrem aktuellen Stück die christliche Bildsymbolik.

Chouinard gliederte ihre Produktion wie das Triptychon selbst in drei Teile und lässt zwischen diesen jeweils für wenige Augenblicke das Licht ausgehen. Ihre Tänzerinnen und Tänzer schienen gleich zu Beginn wie aus den Bosch-Tafeln entsprungen. Weiße Alabasterleiber, lange, wallende Haare bei den Frauen und Posen, welche die Choreografin eins zu eins aus dem Bild übernahm, bestimmten den ersten Teil. Die Verbindung der statischen, zum Teil höchst eigenartigen Körperhaltungen zu einem flüssigen Bewegungskanon machen rasch klar, dass sich die Ästhetik des zeitgenössischen Tanzes in einer starken Nähe zu Boschs eingefrorenen Bewegungen befindet.

Die Choreografin selbst schuf ein opulentes Bühnenbild. Zu Beginn ist die Außenansicht des Triptychons, die Welt am dritten Tag ihrer Erschaffung, zu sehen. Langsam öffnen sich die Flügel und ein Zoom fokussiert sich auf die mittlere Tafel, auf die Bosch seine Vorstellung eines Garten der Lüste malte. An der Bühnenvorderkante sind rechts und links runde Bildschirme angebracht, die in den ersten beiden Akten Ausschnitte aus den Bosch-Abbildungen zeigen. Sie verschränken gleichzeitig das tänzerische Geschehen mit dem malerischen und geben immer wieder Hinweise auf den jeweils getanzten Bildausschnitt. Im dritten Akt ist es ein auf jeden Bildschirm projiziertes Auge, das sich langsam öffnet und am Ende der Vorstellung wieder schließt. 

HIERONYMUS BOSCH: THE GARDEN OF EARTHLY DELIGHTS in der Bühnenfassung der kanadischen Choreografin ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Es ist ein lebendig gewordenes Tableau, über das Bosch selbst gestaunt hätte. Es ist ein Gesamtkunstwerk, das zeigt, wie nahe sich Malerei und Tanz stehen können, wenn diese beiden Künste intelligent und mit großer Kreativität zusammenfinden. Es ist eine halluzinatorische, bewegte Inszenierung von Motiven, die ein überaus kreativer Maler der Frührenaissance mit Farbe und Pinsel auf einen hölzernen Bilduntergrund aufgebracht hat. Und es ist nicht zuletzt ein virales Bekenntnis zu einer zutiefst europäischen Kunsttradition, die in dieser Inszenierung auch Menschen begeistern können wird, die einen völlig anderen kulturellen Hintergrund aufweisen.

„Chouinard gelingt das Kunststück, das Boschsche Triptychon tatsächlich lebendig werden zu lassen… Ein Bildertheater! Doch was für eines! Großartig, genussreich, auch erschreckend ausgeführt von den hervorragenden, wandlungsfähigen Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie Chouinard.“
tanzschrift.at, Wien

Marie Chouinard, geboren in Québec, ist mit ihrer Compagnie seit 1990 auf den internationalen Bühnen vertreten. Bei den HIGHLIGHTS waren große Choreografien von ihr zusehen, 2010 ihr LE SACRE DU PRINTEMPS mit bizarren, gehörnten Kreaturen oder 2012 „bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS“, bei der sie ihre Tänzerinnen herausforderte, neue Körperbilder zu kreieren. Marie Chouinard ist als Officer of the Order of Canada und Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres en France eine weltweit tourende Repräsentantin des zeitgenössischen kanadischen Tanzes. 2016 wurde sie zur neuen Leiterin der Sektion Tanz der Biennale di Venezia ernannt und wird diesen Posten von 2017 bis 2020 bekleiden. 2016 erhielt sie außerdem dem Positano Dance Award als beste Choreografin des Jahres, den zuvor Wayne McGregor, Mats Ek und Edouard Lock gewonnen hatten.

 

 

Besetzung

www.mariechouinard.com/home.htm

 

Aufführungsdauer: 75 Minuten ohne Pause

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