Schauspiel

Spielzeit 15|16

SPIELZEIT 2015|16 - Schauspielheft 

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[Kammerspiele | Premiere 17|09|2015]
JENSEITS VON EDEN
Nach dem Roman von John Steinbeck
Regie: Alice Buddeberg


[Halle Beuel | Premiere 18|09|2015]
SCHÖNE NEUE WELT
nach dem Roman von Aldous Huxley
Regie: Gavin Quinn


[Halle Beuel | 19. - 20. September 2015]
SAVE THE WORLD II - CLIMATE CHANGE
Ein Festival mit Künstlern & Experten


[Halle Beuel | Uraufführung 19|09|2015]
[NO] WAY OUT
von Prinzip Gonzo
Regie: Prinzip Gonzo


[Werkstatt | Premiere 23|09|2015]

SPIELTRIEB
nach dem Roman von Juli Zeh
Regie: Laura Linnenbaum


[Werkstatt | Uraufführung 21|10|2015]
BLUT IST DICKER ALS WASSER - EIN GESCHWISTERPROJEKT
von Christina Schelhas
Regie: Christina Schelhas


[Kammerspiele | Premiere 30|10|2015]
KABALE UND LIEBE
Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich Schiller
Regie: Martin Nimz


[Kammerspiele | Familienstück | Premiere 20|11|2015]

ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT
nach dem Roman von Boy Lornsen
Regie: Jasper Brandis


[KAmmerspiele| Premiere 12|12|2015]
DER ENTERTAINER
von John Osborne
Regie: Sebastian Kreyer


[Kammerspiele | Premiere 17|12|2015]
WERTHER
nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Mirja Biel


[Werkstatt | Uraufführung 21|01|2016]
BILDER VON UNS
von Thomas Melle
Regie: Alice Buddeberg


[Kammerspiele | Premiere 13|02|2016]
NATHAN DER WEISE
Ein dramatisches Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Volker Lösch


[Halle Beuel | Uraufführung 28|02|2016]
GLAUBE
von Fritz Kater
Regie: Simon Solberg


[Werkstatt | Uraufführung 14|04|2016]
EIN NEUES STÜCK
von Lukas Linder
Regie: Mina Salehpour


[Kammerspiele | Premiere 15|04|2016]
DREI SCHWESTERN
von Anton Tschechow
Regie: Martin Nimz


[Kammerspiele und andere Orte | Uraufführung 19|05|2016]

HEUTE IST EINE NEUE ZEIT - THE GODESBERG IDENTITY
Stadtteilprojekt
Regie: Nina Gühlstorff


[Kammerspiele | Premiere 10|06|2016]

DAS SCHLOSS
nach dem Roman von Franz Kafka
Regie: Mirja Biel


[In Planung]
BONNER TRILOGIE
Eine utopische Forschungsreise mit dem Bonner Schauspiel, Sparte 4 und den Retrofuturisten


[Kammerspiele | Wiederaufnahme 26|09|2015]

FAUST I
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Alice Buddeberg


[Kammerspiele | Wiederaufnahme 30|09|2015]
HIOB
nach dem Roman von Joseph Roth
Regie: Sandra Strunz


[Kammerspiele | Wiederaufnahme 02|10|2015]
DAS FEST
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Martin Nimz


[Werkstatt| Wiederaufnahme 02|10|2015]
TRAURIGKEIT & MELANCHOLIE
von Bonn Park

Regie: Mina Salehpour


[Werkstatt| Wiederaufnahme]
ANATOL
von Arthur Schnitzler
Regie: Sebastian Schug


[Werkstatt| Wiederaufnahme]
EINE NACHT LANG FAMILIE
von Sabine Harbeke
Regie: Sabine Harbeke


[Werkstatt | Wiederaufnahme]
CHRONIK EINES TORKELNDEN PLANETEN
von Patrick Wengenroth
Regie: Patrick Wengenroth


[Halle Beuel | Wiederaufnahme]
HERZ DER FINSTERNIS
nach einer Erzählung von Joseph Conrad
Regie: Jan-Christoph Gockel


[Werkstatt | Wiederaufnahme]

NULLZEIT
nach dem Roman von Juli Zeh
für die Bühne bearbeitet von Bernhard Studlar
Regie: Sebastian Kreyer

Was glaubst du wer du bist

Liebes Publikum,

die Frage, wer wir sind, ist so alt wie die Menschheit selbst. In unserer globalisierten Welt stellt sie sich dem Individuum wahrscheinlich drängender denn je, denn es scheint, als könnten wir aus einem Überangebot an Lebensentwürfen ständig neu auswählen. Virtuelle Identitäten ermöglichen uns das Spiel mit anderen Rollen, ständige Job- und Partnerwechsel sind Teil unseres Lifestyles geworden, und selbst durch Geburt zugeschriebene Attribute wie Geschlecht und Aussehen lassen sich ganz nach eigenem Belieben neu gestalten. Aus der individuellen Freiheit ist die Last individueller Selbstbestimmung geworden.
Religion erschien vielen von uns in der Angebotspalette persönlicher Orientierung wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Ein langer Abschied von der politischen Weltbühne war ihr vorausgesagt, so die gängige Auffassung spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Doch entgegen allen Prophezeiungen konnte man in den letzten Jahren eine Re-Formierung politisch religiöser Bewegungen beobachten – von evangelikalen Massenkirchen über die hindunationalistische Bewegung bis hin zum Islamischen Staat (IS).

Was ist das für ein Gott, der für sich muss kämpfen lassen. [Nathan der Weise]

In den Medien wird vor allem über  die immer weiter eskalierende Gewalt religiöser Konflikte berichtet, aber es gibt durchaus auch andere Ausdrucksformen einer spirituellen Renaissance: Religion bewegt Menschen, befeuert Revolten und gibt dem Elend eine Stimme.
Besonders schockierend waren für uns die Anschläge in Paris auf die Kunst- und Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Im Theater haben wir gemeinsam mit dem Publikum solidarisch innegehalten, der Opfer gedacht, aber auch in engagierten Zuschauergesprächen die Rolle der Kunst erörtert. Was darf, was muss die Kunst in Zeiten, in denen religiöse Empfindlichkeiten, oder sagen wir besser unterschiedliche gesellschaftliche Vorstel lungen aufeinanderprallen? Die Kunst muss in allererster Linie den Finger in die gesellschaftlichen Wunden legen. Sie muss laut und deutlich verkünden, wenn es zu Un gerechtigkeiten kommt.

Das tut sie seit Jahrhunderten und es macht Mut, in einem über 200 Jahre alten Text von Lessing viele Antworten auf die uns so aktuell erscheinenden Fragen zu entdecken. Lessings Ideendrama NATHAN DER WEISE ist ein Plädoyer für das tolerante, friedliche Miteinander der drei monotheistischen Weltreligionen und eines der zentralen Stücke der nächsten Spielzeit. Inszeniert wird es von einem der politischsten Regisseure unseres Landes: Volker Lösch, der schon mit WAFFENScHWEINE (eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt 2015) für Furore sorgte.

Gerade in Bad Godesberg ist die Frage nach dem toleranten Miteinander unterschiedlicher Konfessionen drängender denn je. Seit nunmehr zwei Jahren positionieren wir das Schauspiel Bonn mitten in der Stadt. Wir greifen Themen auf, die uns relevant erscheinen und gehen auch an ungewöhnliche Orte,  um diese umzusetzen. Ähnlich wie die Uraufführung ScHATTEN::FRAU von Mikeska/Kittstein, welche die Orte der Macht in Bonn aufsuchte, werden wir mit einem Stadtteilprojekt der renommierten Theatermacherin Nina Gühlstorff der Bad Godesberger Identität nachspüren. Wer lebt hier, was für Veränderungen hat es in diesem ehemaligen Diplomatenviertel in den letzten 25 Jahren gegeben?

Und es ist kein Zufall, dass mit John Osbornes DER ENTERTAINER ein Stück auf dem Spielplan steht, in dem das Schicksal einer Schauspielerfamilie verhandelt wird, deren Arbeitsstätten – die Music Halls – von Schließung bedroht sind. Eine Stadt, die ihr Theater marginalisiert, ihre Versammlungsstätte leichtfertig verspielt, bringt sich um ihre eigene Identität. Unser Theater ist ein nicht wegzudiskutierender Teil dieser Stadt und ihrer Stadtteile, das beweisen Sie, liebe Zuschauer, jeden Tag zahlreich.

In diesen politisch turbulenten Zeiten glauben wir fest daran, dass man mit den Mitteln des Theaters Position beziehen muss. Dass wir miteinander in einen Dialog treten, uns gegenseitig inspirieren und streiten sollten. Wir sind mittlerweile angekommen in Bonn, das merken wir nicht zuletzt an den vielen Partnern, mit denen wir auch in der nächsten Spielzeit zusammenarbeiten: von der UN und den vielen NGOs bei »Save The World«, unserer zweiten Ausgabe des Klimafestivals, über die diversen Abteilungen der Universität (hier sei stellvertretend das ZERG genannt), bis hin zu den mutigen Künstlern von Rhizom, den Slammern von Kunst gegen Bares sowie der Bundeszentrale für politische Bildung, dem katholischen Bildungswerk, der evangelischen Akademie, der König Fahd Akademie sowie der Bundeskunsthalle, dem Beethovenfest und vielen weiteren Bonner Kooperationspartnern.

Die Frage nach Identität und Glaube, Schicksal und Selbstbestimmung in einer Welt »Jenseits von Eden« werden wir uns in der kommenden Spielzeit immer wieder stellen. Goethe, Schiller und Lessing, die Protagonisten der bürgerlichen Aufklärung, dürfen dabei natürlich nicht fehlen, ebenso wie Franz Kafka, der große Menschenskeptiker, oder der Visionär Aldous Huxley, dessen Roman SCHöNE NEUE WELT schon 1932 eine Zukunft entwarf, die die Entwicklungen von medialer Manipulation, Geburtenkontrolle und genetischer Perfektionierung erschreckend vorausahnte. Auch die großen christlichen Mythen werden wir in literarischer Verdichtung  auf die Bühne bringen. Mit John Steinbecks JENSEITS VON EDEN, das in der Regie von Alice Buddeberg die Spielzeit eröffnet, begleiten wir eine Familie, auf deren Schicksal über mehrere Generationen der biblische Bruderfluch lastet. Und Fritz Kater, einer der renommiertesten deutschsprachigen Dramatiker, stellt in seiner Bonner Uraufführung GLAUBE die Frage nach dem religiösen Gehalt unserer Zeit.

Jetzt haben wir’s, kein Gott ist da, sieht ganz so aus, als ob alles furchtbar einfach mit Sonnenlicht, das auf Felsen trifft, angefangen hat. Da gibt’s uns nun. [Der Entertainer]

Bei uns im Theater fängt eine Vorstellung zwar nicht mit Sonnenlicht an, dafür aber mit dem Aufblenden der Scheinwerfer, die das Strahlen der Sonne imitieren. Jeden Abend erschaffen wir für Sie eine neue Welt – eine ideale, eine  reale, eine sonderbare, eine traumhafte …

Auf eine spannende Spielzeit freuen sich
Nicola Bramkamp
und das Team des Schauspiels Bonn

Wer du bist

»Unterm Strich zähl ich« warb die Postbank bis vor kurzem, und jeder wusste natürlich, dass das eiskalt gelogen war, weil unterm Strich mit vollem Recht für den Konzern nichts zählt als die Bilanz. Unser Zeitalter, das Individualität zum sozialen Leitbild schlechthin erhoben hat, höhlt sie zugleich bis zu ihrem eigenen Gegenteil aus: zur vollkommenen Flexibilität und Aus tausch barkeit als dem Grundprinzip des Marktes. Das von allen Zwängen aus Milieu, Familie und Religion befreite Ich ist zugleich idealer Arbeitnehmer und perfekter Kunde: das Leben, ein ewiger casual Friday. Um so sehnsüchtiger suchen wir nach Wegen zur Rettung vor dem nivellierenden Sog des Marktes, der wie ein unheimlicher Doppelgänger mit jedem Akt menschlicher Selbstbefreiung nur noch freier auf uns zugreift. So boomen seit Jahren Tauschringe, Repair-cafés, Food Sharing, Urban Gardening – Zeichen der Sehnsucht, irgendwo tief in den Rissen der kapitalistischen Maschinerie müssten sich Echtheit und Gemeinschaft wiederfinden lassen, jenseits der anonymisierenden Gewalt von Geld und Zins. »Es gibt sie noch, die guten Dinge«, so klingt der verzweifelte Schlachtruf all derer, die das Echte am Menschen retten wollen, indem sie die Individualität der Gebrauchsgegenstände verteidigen. Ein seltsam revolutionärer Konservatismus: Bewarben sich früher ganze Dörfer beim Bundesernährungsministerium um die Auszeichnung, ein Jahr lang als das schönste zu gelten, stricken heute anonyme Linke an bunten Schals für Laternenpfähle und Brückengeländer. Und während das Dorf nach der Bewerbung immerhin wirklich aussah wie aus dem Ei gepellt, weil alle fleißig fegten und Geranien gossen, hängen die Produkte des Urban Knitting nach zwei Regengüssen grau, traurig, schwer an dem Metall: der Aufstand gegen das System, geschrumpft zur dekorativen Niedlichkeit.

Es ist ein spezieller horror vacui, der die alternativen Lebensweisen ebenso wie die längst in die Sonntagspredigten vorgedrungene Kritik am Geld antreibt: die Angst, dass alles nichts bedeutet. Historisch bestand die Leistung des Geldes darin, ein reiner, d.h. charakterloser Träger von Wert, nur Zählmittel zu sein. Geld hat nichts zu bedeuten. Das scheint unheimlich, unmenschlich – und ist doch eigentlich ein wesentlicher Zug von Individualität: Ein Ding, das unteilbar, im Wortsinn individuell, ganz eigen ist, kann gleichzeitig nur leer sein, blanker Spiegel, eine glatte Kugel, monadenartig: ohne Fenster, stumm und blind. Tatsächlich sind die Züge, die die sogenannten Individuen tragen, ja Produkte der gesellschaftlichen Mechanismen, deshalb bedeutet die Wortherkunft von »charakter« auch: Einritzung, Prägung. Suspekt ist das Geld dem Menschen, weil es ihm mehr gleicht, als er wahrhaben will. Individualität ist im Kern eins mit ihrem Gegenteil, es trägt der Mensch so wie die Münze sein Gesicht von einem Prägestempel, der auf einen blanken Rohling saust: nur Spiegel einer Hohl form, einer Leere, die vergeblich sucht, aus sich etwas Reales, etwas Anderes zu gebären. Der Hass auf Geld und Zins entspringt dem Wissen darum, dass die Person selbst – auch im Sinn des Wortursprungs – nichts ist als eine Maske. Sie ist auf uns und in uns festgewachsen. Der Unter schied, so sagt die Wissenschaft der Logik, ist eine Form der Gleichheit, darin liegt die Tragik des zum Scheitern verurteilten modernen Ich, das ständig Fesseln sprengen will, aus denen es doch ganz besteht. Das Leben des sich selbst in immer schrilleren Tönen als einzigartig behauptenden Individuums ist in Wahrheit ein nicht enden wollender Christopher Street Day, vom Widerstand längst zur karnevalesk-infantilen »Pride Parade« verkommen, auf der wir alle tapfer gegen den Strom schwimmen, den wir selbst bilden.

Als man noch an Gott glaubte, an ein Jenseits als das ganz Andere dieser Welt, war Ehrfurcht ein Begriff. Heute hat man vom Kindergarten über Hip Hop bis zur Sportartikelwerbung stattdessen: Respekt. Man kniet vor nichts mehr nieder, sondern versichert sich in frohem Gleichmut gegenseitig: Du bist okay, so wie du bist! Das Andere wird entweder Karikatur – Hella von Sinnen und Dirk Bach als Kasper der Nation, die Parodie der Differenz, tieftraurig und hysterisch gutgelaunt zugleich. Oder es bleibt Leerstelle, ein blinder Fleck – weil jegliche Identität zu »respektieren«, auf das Gegenteil des von dem Wort gemeinten Hinsehens hinausläuft: ein Sich-in-Ruhe-Lassen. Die gleichgültige Routine, mit der Fußballprofis heute vor jedem WM-Spiel das Antirassismus-Banner der FIFA zeigen, benutzt traditionelle Zeichen des Protests und spiegelt doch nur eine längst vollzogene Nivellierung aller Unterschiede im Zeichen des globalisierten Transfermarkts wider. Egalität, das heißt auch, es ist ganz gleich, wer man ist: egal. Der alte europäische Rassismus war vielleicht ehrlicher, ja: sehnsuchtsvoller in der Angst, wer anders pigmentiert ist, könne wirklich anders sein. Auch der gewaltsam gegenaufklärerische Antikolonialismus der 60er im Zeichen von Black Power zehrt ja von der Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erschöpft im Immergleichen. Heute heißt das bei den Großkonzernen: Diversity Management. Anderssein, einmal Kampfmittel gegen den westlichen Kapitalismus, ist längst dessen perfekter Slogan. Allemal ist es ein Fortschritt und zugleich entsetzlich traurig, dass die linken Verfechter der Differenz von Propagandisten des antikolonialen Terrors geschrumpft sind zu universitär verbeamteten Sprachpolitikern, die korrekte neue Pronomen für immer neue Geschlechter erfinden, die in ihrer Eigenheit zu »respektieren« seien, welche doch angesichts der sexuellen Inflation, die seit Jahren stattfindet, aus kaum noch etwas besteht als aus der Redundanz der permanenten Selbstbehauptung.

»Hilf deinen Freunden,« so mahnt facebook jeden, der noch kein Profilbild hochgeladen hat, »dich zu erkennen!« Ich-Sein ist im Zeitalter vollendeter Liberalität kein Privileg mehr, sondern allesdurchdringender Zwang und kollektive Obsession zugleich. Das Ich, das an nichts mehr glaubt als an sich selbst, erweist sich als Sklave der eigenen Freiheit. Es hat keinen Willen mehr, nur Neigungen, die beinahe ausnahmslos erlaubt sind, weil sie längst keinem mehr wehtun. Und doch wird es die verdammte Sehnsucht nicht los, hinter der alltäglichen Betriebsamkeit im Innersten berührt zu werden, auch auf die Gefahr hin, dass es schmerzt – und tatsächlich findet Facebook, das den Begriff der Freundschaft virtuell so pervertiert hat, zugleich die beste, zärtlichste Formel dafür: sich von anderen erkennen lassen, was zugleich ein sehr altes Wort für die Liebe ist. Noch hinter dem banalsten Posting im sozialen Netzwerk steht ja die Bedürftig keit: Gefalle ich dir? Es gibt kein Ich außerhalb dieser Sehn sucht. Das Ego ist ein nackter Kaiser. Der souveräne Mensch ist nur Behauptung, zwanghafter Hochstapler – beseelt von einer unbändigen, unstillbaren Hoffnung, einmal wirklich wer zu sein. Den Unterschied zu machen. Das Ich hat sich heute als Gott gesetzt, sagt man in kritischer Absicht ja gern, aber das heißt auch: Es ist sich sein eigenes Jenseits, unzugänglich und verstellt. Es ist Alp- und Wunschtraum zugleich.  Darum twittert es und postet ständig, es posaunt sein Dasein in die Welt hinaus, ein tägliches Pfeifen im Walde. Wie diese anstrengenden Zeitgenossen, die im Großraumwagen des Ic zu laut am Handy sprechen, und ständig ist wieder die Verbindung weg: Hallo? Bist du noch da?

[Lothar Kittstein]

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