DON KARLOS, INFANT VON SPANIEN

von Friedrich Schiller

Ein dramatisches Gedicht

 

Beinahe sein halbes Leben lang hat sich Schiller (1759 - 1805) mit dem DON KARLOS beschäftigt; vom ersten Interesse, das er 1782 am Stoff äußerte, bis zu den letzten Textänderungen, die er noch 1804 für die Neuausgabe vornahm. Entsprechend komplex und thematisch vielfältig ist das 1787 uraufgeführte Werk, in dem sich politisch-philosophisches Ideenstück und höfisches Liebesdrama verbinden. König Philipp II. von Spanien ist in zweiter Ehe mit Elisabeth von Valois verheiratet, die zuvor Philipps ältestem Sohn Karlos versprochen war. Der Prinz liebt seine jugendliche Stiefmutter, die ein vollkommen untadeliges Leben führt. Karlos’ Jugendfreund Posa kehrt aus dem von Aufständen geschüttelten spanischen Flandern zurück und überzeugt ihn, diese Provinz müsse im Interesse der Menschlichkeit vom spanischen Joch befreit werden. Philipp weigert sich aber, seinen Sohn mit dem Oberkommando der spanischen Truppen in Brüssel zu betrauen. Zudem hat er durch eine Intrige der von Karlos abgewiesenen Prinzessin Eboli von der Liebe des Prinzen zu seiner Frau erfahren. Die Freundschaft zwischen Karlos und Posa und ihre Sehnsucht nach Freiheit unterliegen den Machtgelüsten ihrer Gegner, die selbst nur Marionetten einer allmächtigen Inquisition sind. Der zynisch gewordene Potentat Philipp und der Republikaner Posa („Ich kann nicht Fürstendiener sein“; „Geben Sie Gedankenfreiheit“) als die beiden extrem entgegen gesetzten Exponenten politischen Handelns, scheitern letztlich gleichermaßen. Schillers erstes Versdrama kündigt seine Abwendung vom Sturm-und-Drang an und formuliert schon vor der Französischen Revolution die Verpflichtung des Staates, die Würde und Freiheit des Menschen zu achten.

Besetzung

Inszenierung: Stefan Heiseke
Bühne: Ariane Salzbrunn
Kostüme: Uta Heiseke
Musik: Michael Barfuß
Kampfchoreographie: Dominik Klingberg
Licht: Max Karbe
Dramaturgie: Michael Eickhoff
 
Philipp der Zweite, König von Spanien: Bernd Braun


Elisabeth von Valois, seine Gemahlin: Birte Schrein
Don Karlos, der Kronprinz: Arne Lenk
Herzogin von Olivarez, Oberhofmeisterin: Anke Zillich
Prinzessin von Eboli, Dame der Königin: Nicole Kersten
Marquis von Posa, ein Malteserritter: Volker Muthmann


Herzog von Alba, Grande von Spanien: Yorck Dippe
Graf von Lerma, Oberster der Leibwache, Grande von Spanien: Wolfgang Rüter
Domingo, Beichtvater des Königs: Nico Link

Kritiken

General-Anzeiger vom 27.10.2008

Hinter jeder Tür ein Spitzel  

Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende. Aber Don Karlos, Infant von Spanien, mag er auch der Inquisition zum Opfer fallen, lebt weiter - solange er eine so konsequente und psychologisch durchleuchtete Deutung erlebt wie in den Kammerspielen.
Stefan Heiseke hat Friedrich Schillers dramatisches Gedicht für das Bonner Schauspiel in Szene gesetzt, und es ist gut geworden. Kein Regietheater, sondern eine Inszenierung, die dem Können der Schauspieler und der Kraft der Dichtung vertraut.

Mit äußerster Reduktion und Strenge baut Heiseke ein Gerüst, in dem sich Schillers Ideendrama frei entfalten kann: Vernunft, Gefühl, Menschlichkeit auf der einen, despotisch ausgeübte Macht und religiöser Fundamentalismus auf der anderen Seite.

Der Bühnenaufbau von Ariane Salzbrunn ist einfach, aber zweckmäßig und wirkungsvoll. Wenn das Drama sich verdichtet und seinem tragischen Ende entgegeneilt, fahren von oben und unten zwei Wände aufeinander zu und lassen den Figuren nur noch wenig Spielraum.

Spiegel und Schatten machen das wahnhaft kontrollierte Leben am spanischen Hof sinnfällig: Hinter jeder Tür lauscht ein Spitzel, in jedem Vorsaal lauert ein Denunziant. Hier wandelt sich der große Einsame Philipp II. vom Despoten zum Menschen und wieder zurück zum Despoten.

Der großartige Bernd Braun spielt den König als alten Mann mit hoch gezogenen Schultern und blassen, misanthropischen Zügen. Königliche Unnahbarkeit verleiht ihm ein steifes, eckiges Wams, das hervorragend mit dem strengen Schwarz seiner Hofschranzen Alba, Lerma und Co. harmoniert (Kostüme: Uta Heiseke).

Sehr zurückgenommen, aber zwingend verkörpert Braun den Tyrannen, den es inmitten intrigierender Höflinge "nach einem Menschen gelüstet" und der sich auf diese Weise vorübergehend verwundbar macht. In der Rolle des von seiner Leidenschaft ganz gefangenen Kronprinzen darf Arne Lenk mit Dreitagebart und Hemd aus der Hose auftreten.

Dass Vater und Sohn sich nicht nur äußerlich unterscheiden, wird spätestens in der zweiten Szene des zweiten Akts klar: Als Don Karlos Philipp um den Oberbefehl im aufrührerischen Flandern bittet, lassen Bernd Braun und Arne Lenk Kälte und Hitze so gekonnt aufeinanderprallen, dass sich die Atmosphäre in den Kammerspielen elektrisch auflädt. Volker Muthmanns Posa hat nichts Heldenhaftes an sich.

Ein wenig salonhaft und zwielichtig wirkt dieser Marquis von Anfang an, aber Muthmann lässt ihn überzeugend vom Prinzenfreund und Berater zum dramatisch führenden Vertreter humanitärer Ideen emporwachsen - bevor ebenso stimmig der Sündenfall folgt: Der Idealist, dem Macht zugewachsen ist, übernimmt deren Spielregeln und macht sich schuldig.

Heisekes geradlinige, durch wenige Kürzungen gestraffte Inszenierung gibt den Schauspielern Raum, solche Zusammenhänge im komplexen Handlungsgeflecht sichtbar zu machen und entwickelt einen Sog, dem sich niemand entziehen kann. Schillers gar nicht verstaubt klingende Verse erledigen den Rest, wenn sie auch - nur manchmal - zu leise (Braun) und zu undeutlich (Muthmann) gesprochen werden.

Birte Schrein ist eine konzentrierte, hoheitsvolle Königin mit großer Ausstrahlung. Wer begreifen will, wie sehr diese Elisabeth von Valois unter dem Hofzeremoniell leidet, muss nur auf ihre Hände schauen: Die liegen mit in Reih und Glied ausgestreckten Fingern so steif auf den Röcken wie in einem Gemälde aus dem 16. Jahrhundert.

Yorck Dippe ist ein angemessen finsterer Alba, Nicole Kersten findet sich gut in die Zerrissenheit der Prinzessin von Eboli und darf sich in einer schlüssigen Abwandlung der Vorlage von Posa erschießen lassen. Schade nur, dass die Stringenz des Stückes gegen Ende nachlässt. Der Schluss zerfasert und raubt dem entscheidenden Auftritt des Großinquisitors (Rolf Mautz) etwas von seiner Wirkung.

Was nichts daran ändert, dass allen Abiturienten in spe ein Theaterbesuch dringend zu empfehlen ist: Schillers "Don Karlos" gehört beim Zentralabitur 2009 zum Prüfungsstoff im Fach Deutsch. Wer das Drama rechtzeitig verstanden haben will, sollte sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen.
   
Autor: Gunhild Lohmann 

Fragen und Kommentare zum Stück

Frage/Kommentar:

Sehr geehrte Damen und Herren, wann gibt es im März und/oder April Vorstellungen um 18.00?

Antwort:

Wir planen eine Vorstellung am 11. April um 18 Uhr. Das steht aber erst Mitte Februar fest. Karten können Sie ab dem 5. März bestellen.

Frage/Kommentar:

Das Stück ist einfach großartig! Ein großes Lob an alle Beteilligten ... vom Schauspieler bis hin zum sich stets ändernden Bühnenbild, es passt einfach alles! Ich habe das Stück jetzt zweimal gesehen und komme gerne ein drittes mal wieder. Kompliment, machen sie weiter so!

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