DER GOLEM
von Eugen d'Albert
Musikdrama in drei Akten
Dichtung von Ferdinand Lion
Eine kabbalistische Erzählung aus dem alten jüdischen Prag berichtet vom Rabbi Loew, der aus Lehm
ein übermenschlich großes und starkes Wesen formt und es mit Hilfe mystischer Kräfte zum Leben
erweckt. Bald aber verweigert das Wesen, Golem genannt, dem Rabbi den Gehorsam und versetzt die Prager Juden in Angst und Schrecken.
Die Geschichte vom Golem bot den Romantikern viel Nahrung für ähnlich gestaltete Motive und wurde schließlich in der klassischen Moderne von einer Vielzahl von Künstlern unterschiedlicher Gattungen wiederentdeckt – Gustav Meyrinks Roman und Paul Wegeners expressionistische Stummfilmtrilogie sind die auch heute noch bekanntesten Versionen.
Für Eugen d’Alberts Musikdrama schrieb der Dichter Ferdinand Lion (CARDILLAC) ein poetisch bilderreiches Libretto. 1926 in Frankfurt/Main uraufgeführt, war dem GOLEM nur ein kurzer
Erfolg beschieden. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus verschwand das Werk von den
Opernspielplänen und auch heute noch ist eine Inszenierung eine Rarität.
Ein großes Interesse der Regisseurin Andrea Schwalbach gilt dem Musiktheater des 20. und 21.
Jahrhunderts. Sie inszenierte u.a. Werke (darunter Uraufführungen) der Komponisten Peter Eötvös,
Giorgio Battistelli und Salvatore Sciarrino. Andrea Schwalbach arbeitete unter anderem an der Staatsoper Berlin, der Oper Frankfurt, dem Nationaltheater Mannheim, der Staatsoper Hannover und der Vlaamse Opera Antwerpen.
Die Musikalische Leitung des GOLEM liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Stefan Blunier.
CD-Gesamteinspielung DER GOLEM von Eugen d'Albert
Als Veröffentlichungstermin der ersten Gesamteinspielung der Oper DER GOLEM ist der 1. September 2010 vorgesehen. Die Gesamteinspielung basiert auf Mitschnitten der Bonner GOLEM-Produktion. Stefan Blunier dirigiert das Beethoven Orchester Bonn. Unter seiner Leitung singen Ingeborg Greiner (Lea), Mark Morouse (Golem), Alfred Reiter (Rabbi), Tansel Akzeybek (Jünger des Rabbi) und der Chor des THEATER BONN. Die bei Dabringhaus & Grimm erscheinende Aufnahme ist die erste Einspielung dieser Oper überhaupt.
Besetzung
Musikalische Leitung: Stefan Blunier/Christopher Sprenger
Inszenierung: Andrea Schwalbach
Bühne: Anne Neuser
Kostüme: Stephan von Wedel
Licht: Max Karbe
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Golem: Mark Morouse
Rabbi Loew: Alfred Reiter
Sein Jünger: Tansel Akzeybek
Lea: Ingeborg Greiner
Kaiser Rudolf II: Giorgos Kanaris
1. Jude: Mark Rosenthal
2. Jude: Sven Bakin
Jüdin: Katrin Schyns
Chor des THEATER BONN
Statisterie des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn
Kritiken
"Die junge Lea hat einen Traum, darin, so erzählt sie ihrem Stiefvater, dem Rabbi Loew, hätten sich ihre Augen geküsst. Der Rabbi ist ein weiser Mann und weiß sofort zu deuten, dass dieser Traum für Geschwisterliebe steht.
In Andrea Schwalbachs eindringlicher Inszenierung von Eugen d'Alberts nahezu unbekannter, bei ihrer Bonner Premiere nun mit begeistertem Jubel aufgenommenen Oper "Der Golem" scheint dies ein wichtiger Schlüssel zu sein, der die Beziehung zwischen Lea und dem mythischen Geschöpf beleuchtet ... In ihrer Inszenierung, worin die Bühne (Anne Neuser) und vor allem die Kostüme mit schwarzen Westen auf weißen Hemden (Stephan von Wedel) sich fast ein bisschen klischeehaft der Atmosphäre des Judenghettos annähern, lässt Andrea Schwalbach von Beginn an keinen Zweifel an der Fragwürdigkeit des Versuchs, den göttlichen Schöpfungsakt nachzuahmen. Hier heiligt der gute Zweck die Mittel noch lange nicht.
Im Hintergrund der Bühne, die hauptsächlich aus einer großen, eine geschlossene Gesellschaft symbolisierenden Kuppel besteht, sieht man einige grausam entstellte Figuren, die das Ergebnis früherer Versuche des Rabbis sind. Auch Lea scheint zu diesen Wesen zu gehören.
Insofern ist sie tatsächlich eine Schwester des Golem. Sie ist es schließlich auch, der es gelingt, den anfangs stummen Hünen zum Sprechen zu bringen - wenn auch auf grausige Art: Lea schneidet ihm den verschlossenen Mund auf. Die blutende Wunde lässt den Golem aussehen wie den berühmten Joker aus der Comic-Serie "Batman", dessen breites Lächeln in Wahrheit die rote Narbe einer brutalen Verletzung durch den Vater ist. Um im Bild zu bleiben: In der Oper wird aus dem als Superheld geschaffenen Golem ein traumatisierter Übeltäter, er ist mehr Joker als Batman.
Gleichwohl fühlt sich Lea mehr zu ihm hingezogen als zu dem Jünger des Rabbi, der unsterblich in sie verliebt ist - kein über die Maßen attraktiver Mann, aber ein Mensch immerhin. Nachdem ein außer Kontrolle geratener Golem die Juden in Angst und Schrecken versetzt, gelingt es Lea, ihn zu befrieden. Sie greift noch einmal zur Klinge, um sich selbst und dem Golem unter den Trümmern der Kuppel die Pulsadern zu durchtrennen. Ende eines Experiments.
Die Musik kommt oftmals sehr tonmalerisch daher, erinnert, wenn sie parallel zu entsprechenden Textstellen Feuer, Wasser oder Pferdegalopp nachahmt, durchaus an die Musik der Stummfilmzeit.
Doch d'Alberts Partitur hat auch ganz andere, emotionale Qualitäten aufzuweisen, sie kann von unerbittlicher Schärfe sein, wie die ersten Bläserattacken verraten. Aber auch von unendlicher Süße. Wenn etwa der Jünger (Tansel Akzeybek) seine Tenorarie singt, lockt er damit nicht von ungefähr die weiblichen Wesen an. Interessant ist die vom Schlagzeug begleitete Koloratur-Kadenz der Lea, die von der fabelhaften Sopranistin Ingeborg Greiner gesungen wird: Wunderschön klingt auch ihr Liebesduett mit dem Golem, dem Bariton Mark Morouse hünenhafte Statur und ausdrucksvolle Stimme verleiht. Den Rabbi Loew singt der Bassist Alfred Reiter, der sonst an der Frankfurter Oper beschäftigt ist. Ihm gelingt hier eine sehr genaue Charakterstudie - darstellerisch wie stimmlich. Ihm gehört auch der schmerzliche Schlussgesang der Oper. In kleineren Rollen überzeugten Giorgos Kanaris als Kaiser, Mark Rosenthal und Sven Bakin als Juden sowie Katrin Schyns in der stummen Rolle einer Jüdin, deren Präsenz auf der Bühne sich freilich nicht immer ganz erschloss. Den Chor hatte Sibylle Wagner sehr sorgfältig auf diesen Abend vorbereitet.
D'Albert hatte weder Angst vor großen Gefühlen noch vor großer Show. Bonns Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der das Stück dem Vergessen entreißen will, dirigiert es auch so: Er lässt seine Musiker die Effekte auskosten, treibt sie mitunter zu dynamischen Exzessen an, als lägen die Noten von Strauss' "Elektra" auf den Pulten. Auf der anderen Seite hat er aber auch den Mut, sich ganz den Gefühlen hinzugeben, selbst wenn die Kitsch-Zone erreicht ist. Man erlebt großes Kino für die Ohren. Auf die Veröffentlichung des Mitschnitts, den das CD-Label Dabring & Grimm von der Premiere gemacht hat, darf man sich schon jetzt freuen.
(General-Anzeiger, 26. Januar 2010)
"Der Golem ist kein Monster, sondern einer dieser Menschen, an denen herum operiert wurde. Dass Lea, die Tochter des Rabbi, diesen Golem so hemmungslos und naiv liebt, interpretiert die Regisseurin so: Auch Lea ist ein künstliches Wesen, ein Geschöpf des Rabbis. Deshalb sieht die stimmlich strahlende Sopranistin Ingeborg Greiner gleich zu Beginn wie Frankensteins Braut aus dem Hollywood-Gruselfilm von 1935 aus. Liebesgeschichten zwischen Mutanten, Monstern, Außenseitern können sehr berührend sein. Das beweist Tim Burton in jedem seiner Filme. Aber in Bonn kommt weder Spannung noch Mitgefühl auf. Es gibt kaum Lichtwechsel, die Atmosphäre bleibt nüchtern und distanziert. Obwohl vor allem Ingeborg Greiner und Mark Morouse, der Darsteller des Golem, ausgezeichnet spielen ... Im Golem lässt er (Stefan Blunier) das Beethoven Orchester in vielen Schattierungen blühen, schmachten und wüten. Schön und schmelzig, wie es sich gehört. Mit Stefan Blunier könnte Bonn seinen Ruf als Musikstadt aufpolieren."
(Die Welt, 28. Januar 2010)
"In Bonn hat Stefan Blunier begonnen, das Terrain vergessener Opern neu zu durchforsten. Mit Szymanowskis KROL ROGER hatte er in der letzten Spielzeit einen sensationellen Start. Auch d'Albert vermag mit seiner harmonisch schärfer gewordenen, bei Bedarf aber immer noch üppig melodischen Klangsprache zu fesseln; im Finalakt des GOLEM kommt ein gewisses Maß an Weihepathos hinzu. Das ist eine Melange, wo Opernnostalgiker zu schwelgen beginnen. Und da Blunier den Reichtum der Musik mit dem bestens disponierten Beethoven Orchester hörbar zu machen versteht (der Premierenmitschnitt wird auf CD herauskommen), war die Begeisterung des Publikums immens. Sie galt freilich auch den ganz hervorragenden Sängern. Mark Morouse hat nach dem Roger im Golem eine neue Rolle gefunden, wo Singen und Darstellen zu einer expressiven Einheit finden. Lea wird von Ingeborg Greiner mit betörendem Sopran-Wohllaut porträtiert. Sehr präsent Tansel Akzeybek als Jünger des Rabbi Loew (mit Bassautorität: Alfred Reiter. Regisseruin Andrea Schwalbach bietet in Anne Neusers Observatoriums-Bühne eine durchaus dringliche und intensive Inszenierung, die in einem schönen 'Liebestod'-Bild endet."
(Orpheus, 3/4 2010)
"GMD Stefan Blunier bricht nun eine Lanze für das schillernde, durchaus reizvolle Werk. Wüsste man das Uraufführungsdatum nicht, würde man d'Alberts Musik spontan um einiges zurückdatieren, so süffig spätromantisch rauscht und wagnert es aus dem Graben. Dann aber grüßen auch Strauss, Schreker, Korngold und Hollywood ... D'Alberts Partitur ist durchzogen von abrupten, harten Brüchen, irrlichternden Stimmungs- und Stilwechseln. Regisseurin Andrea Schwalbach hat das Stück mit spitzen Fingern angefasst und sucht ihr Heil in Stilisierung und Abstarktion. Eine riesige Kuppel, halb Pantheon, halb Sternwarte, überwölbt die Bühne, in deren Rund seltsames Personal herumlungert ... Stefan Blunier kitzelt aus dem Beethoven Orchester ein Maximum an Drrive und Farben heraus ... Die Sänger überzeugen durchweg: Wunderbar ruhig geführt und sonor klingt Alfred Reiters Rabbi; markant gewonnen an Kern und Substanz hat Mark Morouses imposante Golem-Stimme. Eine Entdeckung ist Ingeborg Greiners Lea-Sopran: Über einer warm timbrierten Mittellage leuchten eine leicht ansprechende, unforcierte Höhe und schimmernde Piani, stets musikalisch klug eingesetzt."
(Opernwelt, 3/2010)
"Von der Bonner Neuproduktion wird wird erfreulicherweise ein nachhaltiger Eindruck bleiben, denn der Mitschnitt wird beim Label Dabringhaus & Grimm auf CD erscheinen ... Die Bonner Inszenierung geht deutlich über die vorgegebene Handlung hinaus, ohne sie zu vernachlässigen. Ins Zentrum rückt die Frage, wie weit sich ein Wissenschaftler beim Streben nach neuen Erkenntnissen vorwagen darf ... Die Regisseurin Andrea Schwalbach beginnt ihre gut durchdachte und genau ausgearbeitete Inszenierung zu einem Zeitpunkt, an dem die Suche nach neuen Erkentnissen längst zum Selbstläufer geworden ist ... Das vorgeführte Schreckensszenario macht schaudern, ohne allzu blutrünstige Bilder zu erzeugen ... Mit im Forte strahlend aufblühendem Bariton gab Mark Morouse der Titelfigur eine Vielschichtigkeit, die den verhaltenen, von Verwunderung gepärgten beginn ebenso gut abdeckte, wie die bald aus ihm herausbrechenden Gefühle für Lea. Ingeborg Greiner begann diese Partie mit leicht geführter Stimme, um die immensen Anforderungen im hohen Bereich angemessen erfüllen zu können; dem schrecklichen Fortgang des Geschehens entsprach sie durch dramatische Zuspitzung des Gesanges, was ihre Interpretation passend abrundete ... Rabbi LOew wurde von Alfred Reiter vorzüglich gestaltet, denn er ließ in seinem klaren, ausdrucksstarken Gesang auch Zweifel des Geistlichen durchschimmern ... Wenn wie hier unter GMD Stefan Blunier mit dem Beethoven Orchester Bonn dem Ausspielen der ansprechenden Melodien ebenso großes Gewicht zukommt, wie der Zeichnung der bestädnig an Spannung wachsenden Handlung, erklingt d'Alberts GOLEM in einer so fesselnden Weise, dass es vollkommen unverständlich ist, warum diese Oper kaum aufgeführt wird.
(Opernglas, 3/2010)
"Die Geschichte vom Lehmmonster fasziniert Literaten, Künstler und Musiker. Doch die Oper von Eugen d'Albert dazu wurde fast vergessen. In Bonn hat man sie jetzt wiederentdeckt. Das Publikum liebt sie ... Andrea Schwalbach und ihr Team haben auf alles Folkloristische verzichtet: Auf der Bonner Bühne gibt es kein Schtetl und auch Prag spielt als Ort der Inszenierung keine Rolle. Die Bühne ist überwölbt von einer Kuppel, die Schutz und Gemeinschaft, aber auch Eingeschlossensein symbolisiert. Am Ende ist die Kuppel zerborsten, der Golem und seine Liebe Lea sind tot, Rabbi Loew ist entzaubert, die verängstigten Menschen bleiben unerlöst. Das Ensemble - mit Mark Morouse in der Titelpartie, Alfred Reiter von der Frankfurter Oper als Rabbi Löw und Ingeborg Greiner als Lea - wird vom Publikum in Bonn gefeiert."
(Deutsche Welle)
"Nach der Uraufführung 1926 dauerte es lange, bis in den achtziger Jahren Saarbrücken, Ulm und 1997 Bielefeld sich des skurrilen Werkes bemächtigten. Federführend waren stets die Dirigenten, auch in Bonn. Denn Stefan Blunier kann eigentlich alles aus dieser Epoche hinreißend gut. Er wurde gefeiert. D'Albert ist aber auch eine außerordentlich süffige Musik gelungen. Nichts, was vor ihm nicht Gnade gefunden hätte. Ganze Passagen im dritten Akt klingen wie „Meistersinger“. Den „Ring“ gibt es zitathaft. Anderes nutzt das Orchester für Aufschwünge à la Strauss. Aber d'Albert ist auch offen für Glamour, Rührkitsch, Hollywood nach Korngold-Manier. Das alles drang von Anfang an mächtig oder gefühlig aus dem Graben.
Andrea Schwalbach kollidiert mit der Musik. D'Albert hat ein romantisches Sujet komponiert. Natürlich spießt es unsere Hybris auf mit Rabbi und Golem, der sich gegen seinen Schöpfer wendet und das Ghetto verwüstet. Aber davor steht Golems Liebe zu Lea, die ihm ihre Seele gab. Und die sich opfernde romantische Unschuld. Es gab eine stumme Mädchenfigur (Katrin Schyns), parallel zu Lea geführt, sie tötet der Golem. Beschönigt hat man, dass es offenbar auch eine Fassung gibt, in der der Rabbi Lea tötet, um das Ghetto vom Golem zu befreien. Bei Blunier und Schwalbach gibt es stattdessen den gemeinsamen Liebestod. Und einen aufgebrachten Volkschor (Sibylle Wagner).
Ihren Trumpf aber spielte die Aufführung mit der glanzvollen Besetzung aller vier großen Partien aus. Die Stimme von Ingeborg Greiner ist ein echter Gewinn für Wagner in Bonn. Für den Rabbi führte Gast Alfred Reiter seinen grandiosen Bariton ins Feld. Die Titelrolle sang Mark Morouse mit starkem, bestens fokussiertem Bariton. Dass der Rabbi auch einen Schüler hat (im „Faust“ Wagner) könnte einen verwirren, aber nicht, wenn ihn der wundervolle junge Tenor Tansel Akzeybek singt. Sehr effektvoll das Ganze. Und oft einfach schön. Möglicherweise müssen die Bonner das noch entdecken."
(Bonner Rundschau, 26. Januar 2010)
"Um 1920 lag der Stoff in der Luft, die Geschichte vom Golem war Inspiration für viele Romantiker und wurde schließlich in der klassischen Moderne von Künstlern unterschiedlicher Gattungen wiederentdeckt. Paul Wegeners expressionistische Stummfilmtrilogie ist heute noch eine der bekanntesten Versionen. Ihr zugrunde liegt Arthur Holitschers Drama, auf das sich auch D'Albert stürzte. Zur Oper wird die Geschichte nur, weil sich des Rabbis Pflegetochter Lea in den Homunkulus verliebt. Die Sache läuft freilich aus dem Ruder; die Tochter stirbt, das Ghetto brennt, der Go-lem wird wieder zu Stein. D'Albert komponierte dazu eine höchst attraktive, aus prägnanten Motiven gewobene Illustrationsmusik, die ihre Nähe zum Film nicht verleugnet. Kitzelnd dissonante Groteskwirkungen stehen neben süffigen Puccini-Melodien, die als dankbares Sängerfutter eingelagert sind. All das kommt in Bonn zu mitreißender Wirkung: Generalmusikdirektor Stefan Blunier entlockt dem glänzend disponierten Beethoven Orchester ein Maximum an Kontrast und Kolorit; dramatischer Fluss und klangsinnliches Verweilen gehen Hand in Hand.
Die Hauptpartien sind mit Mark Morouse (Golem), Alfred Reiter (Rabbi), Ingeborg Greiner (Lea) und Tansel Akzeybek (Jünger) ebenso stimmschön wie rollen-gerecht besetzt; der Chor ist gut studiert. Die Produktion soll demnächst auf CD erscheinen, und das lohnt sie auch ohne jeden Zweifel. Nicht ganz auf dieser Höhe steht Andrea Schwalbachs Inszenierung, so klug durchdacht und stimmig konzipiert sie auch sein mag ... So wird das Stück zwar intelligent durchdrungen, seine szenische Wirkung aber leider gebremst."
(Kölner Stadt-Anzeiger, 26. Januar 2010)
"Es 'wagnert' kräftig in der Partitur für den GOLEM, der 1926 in Frankfurt/Main uraufgeführt wurde: Adaptiert wurden von Eugen d’Albert (1864–1932) verschiedene Motive aus dem „Ring“ und den „Meistersingern“. Doch immer wieder entgleitet der tonale Strom des Musikdramas den nicht mehr sonderlich frischen Bahnen des Wagnerismus und entwickelt, bereichert durch rhythmische Deklamation oder eine nur vom Schlagzeug unterlegte Soprankantilene, gestützt auf tritonusgeschärfte Harmonik oder flirrende Sechzehntelfiguren eigenständige Züge.
Stefan Blunier lässt das Beethoven Orchester Bonn die als „spätromantisch“ begriffenen Grundgesten des Tonsatzes in recht vollen Zügen auskosten. Die Momente der Brechung bleiben diskret ... Die Regisseurin Andrea Schwalbach wollte dem „Golem“ den spätmittelalterlichen Odem nehmen und abstrahierte von Prag, vom Ghetto, vom jüdischen Gelehrtenhaushalt und von der Ankunft der aus Spanien vertriebenen Juden – überhaupt vom fernen Jahrhundert. Abstrahierend stellt sie die Frage, ob der Zweck wirklich die Mittel heiligt und wie teuer Freiheit die Opfer zu stehen kommt. Und sie zeigt Figuren, die auf unterschiedliche Weise in den Versuch des Rabbi Loew involviert werden. Dabei deutet sie lediglich an, wie der zu Riesenkräften erwachende Golem von einer potentiell segensreichen Schöpfung zu einer zerstörerischen Kraft mutiert und die Gemeinde ängstigt. Gar nicht gut bekommt auch Lea, der Tochter, die Einbindung: sie hilft der Beseelung des Kunstprodukts und opfert sich, um es wieder zu entseelen. Ingeborg Greiner gestaltet die Partie der Lea mit deren höchst differenzierten Anforderungen, Mark Morouse verleiht dem Golem Stimme und Gestalt. Rabbi Loew erscheint als Honorarkonsul des Abgründigen. Dieser halb so bedächtige, halb bedenkenlose Vater, ausgestattet mit Alfred Reiters profunder und wunderbar ruhig geführten Stimme, ist Opfer und Täter zugleich. Daß dieser Aspekt hervorgehoben wird, entbehrt nicht der Aktualität. Freilich bleibt es angesichts der Tiefendimensionen von Stoff und Stück doch etwas flach. Welch merkwürdige Angst vor historisch Konkretem hat das Gegenwartstheater befallen? Offensichtlich gerade auch hier, wo es um ein so wundersam vielschichtiges Sujet geht."
(Neue Musikzeitung, 30. Januar 2010)
"Andrea Schwalbach's direction of Golem may be the last bit of dynamic needed to start a real revival that could last well into the 21st century. Staying on this course and exploiting Golem's location on the periphery in relation to mainstream composers may cut the niche deeply for the Theater Bonn and Schwalbach's work and curriculum, along with her productions of compositions of Peter Eötvös, Giorgio Battistelli and Salvatore Sciarrino, give the Theater Bonn the credit it deserves."
(Opera Pages)
"Andrea Schwalbachs Inszenierung wirkte zu Beginn ein wenig schleppend, gewann jedoch ab dem zweiten Akt zunehmend an Spannung ... Sowohl Bühnenbild (Anne Neuser) als auch Kostüme (Stephan von Wedel) waren dominiert von schwarz, weiß und Grautönen, die das Geschehen auf der Bühne wie Szenen aus einem alten Film erscheinen ließen. Die Ausstattung blieb effektiv aber unaufdringlich und räumte den Darstellern viel Raum ein ... GMD Stefan Blunier hat sich in Bonn der musikalischen Seite der Produktion angenommen - mit eindrucksvollem Ergebnis. Unter seiner Leitung gelang es dem Beethoven Orchester mit viel Feingefühl und Intensität die emotionalen Abstufungen und den Kontrastreichtum der Partitur auszulosten, die mal nach Wagner, mal nach Puccini und mal nach Filmmusik eines alten Horrorklassikers klingt. Glänzen konnte auch das Sängerensemble, das ausnahmslos auf höchstem Niveau agierte. Beeindruckend vor allem Ingeborg Greiner in der Rolle der Lea, deren strahlender, beweglicher Sopran sowohl einer fast kindlichen Naivität als auch tiefstem Gefühl Ausdruck zu verleihen vermochte. Überzeugen konnte auch Mark Morouse in der Titelrolle. Er verfügte körperlich wie auch stimmlich über die nötige Bedrohlichkeit und Schwärze, ohne jedoch als eindimensionaler Bösewicht daherzukommen ... Gewohnt souverän präsentierte sich der Chor des Theater Bonn unter der Leitung von Sibylle Wagner. Mit begeistertem Applaus und verdienten Bravorofen für Sänger, Dirigent und Orchester ging die außergewöhnliche Premiere zu Ende ... Eines war offensichtlich: die anfängliche Ratlosigkeit hatte dem Bewusstsein Platz gemacht, Zeuge etwas ganz Besonderen geworden zu sein."
(Kultur-in-Bonn)
"Spätestens im Zweiten Akt wird deutlich, dass der Handlungsverlauf des Librettos mehr enthält als den größenwahnsinnigen, aus dem Ruder laufenden Schöpfungsakt des Rabbi Löw. Vielmehr geht es in der Hauptsache um die Liebesbeziehung zwischen dem Golem und Löws Ziehtochter Lea, die sich – wie der Zufall es will – bereits von ihrem früheren Leben zur Zeit des Frondienstes Israels in Ägypten her kennen.
Und daraus entsteht bei d’Albert eine dramatische Paarbeziehung Wagnerscher Dimension bis hin zu einem Liebestod, der anrührend erinnert an Tristan und Isolde. Hinreißend Ingeborg Greiner als Lea und Mark Morouse als Golem, die klanggewaltig eine über- und unterirdische Wirklichkeit repräsentieren. Überzeugend und umjubelt auch Alfred Reiter aus Frankfurt als Rabbi Löw in seinem ersten Bonner Gastauftritt.
Ihm wird in seiner Rolle erst langsam klar, welche Gefährdungen und Zerstörungen vom Golem ausgehen. So muss er – bei symbolischer Trauung des Liebespaares nach jüdischem Ritus – das junge Liebesglück zerstören, indem er den Golem dorthin zurückschickt, woher er gekommen ist: in die Unterwelt. Eine Katastrophe auch für den treuen Jünger Rabbi Löws, einfühlsam gesungen von Tansel Akzeybek, der in einer dramatischen Schlussszene auch seine Hoffnung auf die von ihm angebetete Geliebte, dieselbe Lea, aufgeben muss.
Unklar, warum die Oper d’Alberts trotz ihrer musikalischen Qualitäten nicht zum Standardrepertoire auf deutschen Opernbühnen zählt. Ist es die dem Opernpublikum nicht sonderlich vertraute Kabbalistik, von der hier in Zusammenhang mit der Person Rabbi Löws die Rede ist? Oder die im Libretto angelegte und nicht immer klar auseinander zu haltende Vermischung des Golem-Zerstörungsmotivs und der parallel dazu verlaufenden Liebesgeschichte – eine Kombination, die sich auch in der Bonner Neuinszenierung von Andrea Schwalbach nicht immer unmittelbar für jedermann zusammenreimt.
Wie auch immer: Insgesamt eine mutige und überzeugende Produktion, die vor allem glänzt durch die musikalische Leistung des Bonner Beethoven Orchesters unter der Leitung von Stefan Blunier. Auch das kuppelförmige Bühnenbild von Anne Neuser, einer Sternwarte nachempfunden, kann sich in der Tat sehen lassen. Ebenso die Kostüme Stephan von Wedels, die - mit Masken und Bandagen – den vorangegangenen Schöpfungsversuchen des Rabbi Löw Rechnung tragen."
(Epoch Times)
Schnüss, Februar 2010
Ein „Übermensch“ in Bonn
Die Oper DER GOLEM auf der Bühne
Superman, Spiderman, Batman – so ziemlich alle Geschichten von „Übermenschen“ folgen dem Vorbild einer jüdischen Legende: jener vom Golem.
DER GOLEM von Eugen d’Albert ist eine „große Liebesgeschichte“. „Ein Krimi“. Eine Oper, die 1926 uraufgeführt wurde, um recht schnell wieder von den Spielplänen zu verschwinden, denn zu Zeiten der Nationalsozialisten wurde ein Musikdrama mit jüdischer Hintergrundgeschichte natürlich nicht geduldet. Bis heute wurde das Stück kaum aufgeführt, ist also eine Rarität unter den großen Opern. Und stellte eine wahre Herausforderung für das Ensemble des Bonner Opernhauses dar. Unter der Regie von Andrea Schwalbach wird eine Komposition wiederentdeckt, die klangtechnisch teilweise von großer Dramatik zeugt, teilweise aber auch „süffig“ anmutet und, nach Aussagen der Verantwortlichen, tatsächlich „Ohrwurmqualität“ hat. Ein ganz besonderes Schmankerl für Opernfreunde, denn, so viel darf sicherlich verraten werden: Die Inszenierung endet mit einem Bass, was, wie dem Kenner natürlich sofort auffällt, relativ ungewöhnlich für eine Oper ist.
Aber nicht nur für Freunde des Genres ist die Wiederaufführung dieses fast vergessenen Meisterwerks interessant. Auch die Geschichte, die hinter dem Musikdrama steht, hat durchaus ihren Reiz. Und stellt Fragen: Wie weit darf der Homo sapiens in die Natur eingreifen? Steht einer von Menschenhand geschaffenen Kreatur das Privileg der Autonomie zu?
DER GOLEM ist ein Paradebeispiel menschlicher Schöpferkraft und ihres Scheiterns, das seinen Schöpfer, den Rabbi Löw, in Gewissenskonflikte versetzt und gleichzeitig ewig aktuelle Fragen aufwirft. Ein Ohrenschmaus für Opernfreunde und Futter für Hobbyphilosophen also.
Autorin: Sonia Isabel Kirchner
Fragen und Kommentare zum Stück
Gibt es Überlegungen in Zusammenarbeit mit der Firma CPO eine CD-Aufnahme zu machen? Das würde CPOs glänzende Aufnahme von D'Alberts "Die toten Augen ergänzen". Mit freundlichen Grüssen Colin Taylor
Vielen Dank, ich werde Ihre Frage an die zuständigen Stelle weiterleiten. Mit besten Grüssen, THEATER BONN
Nach der offenen Bühnenorchesterprobe und der humorvoll-klugen Einführung ist die Vorfreude gewachsen. Vergnügen haben mir in den kurzen Auszügen schon die Ensemblemitglieder und der aus Frankfurt entliehene wunderbare Bass Alfred Reiter bereitet. Hier auch noch mal mein Dank an Herrn Blunier, dass er uns mit seinem Faible für die Musik der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts solch fabelhafte Entdeckungen ermöglicht. Ich freue mich auf das "süffige" (Zitat Blunier) und spannende musikalische Erlebnis! Mit besten Grüßen, ihr Arne Schambeck
Wann erscheint die CD?
Vorgesehen ist der 1. September 2010. Mit freundlichen Grüssen, THEATER BONN
Eine wunderbare Inszenierung, tolle Solisten und eine traumschöne Musik. Da capo!!!
Nicht nur eine grossartige Lea. Ich hoffe, wir koennen Sie bald wieder in Bonn sehen. C. Puetz
Die Sopranistin Ingeborg Greiner wird in der kommenden Spielzeit u.a. Eva in IRRELOHE von Franz Schreker, die RUSALKA von Antonin Dvorak und wieder die Fata Morgana in DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN singen.
Ist das Stück auch für Kinder (10-13 Jahre) geeignet?
Nein. Wir empfehlen einen Besuch ab 16 Jahren.
Die GOLEM-Geschichte ist zwar nach dem Mythos aus dem Prager Ghetto erzählt, aber diese Erzählung dient lediglich als Folie für eine Geschichte, die sich auseinandersetzt mit Fragen, wie: Wofür steht der Golem? Wo liegen die (ethisch-moralischen) Grenzen von Forschung? Wann verliert Religion und/oder Wissenschaft den Bezug zum leben?
Für jüngere haben wir DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN auf dem Spielplan – eine zauberhafte Inszenierung, an der alle Generationen ihre Freude haben können.
Wer hat in der Vorstellung am 28.02. den Golem gesungen (Herr Marouse war ja erkrankt und konnte die Rolle nur spielen)? Ich war dort, die musikalische Seite der Produktion hat mir gut gefallen und ich werde das Stück weiterempfehlen. Ist schon klar, welche Schreker-Oper in der nächsten Spielzeit auf dem Spielplan stehen wird?
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Wir freuen uns, dass Ihnen die Vorstellung gefallen hat. Den GOLEM sang in der Vorstellung am 28.2. der Bariton Bernd Valentin. Die Titel der neuen Spielzeit stehen fest, ich bitte aber um Verständnis, dass wir sie erst bei der offiziellen Pressekonferenz bekannt geben können, die für die zweite Märzhälfte geplant ist. Mit Dank und besten Grüssen, THEATER BONN
Wie lange dauert die Aufführung?
Zweieinhalb Stunden
Klingt nach einer sehr interessanten Wiederentdeckung!! Freue mich schon auf die Aufführung. Danke für "Elektra" und "Krol Roger" - beides hervorragend! Grüsse aus der Nachbarstadt Köln!
Herzlichen Dank! Grüsse zurück! Dann werden wir Sie ja auch zu GOLEM in Bonn begrüssen dürfen. Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. THEATER BONN
Wann findet die Matinee zur Oper Der Golem statt? Mit freundlichen Grüssen aus Beuel.
Am 14.1. gibt es um 18.00 Uhr eine Einführung und anschließend eine offene Bühnenorchesterprobe. Der Eintritt ist frei.
















