DIE GOLDENEN LETZTEN JAHRE

VON SIBYLLE BERG

Schon als Bea, Rita, Uwe und Paul vor dreißig Jahren gemeinsam zur Schule gingen, war die Welt alles andere als in Ordnung. Unsere „vier merkwürdigen Menschen“ mussten früh erfahren, was es bedeutet, in den Augen der „Alphatiere“ nicht zu zählen. Was nach der Schulzeit nicht besser wurde: „wir lernen: Weiter runter geht immer.“
Doch Vorsicht, Außenseiter sollte man nie unterschätzen und die unerwarteten Vorzüge des Älterwerdens ebenso wenig: „Wenn man nie gut aussah, steht im Alter nichts zu verlieren, was äußerlich von Belang sein könnte.“ Unsere vier Loser entdecken mit den Jahren, wie befreit es sich jenseits von Normerfüllung lebt, und genießen entspannt ihre goldenen letzten Jahre …


Sibylle Berg ist preisgekrönte Theater- wie auch Prosaautorin. Nachdem sie bereits 2002 DER HERR MAUTZ für Klaus Weise und sein Oberhausener Ensemble verfasste, entstand DIE GOLDENEN LETZTEN JAHRE als Auftragswerk für THEATER BONN und wurde mit der Einladung zu STÜCKE 09 für den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis nominiert.


Die Regisseurin Schirin Khodadadian inszeniert seit ihrer Auszeichnung mit dem Förderpreis für Regie der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste im Jahr 2005 u.a. an den Staatstheatern Mainz, Kassel und Hannover, am Bayerischen Staatsschauspiel und am Schauspiel Essen. Am THEATER BONN brachte sie in der Saison 2006/07 die deutschsprachige Erstaufführung PEEPSHOW von Marie Brassard heraus.

 

Besetzung

 Inszenierung: Schirin Khodadadian
Ausstattung: Carolin Mittler
Musik und musikalische Leitung: Michael Barfuß
Musikalische Co-Leitung: Markus Schinkel
Dramaturgie: Almuth Voß


Mit: Susanne Bredehöft, Anke Zillich, Günter Alt, Ulrich Hass, Stefan Preiss


 

Kritiken

FAZ vom 20.2.09

Älter werden lohnt sich doch  
Plüschtier-Bestiarium mit heiteren Seiten: Die Uraufführung von Sibylle Bergs Stück "Die goldenen letzten Jahre" am Theater Bonn.

 

Sie können es kaum erwarten, wie sie sich da ganz schön hibbelig auf die kackbraune Skaicouch quetschen: Bea, "Kinderlähmungsbeinschienen", Rita, "unscheinbar", Uwe, "übergewichtig", und Paul, "rothaariger Autist" - so stellt das Personenverzeichnis sie vor. Nein, das Leben hat es nicht gut mit ihnen gemeint, schon als Schüler wurden sie, körperlich deformiert und behindert, gehänselt, gepiesackt, gemobbt. Und jetzt feiern sie mal wieder Klassentreffen, und alles ist - schwupp, kommt ihr Lehrer, Herr Krammacher, "sehr alt", über die Lehne gepurzelt - wie damals. Oder doch nicht? "Das ist Bea", sagt er, und schon ist sie in die Schulzeit zurückversetzt, als selbst die Eltern sie ablehnten: "Hätten wir als Vogelpaar so ein Kind gehabt, hätten wir es ohne Nachfrage aus dem Nest geworfen", schnattern sie vorwurfsvoll.


Sibylle Bergs neues Stück "Die goldenen letzten Jahre", ein Auftragswerk des Theaters Bonn, das es in der Werkstatt uraufführte, lässt sich nicht lange bitten. Gerade erst aufgetreten, wechseln die Figuren auch schon die Zeiten, verwischen Gegenwart und Vergangenheit, Erinnern und Erinnertes: die Geschichte von vier Verlierern, die sich unterhalb der "großen meinungslosen Mitte" bewegen. Als Kindern wurde ihnen gesagt, dass sie sich zusammenreißen sollen, und nach der Schule mussten sie lernen, dass sich nichts ändert. Den Schaden hatten sie, und für den Spott brauchten sie nicht zu sorgen. Sogar in eine Kiste haben die Alphatiere der Klasse sie gesperrt und nur freigelassen, weil sie kein Interesse an einer Jugendstrafe hatten.

Ihre Biographien skizziert Sibylle Berg in sarkastisch pointierten Strichen. Der Lehrer dient als Erzähler und ein Bär als animalischer Libero, in dessen Maske jeder mal aufdrehen darf. Unterklassenkarrieren. Arbeit bleibt eine Kurzzeiterscheinung: Rita hat dreihundert Absagen erhalten und landet, als selbst die Eltern sie nicht mehr wahrnehmen, im Obdachlosenheim. Paul findet eine Anstellung als Lagerist und wird mangels Rudelverhaltens entlassen, Uwe einen Job im Zoo, wo er das Gehege des Bären reinigen soll, woraufhin dieser seine Ausscheidungen einstellt. Bea wird Assistentin eines Heimleiters und wegen ihres Engagements von den Bewohnern gemobbt. "Und wir lernen: Weiter runter geht immer", hebt der Lehrer brechtparodistisch den Finger und stimmt so in die zynische Leitmelodie ein. Theater zwischen Larifari und Lebensratschlägen, Kabarett und Katastrophe.

Doch Bea, Rita, Paul und Uwe müssen auch noch ihre strahlenden Gegenfiguren spielen: den reichen Unternehmersohn Rüdiger, die böse Schönheit Imke, den blaublütigen Rittmeisterenkel Carl-Gustav, die Sportskanone Bernd. Alphatiere allesamt, verwöhnt und dekadent, doch plötzlich Verlierer! Denn auf einmal kriegen Bea, Rita, Paul und Uwe die Kurve, entwickeln Roboter und Softwareprogramme, werden erfolgreiche Verkäufer und Unternehmer. Pfeifen auf die Stigmatisierung, werfen ihre Komplexe ab, lachen, statt verlacht zu werden, spucken in die Hände und führen ein entspanntes Leben. Nicht zu glauben, aber bessere Satiren schreibt das Leben selbst. Als etwas andere Midlifekrisengewinnler machen die vier Karriere.

Älter werden lohnt sich doch: Da sind sie, "die goldenen letzten Jahre"! Sibylle Berg hat ihre kapitalistische Märchenparodie, deren Haltbarkeitsdauer gerade erst abgelaufen ist, mit ein paar schlichten, von Michael Barfuß schmissig vertonten Liedern zum grotesken Singspiel aufgemischt, und Schirin Khodadadian inszeniert es mit einem spielfreudigen Ensemble allzu schadenfroh als Klamotte. Vor dem Rundhorizont, den Carolin Mittler mit einer Dschungeltapete bemalt und mit ausgestopften Tieren behängt hat, strampeln die Darsteller rasselbandig auf der Stelle: feine Komik ziselierend, doch äußerlich grell entstellt. Ein Plüschtier-Bestiarium, das es gerade mal auf Filmlänge bringt. Nicht erheblich und schon gar nicht erhebend, aber ganz schön erheiternd.
 
Autor: Andreas Rossmann

Frankfurter Rundschau vom 20.2.09

Die vier Hässlichen   
Sibylle Berg ist schwer einzuordnen. Sie ist scheu, aber mit ihrem dramatischen Lidstrich und lockig hochgesteckten Haaren sieht sie glamourös aus. Sie kommt aus dem Osten, aber wenn man sie sieht, muss man an Zürich denken, wo sie lebt. Sie schreibt Kolumnen, unter anderem für die Zeit, in denen deutlich wird, dass sie keine sehr hohe Meinung vom Leben und von ihrer Zeit hat.

Vor allem aber schreibt sie Romane. In ihrem letzten, "Die Fahrt", verzeichnete Berg in vielen kurzen Kapiteln die Lebenswege von einigen, meist deutschen Menschen, die durch die Welt reisen und unglücklich sind. Wieder wurde deutlich, dass sie das Quantum Glück, das das Leben uns zumisst, nicht für bedeutend hält, und dass sie das in raffinierter, zugleich mitfühlender und distanzierter Sprache mitteilen kann.

Schon aus ihrem ersten Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" von 1997 hatte Berg ein Theaterstück gemacht, später schrieb sie dann "Helges Leben" fürs Theater, obwohl sie, wie sie sagt, Theater hasst. Das Stück aber war ein Erfolg. Es folgten weitere Stücke, unter anderem "Der Herr Mautz", ein Auftragswerk für Klaus Weise, der heute Intendant des Theater Bonn ist. Das neue Stück von Sibylle Berg, eben ein Auftragswerk des Theater Bonn, heißt "Die goldenen letzten Jahre". Darin wird von vier jungen Menschen berichtet, mit denen es das Leben, man ahnte es, nicht besonders gut meint. Theater hasst Berg angeblich auch noch immer.

Beas Gebiss weist eine Fehlstellung auf und an den Beinen trägt sie Schienen. Rita kneift den Mund unschön zusammen und wird von jedem übersehen. Ihre Mutter sagt: "Diese Person hier sagt, sie sei unsere Tochter." Ihr Vater: "Ich kenn sie nicht. Guten Tag, Auf Wiedersehen." Uwe und Paul sind auffallend dick und auch sonst nicht schön anzuschauen, was ihre Frisuren nachdrücklich herausstellen. Paul ist Autist und zieht die Ärmel über die Arme. "Nicht einmal die Freunde, die ich mir ausgedacht habe, mochten mich", sagt er.

Wenn man sie dergestalt von ihrer lustigen Seite nimmt, können Gebrechen, Unglück und Hässlichkeit ohne Zweifel subversiv werden. Aber es gibt da seit längerem ein Problem: Da das private Fernsehen solche Figuren längst als Quelle der Heiterkeit entdeckt hat, ist ihr subversives Potential sozusagen totgelacht.

Über hässliche, unförmige, unglückliche Menschen lacht inzwischen jeder gern, weil er sich vormachen kann, zumindest etwas schöner zu sein. Für Berg aber machen solche Figuren den Normalfall des Menschseins aus, es handelt sich um den gemeinen Mitteleuropäer, und sie verteidigt standhaft sein Terrain: "Für erwachsene Verlierer wird Einiges getan", sagt Bea etwa. "Es gibt Selbsthilfegruppen für Mobbingopfer. Integrationskurse für Randgruppen. Psychologische Betreuung für Angehörige von Suchtkranken und Tsunami-Toten." Dazu dann Uwe: "Kindern sagt man: Reiß dich zusammen."

Das Stück erzählt sehr skizzenhaft die Geschichte der vier Hässlichen, die Inszenierung von Shirin Khodadadian folgt ihr darin. Bea wird von einem Mann gespielt, Uwe von einer Frau, was der Darstellung von Hässlichkeit schöne Möglichkeiten eröffnet, die Stefan Preiss und Anke Zillich gut nutzen. Rückblenden, neue Personen, dazu kommende Roboter, alles wird hier nur durch Behauptung und Fingerzeig dargestellt. Dabei schaut man mit wohligem Gruseln zu wie im Panoptikum ("Das sehen wir hier sehr schön").

Manche Witze sind dagegen platt: Dass Rita nicht bemerkt wird, läuft sich zum Beispiel irgendwann tot. Ein sporadisch auftretender Bär könnte den Blick aus der Zukunft verkörpern, in der sich laut Berg die Tiere als überlegene Art gegenüber dem gemeinen Menschen durchsetzen werden. Tut er aber nicht. Das tierische Element ist ins Bühnenbild gerutscht: Auf einem Rundhorizont ist viel Urwald mit zugehöriger Fauna zu sehen.

Wenn die Aufführung ein Problem hat, ist es aber der Lehrer, bei dem sich die vier zum Klassentreffen versammeln und der in Rückblenden aus der Schulzeit erzählt. Ulrich Hass passt als wort- und gestenreicher Conferencier einfach nicht in die sonstige Beiläufigkeit. Genauso wenig überzeugt, dass sich die drei karriereschnittigen Erfolgsschüler in erregt-dümmliche Konsumgeilheit hineinsteigern. Da gilt der schlichte Satz, dass man dem Zuschauer schon zutrauen darf, selbst zu denken. Im übrigen sind diese drei sehr gemeine Exemplare der Gattung Mensch, die die vier Hässlichen fast in den Selbstmord treiben.

Sehr schön die vielen Lieder, die das Stück auch als Musical denkbar machen. Hier klingen sie sehr zurückgenommen wie einfache Volkslieder (Musik: Michael Barfuß). Träumerisch singen die Hässlichen vom Selbstmord, zärtlich von Verlorenheit. Je länger es geht, desto mehr klingt das wie die sanften Songs einer neuen alternativen Bewegung, irgendwo versteckt sich da ein neues Selbstbewusstsein. Das Beste dabei: Auch wiederentdeckte Würde kann lustig sein, man muss sie nur nicht zu ernst nehmen.

Dabei zeichnen Stück und Aufführung eine Utopie des Alters nach dem Wer-zuletzt-lacht-Motto: Wenn man schon immer hässlich war, muss man sich vor dem Verfall nicht fürchten. Man muss nur jeden Gedanken an den eigenen Wert aufgeben, dann geht es schon. Nicht aussteigen, sondern an die Verhältnisse anpassen. Bloß keinen offenen Widerstand. Man passt sich an, um im Schatten so sein zu können, wie man ist. Es ist ein sehr kleines Glück, aber es hat den Vorteil, praktikabel zu wirken. "Das Alter", kann man dann mit Befriedigung über die anderen sagen, "ist immer der beste Vorwand für den Selbsthass". In dem unübersehbaren Schriftgut, das die absehbare Flut der Alten schon ausgelöst hat, ist Sibylle Bergs kleines Stück eines der glaubwürdigsten. Und zur Krise passt es auch.
 
Autor: Peter Michalzik

Süddeutsche Zeitung vom 20.02.09

Weiter runter geht immer  
Sibylle Bergs Bärenflüsterer-Groteske "Die goldenen letzten Jahre" - von Schirin Khodadadian schwuppdiwupp uraufgeführt am Theater Bonn

Kindheit kann ja so furchtbar sein - vor allem, wenn man zu jener Art von Aussätzigen gehört, wie sie Sibylle Berg in ihrem neuen Stück "Die goldenen letzten Jahre" beschreibt. Da ist Bea, körperlich verunstaltet durch Kinderlähmung: "Das Kind fühlte sich nicht gemocht, und damit hatte es Recht." Oder der dicke Uwe, wegen einer Fehlstellung des Gaumens durch zu kraftvolles Fingerlutschen zum permanenten Spucken verdammt: "Kein Kind, das man spontan kosen wollte." Dazu Paul: hässlich, rothaarig, Bettnässer, Autist, aber mit einer "Tunnelbegabung für Naturwissenschaften". Und die unscheinbare Rita, die so "übertrieben nichtssagend" ist, dass selbst die Obdachlosen in dem Heim, in dem sie später einmal arbeiten wird, bemerken, "dass die noch nicht mal zu einer Randgruppe gehört". Sie werden sie in den Keller sperren und ihren "Spaß mit ihr" haben. Und wir lernen mit Frau Berg: "Weiter runter geht immer."

Sibylle Berg ist so etwas wie die Glücksforscherin im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Wobei man das Glück (das kleine, ordinäre, erreichbare) natürlich nur benennen kann, wenn man vom Unglück (dem großen, lächerlichen, alltäglichen) zu erzählen weiß. Der sarkastische, pointierte, aus leidiger Beobachtung und Erfahrung gespeiste Ton, in dem sie das tut, macht Sibylle Berg zu einer veritablen Lebenswitzerzählerin. Seit sie vor fast zwölf Jahren ihren ersten Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" veröffentlichte, hat sie als kolumnistische Literatin ziemlich viel Erfolg. Auch auf dem Theater, für das sie kleine, gemeine Stücke über die Verlierer des Lebens schreibt.

"Die goldenen letzten Jahre" ist ein Auftragswerk des Bonner Theaters, für dessen Intendanten Klaus Weise sie schon 2002, damals noch in Oberhausen, "Herr Mautz" geschrieben hat, ein grotesk erzähltes Lebenslaufstück. Ging es damals unter anderem um sprechende Kakerlaken, verkörpert nun ein Bär das tierische Pendant zum menschlichen (aber nicht immer humanen) Personal. Die Regisseurin Schirin Khodadadian und ihre Ausstatterin Carolin Mittler haben sich von dem Tier gleich zu einer ganzen Urwaldkulisse inspirieren lassen, schließlich ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, mindestens aber ein Problembär.

Der bemalte Rundprospekt, der die kleine Werkstattbühne im Opernhaus umwölbt, zeigt, plakativ wie in einem altmodischen Biologiebuch, große wilde Tiere in einem dunklen, dichten Wald. Davor drei durchgewetzte braune Ledersofas, Stofftiere und jede Menge Fell. Die Szenerie hat die muffige Anmutung eines prähistorischen Museums, wozu maßgeblich auch Ulrich Hass als Lehrer Krammacher beiträgt. Der ist bei Sibylle Berg so etwas wie der Spielleiter, vielleicht auch Gottvater, des bei einem Klassentreffen in Rückblenden erzählten Stücks. Er stellt die Figuren, die einst seine Schüler waren, vor, gibt Kommentare ab, fasst zusammen, ordnet ein. Ginge es nach der Autorin, sollte er das Geschehen sogar mit Diaprojektionen begleiten.

In Khodadadians Regie, die von der Situation eines Klassentreffens abrückt, um das Stück auf jenes bürgerliche Sofa zu holen, auf dem es für die einstigen Underdogs in Frieden endet, ist dieser gegelte Herr Krammacher eine undefinierbar windige, dabei höchst blasse Gestalt: ein schadenfroher Archivar der Schrecklichkeiten und musealer Freakshow-Chef. Seine Ausstellungsstücke sind kuriose Exemplare aus dem Menschenzoo, von der Ausstatterin derart wattiert, gepolstert und entstellt, dass es ein Weilchen braucht, bis die Menschen hinter den Deformationen sichtbar werden und ihre je eigene (auch schauspielerische) Würde bekommen.

Diese Würde erobern sie sich tatsächlich. Denn nach all den Missachtungen und Misshandlungen, die sie früher durchleiden mussten - Folter durch Klassenkameraden inklusive -, schenkt Sibylle Berg der gehbehinderten Bea (Susanne Bredehöft), dem Spucker Uwe (Anke Zillich), dem fettleibigen Autisten Paul (Günter Alt) und der grauen Maus Rita (Stefan Preiss) das Glück der späten Jahre. Es ist ein bescheidenes Glück, gewonnen aus gelassener Hinnahme, Beständigkeit, Anspruchslosigkeit und der Abgrenzung von der Masse. Die hässliche Bea kommt sogar mit den hässlichen Uwe zusammen: "Keiner von uns glaubte, ihm stünde ein brillant aussehender Partner zu". Hätte sie das früher gewusst, sagt Bea, dass es ihr einmal völlig egal sein würde, was andere von ihr denken, "ich hätte mir Jahre des Ärgers erspart".

Die einstmals Bösen in der Klasse jedoch - sie werden von den beachtenswerten Schauspielern schwuppdiwupp in Doppelbesetzungen gespielt -, erhalten von Frau Berg ihre Strafe, indem sie ihnen als Schicksalsgöttin übel mitspielt. "Wer hätte das gedacht", wundert man sich da mit Rita, "dass es sich wirklich auszahlen könnte, auf sich zu halten." Auf sich halten - was für eine schöne, altmodische Formulierung! Es ist Sibylle Bergs Trost gegen das Älterwerden.

Schirin Khodadadian hat kein ganz so leichtes Händchen, wie Bergs bös-spinöser Humor es bräuchte. Sie lässt manches einfach nur wegzappeln oder auf dem Sofa aussitzen statt flirren und ist schon gleich gar keine Bärenflüsterin. Die Verkleidungsspiele mit Bärenkopf und -fell machen eher wenig Sinn. Schön sind jedoch die Songeinlagen des Ensembles, die der Inszenierung wie Scharniere einen Halt im Traurig-Poetischen geben. Michael Barfuß hat Sibylle Bergs Verszeilen und Couplets zu ruhigen, gefühlvollen Kinderangstliedern vertont, in denen die Aufführung ihren Herzrhythmus hat. Dass man sich den auch schneller und überhaupt alles sehr viel greller vorstellen könnte, liegt daran, dass Bergs Stück mit ihren Struwwelpeter-Figuren durchaus das Zeug zum Grusical hat: eine Lebensschocktherapie mit Happy-End. 
  
Autor: Christine Dössel

NRZ vom 20.2.09

Wiedersehen mit Grauen  
Bea mit Zöpfchen und geschientem Schienenbein, Rita mit Pullover, kariertem Faltenrock und geschniegeltem Seitenscheitel. Und dann noch der adrett übergewichtige Uwe und der rothaarige Autist Paul: Alle sind ergraut, nach einem Leben, das es nicht gut mit ihnen meinte. Sie wollten, hatten aber keinen Erfolg. Sie wurden von den Mitmenschen übersehen und mutierten zu garstigen Greisenkindern in Kniestrümpfen. Nun kauern sie verhockt auf einem biederen Ledersofa und beschließen: Es soll ihnen gut gehen. Genießen wollen sie die "Goldenen letzten Jahre", die sie am Ende des gleichnamigen Stücks von Sibylle Berg nach Herzenslust besingen.

Sibylle Berg schrieb für Klaus Weise bereits 2002 in Oberhausen die Groteske "Herr Mautz". Weise, jetzt Bonner Generalintendant, erteilte der Erfolgsautorin auch den Auftrag für dieses Stück, das, angereichert mit allerlei Songs, in 70 Minuten vorbeischnurrt. Die Uraufführung der süffig gemeinen Gesellschaftssatire aus der Feder der Wahlschweizerin setzte Schirin Khodadadian in Szene, in der Werkstatt der Bonner Bühnen.
Gemütlich ist nur der erste Eindruck. Zwischen Bärenfell, üppig sprießender Zootapete und dunkelbrauner Wohnzimmergarnitur hat sich das kauzige Quartett eingerichtet. Bären grunzen, Grillen zirpen. Plötzlich kippt ein älterer Herr aufs Sofa - es ist ihr alter Lehrer, der die vier in ihrer Jämmerlichkeit vorführt. Die einen waren von ihren Eltern nicht gewollt und hassten sich selbst, ein anderer, Carl-Gustav, war adelig und flüchtete sich in das Konstruieren abstruser Maschinen. Die Begegnung, die anfangs einem Klassentreffen gleicht, wächst sich aus zur großen Abrechnung. Der schmierige Oberstudienrat wird schnell zur Randfigur für die Protagonisten, die sich mit lächelndem Gesicht lauter Gemeinheiten um die Ohren hauen. Grausam wirkt das und grotesk.

Die einzelnen Szenen beginnen meist komisch aufgekratzt und lautstark, enden aber in tragischer Stille. Ob die körperbehinderte Rita, die von einer erfolgreichen Karriere als Unternehmerin berichtet, oder der trottelige Edelmann, der das Rittergut verspielt und sich als kleiner Angestellter verdingt - sie alle erlitten Ablehnung oder wurden einfach nicht wahrgenommen. Die Erinnerungen an die Schulzeit sind für sie mit Demütigung und Verdruss verbunden. Wenn der Frust überhand nimmt, verzehren sie genüsslich Erdbeertörtchen.
Sibylle Berg beherrscht in allen Teilen souverän den sarkastischen Tonfall, zügiges Tempo und eine zugespitzte präzise Sprache, die Psychogeschwafel auf die Schippe nimmt, die Charaktere aber in ihrer Verzweiflung ernst nimmt. Düstere Gedanken an Tod und Selbstmord nisten sich auch in heiter wirkende Dialoge ein.

Den leichtfüßig daherkommenden Text setzt Schirin Khodadadian mit Seelen-Tiefgang in Szene. An Kurt Weill-Songs erinnern die von Michael Barfuß vertonten Lieder, die das ganze Elend der Figuren mit süffisantem Lächeln über die Rampe bringen. Zumal Susanne Bredehöft, Anke Zillich, Günter Alt, Ulrich Hass und Stefan Preiss sich exzellent in die skurrilen Typen einfühlen.

Autor: Michael-Georg Müller

General-Anzeiger vom 20.2.09

Liebe Möbel, guten Morgen   
Bevor es richtig losgeht, sitzen sie schon da: wie gemalt von dem österreichischen Karikaturisten Manfred Deix.
Vor Carolin Mittlers surreal-albtraumhaften Wald- und Tier-Tableau in der Werkstatt sind die vier Hauptdarsteller der "Goldenen letzten Jahre" von Sibylle Berg zur Besichtigung freigegeben Bea, Rita, Uwe und Paul sitzen auf einem fiesen braunen Ledersofa und schauen etwas kokett und ein bisschen verlegen ins Publikum.
Bea (Susanne Bredehöft) hatte Kinderlähmung, "was Wachstum und Eleganz ihres Körpers stark beeinträchtigte", wie ihr ehemaliger Lehrer Krammacher (Ulrich Hass) anmerkt. Rita (Stefan Preiss) war immer ein Mensch, "der sich in einem Maße durch nichts auszeichnete, das befremdete".
Jeder sah immer durch die unscheinbare Rita hindurch. Uwe (Anke Zillich) war fett und spuckte beim Sprechen - "kein Kind, das man spontan kosen wollte", sagt Lehrer Krammacher. Paul (Günter Alt) schließlich, der rothaarige Autist, nässte immer ein, wenn er nicht gerade seine Fingernägel verzehrte.
Die Autorin Sibylle Berg, die ihr Stück "Die goldenen letzten Jahre" im Auftrag des Bonner Schauspiels geschrieben hat, hat vier Lebewesen in ihrem Theater-Panoptikum versammelt, die in einer Welt, wo der Mensch des Menschen Wolf ist, zwangsläufig untergehen müssen.
Bea, Rita, Uwe und Paul sind geborene Verlierer, Loser, wie es neudeutsch heißt. Mit ihnen hat die grausame Farce der 46-jährigen Autorin zunächst kein Mitleid. Sie macht sie zum Zentrum außenseiterfeindlicher Pointen, die so süffisant entwickelt werden, dass die Gedankenpolizei der "political correctness" eingreifen müsste.
Nicht jeder kann sich sofort über so etwas amüsieren, in der Werkstatt musste sich das Publikum erst warmlachen. Die Schauspieler spielen Opfer und Täter zugleich - und manchmal auch einen Bären.
Sie schlüpfen in die Rollen der Schönen, Starken und Erfolgreichen, die Bergs Truppe mit Häme übergießen, die sie quälen und kujonieren. In pathetischen Liedern, für die Michael Barfuß und Marcus Schinkel einen munteren Kurt-Weill-Balladenton gefunden haben, drücken die Außenseiter ihre Gefühle aus.
"Liebe Möbel, guten Morgen, / habt ihr's nett gehabt heut Nacht? / Ich hab viel zu viele Sorgen, / hab vor Angst ins Bett gemacht", singt Günter Alt. Songs wie dieser haben Hit-Potenzial, man sollte sie auf CD brennen und mit dem Programmheft verkaufen.
Günter Alts Figur darf die traurigste Einsicht des Abends formulieren: "Nicht einmal Freunde, die ich mir ausgedacht hatte, mochten mich." Schirin Khodadadian hat 2007 das papierene Stück "Peepshow" der Kanadierin Marie Brassard an gleicher Stelle in einen aufregenden Theaterabend verwandelt.
Sie setzte auf die Schöpferkraft ihrer Schauspieler. Ihren Akteuren verhilft sie auch jetzt in präzise und packend gestalteten Szenen zu großen Auftritten. Das Ensemble gibt alles. Sie fürchten sich nicht vor den Zumutungen der Karikatur und der Hässlichkeit, sie stellen als Verlierer-Quartett ihre Defekte aus und plaudern sogar sanft über den Ausweg Selbstmord.
Die Kunst von Bredehöft, Zillich, Alt, Preiss und Hass besteht darin, dass sie sich ihren Figuren von außen und von innen nähern. Sie zeigen sie als Slapstick-Puppen und als Seelenkrüppel. Es ist nämlich nicht so, dass die Autorin ihre Charaktere wohlfeil zum Abschuss freigäbe.
Unter all dem klamaukigen Gewese verbirgt sich ein Gleichnis von Menschen, die den Ansprüchen einer aufs Äußerliche und Materielle fixierten Welt nicht gehorchen.
In Sibylle Bergs Stück stehen die Freaks am Ende als Gewinner da, während die Alphatiere an Geschlechtskrankheiten zugrunde gehen oder sich mit Psychopharmaka vollstopfen.
Bea, Rita, Uwe und Paul richten sich in einer Existenz ein, die alles andere als glamourös ist. Aber irgendwie kriegen sie das Leben hin und auch das Alter, vor dem Lehrer Krammacher in die Knie geht: eine furiose Szene von Ulrich Hass.
Bergs Viererbande verabschiedet sich singend: "Diese goldenen letzten Jahre, / die uns noch bleiben bis zum Schluss. / Wir werden sie entspannt genießen, / wenn es denn schon sein muss." 
  
Autor: Dietmar Kanthak

Kölnische Rundschau vom 20.02.09

Weiter runter geht's immer    
Zwischen Darwin und Komik: Sybille Bergs "Die goldenen letzten Jahre" in Bonn. Inszeniert von der jungen Regisseurin Schirin Khodadadian entwickelt sich pfiffige, witzige Dialoge um Existenzgerangel und Erfolgslosigkeit.
Draußen brummt der Dschungel. Carolin Mittler hat ihn bunt auf die Panoramawand gemalt, die in der Werkstatt die Spielfläche einfasst. Drinnen fläzen sich die Mittvierziger Bea, Rita, Uwe und Paul auf Ledersofas von IKEA und singen von den goldenen letzten Jahren, die sie entspannt genießen wollen. Sie haben, passend zum 200. Geburtstag, Darwin das Fell über die Ohren gezogen, als Bärenhaut ins Wohnzimmer gelegt - und dem Kampf ums Dasein abgeschworen.
„Die goldenen letzten Jahre“ heißt auch der Titel eines Theaterauftrags an Sibylle Berg, den die junge Regisseurin Schirin Khodadadian am Mittwoch uraufgeführt hat. Sie hat eine leichte Hand für Groteskes. Und auch das Schauspiel trug allem Rechnung und bot aus dem Ensemble die Komiker auf, die mit verbalen Abgründen witzig umgehen können.
Sie spielen Klassentreffen mit Lehrer und Rückblende. Uwe kaut auf den Nägeln, Rita kokettiert, Bea trägt die Schienen ihrer Kinderlähmung zur Schau. Paul bohrt mit dem Finger in der Nase. Und wenn er den an seiner roten Tolle abwischt, beginnt es. Dann greift sich einer den alten Oberstudienrat hinterm Sofa.
Ulrich Hass spielt ihn als Zyniker, der sich später selbst ins Bühnen-Off entsorgt wegen Würdelosigkeit des Alters. „Das gab es doch mal, Flanieren, freundliches Grüßen.“ Stattdessen diese abartigen Schüler: „Sie treffen sich, wohl um das eigene Scheitern zu beobachten.“ Uwe frisst, spuckt und hat einen beißenden Körpergeruch, erinnert er sich. Es braucht eine Weile, um Anke Zillich in der Rolle zu entdecken.
Günter Alt versteckt sich nicht als Autist Paul mit Tunnelblick für Naturwissenschaft: „Auch die Freunde, die ich mir ausdenke, können mich nicht leiden.“ Rita (geziert: Stefan Preiss) ist so unansehnlich, dass sogar Nachbars Hund sie anzubellen vergisst. Und die Eltern von Bea (Susanne Bredehöft) verkünden, als Vogeleltern hätten sie sie aus dem Nest gekippt. Kurz, die vier sind für den Lebenskampf nicht gerade optimal ausgestattet.
Weil das allein noch kein Stück macht, erfindet Sibylle Berg zu den Zurückgebliebenen noch als Pendant die „Alphatiere“, die besser ausgerüsteten Erfolgreichen. Mit dem (ausdrücklich erlaubten) Kunstgriff, sie mit denselben Darstellern zu besetzen, gewinnt die Regisseurin dem Stück eine Unschärfe ab, die die Aufführung schlank und schnell macht. Sie verzichtet da auch weitgehend auf szenische Hilfen.
Dann wird das alles unversehens auch aktuell. Den Alphatieren geht es wie unseren cleveren Investmentbankern und Finanzfuzzies - sie entfernen sich selbst. An der Stelle kommt noch Lebenshilfe ins Spiel, die man ebenso wenig ernst nehmen muss. Die Unterbemittelten ziehen sich nämlich - nicht ganz freiwillig - aus dem Existenzgerangel zurück. Irgendwas findet sich immer, relativieren sie das Verdikt ihres Lehrers: „Weiter runter geht es immer.“ Bea: „Hätte ich gewusst, wie wenig mir die Meinung anderer bedeutet, hätte ich mir Jahre des Ärgers erspart.“ Gelächter und Beifall für die schnellen, witzigen Dialoge, auch für die pfiffige Musik von Michael Barfuß. 
  
Autor: H. D. Terschüren  

Fragen und Kommentare zum Stück

Frage/Kommentar:

Wird das Stück dieses Jahr 2010 noch aufgeführt?

Antwort:

Ja. Die Vorstellungen entnehmen Sie bitte dem Monatsspielplan oder der Terminliste, die auf der Seite zum Stück aufgeführt ist.

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