TIEF IN EINEM DUNKLEN WALD

von Neil LaBute

Ein Mann und eine Frau allein in einer einsamen Hütte, tief in einem dunklen Wald. Zusätzlich tobt draußen ein Gewitter. All das verheißt per se nichts Gutes - in einem Stück von Neil LaBute darf man erst recht gefasst sein auf Schauer, Thrill und Sünde. Doch die Dinge liegen immer anders, als sie zunächst scheinen: Was ist eigentlich wahr, und wie viel Wahrheit kann der Mensch ertragen? Mit einer meisterhaften Spannungsdramaturgie enthüllt LaBute Schritt für Schritt widersprüchliche Facetten der Vorgeschichte von Betty und Bobby. Nicht ohne Humor führt er uns auf falsche Fährten und lässt dabei nur ahnen, was die beiden eigentlich aneinander bindet ...

 

Das neue Stück des bedeutenden amerikanischen Dramatikers setzt die Serie von LaBute-Erst- und Uraufführungen in der Bonner Werkstatt fort. Natürlich auch diesmal wieder mit Birte Schrein!

Besetzung

Inszenierung: Michael Lippold
Ausstattung: Julia Ries
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Almuth Voß


Betty: Birte Schrein
Bobby: Günter Alt
Musiker: Gregor Schwellenbach

Kritiken

GENERAL-ANZEIGER, Bonn, 19./20. Mai 2012, Von Thomas Kliemann

Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau


Deutsche Erstaufführung von Neil LaButes „Tief in einem dunklen Wald“ in der Werkstatt 

BONN.  Was unter der Regie von Michael Lippold in knapp eindreiviertel Stunden ans Licht kommt, ist schlicht gruselig. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau", ist ein Schlüsselwort in Neil LaButes "Tief in einem dunklen Wald", das jetzt in der Werkstatt des Theaters Bonn seine deutschsprachige Erstaufführung feierte.

Bedrohlicher Wald, Holzhaus, Geschwister - die Assoziationskette müsste bei Hänsel und Gretel enden. Oder bei Betty und Bobby, die sich aber in Abwandlung des grimmschen Klassikers die Hexe sparen. Besser: Der eine ist dem anderen bisweilen eine böse Hexe. Betty und Bobby, wer sind das? Es gehört zu den Stärken des US-Dramatikers Neil LaBute, dass solche Fragen nicht sofort beantwortet werden, sich vielmehr nach und nach das Bild schließt. Wobei aber von Anfang an die Hinweise und biografischen Details so geschickt gestreut werden, dass der Zuschauer atemlos verfolgt, wie die Lebens-Puzzles der Uni-Dekanin und des Schreiners zusammengefügt werden.
Was unter der Regie von Michael Lippold in knapp eindreiviertel Stunden ans Licht kommt, ist schlicht gruselig. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau", ist ein Schlüsselwort in Neil LaButes "Tief in einem dunklen Wald", das jetzt in der Werkstatt des Theaters Bonn seine deutschsprachige Erstaufführung feierte. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau": ein geflügeltes Wort des Vaters von Betty und Bobby. Der hat mehr und schlimmere Spuren im Leben seiner Kinder hinterlassen als diese.
Betty, gespielt von Birte Schrein, hat ziemlich kurzfristig ihren Bruder Bobby, den Günter Alt verkörpert, mit seinem Truck in den dunklen Wald gerufen, um eine Holzhütte - Liebesnest? Hexenhaus? - leer zu räumen. Dabei gehörte wohl eher beider Beziehung entrümpelt, die nach einer konfliktreichen Kindheit und Adoleszenz inzwischen auf Sparflamme läuft. Sie sind sich fremd geworden und in tiefem Hass zugetan: Betty hat zu viel gelogen und betrogen, um zur Ideallinie des Lebens zurückzufinden; Bobby hat zu viel gelitten und einstecken müssen, um anders als zynisch und selbstgerecht auf die Welt - und seine Schwester - zu blicken. "Sind wir wirklich aus einem Schoß gekommen?", fragt Betty ratlos. Bobbys Antwort: "Sind wir gar nicht. Ich bin von Wölfen aufgezogen worden. Während du mit ihnen geheult hast."
Ein Konflikt, tief unter der Gürtellinie
"Tief in einen dunklen Wald" zieht den Zuschauer tief in das Innere eines brutalen, archaischen Konflikts, tief unter die Gürtellinie. Da spielen sich Verletzungen und Frustrationen ab, Bestätigung und Niederlagen. Hier setzt Bobbys bigotte Verachtung an. Und Bettys Verzweiflung: Denn nach den wilden Sex-Jahren ist sie für potenzielle Gespielen "unsichtbar" geworden, wie sie das nennt, "weißt du? Wenn man durch dich durchgucken kann." Von der Nymphomanin zur erotischen Fußnote.
LaButes Stück treibt den Konflikt zwischen Betty und Bobby bis zur Schmerzgrenze. Birte Schrein und Günter Alt geben alles, und das ist sehr viel. Sie beharken sich im tristen Holzhaus (Bühne: Julia Ries), wie es drastischer nicht geht, lassen beim Joint spärliche Gemeinsamkeiten aufglimmen, glänzen aber auch mit einem phänomenalen Gedächtnis, wenn es darum geht, zurückliegende Verfehlungen des anderen aufs Tapet zu bringen. Aber es geht bei "Tief in einem dunklen Wald" nicht nur um offene Rechnungen, die kleinlich und vehement nachgekartet werden. Viel Schlimmeres ist im Busch. Und hier muss der Kritiker schweigen, um dem tollen Abend nicht die Spannung zu nehmen.
Es lohnt sich, auf Anspielungen und Hinweise von Betty und Bobby und auf Zwischentöne zu achten, die mitunter von dem stumm über die Bühne streunenden jungen Mann kommen (Gregor Schwellenbach), der mit E-Gitarre und Geräuschsoftware Akzente setzt. Der Geschwisterkrieg mutiert zum Kriminalfall.

 

Auf einen Blick
• Das Stück: Neil LaBute ist ein Meister der Beobachtung und pointenreichen Eskalation.
• Die Inszenierung: Michael Lippold liefert ein Wechselspiel von Schenkelklopfern und Gänsehaut.
• Die Schauspieler: Die Schöne ist das Biest, ihr Bruder der Teufel.

 

 

 

Campus Web, Cosima Besse, 18. Mai 2012

Die Wahrheit ist ein Komet
Bühne: Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung von „Tief in einem dunklen Wald“ am 16. Mai in der Bonner Werkstatt
Die Zuschauer treten in den Theaterraum und befinden sich bereits mittendrin. Mitten in einer Holzhütte irgendwo in Amerika. Eine Frau steht in der Küche, nippt in Gedanken versunken an ihrem Rotweinglas. Während die Musik einer E-Gitarre erklingt und das Publikum noch redet, beginnt sie bereits unruhig Umzugskartons einzupacken. Plötzlich geht das Licht aus, die Gespräche verstummen und alles ist dunkel. Stille. Die Ruhe vor dem Sturm.

„Die Wahrheit schmerzt“

Der Besuch lässt nicht lange auf sich warten. Während draußen der Regen tobt, öffnet sie beim Schein ihrer Kerze einem Mann die Tür. Es stellt sich allmählich heraus, dass es sich bei dem Paar auf der Bühne um Geschwister handelt. Betty ist eine verheiratete, erfolgreiche Frau, die in ihrem Leben alles erreicht hat. Scheinbar. Der prollige Truckfahrer Bobby ist hingegen ein einfach gestrickter Loser. Scheinbar. Und während beide in dieser Holzhütte Kartons packen, entwickelt sich ein abendfüllendes Gespräch. Dabei wird schnell klar, dass es hier um viel mehr geht, als um einen bloßen Umzug. Je länger das Gespräch voranschreitet, je tiefer die Nacht, desto tiefer auch die Abgründe, die sich auftun.

With or without you

Der Dialog gewinnt mit der Zeit an Tempo und dramatischem Tiefgang. Der Umgangston ist mitunter sehr rau, aber immer vertraut. Man spürt die tiefe Hassliebe zwischen den ungleichen Geschwistern. Sie können nur schwer miteinander, aber sicher nicht ohne einander. Nicht nur inhaltlich folgt ein Wendepunkt dem anderen, auch emotional schwanken die beiden gerne von einem Extrem ins Andere. Mal schwelgen sie in alten Zeiten, mal beleidigen sie sich aufs Äußerste. Den Höhepunkt bildet die Szene, in der die Geschwister das Lied von U2 „With or without you“ hören. Zuerst kann man ihren Hüftschwung nur erahnen, doch bald singen sie lauthals mit, auf dem Sofa tanzend. Doch die Stimmung bleibt nie lange so unbeschwert. Bobby kommt Betty allmählich auf die Schliche. Die unterschwellige Dauerspannung nimmt zu bis hin zur kulminanten Frage: Was verschweigt Betty? Und vor allem: Kann Bobby die Wahrheit ertragen?

Was am Ende bleibt

Im Endeffekt geht es hier mehr um das Wie, als das Was. Es geht nicht darum, jemanden plakativ als „gut“ oder „schlecht“ darzustellen. Das wäre zu einfach. Auch die Fragen nach Schuld oder Wahrheit lassen sich nicht eindeutig beantworten. Beide stellen fest, dass die Wahrheit wie ein Komet wäre, der nur alle hundert Jahre vorbeischießen würde.

Durch das „Spiel“ zwischen lediglich zwei Akteuren erhält das Stück einen intimen Charakter. Obwohl es ihnen nicht leicht fällt, können Betty und Bobby schlussendlich doch über alles miteinander reden. Sie behandeln schwere Themen wie Betrug, Sünde, Verzweiflung, aber auch Verantwortung, Liebe, Zufriedenheit und Rücksicht. Als Zuschauer spürt man die tiefe Verbundenheit, wie es sie nur in der Familie geben kann. Die teils sehr derben Ausdrücke („Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte“) und der bissige Humor unterstützen die Authentizität beider Charaktere. Für die wenig vertrauenserweckende Stimmung sorgen gelungene Licht- und Ton-Effekte. Birte Schrein (Betty) zeigt sich als starke, doch zutiefst sensible, undurchsichtige Karrierefrau. Günter Alt gibt dem schlichten, aber ehrlichen Bobby den nötigen Tiefgang. Alles in allem ist Michael Lippolds unterhaltsame Umsetzung von Neil LaButes Drama definitiv sehenswert.