DER KIRSCHGARTEN

von Anton Tschechow

Komödie in vier Akten

 

Eine kalte Frühlingsnacht. Auf dem russischen Landgut haben die Kirschbäume zu blühen begonnen. Ein Anblick von großer Schönheit. Für die Gutsbesitzerin Ranjewskaja bedeutet ihr Kirschgarten – wie ein herrlicher Traum – die Erinnerung an das verlorene Paradies ihrer Kindheit. Gerade ist sie zurückgekehrt, aus Paris, wo sie einige Jahre verbracht hat, ausgenützt und betrogen von einem Liebhaber. Sie hat deutlich über ihre Verhältnisse gelebt. Jetzt ist sie pleite und das Gut hoch verschuldet. Der geschäftstüchtige Kaufmann Lopachin hätte einen Plan zur Rettung: Man könnte den Kirschgarten abholzen und das Land für Ferienhäuser verpachten. Doch es kommt für die Ranjewskaja gar nicht in Frage, den geliebten Garten, das Signum des Schönen, wirtschaftlicher Effizienz und Rentabilität zu opfern. Lieber feiert sie mit den anderen Bewohnern des Gutes rauschende Feste oder führt tiefsinnige Gespräche. Tschechows letztes Stück erzählt von komisch scheiternden, ewig um sich selbst kreisenden Verdrängungskünstlern, die vor dem Ende stehen. Aber trotz des drohenden Untergangs sind sie nicht bereit, ihren verschwenderischen, kindlichen Umgang mit Zeit, Geld und Leben aufzugeben.


Anton Pawlowitsch Tschechow war Arzt und einer der wichtigsten russischen Autoren des 19. Jahrhunderts. 1860 in Taganrog geboren, starb er 1904 in Badenweiler an den Folgen einer langjährigen Tuberkulose. Er schrieb im Laufe seines Lebens Hunderte von Erzählungen, Feuilletons und Humoresken, im Verhältnis dazu nur wenige Theaterstücke, die in die Weltliteratur eingegangen sind.

Besetzung

Inszenierung: Klaus Weise


Ausstattung: Dorothea Wimmer
Licht: Thomas Roscher
Dramaturgie: Christopher Hanf



Ranewskaja: Katharina von Bock


Anja, ihre Tochter: Lisa Guth
Warja, ihre Stieftochter: Louisa Stroux


Gajew, ihre Bruder: Bernd Braun


Lopachin, Kaufmann: Ralf Drexler
Trofimow, Student: Konstantin Lindhorst


Pischtschik, Gutsbesitzer: Stefan Preiss
Charlotta, Gouvernante: Maria Munkert
Epichodow, Kontorist: Arne Lenk
Dunjascha, Dienstmädchen: Anastasia Gubareva


Firs: Tanja von Oertzen
Jascha, junger Diener: Birger Frehse 

Kritiken

Eypress, 4. Juni 2012, Von Christof Ernst

Bittere Früchte im „Kirschgarten“
Das Objekt der Begierde ist erst ganz am Schluss zu sehen: „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow wird in Klaus Weises Bonner Inszenierung zunächst nur durch einen Blick durch die Seitentür angedeutet.
Hauptspielort ist ein kühler Salon (Bühne: Dorothea Wimmer), der lediglich aus bespannten Holzreitern besteht. Das ehemals noble Anwesen ist heruntergekommen, die Bewohner sind fast am Bettelstab. Die Gutsbesitzerin (Katharina von Bock) und ihr Bruder (Bernd Braun) haben das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Sie weigern sich aber, den Kirschgarten zu veräußern.
Dabei hat der reiche Kaufmann Lopachin (Ralf Drexler), der früher Leibeigener der Familie war, die zukunftsweisende Idee, das Areal zu parzellieren, Ferienhäuser darauf zu bauen und dafür Touristen abzukassieren.
Aber Hochmut kommt vor dem Fall: Die Familie suhlt sich in ihrer spätrömischen Dekadenz, feiert Feste und lässt Gaukler auftreten, obwohl es eigentlich nur bittere Früchte zu ernten gibt. Das böse Erwachen: Lopachin ersteigert das Anwesen und wirft alle raus. Ralf Drexler spielt das mit einer verzweifelten Boshaftigkeit, die sehr beeindruckt.
Überhaupt: Die Schauspieler füllen den kahlen Raum mit Leben. Allen voran Katharina von Bock als Gutsbesitzerin, die in ihrer Traumwelt verharrt, und Louisa Stroux als Stieftochter Warja.
Zwei Kabinettstückchen: Arne Lenk macht aus quietschenden Schuhen einen prachtvollen Slapstick. Und Maria Munkert entpuppt sich als (be-)zaubernde Jongleurin. Am Ende sieht man einen Bagger, der eine Kirschenplantage plattmacht. Schade: Diesen Fingerzeig-Realismus hat die ansonsten sehr stimmige Inszenierung Klaus Weises gar nicht nötig.

 

 

WDR 5 Scala, 11. Juni 2012, Von Martin Burkert

Premiere in Bonn: "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow

"Der Kirschgarten" ist das letzte und eins der vielschichtigsten Dramen von Anton Tschechow (1860-1904). Es kam ein halbes Jahr vor seinem Tod zur Uraufführung. Der Autor selbst nannte es eine Komödie, obwohl es mehr tragische als komische Situationen beinhaltet. Als letzte Schauspielpremiere der Saison in Bonn inszenierte es jetzt Generalintendant Klaus Weise.
Fazit: Mit Sinn für Gruppenarrangements bietet das Ensemble eine melancholische Abschiedssinfonie. Weltfremd sehnsuchtsvolle und realistisch anpackende Motive stehen unentschieden gegeneinander und klingen lange nach.

O-TON: RANEWSKAJA: „Leb wohl, mein geliebtes Haus, mein Altes. Der Winter geht vorbei, es kommt der Frühling, und dann wird es dich nicht mehr geben, du wirst abgerissen.“

Gutsbesitzerin Ranewskaja und ihre Familie nehmen Abschied von ihrem wunderschönen Kirschgarten und vom adligen Müßiggang. Es vergehen eine romantische, feierfrohe, undemokratische Welt, eine handfeste, kaufmännische, poesielose entsteht.

O-TON:  LOPACHIN: „Sie müssen das Grundstück und alles übrige Land verpachten, und zwar jetzt, so schnell wie möglich.“

Unternehmer Lopachin, Sohn eines Leibeigenen, bietet der überschuldeten Gutsbesitzerin seine kapitalistische Lösung an. Sie soll den Kirschgarten abholzen, das Gut parzellieren und für Sommerhäuser verpachten.

O-TON:  LOPACHIN: „Die Versteigerung steht vor der Tür. Wenn Sie sich erst für die Sommerhäuser entschieden haben, bekommen Sie Geld, so viel Sie wollen, und Sie sind gerettet.“

Die Ranewskaja kann das nicht. Am Ende kauft Lopachin ihr Gut, sie wird in großartiger Garderobe nach Paris reisen, durch die Salons schweben und ihr Restvermögen verjubeln. Bruder und Töchter wandern in die Lohnarbeit, sie selbst hofft auf Wunder und edle Gedanken.

O-TON: RANEWSKAJA: „Sommerhäuser und Sommergäste, Verzeihung, aber das ist so geistlos.“
 
Sinn für Sprache, Gruppenbilder und glamouröse Kostüme arrangiert Regisseur Klaus Weise im zeitlos leeren Raum, einem weißen, weich bespannten Kasten. Aktuelle Videos flimmern darüber, etwa über die zwei Seiten von Baumaßnahmen, die Lebensraum entstehen lassen und Natur vernichten.
Doppeldeutig sind auch die Rollen angelegt. Ralf Drexler spielt den tatkräftigen Kaufmann Lopachin eher schüchtern, nie als neureichen Angeber. Katharina von Bock als Ranewskaja hat den Gestus einer schicken Dame von Welt, belesen, träumend, sinnenfroh. Auch die anderen Figuren bleiben vielschichtig. Herausragend zeigt Louisa Stroux Stieftocher Warja zwischen tragischem Absturz und trotzigem Lebenswillen.
Das Ensemble bietet eine melancholische Abschiedssinfonie, weltfremd sehnsuchtsvolle und realistisch anpackende Motive stehen unentschieden nebeneinander und klingen lange nach.