HAIR

Buch und Texte von Gerome Ragni und James Rado, Musik von Galt MacDermot

Die Originalproduktion fand in New York unter der Leitung von Michael Butler statt.

 

Eine Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel und dem Nationaltheater Mannheim

 

Auch der Broadway blieb vor der sexuellen Revolution nicht verschont. Als „The American Tribal Love-Rock Musical“ zog HAIR am 29. April 1968 triumphal vom New Yorker Off-Broadway an den Broadway – ein Skandal lag in der Luft. Kaum ein anderes Musical gab in all seinen Konflikten seiner Zeit dermaßen Ausdruck wie die gefeierte Sensation HAIR in ihren elektronisch verstärkten Rockballaden, die von Drogenrausch und Rassendiskriminierung, freier Liebe und tabuisierten Sexualpraktiken, Vietnamkrieg und Umweltverschmutzung erzählen. Das Textbuch der beiden Schauspieler Gerome Ragni und James Rado thematisiert ein Lebensgefühl des friedlichen Protests und schockierte und lockte die entrüstet-begeisterten Schaulustigen durch seine Freizügigkeit und Direktheit.

Die rudimentäre Handlung setzt sich aus einer variablen Szenenabfolge zusammen: Der zur Armee eingezogene Claude soll zum Kampfeinsatz in Vietnam an die Front geschickt werden. In einer Gruppe von Hippies, die sich um den charismatischen Stimmführer Berger sammelt, verbringt er die letzten Stunden vor seinem Einsatz. Gemeinsam besingen sie eine Welt von Toleranz, Frieden und Gewaltlosigkeit und beschwören mit Blumen, Räucherstäbchen, Kerzen und Friedenspfeifen ein neues Zeitalter im Sternzeichen des Wassermanns. Der Kanadier Galt MacDermot, ehemals Organist und Kirchenmusiker, vertonte die Songtexte; längst haben Kulthits wie „Let the Sunshine In“ und „Hare Krishna“ ihren festen Platz in der Musikgeschichte eingenommen. HAIR bereicherte die Stilentwicklung des Musicals um das Rockidiom und hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

THEATER BONN konnte Stars aus Musical und Pop für diese Produktion gewinnen: Tertia Botha und Miriam Cani waren Mitglieder der PRELUDERS, der Gewinnerband der Castingshow POPSTARS. Mit Hits wie "Losing my religion" oder "Everyday Girl" stürmten sie die Popcharts. Maricel Wölk ist eine der berühmtesten Musicaldarstellerinnen Deutschlands. Mit der Amneris in AIDA (Colosseum Essen) oder der MARIE ANTOINETTE in Bremen begeisterte sie ein riesiges Publikum. Alvin Le-Bass kommt vom Broadway, feierte große Erfolge auf der Bühne in CHICAGO, SHOWBOAT oder JESUS CHRIST SUPERSTAR und wurde zudem durch die amerikanische TV-Serie ANOTHER WORLD bekannt. Henrik Wager verköpert im Musicalbereich europaweit u.a. die Titelrollen in POE, JESUS CHRIST SUPERSTAR und JEKYLL AND HYDE.

Für den nötigen Drive sorgt Michael Barfuß, seit 2003 Musikalischer Leiter des Bonner Schauspiels, der mit seiner Band die legendären Hits der „Swinging Sixties“ wieder aufleben lässt.

Besetzung

Musikalische Leitung: Michael Barfuß
Inszenierung: Philipp Kochheim
Choreographie:Alonso Barros
Bühne: Thomas Gruber
Kostüme: Bernhard Hülfenhaus
Licht Thomas Roscher/Max Karbe
Dramaturgie Michaela Angelopoulos


Claude Hooper Bukowsky: Markus Schneider(05.06., 17.06.)/Philipp Georgopoulos
Donna Bukowsky: Ursula Anna Baumgartner
Mrs. Bukowsky: Sonja Mustoff (05.06., 17.06.)/Simone Stahlecker
Mr. Bukowsky: Carlo Ghirardelli (17.06.)/Steffen Laube 
Berger: Henrik Wager 
Woof: Christof Kaiser 
Hud: Alvin Le-Bass
Jeannie: Peggy Pollow
Steve: Kristian Lucas (17.06.)/Sven-Olaf Denkinger
Dionne: Tertia Botha 
NaÏma: Jennifer Boone
Cecilia: Miriam Cani (05.06., 17.06.)/Amanda Whitford
Chastity: Tina Ajala
Crissy: Kun Jing
Sheila: Maricel
Che: Philipp Georgopoulos
Shiva: Ico Benayga/Cora Wüthrich/Annabelle Mierzwa (05.06., 17.06.)
Humphrey: Julian David
Cosma: Beatrix Gfaller
Alissa: Miruna Mihailescu
Zoe: Susanne ten Harmsen (17.06.)/Katharina Strohmayer (05.06.)
Sumatra: Michael Höfner
Tamati: Olaf Reinecke
Pitú: Wanderson Wanderley


Musiker
Olaf Krüger, Trompete
Lothar van Staa, Saxophon
Ludwig Goetz, Posaune
Peter Engelhardt, Gitarre
Marcus Schinkel, Keyboards
Sascha Delbrouck, Bass
Marc zur Oven, Percussion
Stefan Lammert, Schlagzeug


 


 


Alternativbesetzung in alphabetischer Reihenfolge. Änderungen vorbehalten.


 

Kritiken

Der Opernfreund, 12. September 2011

Brillantes und überzeugendes HAIR Revival in Bonn

Credo: When the moon is in the Seventh House - And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets - And love will steer the stars
This is the dawning of the age of Aquarius - The age of Aquarius -Aquarius!
Harmony and understanding -Sympathy and trust abounding
No more falsehoods or derisions - Golden living dreams of visions
Mystic crystal revelation - And the mind's true liberation - Aquarius! Aquarius!

Kann ein Musical, welches in den 68-ern den Zeitgeist so ungestüm und bewegend wiedergegeben hat, wie kein anderes heute noch jemanden berühren? Ist die Zeit von "Hair" nicht hoffnungslos vorbei? Ist dieses "American Tribal Love/Rock Musical" heuer nicht nur noch Museum, quasi eine Hitparade ausgelutschter Schlager und Songs? Uralt Hitparade für gruftige 68-er und hemmungslose Flower-Power-Nostalgiker?

"Ripped open by metal explosion - Caught in barbed wire - Fireball - Bullet shock -
Bayonet - Electricity - Shrapnel throbbing meat - Electronic data processing
Black uniforms - Bare feet carbines - Mail-order rifles shoot the muscles...
Prisoners in Niggertown - It's a dirty little war - Three Five Zero Zero
Take weapons up and begin to kill - Watch the long long armies drifting home"

Oder brauchen wir Texte wie diesen gerade heute? Was hat sich geändert seit Vietnam? Müssten uns nicht angesichts solcher prekären Zeilen und der Realität in Afghanistan und Irak nicht geradezu die Tränen in die Augen schießen? Ja, das sind böse Worte, die Gerome Ragni und James Rado da im Jahre 1967 in bestürzend schöner und auf den ersten Blick recht oberflächlicher Schlagermusik untergebracht haben.

"Sodomy - Fellatio - Cunnilingus - Pederasty -Father, why do these words sound so nasty? - Masturbation can be fun - Join the holy orgy Kama Sutra - Everyone!"

Holla! Da beschlägt doch heute noch jedem CDU/CSU Hinterbänkler die Lesebrille und der Ruf nach Verbot keimt auf - da braucht es dann keine Nacktheit auf der Bühne mehr (Die Sensation 1968! Es gab damals tatsächlich mehrere Strafanzeigen und Verbotsanträge durch die Kirche!), um den Bischof oder päpstliche gesandte auch heute noch auf den Plan zu rufen.

War es nicht der in tolle Musik gefasste Hilferuf und Aufschrei hunderttausender Amerikaner über den Wahnsinn in Vietnam? Musikalisches Credo der Massenproteste, aber auch der harmlosen Blumenkinder, naiv protestierender Ho-Chi-Minh-Rufer, sowie ernsthafter Antikriegs-Protestler und Wehrdienstverweigerer, die für ihre Proteste in den Knast gingen?

Das alles und noch viel mehr war damals für uns "Hair". Der Rezensent, ebenfalls alt-68-Gruftie, war dabei und gibt zu, daß diese Musik ihn geprägt, mehr als Wagners "Götterdämmerung". Zumindest in Deutschland gab man "Hair" in damals fabelhafter Besetzung, und man hatte (welches Wunder!) sogar eine sehr gute und auch sangbare deutsche Übersetzung geschaffen. Su Kramer, Reiner Schöne, Ron Williams, Jürgen Marcus ! als Claude sowie u.v.a. Donna Summer oder Liz Mitchell; hier traf sich das "Who is Who" der anspruchsvollen Schlagerwelt und begeisterteMillionen Zuschauer wie am fernen Broadway. "Hair" wurde ein Welterfolg, wie vorher kein anderes Musical. Das ungeheure musikalische Potential der Songs erschöpft sich bis heute in hunderten von Remakes.

Insoweit ist es nicht hoch genug zu bewerten, was schon allein auf der musikalischen Seite in Bonn (Gemeinschaftsproduktion mit Kassel und Mannheim) geboten wird. Die Songs sind bravourös neu eingerichtet, und die phantastische Band unter Leitung von Michael Barfuß fetzt aus dem Orchestergraben, was das Zeug hält. Endlich einmal kommt die Musik wie bei einem Popfestival auch laut genug rüber. (Bitte nicht nach Zuschauerbeschwerden runterdrehen! Bitte nicht!) "Hair" muß laut sein, will laut sein und muß auch einmal übers Zwerchfell erschüttern bzw. subkutan wahrgenommen werden. Gratulation Jungs! Besser klang es auch 1968 nicht!

Das Stück heute zu inszenieren, erfordert nicht nur Feingefühl, sondern der Regisseur muß auch zeigen, warum uns dieses Musical noch soviel Arbeit, Engagement und Zeit wert ist. Es ist der Versuch einer Art Quadratur des Kreises, und die gelingt Regisseur Philipp Kochheim und seinem Team auf geradezu geniale Art und Weise, indem er z.B. historische Momente per Video einblendet. Wirsehen Bilder welche die Welt bewegten. Ob John F. Kennedys verlogenes Weltmacht- und Friedengegefasel, Martin Luther Kings bewegende I-have-a-dream-Rede und Bilder aus Vietnam, wo US-Kampflugzeuge das alles vernichtende Agent Orange versprühen, welches unendliche Landflächen nicht nur auf 100 Jahre entlaubte, sondern auch hundertausende unschuldiger vietnamesische Bauern vergiftete bzw. deren Nachwuchs verkrüppelte. Eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte! Das lässt erschaudern zwischen so schöner Musik und so anscheinend harmlosen Hippies.

Das Regieteam bricht auch mit kleinen aber gekonnt arrangierten Zwischenszenen ins friedliche Blumenkinderleben ein; es sind nicht nur historische Apercus sondern auch genial gesetzte Denkmäler, wenn man Massenmörder Charles Manson präsentiert und eine blutüberströmte Sharon Tate über die Bühne wankt, Rhett Butler Scarlett O´Hara anhimmelt, Popeye jedem mit dem Hammer auf den Kopf schlägt, Andy Warhol alles photographiert, Timoth Leary im Rausch über LSD faselt und die "original" Supremes singen; weiterhin gibt es Jane Fonda alias Barbarella, Stanley Kowalski, Blanche Dubois, Allen Ginsberg, John Lennon und Dick Clark; Abraham Lincoln darf natürlich nicht fehlen und auch Elvis lebt noch. Was für ein phantasiereiches Zwischenballett! Kochheim bringt uns die vergangene Historie nahe; so erleben wir den Zeitgeist der 68-er und tauchen zurück in die Vergangenheit.

Wie es Regisseur Philipp Kochheim gelingt mit einem tollen Theatercoup auch den heikelsten Moment dieses Hair-Musicals zu inszenieren, nämlich den vielkritisierten offensichtlich viel zu positiven Schluß ("Let the Sunshine in"), wird hier nicht verraten. Nur soviel: es ist ähnlich überragend genial gelöst wie in Milos Foremans begnadeter Filmumsetzung, mit der diese Inszenierung allerdings nichts gemeinsam hat, denn sie basiert auf der Broadway Theaterversion. Ein Schluß, der so einfühlsam, wie emotional gemacht ist und berührt.

"We starve-look - at one another - short of breath - walking proudly in our winter coats -
Wearing smells from laboratories - facing a dying nation - of moving paper fantasy -
Listening for the new told lies - with supreme visions of lonely tunes
Somewhere - Inside something there is a rush of - Greatness who knows what stands in front of - Our lives - I fashion my future on films in space  - Silence tells me secretly -Everything ... Eyes look your last across the Atlantic Sea - Arms take your last
embrace and I'm a genius genius - And lips oh you the doors of breath -
I believe in God - Seal with a righteous kiss and I believe that God believes in Claude
That's me, that's me, that's me - The rest is silence"

Daß der abschließende Volkstanz der Darsteller mit dem Publikum zu "Let the Sunshine in" hier konzeptionell eigentlich kontraproduktiv ist und absolut ins Regiekonzept nicht mehr reinpasst, ist (verständlicher Weise!) dem heutigen Klatschmarsch-Bedürfnis eines Musikanten-Stadel-Publikums zugestanden, welches mittlerweile auch bei Dramen und tragischen Opern leider in Dauerstanding-Ovations immer mehr jenem Dschingderassa-Bumm-Affen von Steiff ähnelt, der 1968 praktisch in jedem Kinderzimmer vorhanden war. Somit schließt sich der Bogen.

Die Sänger-Crew bringt sich ebenfalls bravourös ein, denn die Stücke sind teilweise äußerst Heikel vom Schwierigkeitsgrad. Wobei über einige Sangesschwächen großzügig hinweg gesehen konnte, denn es kam hier mehr auf die Typisierung von Personen an, als auf das korrekte hohe H oder C, welches die Opernkritiker anmerken werden. Eine tolle Sänger-Crew, die mit Vehemenz und Einsatz durch das Stück wirbelte und in dieser fabulösen Professionalität ihres gleichen suchen kann. Danke an alle Mitwirkenden - Ihr ward sensationell gut!

Besser kann man dieses immer noch tolle Musical kaum in Szene setzen.

Die Karten für die wenigen Folgevorstellungen, die sich bis in den Mai 2012 hinein ziehen, werden schnell verkauft sein. Daher mein Appell an alle 68-er, fröhlichen Greise und junggebliebenen Herzen: Bitte schnell einbuchen! So schnell wird man selten wieder 40 Jahre jünger!

 

 

von Chritof Ernst, Express, 13. September 2011

Unverwüstliches „Hair“: Der Hit in Schlaghosen

Zufall: Die Premiere von „Hair“ in der Bonner Oper fand am 10. Jahrestag des 11. September 2011 statt. Kein Zufall: In beiden Fällen geht es um ein amerikanisches Trauma. In „Hair“ ist es der Vietnamkrieg.
Der charismatische Berger (Henrik Wager), seine Hippie-Freunde und Claude (herausragend: Markus Schneider) wollen auf keinen Fall in die grüne Hölle nach Südostasien. Das ist schon alles. Denn „Hair“ ist nicht nur das erfolgreichste, sonder auch das handlungsärmste Musical der Welt.
Es geht um Stimmungen und Befindlichkeiten, um Spießigkeit da und Drogen, freie Liebe und Gewaltfreiheit auf der anderen Seite. Es geht um die 60er Jahre, die es niemals wieder geben wird. Deshalb ist es goldrichtig, dass Regisseur Philipp Kochheim gar nicht erst den Versuch unternimmt, „Hair“ krampfhaft zu modernisieren.
Im Gegenteil: Schlaghosen, Batikhemden, Wallegewänder – alles da. Gesungen wird großartig, am besten von Schneider und Maricel als Sheila. Gespielt wird genauso gut: Der unersetzliche Michael Barfuß hat die Musik neu arrangiert und lässt’s im Orchestergraben mächtig rocken. Standig Ovations, Begeisterungsschreie und Gepfeife: So viel Leben war in der Oper lange nicht mehr!

 

 

Von Gunild Lohmann, General-Anzeiger, 13. September 2011

Im Zeichen des Wassermanns
Bonn. Claude schafft es nicht. Das Abnabeln vom spießigen Elternhaus, das Aufbegehren gegen bürgerliche Normen - alles umsonst. Am Ende schneidet ihm ein Vietcong-Kämpfer die Kehle durch, die geschockten Freunde stimmen ganz leise sein Requiem an: "Let the Sunshine".
Der Kriegstod von Claude Hooper Bukowsky setzt einen bewegenden Schlusspunkt, der sich im Verlauf der "Hair"-Inszenierung in der Bonner Oper nicht unbedingt angekündigt hat. Denn Regisseur Philipp Kochheim und der musikalische Leiter Michael Barfuß halten sich an die traditionell offene Form des 1967 uraufgeführten Musicals von Gerome Ragni und James Rado: wenig Handlung, keine überschaubare Geschichte, stattdessen eine kaleidoskopartige Szenenfolge, in der sich Blütenträume und Halluzinationen der Hippie-Generation unbekümmert entfalten können.
Die Betonung liegt auf Hippie-Generation - an keiner Stelle unternimmt Kochheim den Versuch, die haarigen Zeiten der späten Sechziger in die Gegenwart zu übertragen. Dafür tummelt sich auf Bühne und Filmleinwand alles, was damals im amerikanischen Bewusstsein, in Politik und Popkultur Rang und Namen hatte: John F. Kennedy und Martin Luther King dürfen in einem Stück über gescheiterte Träume nicht fehlen, ebenso wenig John Lennon und Scarlett O'Hara, Charles Manson und Popeye, ein dreifacher Abe Lincoln und ein verhuscht Fotos knipsender Andy Warhol.
Dass dieser Aufmarsch der Verblichenen nicht zur Geschichtsstunde ausartet, liegt am Grundmotiv ohne Verfallsdatum: Jugend probt den Aufstand gegen das Establishment, lotet die eigenen Grenzen aus, experimentiert mit Sex und Drogen, zertrümmert fragwürdige Werte, von denen sie am Ende wieder eingeholt wird. Mag auch das ein oder andere bekifft kichernde "Hair"-Happening der abgeklärten Facebook-Generation nur ein müdes Lächeln entlocken, im Rebellionsmotiv findet sich jeder wieder. Außerdem erzeugen Thomas Gruber (Bühne) und Bernhard Hülfenhaus (Kostüme) ganz ohne halluzinogene Substanzen einen bewusstseinserweiternden Figuren- und Farbenrausch, dem sich so leicht keiner entziehen kann.
Die härteste Droge bleibt jedoch die Musik. "Aquarius", "Hare Krishna", "Let the Sunshine" und viele andere der in Kirchentonarten gesetzten Songs von Galt MacDermot haben ein Suchtpotenzial, das von der Band im Orchestergraben voll ausgeschöpft wird. Michael Barfuß lässt "Hair" in Bonn so richtig abrocken, die Darsteller singen, spielen und tanzen auf Spitzenniveau. "Popstars"-Sternchen Tertia Botha macht mächtig Eindruck als Blues-Röhre Dionne, Maricel ist eine mitreißende Sheila. Zum Haareraufen gut auch die männlichen Hauptdarsteller: Markus Schneider (Claude), Henrik Wager (Berger) und Woof Christof Maria Kaiser sind stimmlich und schauspielerisch auf einem echt guten Trip. Wie die Zuschauer, die es spätestens nach zweieinhalb Stunden nicht mehr auf den Sitzen hält.

 

 

Von Marianne Kiespel, Kölner Stadtanzeiger, 13. September 2011

Wie das 1968 so war
MUSICAL Gelungen: „Hair“ an der Bonner Oper

Mit enormem Einsatz imponieren zwei Dutzend junge Sänger und Tänzer im Bonner Opernhaus. Dem Ensemble gelingt eine schrille, kraftvolle, auch akrobatische Wiederbelebung des angestaubten Rockmusicals „Hair“ von 1968, eine Koproduktion mit Kassel und Mannheim. Vitale Rockröhren und Balladenstimmen frischen Galt MacDermots Songs auf – „Aquarius“, „Manchester“, „Hare Krishna“ oder den finalen Appell ans Bonner Publikum: „Let The Sunshine In“.
Die Menge scheinbar unverzichtbarer Hits verleitet über weite Strecken zu einem Gänsemarsch von Starauftritten, lose eingebettet in Partys, Spaß-, Kiff- und Abhängszenen. Dabei feuert Michael Barfuß seine formidable achtköpfige Band an, er koordiniert Bühne und Graben. Es geht um Jungen und Mädchen, die aufmucken gegen Spießereltern, Politskandale und Gier nach Dollars. Manches stellen sie feixend nach. Oft rennen sie mit überschüssiger Energie weiße Wände hoch, deren Kehrseite öde Wohnsilos zeigt (Ausstatter um Thomas Gruber, Choreografie: Alonso Barros). Die Hippies mixen sich eine Religion für Aussteiger und merken arg spät, wie hilflos sie der Maschinerie ausgeliefert sind.
Regisseur Philipp Kochheim geht das Problem des Stücks offensiv an, die variable Form ohne stringente Geschichte. Er markiert einen klaren Wendepunkt, einen Schock der schrillen, von Berger (Henrik Wager) angeführten Gruppe. Einer von ihnen muss zum Vietnamkrieg. Der Befehl erwischt Claude (Markus Schneider), der schon genug Ärger hat mit seiner staubsaugenden Mom in Lachsrot und dem hoffnungslosen, pöbelnden Dad.
Bezüge zur Gegenwart bleiben versteckt. Offen aufgearbeitet werden düstere Kapitel amerikanischer Geschichte. Wer nicht mehr weiß, wie das 1968 war, als Ella, Hendrix und Elvis in den jungen Köpfen spukten, dem helfen Schwarz-Weiß-Filme nach: Dokumente zur Kriegsführung mit Gift, Reden von John F. Kennedy, Martin Luther King, von Hetzern und Fanatikern. Frenetischer Beifall des Premierenpublikums.