IRRELOHE
von Franz Schreker
Ein düsteres Schloss, von dessen Ahnherren man hinter vorgehaltener Hand munkelt, auf ihnen laste ein Fluch. Ein alter Graf, der in seiner Jugend ein Mädchen aus dem Dorf vergewaltigte und seitdem dem Wahnsinn verfallen ist. Die Schankwirtin, einst schön und jung, singt jeden Abend dasselbe Lied. Ihr Sohn, dessen Geburt ein dunkles Geheimnis umgibt, wird von allen gemieden. Die Försterstochter, seine einzige Vertraute, zieht die Blicke der Männer auf sich. Ein junger Graf, der das Schloss seines Vaters ansonsten kaum verlässt, verfolgt sie des Nachts. Und schließlich - ein irrer Musikant, der jedes Jahr zur selben Zeit im Ort Feuer legt.
Was vor dreißig Jahren in dem kleinen Ort Irrelohe und auf dem gleichnamigen Schloss passierte, darum kreist die Handlung von Franz Schrekers Oper. Szene um Szene wird Spannung geschürt, nähert sich unweigerlich der Eklat. Auf den ersten Blick scheint das Werk einem jener Schauerromane entsprungen zu sein, die der Komponist gerne las. Tatsächlich jedoch beinhaltet IRRELOHE, auf dem Zenit von Schrekers künstlerischer Laufbahn in den frühen zwanziger Jahren entstanden, mehr als nur die Sehnsucht nach einer mittelalterlich düsteren Welt voller Geheimnisse. Zwei grundlegende Strebungen menschlichen Daseins, die einander widersprechen und bedingen, stehen im Zentrum des Werkes: Ohne die Kraft der Formgebung keine Ordnung in der Welt und kein soziales Miteinander, ohne die Kraft der Stoffwerdung keine Vielfalt und Lebendigkeit. IRRELOHE sucht zu ergründen, inwieweit diese Kontradiktion unser Leben bestimmt.
Schreker lernte das Zwei-Kräfte-Modell über die Lektüre von Otto Weiningers erratischer Studie Geschlecht und Charakter von 1903 kennen. Aber die Spuren führen bis tief in die Geschichte. Nietzsche ordnete den beiden Kräften die griechischen Gottheiten Dionysos und Apoll zu, den Rausch und den Traum. Schiller spricht von Stoff- und Formtrieb, die chinesische Philosophie kennt Yin und Yang. Alle Interpreten des Zwei-Kräfte-Modells teilen die Ansicht, dass der Mensch beide Strebungen, das Dionysische und das Apollinische, in sich trägt und dass Konflikte somit unvermeidbar sind. Schreker, der dem geistesgeschichtlichen Umfeld des Wiener fin de siècle entstammt, trieb diesen Ansatz ins Extrem. Unter dem Eindruck der Psychoanalyse Sigmund Freuds schuf er zutiefst zerrissene Charaktere, die an einem Leben im Selbstwiderspruch zu zerbrechen drohen. Der Mythos vom Erbfluch, der auf den Grafen von Irrelohe lastet, ist genau das: ein Mythos. Es gilt hinter seine Maske zu schauen.
Musikalisch orientiert sich IRRELOHE an Schrekers frühen Opern, insofern als die Musik zum tönenden Bewusstseinsstrom der Figuren wird. Minutiös wie ein Seismograph zeichnet sie das Entstehen und Vergehen psychischer Regungen nach. Themen und Motive befinden sich ständig im Fluss, und ihre Gestalt erscheint umso deutlicher je bewusster das Gefühl oder die Erinnerung. Die schillernde Instrumentation und die fließenden Übergänge, die Schreker einst den Ruf eines "Klangzauberers" einbrachten, treten in IRRELOHE in den Hintergrund zugunsten linearer Kompositionstechniken, scharfer Dissonanzen und einer von Schlagwerk und Blechbläsern dominierten Partitur. Der wachsende Einfluss der Neuen Musik ist deutlich zu spüren, deren Entwicklung Schreker als Leiter der Berliner Musikhochschule ab 1920 maßgeblich mitgestaltete.
Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der mit ELEKTRA, KRÓL ROGER und DER GOLEM bereits eindrücklich Interesse am Musiktheater des frühen 20. Jahrhunderts bewies, dirigiert das Beethoven Orchester Bonn.
Nach CARDILLAC und DIE TOTE STADT bringt Generalintendant Klaus Weise erneut ein Schlüsselwerk der Moderne auf Bühne, dessen psychologische und gesellschaftskritische Perspektiven sich als zeitlos aktuell erweisen.
Die Vorstellung IRRELOHE am 2.4. muss krankheitsbedingt leider abgesagt werden. Statt dessen wird TURANDOT von Giacomo Puccini auf dem Programm stehen (Beginn: 19.30 Uhr). Karten im Vorverkauf und an der Abendkasse.
Besetzung
Musikalische Leitung: Stefan Blunier
Inszenierung: Klaus Weise
Bühne: Martin Kukulies
Kostüme: Fred Fenner
Licht: Thomas Roscher
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Graf Heinrich, Herr auf Irrelohe: Roman Sadnik
Eva: Ingeborg Greiner
Die alte Lola: Daniela Denschlag
Peter, ihr Sohn: Mark Morouse
Christobald, ein Hochzeitsspieler: Mark Rosenthal
Fünkchen: Valentin Jar
Strahlbusch: Piotr Micinski
Ratzekahl: Ramaz Chikviladze/Martin Tzonev
Anselmus: Giorgos Kanaris
Der Förster: Martin Tzonev/Renatus Mészár
Der Pfarrer: Boris Beletskiy
Der Müller: Johannes Marx/Egbert Herold
Ein Lakai: Josef Michael Linnek
Chor und Extrachor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn
Kritiken
Die Frau ist sexuell, der Mann ist auch sexuell", resümiert der Wiener Kulturphilosoph Otto Weininger in seiner Schrift "Geschlecht und Charakter" von 1903. Wobei das kleine Wörtchen "auch" der Beobachtung Weiningers Ausdruck verleiht, dass der Mann eben doch ein bisschen mehr sei. Der Komponist Franz Schreker gehörte zu jenen Intellektuellen, die das umstrittene Buch verschlungen haben. Es wirkt bis in die feinsten Verästelungen seines Opernschaffens nach. In dem erotisch aufgeheizten Musikdrama "Die Gezeichneten" (1918) ist das ebenso wenig zu übersehen wie in dem düsteren Opern-Thriller "Irrelohe", der 1924 mit großem Erfolg unter Leitung von Otto Klemperer in Köln uraufgeführt, dann von den Nazis als entartet abgestempelt wurde und nun, nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf (mit kurzen Wachphasen in Bielefeld (1985) und Wien (2004)), in Bonn mit Generalmusikdirektor Stefan Blunier am Pult seine umjubelte Wiederauferstehung feiert - aufgezeichnet und für ein Nachleben auf CD festgehalten von dem Label Dabringhaus und Grimm.
Die Keimzelle der Handlung von Schrekers "Irrelohe" ist der Trieb. Die Vorgeschichte erzählt von einem Grafengeschlecht, auf dem ein Fluch lastet: Irgendwann, so heißt es, wird jeder aus dem Geschlecht der Irrelohes über eine Frau herfallen. Auch der Vater des jungen Grafen Heinrich war da keine Ausnahme: Er vergewaltigte einst die junge Schankwirtin Lola, die darauf einen Sohn zur Welt brachte. Lolas Verlobter Christobald zieht seither, von Rachegefühlen zerfressen, als Musikant umher und erinnert Jahr für Jahr mit einer Brandschatzung irgendwo im Dorf an das Verbrechen.
Bonns Theaterintendant Klaus Weise, der als Regisseur ein Faible für die Opern jener Zeit hat, siedelt die Handlung irgendwo im Osten Europas an. Lola und ihr Sohn Peter bewirten in ihrer Raststätte müde Fernfahrer, deren Lastwagen man durchs Fenster sieht; graue Oldtimer aus den 40er Jahren. Und man erblickt die zunächst von schwarzen Stoffbahnen größtenteils verhüllten Umrisse des geheimnisvollen Schlosses Irrelohe, das seine drohende, an Orson Welles" "Rosebud" erinnernde Präsenz erst vollends ausstrahlt, wenn die "schwarzen Balken" den Blick darauf langsam wie in einem Kamera-Zoom-Effekt freigeben. Das passiert nicht zufällig dann, wenn Peter erkennt, dass auch er den Irrelohe-Fluch in sich trägt.
Weises oftmals filmisch inspirierte Bilder, inklusive sorgfältig choreographierter Massenszenen korrespondieren durchaus mit der Musik Schrekers, die immer ganz nah an der Szene ist, Atmosphäre schafft, Emotionen verstärkt. Stefan Blunier erweist sich hier als präziser Klang-Regisseur, er steuert das riesig besetzte Beethoven Orchester, das allein neun Schlagzeuger beschäftigen muss, sicher durch die Partitur, achtet skrupulös darauf, nicht nur die rauschhaften Episoden auszustellen, sondern auch den gar nicht so seltenen romantischeren Abschnitten zu ihrem Recht zu verhelfen.
Zum Beispiel, wenn die schöne Försterstochter Eva ins Schloss eilt, um, nicht zufällig in flammend orangenem Pullover (Kostüme Fred Fenner), den jungen Grafen Heinrich vor Christobald zu warnen: Der Graf entbrennt sofort in heißem Verlangen, kann aber letzter Sekunde das "wilde Tier" in sich bändigen. Schrekers rauschhafte Musik hält inne, beginnt ein zartes Liebesduett zu umspielen, bei dem Wagners "O sink hernieder, Nacht der Liebe" aus dem Tristan hörbar Pate stand.
Es ist der erste Befreiungsakt Heinrichs aus dem Fluch. Der zweite fällt brutaler aus: Heinrich erwürgt am Tag seiner Hochzeit mit Eva seinen eifersüchtigen Halbbruder Peter, der ebenfalls dieser Frau verfallen ist. Und während das Schloss im Hintergrund durch Christobalds zündelnde Hand in hellem Flammenschein steht, fährt das frisch vermählte Paar in einem schicken Oldtimer-Cabrio einer vielleicht besseren Zukunft entgegen. Gesungen wird in "Irrelohe" auf höchstem Niveau: Der Tenor Roman Sadnik bringt die lyrischen Qualitäten und die nötige Durchschlagskraft für die schwere Partie mit, die wunderbare Ingeborg Greiner reicht ihm als Eva spielend das Wasser.
Mark Morouse lässt als Peter die Zerrissenheit der Figur auf bewegende Weise spüren, Daniela Denschlag singt Lolas Walzer mit geheimisvollem Grundton. Mark Rosenthal ist eine ideale Verkörperung des Christobald. Und auch das übrige Ensemble mit Valentin Jar, Piotr Micinski, Ramaz Chikviladze, Rafael Bruck, Martin Tzonev, Boris Beletskiy, Johannes Marx und Josef Michael Linnek wie auch der Opernchor machen ihre Sache gut, in Teilen sogar ausgezeichnet.
Wieder am 13., 20. November, 2., 19. Dezember. Weitere Termine im neuen Jahr.
Auf einen Blick
• Die Oper: Schrekers "Irrelohe", 1924 in Köln mit großem uraufgeführt, ist ein packender, düsterer Thriller, zu dem der Komponist das Libretto selbst verfasst hat.
• Die Inszenierung: Klaus Weise erzählt die Geschichte spannend und findet überzeugende Bilder.
• Die Musik: Großartige Sänger und das riesig besetzte Beethoven Orchester sorgen unter Stefan Blunier für ein Ereignis.
Feuer, das zerstört und erlöst. Einnehmende Premiere von Franz Schrekers „Irrelohe“ an den Bonner Bühnen.
Als die Liebe immer freier, die Psychologie immer tiefer und der Wahnsinn immer toller wurden in der Welt, da kroch manch böser Brand auch in die Köpfe, Seelen und Adern der Menschen. Aber Feuer zerstört nicht nur, es kann auch entsühnen, läutern und erlösen – und von dieser Ambivalenz handelt die Oper „Irrelohe“ von Franz Schreker. Die Bonner Bühnen haben das 1924 in Köln uraufgeführte Werk (Dirigent Otto Klemperer) jetzt neu herausgebracht und ihm einen kleinen Triumph erspielt.
Schreker (1878-1934) war ein Erfolgskomponist („Der ferne Klang“, „Die Gezeichneten“, „Der Schatzgräber“) des frühen 20. Jahrhunderts, dessen Musik ob des zeitweiligen „Entarteten“-Banns aber aus dem Bewusstsein verschwand. Die Wiederbelebung seiner psychologiedurchtränkten Märchen- und Mythenstoffe hat lange gedauert, und auch die Reize von „Irrelohe“ mussten warten, bis sie in Bielefeld (1985) und Wien (2004) wiederentdeckt wurden. Im Ganzen sind das lohnende Reize, obwohl bisweilen mühsame Umwege und Verflechtungen in Aufbau und Aussage irritieren mögen.
„Irrelohe“ nun handelt von einem brünstigen Adelsgeschlecht auf dem gleichnamigen Schloss. Ein Graf dieser Sippe hat just am Tage seiner Hochzeit im Angesichte allen Volkes die schöne Lola vergewaltigt – und 30 Jahre später erzählt Lola ihrem dieser Untat entsprungenen Sohn Peter von dem Ereignis. Christobald, Lolas damaliger Geliebter, konnte die Schande nicht ertragen und floh, kehrt jetzt aber aus bestimmtem Anlass zurück. Denn abermals ist Hochzeit angesagt auf Schloss Irrelohe, diesmal von Graf Heinrich und der Förstertochter Eva, in die auch Peter verliebt ist. Beim Fest stehen sich die Halbbrüder plötzlich als zähnefletschende Rivalen gegenüber, im Kampf ist es dann Peter, der stirbt. Und im Hintergrund brennt Schloss Irrelohe, denn diese verspätete Parallelaktion ist es, was Christobald als Rache versteht.
Diese äußere, hier stark verkürzt erzählte Handlung vom vielfach variierten Spiel mit dem Feuer ist aber nur Folie. Denn wesentlich geht es um die zahllosen Komplikationen im Widerspiel von unterdrückter und hemmungslos ausgelebter Sexualität, und wenn Eva in einem stark an Wagners „Tristan“ angelehnten Liebesduett die „irre Lohe“ in eine „selige Lohe“ verwandelt, spricht allein diese Passage Bände. Ob Heinrich und Eva trotz des Brudermords glücklich werden, wie es das Finale verspricht, und ob dieses Glück dann nicht eher privat als allgemeingültig ist – wer will es in der Oper schon so bohrend hinterfragen?
„Irrelohe“ ist eine schöne Oper auf hochromantischer Basis, am schönsten in den orchestralen Vor- und Zwischenspielen. Und das Beethoven Orchester Bonn wird unter der Leitung von Stefan Blunier auch zum wahren Helden der Vorstellung. Das schäumt auf und raunt, erzählt und kommentiert, dass es die reine Freude ist.
Den Sängern sind nicht gerade „Schlager“ anvertraut, aber zwischen schmelzendem Arioso, buffoneskem Intermezzo und tobendem Ausbruch ist alles sangbar, ausdruckssatt und stimmungssicher. Die Bonner Oper konnte profilierte Sänger aufbieten, allen voran den Bariton Mark Morouse als steinerweichend unglücklichen Peter. Sehr gut verlebendigen die Tenöre Roman Sadnik (Heinrich) und Mark Rosenthal (Christobald) ihre Sehnsüchte, typengerecht vertreten Ingeborg Greiner (Eva) und Daniela Denschlag (Lola) das weibliche Element. Und weil auch die Nebenrollen tragen, gerät die musikalische Aufführung sehr einnehmend.
Regie (Klaus Weise) und Bühnenbild (Martin Kukulies) zeigen Musterbeispiele eines souverän beherrschten Handwerks, bleiben unauffällig, geradlinig und praktisch und akzentuieren nur dezent. Dass aus allen möglichen Quellen immer und überall Flammen züngeln, mag auf Dauer nerven, doch der Brand des im Hintergrund stets drohend aufragenden Schlosses ist suggestiv. Lastautos und Luxuslimosinen symbolisieren in ihrem Kontrast das soziale Gefälle, diverse Accessoires verderben nichts. Den Ort der Handlung muss man allerdings im Programmheft nachlesen, und dort steht: ein osteuropäisches Dorf. Es soll uns recht sein, denn das Motto „Verzehren muss Flamme, was Feuer gebar“ gilt wohl rund um die Welt.
Vorstellungen: 13., 20. November, 2., 19. Dezember
Franz Schrekers Schaueroper „Irrelohe“ in Bonn.
Mehr als ein Geheimtipp ist diese 1924 in Köln uraufgeführte Oper, die mit unverschämt sinnlicher Musik vom Erbfluch eines Grafengeschlechts erzählt. Der Aufwand ist riesig, einer Wagner-Oper vergleichbar. In Bonn wurde "Irrelohe" erfolgreich in Szene gesetzt.
Graf Heinrichs Blut brodelt. Frau! Kein anderer Gedanke dringt mehr in sein Hirn, der Trieb übernimmt die Kontrolle. Er stürzt sich auf die junge Eva. Doch im letzten Moment zuckt er zurück. Er will sich beherrschen, dem "wilden Tier" in sich nicht die Kontrolle überlassen. Heinrich kämpft mit einem Erbfluch. Ein Vorfahre aus dem Grafengeschlecht der Irrelohes hatte mal ein Verhältnis mit einer Nixe. Daraus entstand ein Kind, das in einem Feuer umkam. Seitdem brennt es jedes Mal in der Gegend, wenn sich dieser Tag jährt. Und Heinrich fühlt wie alle Irrelohe-Männer das unendliche Verlangen nach Sexualität.
Als Franz Schreker seine Schaueroper "Irrelohe" schrieb, war Sigmund Freuds Psychoanalyse noch ganz neu. Sie revolutionierte das Menschenbild, Künstler aller Sparten reagierten darauf. Schreker zeigt zerrissene Seelen, verloren in Träumen und Traumata. Die Schankwirtin Lola wurde von einem Irrelohe, dem Vater Graf Heinrichs, vergewaltigt. Das besingt sie gleich zu Beginn der 1924 in Köln uraufgeführten Oper in einem selbstquälerischen, ins Dissonante gleitenden Walzer. Ihr Sohn Peter ist der uneheliche Sohn des Grafen, auch in ihm steckt der Fluch. Peter und sein Halbbruder Heinrich lieben dieselbe Frau. Es kommt zum Zweikampf, während als Musiker getarnte Brandstifter das Schloss anzünden.
Schreker hat eine unverschämt sinnliche, vor keinem prallen Theatereffekt zurück schreckende Musik geschrieben. Er nähert sich hier deutlicher der Moderne als in seinen häufiger zu hörenden Opern "Der ferne Klang" oder "Der Schatzgräber", mischt viele Reibungen in den spätromantisch-opulenten Klang, zeigt Brüche und Entsetzen durch atonale Einschübe. Stefan Blunier wirft sich am Pult des unter seiner Leitung aufgeblühten, wieder einmal exzellenten Beethoven-Orchesters in die wilden Triebe, die Schreker musikalisch nachempfindet. Aber Blunier nimmt sich auch zurück, entwickelt Momente kammermusikalischer Raffinesse, zeigt, was für eine Vielfalt in dieser Oper steckt. Oft erinnert sie in ihrer erzählerischen Dramatik an Kino-Soundtracks der 30er- und 40er-Jahre. Im Gegensatz zu Wagner und seiner Leitmotivtechnik komponiert Schreker situativ, packend, direkt, ohne zu kommentieren oder in die Zukunft zu schauen. Die Sänger haben oft Mühe, sich gegen das wie das blaue Blut der Irrelohes brodelnde Orchester durchzusetzen. Doch für die Verständlichkeit helfen die Übertitel.
Wagnerstimmen sind gefragt, um diese Oper auf die Bühne zu bringen, Sänger, die große Kraft und Kondition mit der Fähigkeit zu lyrischen Zwischentönen verbinden. Ingeborg Greiner gelingt als Eva das faszinierende Porträt einer Frau, die keinesfalls nur passives Opfer einer wahnsinnig gewordenen Männerwelt ist. Sie reizt die beiden in sie verliebten Brüder, will von beiden begehrt werden, spielt mit dem Feuer und weiß, wie gefährlich das ist. Kostümbildner Fred Fenner steckt die Sopranistin in einen extrem knappen Pulli und betont ihre üppigen Kurven, die heterosexuell orientierte Männer im Publikum das Leid der Irrelohes nachempfinden lassen. Mit wunderschön leidendem Edelbariton verkörpert Mark Morouse den unehelichen Peter als aus Hilflosigkeit brutalen Außenseiter, in dem viel von Woyzeck und Liliom steckt. Etwas übertrieben agiert Roman Sadnik als Graf Heinrich. Laut Libretto ist dieser Irrelohe ein Intellektueller, der in der Weltabgewandtheit Erlösung sucht. Auf der Bühne wirkt er wie ein durchgeknallter Jungunternehmer, der einem Sportwagen ähnlich viel erotische Aufmerksamkeit schenkt wie Eva.
Regisseur Klaus Weise inszeniert nur wenige ironische Brechungen. Er verlegt die Handlung nach Osteuropa, in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Alte, graue Lkws stehen herum, in Lolas Schenke sitzen Schlachter mit blutigen Schürzen. Am Ende werden sie das Hochzeitspaar zwingen, in ein neues Leben aufzubrechen, rätselhafte Gestalten, Geister vielleicht, anscheinend die eigentlichen Machthaber in der sonst völlig passiven Dorfgesellschaft. In der Mitte des ersten Aktes gelingt Bühnenbildner Martin Kukulies ein überwältigender Coup. Bisher hat man nur die Schenke und die Laster gesehen, dann ziehen die schwarzen Vorhänge auf und enthüllen das finstere, gewaltige Schloss, das bis zur Decke reicht. Die ganze Zeit war es unsichtbar im Hintergrund, niemand kann sich ihm entziehen. Klaus Weise schafft zwingende, gruselige Atmosphären, der Bonner Generalintendant ist auch Filmemacher und Kinofan, mit einem großen Lust am Erzählen von Geschichten.
Zu einem Dauergast auf den Musiktheaterspielplänen wird die "Irrelohe" trotz dieser gelungen Aufführung nicht werden. Der Aufwand ist riesig, vergleichbar einer Wagner-Oper, Titel und Komponist wenig bekannt. Aber sie ist auch mehr als ein Geheimtipp. Es gibt nicht so viele Werke, die eine straffe, spannende Handlung, überzeugend gebrochene Charaktere und eine überwältigende, aufreizende und zugleich feingliedrige Musik verbinden. In Franz Schrekers späterem Schaffen gibt es übrigens noch einige Stücke zu entdecken.
Im Rausch der Klänge: die Oper "Irrelohe" .
Auch ein Opernhaus muss wirtschaften, klar. Aber das bedeutet nicht, nur auf Klassiker zu setzen. In Bonn wurde jetzt ein Stück des in Vergessenheit geratenen Komponisten Frank Schreker aufgeführt – ein gewaltiges Werk!
Der Generalmusikdirektor betrachtet sich als Anwalt für zu Unrecht vergessene Komponisten, der Intendant sagt, man dürfe als öffentlich finanzierte Institution nicht nur auf die Quote schauen, auch ungewöhnliche Produktionen für ein kleineres Publikum gehörten zum Spielplan. Die experimentierfreudige Bonner Opern-Spitze ist sich einig: Der Versuch mit Franz Schreker hat sich gelohnt. Dirigent Stefan Blunier gerät gleich richtig ins Schwärmen: "Diese Musik ist wie ein Rausch. Irisierende Klänge, güldene Schönheit - ein Abenteuer für die Ohren." Der Intendant, der auch Regie geführt hat, ist fasziniert vom Libretto. Klaus Weise meint: "Dieses Schauermelodram um eine schuldbeladene Vergangenheit ist ein sehr deutsches Thema. Das zündelt, schwelt und gärt – hoch interessant."
"Manche Streicherpassagen sind eigentlich nicht mehr spielbar und auch die Sänger geraten an ihre Grenzen", meint Stefan Blunier. In der Tat: obwohl die Protagonisten – Roman Sadnik als Graf Heinrich, Ingeborg Greiner als Eva, Mark Morouse als Peter - überaus gut disponiert waren hatten sie gelegentlich Mühe, sich gegen das in jeder Hinsicht großartig aufspielende Beethoven-Orchester durchzusetzen. Dazu eine höchst ungewöhnliche Besetzung im Orchestergraben, allein zwölf Schlagzeuger, Gitarren, Mandolinen, sogar ein Cembalo. Die Partitur sei geradezu monströs, schwer entzifferbar, überfrachtet mit ausgetüftelten Regieanweisungen des Komponisten, erläutert der Dirigent.
Und so gelang den Bonnern denn ein Abend opulenter Klänge, ein Fest ausschweifenden Gesangs, expressionistisches Spektakel, Mischung aus Märchen und Melodram, Kitsch und Kirmes. Die Bühne wurde nicht nur vom düsteren Schloss "Irrelohe" beherrscht, sondern auch von einer Anzahl auffallender Autos. Ein Luxusschlitten von 1954 stand dabei für die Erotik der Macht, düstere Lastwagen für Mobilität und Ausbruch aus dörflicher Enge – assoziierten aber auch ihre Nutzung als Gefangenentransporter in den Diktaturen des 20. Jahrhundert, legten so die Aktualität der Oper nahe und sorgten für viel Gesprächsstoff beim durchweg begeisterten Premierenpublikum.
Schrekers Stücke - damals das Theaterereignis des Jahres
Franz Schreker, 1878 geboren, 1934 gestorben, landete Anfang des 20. Jahrhunderts auf den deutschen Bühnen einen Hit nach dem anderen: "Schreker, so unbekannt er heute ist, war der einzige Komponist seiner Zeit neben Richard Strauß, der auf allen deutschen Spielplänen mit drei Stücken gleichzeitig vertreten war. Wenn eine neue Oper von dem aufgeführt wurde, kamen Extra-Züge in die jeweilige Stadt. Das war das Sensationsereignis der Saison", erzählt Stefan Blunier. Heute sei es oft schwierig, Schrekers Opern mit vierzig oder fünfzig Protagonisten und Riesenorchester zu besetzen. Damals aber hätte der Star für seine opulenten, ausufernden Werke alles bekommen können: "Der hätte noch 30 Mandolinen mehr haben können, wenn er gewollt hätte, das war einfach das Theaterevent des Jahres." Schreker, den Zeitgenossen als feinnervigen Musiker beschreiben, liebte es auf der Bühne drastisch und folgte dabei dem Zeitgeist. Sigmund Freud war gerade en vogue, die Themen Sex und Gewalt, Sinnliches und Übersinnliches fanden auch Eingang in die Libretti der Opern. Sich selbst bezeichnete Schreker einmal als "Erotomanen" – Blunier schmunzelt: "Vielleicht war er doch eher ein stilles Gemüt. Wir wissen ja. Hunde, die bellen, beißen nicht. Oder er hatte eine Neurose."
1920 wurde der aus einer jüdischen Familie stammende Franz Schreker zum Direktor der Berliner Musikhochschule berufen. Schon bald jedoch war er der nationalsozialistischen Kulturpolitik ein Dorn im Auge. Seine expressionistisch gefärbte Musik galt als "entartet", der erfolgreiche Komponist wurde geächtet. 1932 bereits hat man Schreker zum Rücktritt gezwungen, ein Jahr später auch als Professor an der Preußischen Akademie der Künste entlassen – schwere Schläge, die er nicht lange überlebt hat. Schon zwei Jahre später starb der Verfemte an Herzversagen.
Gelegentlich werden Schrekers Opern heute wieder gespielt und gefeiert: "Der ferne Klang" zum Beispiel, oder "Die Gezeichneten". Wenn jetzt "Irrelohe" auf die Bonner Opernbühne gebracht ist, so ist das auch eine späte Genugtuung für ein lange missachtetes Werk. Der Erfolg gibt den Beteiligten nun recht. Und Dirigent Blunier hat an Franz Schreker eine ganz eigene Modernität entdeckt: "Dieses Morphineske, dieses Rauschhafte, Dekadente passt auch wieder in die heutige Zeit. Es ist ein bisschen Endzeit-Musik."
Eine Pioniertat: Die Bonner Oper hat Franz Schrekers lange vergessene "Irrelohe" wieder ausgegraben und als Schlüsselwerk der Moderne entdeckt. In der Nazizeit war das als "entartet" gebrandmarkte Werk mit dem schauderhaft schönen Titel in der Versenkung verschwunden und auch die Renaissance der frühen Schreker-Opern wie "Die Gezeichneten" ist an der späten "Irrelohe" von 1924 bislang vorbei gegangen.
Eine überfällige Wiederentdeckung also und kein Zufall, dass dies ausgerechnet in Bonn geschah, denn Intendant Klaus Weise und sein Generalmusikdirektor Stefan Blunier haben die Pflege das selten gespielten Repertoires des frühen 20. Jahrhunderts zum Programm erklärt und bereits in der letzten Spielzeit mit Eugen d'Alberts "Golem" einen Rarität auf die Bühne gebracht. Schrekers Oper verhandelt eine zwischen Schauerromantik und Erotikthriller schillernde Geschichte. Das Grafengeschlecht Irrelohe steht unter einem Fluch: Die männlichen Nachkommen fallen zwanghaft über Frauen her und werden wahnsinnig. Vor dreißig Jahren war es die Schankwirtin Lola, die vom Grafen vor den Augen der Dorfgemeinschaft vergewaltigt wurde. Ihr Sohn Peter ist ein Außenseiter und weiß nichts von seiner Herkunft. Er liebt die Försterstocher Eva, auf die jedoch auch der junge Graf Heinrich – Peters Halbbruder – ein Auge geworfen hat und sie heiraten will.
Es sind allesamt zerrissene, traumatisierte, schuldhaft verstrickte und mit dunkeln Trieben ringende Figuren, die Schreker unter dem Einfluss der noch jungen Psychoanalyse formte. Seine Musik ist von unerhört sinnlicher Wucht. Mal spätromantisch blühend, dann schneidend dissonant tönt es aus dem Graben, manches erinnert an Wagner, manches an die dräuende Filmmusik der großen Hollywood-Zeit. Stefan Blunier bändigt den monströsen Orchesterapparat souverän, und lässt Schrekers fiebrige Extasen glühen.
Regisseur Klaus Weise siedelt das Geschehen in nicht näher bestimmter Vergangenheit irgendwo in Osteuropa an. Bühnenbildner Martin Kukulies hat im Hintergrund ein schemenhaftes Schloss errichtet, das an Gruselschocker des expressionistischen Films erinnert. Weise führt sein Personal konzentriert, setzt auf filmische Effekte und lässt Schrekers sogartige Musik wirken. Exzellent bewältigen die Solisten ihre halsbrecherischen Partien, fulminant tönt der Chor. Eine insgesamt exemplarische Aufführung.
Epochale Produktion und Wiederentdeckung eines Genies. (...)
Glück oder Zufall – jedenfalls ein, nicht nur für Schreker-Fans, beglückendes Ereignis ist die Tatsache, daß Stefan Blunier seit dem 1.Januar 2009 GMG an der Bonner Oper ist. Seit diesem Tag hat das Beethovenorchester Bonn einen Aufschwung genommen, wie nie zuvor. Frankfurt, Essen, München, Bonn. Mittlerweile zählt das Orchester, auch unter Kritikern, zu den Top Four in Deutschland. Daß es nach der exorbitanten TURANDOT (der OF berichtete ausführlich!) noch eine Steigerung geben könnte schien unvorstellbar. Stefan Blunier ist ein klangvirtouser Orchestermagier (vergleichbar höchstens noch mit Lenny Bernstein), keiner der Musik trocken analysiert und intellektuell zerlegt wie z.B. Gerd Albrecht oder Harnoncourt; Blunier ist kein Dirigent, der das Kammermusikalische in Wagner, Puccini, Korngold oder Schreker sucht.
Blunier ist ein Genius des großen Klanges, des dicken Strichs, eines geradezu überwältigenden Orchesterklanges. Ein Meister des vollen Sounds, des großvolumigen Klangteppichs. Sein Dirigat kommt, wie bei Bernstein aus dem Herzen, voller Emotionalität entsteht ein schwelgerisches, beinah rauschhaftes Klangbild. Was könnte besser zu Franz Schreker passen? Das ist der Dirigent auf den Schreker-Freunde Jahrzehnte gewartet haben. Da ist die von mir zur Vorbereitung benutze, übrigens einzige Gesamt-CD-Aufnahme der Oper mit den Wiener Symphonikern unter Peter Gülke, friedvolle Kindergartenmusik. Blunier läßt das Feuer brennen. Wenn das Schloss Irrelohe von Regisseur Klaus Weise auf der Bühne veritabel und furchteinflößend im Finale abgefackelt wird, knistert das Feuer aus dem Orchestergraben in ungeheurer Vehemenz und tonmalerischer Überwältigung und es ist das erste Mal, daß man im ausklingenden Orchesterfinale die Geigen wirklich weinen hört. Besser ist die elysische Klangwelt Schrekers selten zuvor gespielt worde. Gut, daß diese Ausnahme-Produktion auf Silberscheiben parallel aufgezeichnet wurde.
Regisseur Weise bleibt sehr werktreu an Text und Libretto. Seine Szene spielt im Nirgendwo eines fiktiven Transsilvanien oder im faschistischen Italien (rote Fahnen) – schwer einzuordnen. Duster liegen Kneipe und Kreuzweg vor dem drohend unwirtlich in die Szene ragenden Schloss Irrelohe, welches sich vom schemenhaften Schatten bis zum konkreten Finalbild unmerklich verwandelt – eine großartige Bühnengestaltung von Martin Kukulies. Dazwischen immer wieder historische Magirus Deutz LKWs, schon beinah choreographisch drapiert. Daß Heinrich einen Horch (Nachbau?) fährt ist fast selbstverständlich. Aber irgendwie bleibt die ganze Szene stets unheimlich. Es scheint in der Dorfrealität keine Polizei zu geben, alles regelt wohl die Mafia, die Zigeunerehre (den Kostümen nach) oder der Schlossherr. Düster drohende Schatten und Nebel – es würde nicht verwundern, wenn der Schlossherr gleich als Wehrwolf erscheint. Prachtvoll und irritierend die Bühne – genial passend zur irisierenden Musik Schrekers.
Bei Schreker gibt es kaum richtige Arien (Ausnahme: „Einst war ich schön“ – Lola, erster Akt), dadurch werden die Sänger extrem gefordert, oft aus dem Stand ins sofortige Fortissimo gezwungen bzw. sie müssen Linien singen, die sich nicht direkt aus der Musik, den Noten ergeben. Schreker erfordert allerhöchste Konzentration. Daß die Bonner Oper alle vier Protagonisten aus dem eigenen Haus besetzen kann, spricht für vorbildliche Ensemble-Pflege. Und was Ingeborg Greiner (Eva), Daniela Denschlag (Lola), Roman Sadnik (Heinrich) und Mark Morouse (Peter) an diesem Abend leisten ist ungeheuerlich. Auch die Comprimarii waren trefflich besetzt. Die, wie gewohnt, sichere Chorleistung, auch vom Extrachor, garantierte Sibylle Wagner. Die stets ein wenig an folkloristischen Zigeunerlook angelehnten Kostüme waren von Fred Fenner treffend gestaltet – ein schönes Pendant zur finsteren Bühne; aber auch Reminiszenz an den blumigen Katalog-Kitsch der 50-er Jahre.
Die Inszenierung von Klaus Weise gehört für mich mit Abstand zu seinen besten und überzeugendsten Arbeiten in Bonn. Spannung vom ersten Moment an war garantiert. Hervorragende Personenführung und auch der Umgang mit den Chormassen stimmte. Ein Mega-Abend an der Bonner Oper. Hinfahren! Für Schreker-Fans mehr als ein Muß, denn endlich hören wir einmal kompromisslos und auch ungekürzt, was Franz Schreker uns mit dieser Musik wirklich sagen wollte. Eine schier ungeheuerliche orchestrale Leistung! Schon fast ketzerisch – nachdem ich so gut wie alles, was es von Schreker gibt auf CD habe und auch praktisch alle erhaltenen Opern gesehen habe, erlaube ich mir zu sagen: Das ist es! Das ist zur Zeit das Maß der Dinge an beglückender Schreker-Interpretation. Besser geht es nicht! Der pure Wahnsinn.
Peter Bilsing
DIE WELT (15. November 2010)
Wenn lodernde Triebe Opfer fordern. Die Oper Bonn zeigt Franz Schrekers selten gespielte Schaueroper "Irrelohe" in einer gelungen Inszenierung und in guter Besetzung
Zerrissene Seelen, verloren in Träumen und Traumata. Franz Schreker erzählt in seiner 1924 in Köln uraufgeführten Oper "Irrelohe" eine Werwolfgeschichte ohne Werwolf. Angeregt von der damals noch jungen Psychoanalyse zeigt er wie erotische Begierden das Handeln der Menschen bestimmen und wie sie dagegen kämpfen. Ein Kolportagestück voller Abgründe, musikalisch grandios, alle paar Jahrzehnte wird es wieder belebt. Die Oper Bonn tut es mit Erfolg.
Graf Heinrichs Blut brodelt. Frau! Kein anderer Gedanke dringt mehr in sein Hirn, der Trieb übernimmt die Kontrolle. Er stürzt sich auf die junge Eva. Doch im letzten Moment zuckt er zurück. Er will sich beherrschen, dem "wilden Tier" in sich nicht die Kontrolle überlassen. Heinrich kämpft gegen einen Erbfluch. Ein Vorfahre aus dem Grafengeschlecht der Irrelohes hatte mal ein Verhältnis mit einer Nixe. Daraus entstand ein Kind, das in einem Feuer umkam. Seitdem brennt es jedes Mal in der Gegend, wenn sich dieser Tag jährt. Und Heinrich fühlt wie alle Irrelohe-Männer das unendliche Verlangen nach Sexualität.
Damit ist er nicht allein, er hat einen Halbbruder, Peter, der Sohn der örtlichen Schankwirtin. Beide lieben Eva. Es kommt zum Zweikampf, während als Musiker getarnte Brandstifter das Schloss anzünden.
Schreker hat eine unverschämt sinnliche, vor keinem prallen Theatereffekt zurück schreckende Musik geschrieben. Er nähert sich deutlicher der Moderne als in seinen Opern "Der ferne Klang" oder "Der Schatzgräber" und mischt viele Reibungen in den spätromantisch-opulenten Klang. Stefan Blunier wirft sich am Pult des unter seiner Leitung aufgeblühten Beethoven-Orchesters in die Sphäre der wilden Triebe. Und vergisst keinesfalls die Momente kammermusikalischer Raffinesse, die auch in dieser Oper stecken. Oft erinnert sie in ihrer erzählerischen Dramatik an Kinosoundtracks der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Sänger haben oft Mühe, sich gegen das wie das blaue Blut der Irrelohes brodelnde Orchester durchzusetzen.
Ingeborg Greiner gelingt als Eva das faszinierende Porträt einer Frau, die keinesfalls nur passives Opfer einer wahnsinnig gewordenen Männerwelt ist. Sie reizt die beiden liebestollen Brüder, will begehrt werden, spielt mit dem Feuer und weiß, wie gefährlich das ist. Mit wunderschön leidendem Edelbariton verkörpert Mark Morouse den unehelichen Peter als hilflos brutalen Außenseiter, in dem viel von Woyzeck und Liliom steckt. Etwas übertrieben agiert Roman Sadnik als Graf Heinrich. Laut Libretto ist dieser Irrelohe ein Intellektueller, der in der Weltabgewandtheit Erlösung sucht. Auf der Bühne wirkt er wie ein durchgeknallter Jungunternehmer, der einem Sportwagen ähnlich viel erotische Aufmerksamkeit schenkt wie Eva.
Regisseur Klaus Weise verlegt die Handlung nach Osteuropa, in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Alte, graue Laster stehen herum, in der Schenke sitzen Schlachter mit blutigen Schürzen. Am Ende werden sie das Hochzeitspaar zwingen, in ein neues Leben aufzubrechen, rätselhafte Gestalten, Geister vielleicht, die eigentlichen Machthaber in der sonst völlig passiven Dorfgesellschaft.
Zu einem Dauergast auf den Musiktheaterspielplänen wird die "Irrelohe" trotz dieser gelungenen Aufführung nicht werden. Der Aufwand ist riesig, vergleichbar einer Wagner-Oper. Aber sie ist auch mehr als ein Geheimtipp, vereint eine straffe, spannende Handlung, überzeugend gebrochene Charaktere und eine überwältigende, aufreizende und zugleich feingliedrige Musik. In Franz Schrekers späterem Schaffen gibt es noch mehr zu entdecken.
Bonner Oper reißt Schrekers »Irrelohe« aus dem Märchenschlaf. Mit großem Erfolg erinnert die Bonner Oper regelmäßig an vergessene Opern des frühen 20. Jahrhunderts. Nach d’Alberts »Golem« wurde jetzt Franz Schrekers fluchbeladenes Schloss »Irrelohe« aus dem Märchenschlaf gerissen. In der Region zum ersten Mal seit über 20 Jahren.
Götterdämmerung auf Schloss Irrelohe: Heinrich (Roman Sadnik) und Eva (Ingeborg Greiner) gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. (Foto: Thilo Beu)
Bonns Intendant Klaus Weise rollt die aberwitzig verworrene und triebgesteuerte Oper Schrekers erheblich braver auf, siedelt sie auf einer offensichtlich osteuropäischen Autoraststätte mit verrotteten Lkws und lasziven Kellnerinnen an und schafft ein altmodisch anmutendes pseudorealistisches Szenario, das der hochfiebrigen Musik nicht immer gerecht wird.
Dass die ganze Aufführung dennoch unter die Haut geht, ist Schrekers mit glühend heißer Nadel gestrickter Musik und dem mächtig auftrumpfenden Ensemble zu verdanken.
Dass sich die durchweg überragenden Sänger nicht immer gegen die orchestralen Wogen durchsetzen konnten, darf Generalmusikdirektor Stefan Blunier nicht angelastet werden. Der Komponist verliert bisweilen die Kontrolle über jede Balance.
Die Handlung rührt ganz tief in den psychischen Abgründen menschlicher Triebe und Untriebe. Die Männer der Familie »Irrelohe« können nichts dafür, wenn sie Frauen auflauern und sie vergewaltigen. Ihr Geschlecht ist einem Fluch verfallen. Auch die ansonsten braven Halbbrüder Heinrich und Peter, die mit katastrophalen Folgen um die schöne Försterstochter Eva werben. Geheimnisvolle Musiker stecken das Schloss schließlich in Brand, Heinrich und Eva rollen in einem amerikanischen Luxusschlitten einer ungewisser Zukunft entgegen. »Götterdämmerung« auf »Irrelohe«.
Wagner stand Schreker in jedem zweiten Takt Pate. Dennoch gehört Schreker zu den wenigen Meistern, die zu einer bestrickend persönlichen Handschrift gefunden haben, was in den letzten Jahrzehnten zu einer faszinierenden Renaissance seines großen Schaffens geführt hat, die an »Irrelohe« jedoch fast spurlos vorübergegangen ist. Nicht zuletzt wegen der monströs verwickelten Handlung, die dem Zuschauer reichlich Konzentration abverlangt.
Mit seinen geschlossenen Ensembleleistungen hat sich die Bonner Oper in den letzten Jahren zu einem führenden Haus der Region gemausert. Auch bei »Irrelohe« ist daran nicht zu rütteln.
Und mit den kapitalen Stimmen von Roman Sadnik (Heinrich), Ingeborg Greiner (Eva) und Mark Morouse (Peter) lassen sich sogar die »Tristan«-würdigen Schwellen der Partitur beeindruckend meistern. Pedro Obiera
(Weitere Aufführungen sind am 13. und 20. November sowie 2. und 19. Dezember; Kartentelefon: 02 28/77 80 08)
Auf einer Bahnreise von Dresden nach Nürnberg habe, so hat Franz Schreker die Entstehung der Oper beschrieben, der Orts- und Bahnhofsname „Irrelohe“ plötzlich seine Phantasie angestachelt. In nur drei Tagen sei das Libretto verfasst gewesen. Ob das im Detail so stimmt, sei dahingestellt; die Anekdote macht jedoch plausibel, wie es um das Textbuch bestellt ist: Das wirkt wie eine collagenhaft um die Motive von Wahnsinn und Feuer, eben die „irre Lohe“, angesammelte Fülle von Elementen und Versatzstücken aus Oper und Schauerroman des 19. Jahrhunderts. Fluch und Erlösung (durch Liebe und Feuer), ein rivalisierendes (Halb-)Brüderpaar; Schenke, Schloss und Kreuzweg als Orte der Handlung; Mord und Wahnsinn und so fort. An seine großen Erfolge mit dem Fernen Klang, den Gezeichneten oder dem Schatzgräber konnte der gefeierte Komponist mit diesem Sujet nicht mehr anknüpfen. Die Zeit für eine solche psychologisierende Hyperromantik war im krisengeschüttelten Uraufführungsjahr 1924 allmählich abgelaufen. Zur Handlung: Auf dem Geschlecht derer zu Irrelohe lastet ein Fluch, der alle männlichen Nachkommen zur Vergewaltigung und in den Wahnsinn treibt. Der alte Graf von Irrelohe hat einst während seiner eigenen gräflichen Hochzeit das Dorfmädchen Lola vergewaltigt und dabei einen Sohn, Peter, gezeugt, der in Unkenntnis seines Vaters aufgewachsen ist. Aufgeklärt über seine düstere Herkunft wird er ausgerechnet von Christobald, Lolas damaligem Geliebten, der aus Scham über seine eigene Untätigkeit seitdem inkognito als Musiker durch das Land zieht und auf Rache sinnt – die sich vorerst in einer Reihe von Brandstiftungen entlädt. Es kommt, wie es in der Oper kommen muss: Peter und sein im Schloss zurückgezogen lebender Halbbruder, der Grafensohn Heinrich, sind in das gleiche Mädchen Eva verliebt. Eva entscheidet sich für Heinrich. Der tötet in einem dramatischen Showdown seinen Halbbruder, während Schloss Irrelohe in den von Christobald gelegten Flammen aufgeht. Schreker hat diese Fülle opernhafter Szenen geschickt verdichtet und einen durchaus schlüssigen und spannenden Plot daraus konstruiert. Aber gerade durch dieses routiniert ausgeworfene Netz von allzu vertrauten eng verzahnten Motiven bleiben die Figuren zumindest teilweise blass, folgen mehr einer automatisierten Operntraditionslogik als innerer Notwendigkeit - das zumindest suggeriert die in ihrer Bildästhetik und Assoziationsvielfalt eindrucksvolle, inhaltlich aber wenig erhellende Bonner Neuinszenierung durch Intendant Klaus Weise. Im Bühnenbild von Martin Kukulies herrscht das für Weise-Inszenierungen typische Halbdunkel. Ein paar LKWs versetzen die Handlung ins 20. Jahrhundert, ein zunächst unter Planen eingelagertes Sportcoupé im Schloss suggeriert nicht nur den gegensätzlichen sozialen Status, sondern auch die (später überwundene) Bewegungslosigkeit des Grafen, im Finale erfolgt dann tatsächlich der motorisierte Ausbruch aus der Enge des Dorfes. Die LKWs lassen an Gefangenentransporte denken, manchmal erinnert die Szenerie an ein besetztes Dorf, ohne dass sich dies an konkreten Details festmachen ließe. Zur geplanten Hochzeit von Heinrich und Eva senken sich rote Flaggen vom Bühnenhimmel, die nicht nur das folgende Feuer vorwegnehmen, sondern auch ohne Hakenkreuz an Nazi-Standarten erinnern. Der hinter der Maske des Musikers versteckte Rächer Christobald entspricht in einigen Szenen dem Archetypus des jüdischen Fiedlers, die Dörfler erscheinen im knallig bunten Zigeuneroutfit. Es fehlt aber eine stringente Linie, die diese Elemente zusammenhalten würde – und es fehlt eine vermittelnde Personenregie, die den Figuren ein Eigenleben gegenüber dem schwer auf ihnen lastenden Motivüberbau geben könnte. Weises Regieansatz ist nicht so konsequent, die Handlung als widerspruchsbehaftete Traumsequenz zu zeigen (gleichwohl gehen viele Elemente in diese Richtung). Sie bleibt zudem merkwürdig neutral im Konflikt zwischen den ungleichen Halbbrüdern. Das geht wohl auch auf eine Schwäche in Schrekers Dramaturgie zurück, die den Grafen Heinrich ziemlich fleischlos erscheinen lässt. Aufschlussreich ist ein Vergleich mit Wagners Fliegendem Holländer, bei dem Senta sich zwischen dem braven Tenor Erik und dem dämonischen Holländer-Bariton entscheiden muss - in Irrelohe hat Eva in Schrekers verquerer Sexuallogik die Wahl zwischen dem grundanständigen (und deshalb impotenten) Bariton Peter und dem zur Zügellosigkeit verdammten (und sich deshalb selbst zur Impotenz zwingenden) Tenor Heinrich, für den sie sich entscheidet. Eine Umkehrung des Stimmtypus also, die durchaus (und möglicherweise vom Komponisten bewusst) fragwürdig ist – seit Don Giovanni ist, Ausnahmen bestätigen die Regel, der Bariton der bessere Liebhaber. Weder will die Regie noch kann Sänger Roman Sadnik die hieraus resultierende Leerstelle füllen. Sadniks an sich geschmeidiger und höhensicherer Tenor ist nicht großformatig genug, um gegen die Orchestergewalten so etwas wie Machtanspruch zu verkörpern (dazu verfällt er in textlastigen Passagen gerne in eine Art plapperndes Parlando, das die Figur noch kleiner macht). Musikalisch kann er daher trotz gesanglich durchaus ansprechender Leistung nichts von der latenten Gewalt der Figur, von der immer die Rede ist, plausibel machen. Im Gegensatz dazu verleiht Heldenbariton Mark Morouse dem Peter kraftvolle, bei aller auch vokal eindrucksvoll dargestellter Zerissenheit maskuline Züge. Ingeborg Greiner hat als Eva nicht den hochdramatischen Sopran, der die Zerrissenheit der Figur ausgestalten könnte, bleibt dadurch mehr die lyrisch brave Dulderin (was Schrekers Frauenbild nahe kommen dürfte). Daniela Denschlag als Lola und Mark Rosenthal als Christobald legen ihre Rollen auch musikalisch sehr überzeugend als Charakterpartien an, und auch die Nebenrollen sind durchweg mehr als ordentlich besetzt. Chor und Extrachor, dramaturgisch nicht mehr als eine Randerscheinung, singen klangschön. Das eigentliche Ereignis, das die Produktion unbedingt hörenswert macht, ist aber zweifellos der Orchesterpart. Schreker steht hier in der Nachfolge von Strauss' Salome und Elektra, deren Tonsprache weiter an den Rand der konventionellen Tonalität getrieben wird, und hat eine hochvirtuose Partitur für Riesenorchester in vielfacher klanglicher Aufsplitterung geschrieben. Das ist eine Musik von außerordentlicher Suggestivkraft, eigentlicher Träger der Handlung und viel zu lange in Vergessenheit geraten. Die stärksten Momente hat das Bonner Beethoven Orchester in den Pianissimo-Passagen am Rande des Verlöschens, die Ligetis Klangflächen ahnen lassen und damit weit in die Zukunft verweisen. Die melodischen Elemente baut Blunier wie ferne Zitate in einen dunkel changierenden Strom des Unterbewussten ein. In den blechlastigen Fortissimo-Stellen (die dem Sängerensemble keine Chance lassen) ist das Orchester zupackend und von enormer Präsenz, neigt aber auch dazu, in Einzelstimmen zu zerfallen – ein bei Blunier schon häufiger zu beobachtendes Phänomen. Dennoch ist diese Interpretation gleichermaßen Pioniertat wie Meisterleistung, die vom ersten bis zum letzten Takt mitreißt. Da kann nicht einmal der finale Schlossbrand, sicher der schönste und eindrucksvollste Feuerzauber seit langem, mithalten.
FAZIT:Eine musikalische Entdeckung ersten Ranges, die unbedingt hörenswert ist. Die Regie liefert passende Bilder dazu, ohne alle dramaturgischen Zweifel am Textbuch ausräumen zu können.
Dem zufälligen Halt eines Zuges in der bayrischen Ortschaft Irrenlohe (bei Schwarzenfeld) verdankt Franz Schrekers fünfte abendfüllende Oper ihren Titel. Aufgeweckt durch den Ruf „Irreloh“ schreibt Schreker später von jenem Halt am Dienstag des 25.März 1919 bei seiner Fahrt von Dresden nach Nürnberg, der ihn zu dieser Oper inspirierte. Gewidmet hat er sie seiner lieben Frau Maria. Innerhalb von drei Tagen war das Buch geschrieben, bis zur Uraufführung dauerte es aber dann doch vier Jahre (sie fand am 27. März 1924 in Köln statt). Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Oper nur noch am Theater Bielefeld (1985) und an der Wiener Volksoper (2004) gegeben. So ist es jetzt ein Verdienst der Oper Bonn unter ihrem Generalintendanten Klaus Weise und dem Generalmusikdirektor der Stadt Bonn, Stefan Blunier, die beide ein besonderes Faible für selten gezeigte Werke des frühen 20. Jahrhunderts haben, das „Irrelohe“ nun nah am Ort seiner Uraufführung zu erleben ist. Unterstützt wurden sie hierbei von der Gastdramaturgin Janine Ortiz, die vor zwei Jahren eine lesenswerte, umfangreiche Studie über diese Oper (siehe auch Stücke-Infoseite) vorgelegt hat.Schrekers Opern (wie „Der Ferne Klang“ und „Der Schatzgräber“) wurden zu seiner Zeit öfter als die von Richard Strauss aufgeführt, er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der musikalischen Moderne und doch nehmen seine Werke im heutigen Opernbetrieb nur eine Randstellung ein. Dabei bietet gerade „Irrelohe“ nicht nur ein fesselndes, zeitloses Thema, sondern auch eine einzigartige, entdeckungswerte, fantastische Musik, die Altes wie Neues würdigt. Angesiedelt hat Schreker das Stück im 18. Jahrhundert, zu einer Zeit, wo die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Gleichzeitig weist er gerade aber auch mit seinen komplexen Klangvorstellungen hin zum Expressionismus. Die für Schreker typische Mischung von Märchenfantastik und Milieurealismus findet sich auch hier. Für die Bonner Inszenierung hat Claus Weise das Stück behutsam in ein nicht näher bestimmtes ländliches Osteuropa der neueren Zeit verlegt. Die Schenke der Lola besteht aus modernen Ledergarnituren, mit offenem Hintergrund für den Dorfplatz mit alten LKWs. Im Hintergrund schimmert bedrohlich das Schloss von Irrelohe hervor. In seiner expressionistischen Ausführung erinnert es an das Frontispiz des Klavierauszugs. Wie auch die dortigen Flammen in Form von Fahnen auf der Bühne zu sehen sind. Statt einem Gemach mit Büchern (Heinrich wird eigentlich als Bücherfreund beschrieben), ist vom Inneren des Schlosses eine Art mondäne Garage zu sehen, mit einem schicken Cabriolet Oldtimer im Mittelpunkt (für Heinrich, dem Autonarr; Bühne: Martin Kukulies). Die Gesamtatmosphäre ist unheilvoll, dunkel und düster (Licht: Thomas Roscher). So wie die Musik und die Probleme der Protagonisten. Jeder leidet und kann das Leiden doch nicht überwinden. Die Musik drückt die jeweiligen Gemütszustände stets fast wie ein Spiegelbild aus, wodurch es leicht wird, die Oper zu verstehen. Das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Stefan Blunier ist beim ständigen Wechsel zwischen Klangballungen und kammermusikalischen Introversionen ganz besonders gefordert und bietet alles. Was ob Schrekers Klangfarben und komplexen Klangvorstellungen sehr viel ist. Wie auch die Sänger bis in die kleinste Rolle vollends überzeugen. Vielleicht hat sie alle auch die Tatsache, dass der Premierenabend für eine CD-Produktion aufgezeichnet wurde, zusätzlich motiviert. Roman Sadnik gibt einen leidenschaftlichen, kraftstrotzenden und charmanten Graf Heinrich (im schwarzen Leder wirkt er fast ein wenig wie ein junger und schlanker Mosshammer: Kostüme: Fred Fenner). Mark Morouse gibt dem Peter die passende tragische Note. Bezaubernd und mit leuchtenden Höhen die Eva der Ingeborg Greiner. In weiteren Rollen gefallen u.a.: Daniela Denschlag (Lola) und Mark Rosenthal (Christobald). Der um den Extrachor verstärkte Chor des Theater Bonn hat erst im dritten Akt seinen großen Auftritt, dieser ist dafür dann aber umso imposanter. Eine Ausnahmestellung nimmt die Oper auch im Vergleich zu Schrekers anderen Opern ein, es gibt ein vorsichtiges Happy End (auch wenn Peter im Kampf getötet wurde und das Schloss in hellen Flammen aufging). Im forte fortissimo („mit Wucht und Größe, bewegt, aber doch etwas breit“) beginnt die Schlussszene, die mit dem Übergang des Feuers in rote Glut langsamer wird, dann wieder feierlich, um allmählich gesteigert und sehr breit (so die Anmerkungen Schrekers) das sich gefundene Liebespaar gemeinsam singen zu lassen: „Liebe hat die wilde Glut besiegt, die selige Lohe aus Nacht und Grauen. Nun mag kommen, was kommen mag, in uns ist Sonne, in uns ward es Tag!“. Die dumpfe Sucht ist überwunden, der Erbfluch ist mit dem quasi notwendigen Brand des Schlosses gebrochen, die beiden fahren mit ihrem Oldtimer davon, fast wie im Film („und wenn sie nicht gestorben sind…“). Viel begeisterter Applaus.
Musikjournal/Deutschlandradio (15. November 2010)Ein düster drohendes Schloß, dessen Bewohner im nahegelegenen Dorf gefürchtet werden, ein Familienfluch, Gerüchte und Geheimnisse: Diese Mixtur würde auch für einen Vampirfilm taugen - "Nosferatu" war 1922, zwei Jahre vor der Uraufführung von "Irrelohe", in die Kinos gekommen. Franz Schreker indessen - hier, wie auch sonst, sein eigener Textdichter - bringt den Vampirmythos auf den Punkt: Die Opfer der Grafen Irrelohe werden nicht symbolisch durch einen Biß, sondern handgreiflich sexuell initiiert - ein alter Familienfluch zwingt jeden Erben des Grafentitels, ein Mädchen aus dem Dorf am Tage seiner Hochzeit zu vergewaltigen. Der Trieb, so heißt es, komme dann unausweichlich über ihn, und niemand im Dorf wagt es, sich ihm in den Weg zu stellen. Mit dem aktuellen Grafen Heinrich freilich verhält es sich anders: Ein scheuer Mensch, der die Bücher liebt und sich in Triebsublimierung übt. Ihm fällt des Försters Töchterlein, Eva, freiwillig zu, und selbst, als sie sich ihm ohne Umschweife anbietet, reißt er sich mit Gewalt zurück: "Nein! nicht so! ich will es bezwingen, das brüllende Tier!" Des Grafen Halbbruder Peter hat allerdings ebenfalls Absichten auf die schöne Eva. Er ist der Sohn der Schankwirtin Lola, die einst von des Grafen Vater vergewaltigt wurde - und an ihm erfüllt sich nun der Fluch der Irrelohes: Am Tage ihrer Hochzeit stürzt er sich auf Eva und wird von Heinrich in Notwehr getötet. Schloß Irrelohe geht in Flammen auf. Daß hier Standards der psychoanalytischen Theorie als Trivialmythen durchdekliniert werden, liegt auf der Hand. Grundmodell der Handlung ist Ich-Werdung durch Sublimierung der Triebe. Sigmund Freud lokalisiert sie in jenem Bereich der Psyche, den er "das Es" nennt; seine Schrift "Das Ich und das Es" war übrigens ein Jahr vor "Irrelohe" erschienen. Als Motto setzte Schreker einen Vers von Richard Dehmel über die Partitur: "Aus dumpfer Sucht zu lichter Glut". Ebensogut könnte die bekannte Freud'sche Formel darüberstehen: "Wo ES war, muß ICH werden." Aus dem Gruselschocker wird also unter der Hand ein Psycho-Thriller. Doch auch die Operngeschichte hallt mit vielfältigen Echos in "Irrelohe " nach: Die Prüfungen des Hohen Paares lassen an die "Zauberflöte", der tödliche Bruderzwist samt übermächtiger Mutterfigur an den "Troubadour" denken. Vor allem aber stand Wagner Pate, als dessen legitimen Nachfolger viele seiner Zeitgenossen Schreker ja ansahen: Da ist das Liebesduett zwischen Eva und Heinrich, daß deutlich an Tristan und Isoldes "O sink hernieder, Nacht der Liebe" denken läßt; da ist der Moment, in dem sich Heinrich von Eva losreißt - der 2.Akt Parsifal - "Amfortas! Die Wunde" - ist unverkennbar das Modell; da ist schließlich der Brand des Schlosses - "Götterdämmerung" im wahrsten Sinne des Wortes, denn Schreker räumt mit dieser Szene tatsächlich die ganze Fin-de-siècle-Welt samt ihren Neurosen, Schuldgefühlen, Verdrängungen und Verstrickungen ab. Bis dahin hatten Schrekers Opern stets tragisch geendet, war aus seinen künstlichen Paradiesen und Höllen, zwischen italienischer Renaissance und märchenhaftem Mittelalter, kein Entkommen. Am Ende von "Irrelohe" gehen Eva und Heinrich keineswegs einer - wie es im Programmheft heißt - unsicheren, sondern einer strahlenden, einer lichtvollen Zukunft entgegen: Text und Musik des Schlußduettes sind da unmißverständlich. Und - auch das ist neu - Mann und Frau sind einander ebenbürtig und gleichberechtigt.
Auch in der Musik geht Schreker ungewohnte Wege: Neben den süchtigen Chromatismus und die rauschhafte Farbigkeit seiner früheren Partituren treten jetzt scharf bi- und polytonale Klänge, lineare Stimmführungen, jähe Kontraste von einer zuvor kaum gekannten Drastik. Mitunter wirkt die Musik fast collagenhaft: Tanzmusik und Choralgesang klingt herein, der orgiastische Walzer der Hochzeitsszene läßt, wie Ravels vier Jahre zuvor entstandene "La Valse", nichts Gutes ahnen, die in die chromatisch schleichende Depression Peters von fern hereinklingenden Marschmusikfetzen erinnern an Mahler, an Ives oder Alban Bergs "Wozzeck", und bei den Auftritten des Brandstifter-Terzetts liegt sogar Weill'scher Moritatenton nicht fern. Und doch fällt es nicht auseinander, es wird zusammengefaßt vom Strom des symphonischen Orchestersatzes, der unverkennbar Schrekers Handschrift trägt. Das Orchester ist auch der Hauptakteur der Bonner Aufführung: Nicht allein in den Zwischenspielen, die von Schreker bewußt expansiv angelegt wurden, sondern auch in den Gesangsszenen, in denen die Sänger im Kampf mit den Orchesterfluten mehr als einmal unterliegen. Und doch ist der disziplinierte Klangrausch, den Stefan Blunier im Graben entfesselt, faszinierend: Vom flüsterleisen Streichertremolo über brillant pointierende Holzbläsersoli bis zur massiven Blechattacke ist die Partitur in all ihren, zum Teil geradezu abseitigen Farben und Facetten zu erleben - bis hin zum wahrhaft eruptiven Finale. Bonn bietet ein gutes Ensemble auf. Ingeborg Greiner bleibt der sehr fordernden Sopranpartie der Eva weder die dramatische Attacke, noch den feinen Lyrismus schuldig - inclusive eines schönen, tragenden Piano. Deutlich schwächer ihr Gegenüber, Tenor Roman Sadnik als Heinrich - mit hochgestemmten Spitzentönen und flackernd-unsteter Tongebung. Mark Morouse zeichnet den zwischen dumpfem Brüten und jäher Aggressivität schwankenden Peter mit kraftvollem, aber stets kontrolliert eingesetztem heldischem Bariton. Hinzu kommen Daniela Denschlag mit schlank geführtem Mezzo als Lola, der bewegliche, klar artikulierende Charaktertenor Mark Rosenthal als Christobald und die wuchtigen, von Sibylle Wagner gut einstudierten Chöre.
So stark der Eindruck musikalisch war, so unentschieden wirkt Klaus Weises Regie. Angeblich hat er die Handlung nach Osteuropa verlegt - die Karpaten seien ja "irgendwie immer noch Dracula-Land", verlautet dazu im Programmheft. Zu sehen ist das nicht: Was Bühnenbildner Martin Kukulies auf die Bühne gestellt hat, läßt eher an einen alten Hollywood-Streifen denken. Lolas Wirtshaus ist ein trister Diner mit Panoramascheibe und Edward-Hopper-Anmutung, mit davor geparkten Uralt-Lastwagen und stumpfsinnig vor sich hinstarrenden Gästen. Das düstere Schloß, ein nicht eben imposanter Schattenriß, wird mit einem filmblendenartigen Aufziehen des rückwärtigen Plafonds sichtbar, der Brand am Ende wird mit ein paar fauchenden Gasflammen eher markiert als gezeigt. Wird auch auf Filmwelten angespielt, so hat doch die in diesem Ambiente gezeigte Aktion nicht viel Filmisches: Psychologisch Plausibles ist strikt vermieden, dafür gibt es die aus anderen Weise-Inszenierungen sattsam bekannten, symbolisch überhöhten Tableaux mit ihren ausgestellten großen Gesten. Wenn etwa der triebsublimierende Heinrich seinem schicken Kabrio mehr libidinöse Energie zuwendet, als der Geliebten; wenn Schlägereien und Vergewaltigungen am Rande des Hochzeitsfestes mechanisch durchchoreographiert werden - Menschen als Marionetten ihrer Triebe. Jenseits dessen arbeiten die Figuren sich teilnahmslos durch den Kanon konventioneller Operngestik. Dennoch: "Irrelohe" ist ein Schlüsselwerk der modernen Oper, und es in einer zumindest musikalisch ansprechenden Version erneut zur Diskussion zu stellen, ist ein großes Verdienst des Bonner Theaters.
Der Rhein in Flammen.
Schreckers „Irrelohe“ am bedrohten Theater Bonn
von Rüdiger Heinze
Als der Komponist Franz Schreker 1919 mit dem Zug durch die Oberpfalz reiste, wurde er bei einem Halt der Ortschaft Irrenlohe gewahr. Der Stopp war die Initialzündung zu seiner Oper „Irrelohe“. 1924 uraufgeführt und den deutschen Schreker-Erfolg fortsetzend, wurden Werk und Schöpfer aber von den Nazis verfehmt – mit Folgewirkungen bis heute. Nun hat das Theater Bonn, nachdem Schrekers „Ferner Klang“ 2009 in Augsburg wiederbelebt worden war, „Irrelohe“ eine neue Chance gegeben, und zwar ungeahnt am richtigen Ort zur richtigen Zeit. So, wie im Stück titelgemäß der Wahnsinn flammt, so stehen Bonn und die Bonner Bühne finanziell im Feuer.
Weitere 3,5 Millionen Euro jährlich will der Stadtrat am Theater einsparen, das sind 12,5 Prozent des Etats – nachdem das Ballett bereits eliminiert ist. Und am Wochenende hat Bonns Oberbürgermeister – unabgesprochen mit den Ratsparteien und mit der Theaterleitung – nassforsch nachgelegt, Köln und Bonn könnten sich doch künftig die Musiktheater Aufgaben teilen: Oper in Köln, Ballett in Bonn.
Seinerseits hat das Theater in der ehemaligen Bundeshauptstadt bereits einen Widerstands-Aufruf verfasst, der derzeit allabendlich nach der Vorstellung verlesen wird, also auch nach der finalen Brandstiftung von „Irrelohe“. Es mutet geradezu grotesk an, wenn der Rat Bonn parallel zu den Theater-Sparmaßnahmen auch das Schauvergnügen „Rhein in Flammen“ streichen möchte. Eine aparte Kombination.
Flammen, Triebe, Träume, Obsessionen – das sind die Ingredienzien der Kolportage-Story „Irrelohe“, die einseitig-tödlich im Zweikampf von Halbbrüdern um eine Frau endet. So erfüllt sich binnen 30 Jahren abermals ein Familienfluch, nach dem jeder männliche Nachkomme eines adligen Geschlechts früher oder später über eine Frau herfällt und wahnsinnig wird.
Den (Bonner) Reiz des Werks machen weniger diese Schauermär selbst, weniger auch Klaus Weises narrativer Regie-Transfer der Oper nach Osteuropa aus, als die vertonte Tiefenpsychologie darin und der vertonte Wahn. Wie in Schrekers „Gezeichneten“, wie im „Fernen Klang“ rauscht auch hier das Orchester halluzinatorisch, ja narkotisierend auf – eine ungeheuer gleichfließende, irisierende, changierende Musik, die das Orchester Bonn unter dem Chefdirigenten Stefan Blunier (ehemals Augsburg) adäquat flammend vorträgt. Adäquat flammend sind auch deshalb die rechten Worte, da in der Oper vier reisende Musiker als Feuerteufel auftreten. Welch Metapher für die Zündkraft der Tonkunst!
Die Beethovenstadt Bonn kennt die Wut über den verlorenen Groschen, kennt sie auch die Wut über ein verlorenes Theater?
Nächste Vorstellungen: 2., 19. Dezember, 8., 21. Januar, 5., 19. Februar
Der Klang des Unterbewussten.
Der Komponist Franz Schreker war einst erfolgreicher als Richard Strauss, heute ist er weitgehend vergessen – Bonn zeigt seine Oper „Irrelohe“
Von Frank Pommer
Mit der 1924 uraufgeführten Oper „Irrelohe" zeigt Bonn derzeit ein Werk aus der mittleren Schaffensphase von Franz Schreker. Dessen Kompositionen werden zwar immer wieder und zuletzt auch immer häufiger gezeigt. Für eine richtige Re¬naissance reicht dies jedoch noch nicht – ein Versäumnis. Ein Plädoyer für einen großen Musikdramatiker.
Es ist immer dasselbe Lied, dieselbe Klage: Die Theater zeigen nur einen winzigen Ausschnitt aus dem Opern-Angebot der Musikgeschichte. Drei, vier, fünf Prozent maximal. Es sind die üblichen Verdächtigen: Mozart, Verdi, Wagner, Puccini, Strauss, um nur fünf Namen zu nennen. Es ist das Immergleiche in im¬mer neuen, leider jedoch nicht im¬mer spannenden, interessanten Inszenierungen. Da Neue Musik, also neue, zeitgenössische Oper, meist nur eine Alibifunktion in den Spiel¬plänen übernimmt, muss, wer wirk¬lich Neues anbieten möchte, wenigstens Vorhandenes neu entdecken.
Zum Beispiel Franz Schreker (1878-1934). Repräsentant des frü¬hen 20. Jahrhunderts, was die Sache mit der Wiederentdeckung nicht ge¬rade einfacher macht. Denn während die Partei der historischen Aufführungspraxis immer größer wird und auch eine Schatzgräber-Abteilung unterhält, gibt es auf der Landkarte der Oper des frühen 20. Jahrhunderts noch viele weiße Flecken.
Über allem stehen Puccini und Strauss, vergessen sind die Kreneks, Zemlinskys, Korngolds und wie sie auch immer heißen mögen. Auch Schreker ist kein ständiger Gast auf den Bühnen dieses Landes – obwohl er einst, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, erfolgreicher war als Richard Strauss. Vor allem seine 1920 in Frankfurt – mit drei Uraufführungen eine Art Schreker-Hochburg der 20er Jahre – uraufgeführte Oper „Der Schatzgräber“ katapultierte ihn an die Spitze der musikalischen Avantgarde.
Schreker wurde Direktor der Berliner Musikhochschule, begründete in der Zeit zwischen 1920 und 1932 eine Art Schule der musikalischen Moderne, die unter anderem von Ernst Krenek oder Berthold Goldschmidt durchlaufen wurde. Er war eine der wichtigsten Vertreter des deutschen Musiklebens – und sah sich als Jude bereits vor der Machtübernahme durch die Nazis zunehmend Anfeindungen ausgesetzt. Er wurde zum Rücktritt von seinem Direktorenamt gezwungen, verlor seine Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste, seine Musik wurde als entar¬tet denunziert. Schreker erholte sich nicht mehr von diesem Schlag, der ihm quasi jegliche Möglichkeit nahm, seinem Beruf, seiner Berufung nachzugehen. Gebrochen und zutiefst deprimiert starb er 1934 an den Folgen eines Schlaganfalls.
Wer wissen will, wie das frühe 20. Jahrhundert, wie fin de siécle und Jahrhundertwende geklungen haben, der muss sich nur Schrekers Musik anhören. Es ist – wie beispielswei¬se auch bei Zemlinsky und Korngold – eben auch ein Weg, wie sich die Musik nach Wagner weiterentwickeln konnte, ein Weg zwischen dem Romantiker Strauss und dem Neutöner Schönberg, ein Weg wie ihn Mahler als Sinfoniker zumindest angedeutet hat.
Schreker ist ein Magier des Klangs, ein Klangverzauberer, dessen Werke nicht von thematischen Geflechten sondern von ineinandergeschobenen Klangflächen zusammengehalten werden. Die Atonalität bleibt ihm eine Art verbotene Stadt. Er nähert sich ihr, neugierig, zugleich selbstbewusst. Eindringen wird er nie. Schreker ist Spätromantik pur, was ja nichts anderes heißt, als dass hier impressionistischer Klangfarbenzauber expressionistische Rauschzustände und Klangeruptionen folgt.
In den von Schreker selbst verfassten Libretti dampfen die Gefühle im Dunst typischer Décadence-Themen. Immer geht es um Eros, immer um die – meist krankhaft verformte – Psyche des Menschen; oft genug auch um Künstlertum und damit letztend¬lich um Schreker selbst. Diese Geschichten eines psychologischen Musiktheaters sind von Freud ebenso beeinflusst wie vom kruden Gedanken¬gut eines Otto Weininger, dessen absurd-wirkungsmächtiges Werk „Geschlecht und Charakter“ 1903 erst¬mals erschienen ist. Während „Der ferne Klang“ (1912) nach einer verlorenen Musik als letzte Antwort auf alle Fragen der Existenz sucht, strebt die Titelfigur in „Die Gezeichneten“ (1918) eine Art Elysium der freien, völlig enthemmten Sexualität an.
Man muss diese Stoffe schon in die Gegenwart holen, darf sie nicht in ihrer schwülen Atmosphäre belassen. Das gilt auch für die Oper „Irrelohe“, die derzeit in Bonn gezeigt wird. Diese ebenso fantastische wie erotisch überhitzte Geschichte erzählt von dem Schloss Irrelohe, in dem ein fluchbeladenes Geschlecht haust. Die Vorgeschichte liegt bereits 30 Jahre zurück: Der alte Graf vergewaltigt vor den Augen der gesamten Dorfgemeinschaft Lola, ihr Geliebter Christobald muss tatenlos zusehen. Dieser Gewalttat entsprang Peter, der in der Gegenwart der Handlung die Försterstochter Eva liebt. Wie auch der junge Graf und Peters Halbbruder Heinrich. Es kommt zu neuerlicher Gewalt, zu eruptiv ausbrechender Sexualität – und zur Rache: Das Schloss Irrelohe muss brennen – vereint sind Feuer (Lohe) und Wahnsinn (Irre).
In Bonn verlegt Generalintendant Klaus Weise das Stück in ein zeitlos gegenwärtiges Osteuropa. Eine trostlose Szenerie zwischen abgewrackten LKW und den Schweinehälften der offensichtlich im Freien arbeitenden Metzger. Die Inszenierung legt den Finger zugleich in die knapp unter der Gürtellinie liegende offene Wunde des in nur drei Tagen entstandenen Librettos: Es geht um Triebsublimierung, um unterdrückte, aggres¬siv geprägte sadomasochistische Sexualität. „Sie liebten sich krank, sie liebten sich tot“, heißt es im Textbuch – und Freud und die Jahrhundertwende lassen grüßen, auch wenn das Werk mitten in den Zwanzigern entstand, die längst von der Neuen Sachlichkeit beherrscht wurden.
Die Musik dazu ist ein einziger Rausch. Generalmusikdirektor Stefan Blunier schwelgt mit dem Beethoven-Orchester Bonn geradezu in dieser Musik, die stellenweise so klingt, als habe sie ein deutscher Puccini komponiert, der jedoch die gesamte Wiener Moderne verinnerlicht hat. Schreker ist in seinen besten Augenblicken Überwältigung pur – und tatsächlich besser als Strauss.
TERMINE
„Irrelohe", Oper Bonn,19. Dezember, 8., 21. Januar, 5., 19. Februar. Karten: 0228/778008
Feuer und Wahn.
Irrelohe in der Oper Bonn
Der Komponist Franz Schreker (1878 – 1934) war ein Autofan. Die Idee zu seiner 1924 in Köln uraufgeführten Oper Irrelohe kam ihm bekanntlich bei einer Eisenbahnfahrt. Das frühe 20. Jahrhundert war das Zeitalter der beschleunigten Mobilität. Die Bühne von Martin Kukulies wird entsprechend dominiert von alten LKWs, offenbar betreibt die Schankwirtin eine Fernfahrer-Raststätte irgendwo im ländlichen Osteuropa, wo die Zeit stehengeblieben ist und im Hintergrund eine Art Dracula-Schloss namens „Irrelohe“ droht.
Feuer ist das zentrale Motiv in der Oper Irrelohe, zu der Schreker auch das Libretto verfasste – Feuer, das zerstört und reinigt. Freuds Psychoanalyse war noch jung, als das Werk entstand. Um sexuelle Triebhaftigkeit, wildes Verlangen, Gewalt und Destruktion und die Sehnsucht nach moralischer Ordnung geht es in diesem Musiktheater, das Generalintendant Klaus Weise mit feinem Gespür für die psychischen Abgründe der Figuren inszeniert hat.
Ein Fluch lastet auf dem Grafengeschlecht von Irrelohe. Alle männlichen Nachkommen fallen zwanghaft über junge Bräute aus dem Dorf her und werden wahnsinnig. Der verblühten Schönheit Lola passierte es vor dreißig Jahren an ihrem Hochzeitstag. Der inzwischen verstorbene alte Graf von Irrelohe vergewaltigte sie vor den Augen ihres Bräutigams Christobald und der versammelten Festgesellschaft. Christobald ließ sie sitzen mit ihrem bei der grausamen Tat gezeugten Sohn Peter. Jeden Abend singt Lola, mit tiefem Mezzosopran wunderbar verkörpert von Daniela Denschlag, ein melancholisches Walzerlied und schaut verträumt zum Schloss, mit dem ihr Unglück begann. Seit dem Verbrechen brennt es jedes Jahr irgendwo im Dorf.
Der vaterlose Peter hilft seiner Mutter in der Kneipe. Der Bariton Mark Morouse spielt und singt diesen traumatisierten Außenseiter, der von Lola immer auch als Schandfleck betrachtet wird, zutiefst berührend. Peter begehrt die schöne Försterstochter Eva, die ihn seit ihrer Kindheit kennt und leidenschaftslos mag, aber wegen seiner unbekannten Herkunft nicht heiraten will. Ingeborg Greiners großer Sopran blüht auf, wenn Eva dem jungen Grafen Heinrich begegnet. Peter hat inzwischen voller Schrecken nicht nur erfahren, dass das Irrelohe-Feuer in ihm selbst brennt, sondern auch, dass sein gräflicher Halbbruder seiner Geliebten nachstellt.
Christobald ist zurückgekehrt und will die Schmach rächen, die der alte Graf ihm (Lolas Schicksal scheint ihn weniger zu interessieren) einst angetan hat. Der Tenor und brillante Spieler Mark Rosenthal verkörpert hervorragend diesen leicht verlotterten, versoffenen Macho, der sich als Hochzeitsmusikant durchs Leben schlägt und gelegentlich Brand stiftet. Verbündet hat er sich mit den drei Zündlern Fünkchen (Valentin Jar), Strahlbusch (Piotr Micinski) und Ratzekahl (Ramaz Chikviladze), die als Musiker getarnt ihr Unwesen treiben. Schloss Irrelohe und den Grafen Heinrich haben sie diesmal im Visier. Eva kommt ihnen auf dem Parkplatz hinter der Schenke auf die Schliche und will den Grafen warnen. Zu ihm zieht sie seit der ersten Begegnung eine geheimnisvolle Sehnsucht.
Heinrich – die schwere Tenorpartie singt als Gast der international gefragte Roman Sadnik mit lyrischem Schmelz und fabelhafter dramatischer Ausdruckskraft – lebt einsam in seinem Schloss. Verzweifelt will er dem Familienfluch widerstehen, doch die Leidenschaft hat ihn unbarmherzig gepackt. Auch die für schicke Autos, die er mangels anderer Objekte seines erotischen Verlangens geradezu anzubeten scheint. Ein glänzendes silbergraues Oldtimer-Cabrio (für Wissbegierige: ein billig vom Theater ersteigerter Talbot Baujahr 1954, für den großen Auftritt hergerichtet in den Theaterwerkstätten) versteckt sich unter dem schwarzen Tuch, das Eva irgendwann wegzieht. Hinter diesem Wagen legt der rasende Heinrich Eva flach und besinnt sich erst, als sie sich ihm freiwillig als Opfer anbietet. Heinrich muss Eva nicht mehr erobern; sie gehört ihm schon. Die irre Lohe wird zur sanften Lohe in dem großen Liebesduett, in dem deutlich Wagners Tristan und Isolde anklingt. Auf einer Drehscheibe kreist das Traumauto, in dessen Polstern das Paar in seligem Jubel versinkt.
Zur Hochzeitsfeier des Grafen und der Dorfschönheit Eva, die natürlich nicht grundlos diesen urweiblichen Namen trägt, finden sich Chor, Extrachor (wie immer bestens vorbereitet von Sibylle Wagner) und eine solche Menge Statisten ein, dass man angesichts des bunten Volksgewimmels (über 100 Kostüme hat Fred Fenner entworfen) die Gefahr fast aus den Augen verliert. Der zornige Peter will sich die Geliebte nicht nehmen lassen, greift in blinder Wut seinen Bruder und Nebenbuhler an und wird von diesem in Notwehr erwürgt. Die Zündler haben währenddessen ganze Arbeit geleistet. Die Pyrotechniker der Oper auch: Einen solch eindrucksvollen Brand wie den von Schloss Irrelohe kriegt man auf der Bühne selten zu Gesicht. Heinrich und Eva steigen erlöst in ihren blinkenden Straßenkreuzer. Ob ihre Ehe nach dem Brudermord glücklich wird, bleibt dahingestellt.
In Nebenrollen bewähren sich Rafael Bruck/Giorgos Kanaris (Anselmus), Martin Tzonev (Förster), Boris Beletskiy (Pfarrer), Johannes Marx (Müller) und Josef Michael Linnek (Lakai).
Fraglos der wichtigste Akteur ist jedoch das riesig besetzte Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Generalmusikdirektor Stefan Blunier. Die Musik ist großes Kino für die Ohren. Sie kommentiert die brennenden Gefühle eindringlich, steigert sich in wild tobende Klangräusche und feinstes, kaum noch hörbares Pianissimo-Flackern. Sie ist romantisch bis zur Schmerzgrenze und expressiv bis zum Wahnsinn, den sie in dieser Schauergeschichte ständig durchschimmern lässt. Blunier ist der Regisseur am Dirigentenpult, arbeitet subtile psychologische Details heraus und entfacht im Orchestergraben eine vielfarbige Leuchtkraft, die Schrekers Irrelohe zu einem Ereignis macht, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen darf.
Gesungen wird sehr textverständlich. Dennoch gibt es eine Übertitelung; die neue, gut lesbare Anlage bestand bei der Premiere sozusagen ihre Feuerprobe. Eine CD-Gesamtaufnahme der grandiosen Bonner Irrelohe-Aufführung ist bereits in Arbeit.
E.E.-K.
Die Repertoirepolitik Stefan Bluniers an der Oper Bonn trägt neue Früchte: d’Alberts „Golem“ (Premiere im vergangenen Januar) liegt frisch auf CD vor, Franz Schrekers „Irrelohe“ wird ebenfalls herauskommen. Soeben ging die Neuinszenierung über die Bühne, 25 Jahre nach der vielgerühmten Bielefelder Wiederentdeckung.
Von Schreker sieht man noch am ehesten „Der ferne Klang“ oder „Die Gezeichneten“, dabei sind Story und Personal ähnlich eigenwillig wie bei „Irrelohe“. Auf dem gleichnamigen Schloss begann ein großes Unglück. Der inzwischen verstorbene Graf vergewaltigte am Tag seiner Hochzeit die junge Lola, welche nach 30 Jahren ihrem unehelichen Sohn Peter noch immer nicht die Wahrheit sagen will. Doch dieser erfährt sie von Christobald, dem einstigen Geliebten Lolas und Zeuge des Vergehens. Sein einziges Racheziel es ist jetzt, das Schloss in Schutt und Asche zu Legen. Bevor es dazu kommt, ermordet der legale Grafensohn Heinrich seinen ihm unbekannten Halbbruder beim Streit um die schöne Eva. Nur Gutes wollte er tun, und jetzt klebt Blut an seinen Händen.
Die vom Komponisten selber getextete Oper (1924 in Köln uraufgeführt) häuft Schuld, Ungewissheit, Angst. Die schicksalhaften Verwicklungen besitzen nachgerade antikes Ausmaß. Schreker, den man gerne als Sexualpathologen ächtete, durchmischte die Geschichte zusätzlich mit Momenten von Triebhaftigkeit. Ob Eva, die sich im Mittelakt mit Heinrich in ein extatisches, aber „reines“ Liebesduett hineingesteigert hatte, wie Brünnhilde bei Wagner eine moralische Reinigung, wird sich zeigen müssen. Klaus Weises Inszenierung lässt zumindest Lola als zerstörte Figur auf der Bühne zurück.
Insgesamt gibt sich die sauber arbeitende Regie eher dezent, setzt kaum wirkliche Schlaglichter. Bei der Begegnung Eva/Heinrich erwärmt sie sich merklich, das Finalbild mit dem Schlossbrand besitzt theatralischen Effekt. Diverse Autos (Lastwagen, Limousine) kennzeichnen das Leben auf verschiedenen Standesebenen. Mehr erfährt man durch Martin Kukulies’ Dekor aber nicht.
Dafür schürt Stefan Blunier die Gluthitze in Schrekers Musik, die mit Kontrastwirkungen (tonale Klangteppiche, dissonante Bizarrerien) ähnlich operiert wie „Elektra“ von Strauss. Das Beethoven Orchester reagiert philharmonisch. Treffsichere Besetzungen sind Daniela Denschlag (Lola) und Roman Sadnik (Heinrich), in gesteigerter Form Ingeborg Greiner (Eva) und Mark Morouse (Peter).
Christoph Zimmermann
Man mag es kaum glauben, aber in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Franz Schrekers Opern fast so häufig gespielt wie die von Richard Strauss, doch nach dem Verdikt der Nazi-Herrscher konnten sie sich nach 1945 nicht wieder auf den Bühnen etablieren; es kam wohl auch hinzu, dass ihr expressionistischer Habitus nicht mehr in die damalige Theaterlandschaft passte. Inzwischen hat man Schreker sozusagen „wiederentdeckt“, und in Bonn wagte man sich mit der 1924 uraufgeführten „Irrelohe“ an eine der seltensten Stücke aus Schrekers Oeuvre. Und siehe da: In einer auf allzu eigenwillige Ausdeutung verzichtende Inszenierung durch den Bonner Intendanten Klaus Weise und mit – bis auf eine wichtige Ausnahme – hauseigenen Sängern brachte man dieses Musikdrama, in dem tiefenpsychologische Bezüge gleichsam ans Tages- oder besser: Nachtlicht gehoben werden, zu überzeugender Wirkung sowohl szenischer wie auch musikalischer Art, und hätte sich Stefan Blunier am Dirigentenpult gelegentlich etwas mehr zurück gehalten, wären auch die Sänger hier stets zu voller Geltung gekommen. So aber hatten sie’s zeitweise doch arg schwer, sich Gehör zu verschaffen, denn Schrekers großes und vielfarbiges Orchester droht sie nicht selten zu übertönen, wenn man ihm nicht die Zügel straff anlegt. In den Hauptrollen glänzten Ingeborg Greiner, Daniela Denschlag und Mark Morouse neben dem aus Wien kommenden Tenor Roman Sadnik in der Rolle des fluchbeladenen Schlossherren, der dieser Partie zur größtmöglicher Ausdrucks-Intensität verhalf. Sadnik war es auch gewesen, der in der Einführungsmatinee ganz offen von der Affinität der Wiener zum „Kitsch“ sprach und damit den Nagel auf den Kopf traf. Gehört Schrekers Dramatik – cum grande salis – auch wohl zu dieser Kategorie, so ist sie doch vom Feinsten und Besten, das man sich davon erhoffen mag, und die Bonner Produktion liefert – bis hin zu dem edlen historischen Cabriolet auf der Bühne – alles, was Herz und Sinn begehrt. gd
Der Neue Merker (11. November 2010)Geheimnisvoll Seelisches ringt nach musikalischem Ausdruck Franz Schrekers IRRELOHE in Bonn
Epochale Produktion und Wiederentdeckung eines Genies. Premiere am 7.11.2010
„Ich verneine nur den allzu deutlichen differenzierbaren Klang und möchte im Dienste der Oper nur ein Instrument anerkennen: das Orchester selbst!“ (Franz Schreker)
Man erlaube mir einen kleinen Schreker-Diskurs, den ich für sehr wichtig halte, um die rauschhafte Musik und den Komponisten zu verstehen. Ich werde dann fließend und übergangslos zu dieser phänomenalen Bonner Irrelohe-Produktion kommen.
Typisch Schreker! Kein Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung … Immer geht die Reise hinab in die dunklen Untergeschoße der menschlichen Triebe, wo die Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund Freuds treibt die Handlung in dem vom Komponisten selbst verfassten Libretti voran, und über allem lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch aufrauschenden Musik (Claus Spahn).
Sex and Crime, Drugs & Alcohol – um mit heutigen Worten zu sprechen; bei den „Gezeichneten“ wäre sogar das englische Wort „Gangbang“ (= Rudelbumsen) durchaus adäquat für einzelne Handlungselemente zu benennen; intrinsische Motivation für Regisseure, durchaus einmal simplen Voyeurismus zu bedienen. Doch Schreker hatte Glück, Gott-sei-Dank vergingen sich, zumindest in den letzten 30 Jahren, die ich überblicken kann, keine Bühnenberserker allzu sehr an ihm. Selbst Kusej (mittlerweile Garant für Schießer-Unterwäsche-Werbung) wagte in Amsterdam und Stuttgart bei seinen Gezeichneten nicht jenen Berg real nackter Leichen, der bei Kurt Horres in Düsseldorf zum wahren Volksaufstand und Auszug „anständiger Operngänger“, führte – man regte sich seltsamer Weise damals an der Rheinoper noch mehr über die drei Zwergschwänchen auf, die brav im Tümpelchen Elysium herumschwimmen durften. Auf den Tierschutzverein ist halt immer Verlass. Und das ist gut so! (Paragraph 2 in meinem demnächst erscheinenden „Ratgeber für Opern-Jungregisseure, um in Deutschland Karriere zu machen“).
Immerhin waren in den zwanziger Jahren Schrekers Opern die meistgespielten Werke an deutschen Bühnen. Vergesst Wagner – wir haben Schreker! hieß es damals allerorten. Dazu schrieb Ernst Lert, 1920: "Die Darstellung Wagners ist die dramatische Inkarnation der Musik – die Darstellung Schrekers lyrische Symbolisierung der Musik".
Auf dem Höhepunkt seiner Kariere wurde Schreker von den Nazischergen aus allen Ämtern vertrieben. Bereits 1934 starb starb der große Franz Schreker, 56-jährig viel zu früh, im Zwangsruhestand an sprichwörtlich „gebrochenem Herzen“. Die Wiederentdeckung und Rehabilitation seiner verbrannten Noten war sowohl in seinem Heimatland Österreich, als auch in Deutschland danach recht sporadisch, eher mangelhaft. Ausgehend vom kleinen aber feinen Örtchen Bielefeld fand 1985 durch John Dew (Intendant: Heiner Bruns) die erste wirkliche Schreker Renaissance statt. Zur IRRELOHE-Premiere am 8.Dezember 1985 hatten sich weit über 200 Journalisten aus der ganzen Welt in dem kleinen Opernhaus angemeldet, so daß eine zweite Premiere eingerichtet werden musste. Der furiose Erfolg (trotz völliger aber inhaltlicher Umgestaltung und Neu-Deutung des Werkes!) führte dazu, dass in Bielefeld und nachfolgenden NRW-Häusern in den nächsten Jahren fast alle Schreker-Opern mit großem Erfolg wieder aufgeführt wurden. Bielefeld wurde damals zum Welttheater. Mit Cynthia Makris (Eva) erlebte ich damals das erste Mal eine Sängerin völlig nackt auf einer Bühne. Ihre skandallose, Voyeure eben nicht bedienende, brillante Darbietung führte am Ende zu Standing Ovations ohnegleichen. Ich wird es nie vergessen! Sternstunde der Operngeschichte.
Doch lassen wir den Meister selber zu Worte kommen: „Szenische Vorgänge nach meiner Ansicht auch dem naiven Hörer sofort eingänglich, der Text knapp, sich auf das Notwendigste beschränkend, um der Musik desto größeren Spielraum zu gewähren, der Genesis des Werkes entsprechend aus dem Klang eines Wortes eine Handlung für Musik gestaltet … Primitive Gefühle, Liebe, Eifersucht, Haß, eine Diktion, die in ihrer Einfachheit das Gedächtnis des Sängers nicht allzu sehr belastet (was stets auf Kosten des Gesangs sich auswirkt), gerade Linien, abgeschlossene Formen, und unbedenklicher Verzicht auf Wahrscheinlichkeit … Der sparsame Text gestattet die Dehnung des Wortes zum klingenden gesungen Ton, sein vollständiges Verstummen gebiert das sprechende und selbständig in das Drama eingreifende Orchester. Dieser letztere Umstand gestattet mir auch weitgehenden Verzicht auf den schweren, vollen, deckenden Orchesterklang zur Begleitung der Gesangsstimme, da das Orchester in den Zwischenspielen Raum genug hat, sich auszuleben" (Franz Schreker, 1924)
Meine musikalische Idee? Ich habe keine. Ich schreibe planlos. Was mir einfällt ist da. Nur ich komme von der Musik her. Meine Einfälle haben wenig „Literarisches“. Geheimnisvoll –Seelisches ringt nach musikalischem Ausdruck … Welche Kunst aber wäre befähigter, dieses geheimnisvolle Werden, dieses sich Wandeln unter im Unterbewusstsein schlummernden, triebhaften Einflüssen vollkommener zum Ausdruck zu bringen als eben diese Musik … Motive werden zu Themen, Themen weiten sich zu zum musikalischen Klangbau … Klänge, nur ein Klang! Nur Klänge! Wüßten die Nörgler, welche Ausdrucksmöglichkeiten, welch unerhörten Stimmungszauber ein Klang, ein Akkord in sich bergen kann!
Glück oder Zufall – jedenfalls ein, nicht nur für Schreker-Fans, beglückendes Ereignis ist die Tatsache, dass Stefan Blunier seit dem 1.Januar 2009 GMG an der Bonner Oper ist. Seit diesem Tag hat das Beethovenorchester Bonn einen Aufschwung genommen, wie nie zuvor. Frankfurt, Essen, München, Bonn. Mittlerweile zählt das Orchester auch unter Kritikern zu den Top Four in Deutschland. Daß es nach der exorbitanten TURANDOT (der OF berichtete ausführlich!) noch eine Steigerung geben könnte, schien unvorstellbar. Stefan Blunier ist ein klangvirtouser Orchestermagier (vergleichbar höchstens noch mit Lenny Bernstein), keiner der Musik trocken analysiert und intellektuell zerlegt wie z.B. Gerd Albrecht oder Harnoncourt; Blunier ist kein Dirigent, der das Kammermusikalische in Wagner, Puccini, Korngold oder Schreker sucht.
Blunier ist ein Genius des großen Klanges, des dicken Strichs, eines geradezu überwältigenden Orchesterklanges. Ein Meister des vollen Sounds, des großvolumigen Klangteppichs. Sein Dirigat kommt - wie bei Bernstein - aus dem Herzen, voller Emotionalität entsteht ein schwelgerisches, beinah rauschhaftes Klangbild. Was könnte besser zu Franz Schreker passen? Das ist der Dirigent auf den Schreker-Freunde Jahrzehnte gewartet haben. Da ist die von mir zur Vorbereitung benutze, übrigens einzige Gesamt-CD-Aufnahme der Oper mit den Wiener Symphonikern unter Peter Gülke, friedvolle Kindergartenmusik. Blunier läßt das Feuer brennen. Wenn das Schloss Irrelohe von Regisseur Klaus Weise auf der Bühne veritabel und furchteinflößend im Finale abgefackelt wird, knistert das Feuer aus dem Orchestergraben in ungeheurer Vehemenz und tonmalerischer Überwältigung und es ist das erste Mal, daß man im ausklingenden Orchesterfinale die Geigen wirklich weinen hört. Besser ist die elysische Klangwelt Schrekers selten zuvor gespielt worden. Gut, daß diese Ausnahme-Produktion auf Silberscheiben parallel aufgezeichnet wurde.
Regisseur Weise bleibt sehr werktreu an Text und Libretto. Seine Szene spielt im Nirgendwo eines fiktiven Transsilvanien oder im faschistischen Italien (rote Fahnen) – schwer einzuordnen. Duster liegen Kneipe und Kreuzweg vor dem drohend unwirtlich in die Szene ragenden Schloss Irrelohe, welches sich vom schemenhaften Schatten bis zum finalen Finalbild unmerklich verwandelt – eine großartige Bühnengestaltung von Martin Kukulies. Dazwischen immer wieder historische Magirus Deutz LKWs, schon beinah choreographisch drapiert. Daß Heinrich einen Horch (Nachbau?) fährt ist fast selbstverständlich. Aber irgendwie bleibt die ganze Szene stets unheimlich. Es scheint in der Dorfrealität keine Polizei zu geben, alles regelt wohl die Mafia, die Zigeunerehre (den Kostümen nach) oder der Schlossherr. Düster drohende Schatten und Nebel – es würde nicht verwundern, wenn der Schlossherr gleich als Wehrwolf erscheint. Prachtvoll und irritierend die Bühne – genial passend zur irisierenden Musik Schrekers.
Bei Schreker gibt es kaum richtige Arien (Ausnahme: „Einst war ich schön“ – Lola, erster Akt), dadurch werden die Sänger extrem gefordert, oft aus dem Stand ins sofortige Fortissimo gezwungen bzw. sie müssen Linien singen, die sich nicht direkt aus der Musik, den Noten ergeben. Schreker erfordert allerhöchste Konzentration. Daß die Bonner Oper alle vier Protagonisten aus dem eigenen Haus besetzen kann, spricht für vorbildliche Ensemble-Pflege. Und was Ingeborg Greiner (Eva), Daniela Denschlag (Lola), Roman Sadnik (Heinrich) und Mark Morouse (Peter) an diesem Abend leisten, ist ungeheuerlich. Auch die Comprimarii waren trefflich besetzt. Die, wie gewohnt, sichere Chorleistung, auch vom Extrachor, garantierte Sibylle Wagner. Die stets ein wenig an folkloristischen Zigeunerlook angelehnten Kostüme waren von Fred Fenner treffend gestaltet – ein schönes Pendant zur finsteren Bühne; aber auch Reminiszenz an den blumigen Katalog-Kitsch der 50-er Jahre.
Die Inszenierung von Klaus Weise gehört für mich mit Abstand zu seinen besten und überzeugendsten Arbeiten in Bonn. Spannung vom ersten Moment an war garantiert. Hervorragende Personenführung und auch der Umgang mit den Chormassen stimmte. Ein Mega-Abend an der Bonner Oper. Hinfahren! Für Schreker-Fans mehr als ein Muß, denn endlich hören wir einmal kompromisslos und auch ungekürzt, was Franz Schreker uns mit dieser Musik wirklich sagen wollte. Eine schier ungeheuerliche orchestrale Leistung! Schon fast ketzerisch – nachdem ich so gut wie alles, was es von Schreker gibt, auf CD habe und auch praktisch alle erhaltenen Opern gesehen habe, erlaube ich mir zu sagen: Das ist es! Das ist zur Zeit das Maß der Dinge an beglückender Schreker-Interpretation. Besser geht es nicht! Der pure Wahnsinn.
Peter Bilsing – 11.11.2010
Nächste Termine: www.theater-bonn.de
Sa. 08.01.11 19:30 Uhr / Fr. 21.01.11 19:30 Uhr
Sa. 05.02.11 19:30 Uhr / Sa. 19.02.11 // 19:30 Uhr
Bluniers Triumph.
Die Repertoirepolitik Stefan Bluniers trägt neue Früchte: d’Alberts Golem (Premiere Januar 2010) liegt auf CD vor, Schrekers IRRELOHE wird ebenfalls herauskommen. Zunächst aber interessiert die Bühnenproduktion, die erst dritte in jüngerer Zeit nach Bielefeld (1985) und Wien (2004). Von Schreker sieht man noch am ehesten Der ferne Klang oder Die Gezeichneten, dabei sind Story und Personal ähnlich eigenwillig wie bei Irrelohe. Auf dem gleichnamigen Schloss begann ein großes Unglück. Der inzwischen verstorbene Graf vergewaltigte am Tage seiner Hochzeit die junge Lola, welche nach 30 Jahren ihrem unehelichen Sohn Peter noch immer nicht die Wahrheit sagen will. Doch dieser erfährt sie von Christobald, dem einstigen Geliebten Lolas und Zeugen des Vergehens. Sein einziges Racheziel es jetzt ist, das Schloss in Schutt und Asche zu legen. Bevor es dazu kommt, ermordet der legale Grafensohn Heinrich seinen ihm unbekannten Halbbruder beim Streit um die schöne Eva. Nur Gutes wollte er tun, und jetzt klebt Blut an seinen Händen.
Die vom Komponisten selber getextete Oper häuft Schuld, Ungewissheit, Angst. Die schicksalhaften Verwicklungen besitzen nachgerade antikes Ausmaß. Schreker, den man gerne als Sexualpathologen ächtete, durchmischt die Geschichte zusätzlich mit Momenten erotischer Triebhaftigkeit. Ob Eva, die sich im Mittelakt mit Heinrich in ein tristaneskes Liebesduett hineingesteigert hatte, wie Brünnhilde bei Wagner eine moralische Reinigung, eine Entlastung von Fluchbeladenheit gelingt, wird sich zeigen müssen. KLAUS WEISEs Inszenierung lässt zumindest Lola als zerstörte Figur auf der Bühne zurück. Insgesamt gibt sich die sauber arbeitende Regie eher dezent, setzt kaum wirkliche Akzente. Bei der Begegnung Eva/Heinrich erwärmt sie sich merklich, das Finalbild mit dem Schlossbrand besitzt theatralischen Effekt. Die Ausstattung wirkt freundlich-neutral. Diverse Autos (Lastwagen, Limousine) kennzeichnen das Leben auf verschiedenen Standesebenen. Mehr erfährt man durch MARTIN KUKULIES’ Dekor aber nicht.
Dafür schürt STEFAN BLUNIER die Siedehitze von Schrekers Musik, die mit Kontrastwirkungen (tonale Klangteppiche, dissonanten Bizarrerien) ähnlich operiert wie Elektra. Das Beethoven Orchester reagiert philharmonisch. Treffsichere Besetzungen sind DANIELA DENSCHLAG (mezzoschöne Lola) und ROMAN SADNIK (als Heinrich tenoral markant, aber immer genügend lyrisch) in gesteigerter Form INGEBORG GREINER (sie gibt die Eva verzehrend) und MARK MOROUSE (Peter), fast schon ein „Spezialist“ für emotional extrem gelagerte Partien. Auch das restliche Ensemble (Christobald: MARK ROSENTHAL, die Musikanten: VALENTIN JAR, PIOTR MICINSKI, RAMAZ CHIKVILADZE) wartet mit markanten Porträts auf.
Grandiose Schauer.
Das Bonner Opernhaus hat Franz Schrekers „Irre¬lohe“ ausgegraben und damit ein Schlüsselwerk der Moderne neu entdeckt. In der Nazizeit wurden die Opern des Halbjuden Schreker als „entartet“ gebrandmarkt, und so verschwand auch das Stück mit dem schauderhaft schönen Titel in der Versenkung. Von der Renaissance der Schreker-Opern seit den acht¬ziger Jahren profitierte die späte „Irrelohe“ bislang wenig. Eine überfällige Wiederentdeckung also und kein Zufall, dass das Stück in Bonn herauskam. Intendant Klaus Weise und Generalmusikdirektor Stefan Blunier haben die Pflege der klassischen Moderne zum Programm erklärt und bereits mehrfach Raritäten auf die Bühne gebracht.
Erzählt wird eine zwischen Schauerromantik und Erotikthriller oszillierende Geschichte. Das Grafengeschlecht Irrelohe steht unter einem Fluch: Die männlichen Nachkommen fallen zwanghaft über Frauen her und werden wahnsinnig, Dreißig Jahre ist es her, dass die Schankwirtin Lola vom Grafen vor den Augen der Dorfgemeinschaft vergewaltigt wurde. Ihr Sohn Peter ist ein Außenseiter, Lola hat ihm seine Herkunft verschwiegen. Der scheue junge Mann liebt die Försterstocher Eva, auf die jedoch auch der junge Graf Heinrich – Peters Halbbruder – ein Auge geworfen hat. Zu dieser fatalen Figurenrunde gesellt sich un¬verhofft noch Christobald, Lolas damaliger Geliebter, der endlich die alte Schmach sühnen will. Am Ende brennt zwar nicht die ganze Welt, wohl aber züngeln Flammen aus Schloss Irrelohe.
Es sind zerrissene, traumatisierte, schuldhaft verstrickte und mit dunklen Trieben ringende Figuren, die Schreker als sein eigener Librettist unter dem Einfluss der noch jungen Psychoanalyse formte. Visionär zeigt er neben den zerklüfteten Einzelcharakteren die Dorfgemeinschaft als dumpfe, gewaltbereite Masse, in der das kollektive Verschweigen gefährlich rumort.
Die Musik ist von sinnlicher Wucht und fungiert als Bewusstseinsstrom der Figuren. Mal spätromantisch blühend, dann schneidend dissonant tönt es aus dem Graben. Manchmal wagnert es, dann wieder klingt es expressionistisch eckig, gelegentlich wird man an dräuende Filmmusik der großen Hollywood-Zeit erinnert. Stefan Blunier bändigt den monströsen Orches¬terapparat souverän, lässt Schrekers fiebrige Ekstasen glühen und entlockt, dem Beethovenorchester schil¬lernde Farben.
Regisseur Klaus Weise siedelt das Geschehen in nicht näher bestimmter Vergangenheit irgendwo in Osteuropa an. Bühnenbildner Martin Kukulies hat im Hintergrund ein schemenhaftes Schloss errichtet, das an Gruselschocker des expressionistischen Films erinnert. Auf der Bühne stehen historische Lastwagen und später ein Oldtimer-Cabriolet. Lolas Schänke könnte ein Truckertreff sein. Anfangs baumeln im Hintergrund Schweinehälften, Metzger mit blutigen Messern lau¬fen umher. All das schafft eine surreal bedrohliche Atmosphäre, für ein schlüssiges Konzept bleiben die Ideen zu diffus.
Exzellent bewältigen die Sänger ihre halsbrecherischen Partien: allen voran Ingeborg Greiner als Eva mit dunkel timbriertem Sopran und leuchtenden Höhen und Roman Sadnik als Graf Heinrich mit fulminanter Tenor-Präsenz. Mark Morouse ist ein sonor¬kerniger Peter. Daniela Denschlags Lola und Mark Rosenthals Christobald runden die herausragende Ensembleleistung. Mitreißend klingt der Chor. Keine Frage: eine wichtige Aufführung.
Regine Müller
Ein fast vergessenes Werk der Opernliteratur sorgt in der beschaulichen Universitätsstadt am Rhein für unheimliche Atmosphäre: der Dreiakter „Irrelohe“ von Franz Schreker. Diesem 1924 komponierten Stück, als „Entartete Kunst“ im Dritten Reich von deutschen Bühnen verbannt, blieb auch nach seiner Rehabilitierung der große Erfolg verwehrt. Punktuell aufblitzende Wiederentdeckungsversuche ließen keine würdige Renaissance folgen, obwohl das Opus alles besitzt, was zu einem dramaturgisch fesselnden Opernabend gehört: eine packende, überschaubar konzipierte Story und dazu eine Musik, die durch eine sich steigernde Sogwirkung fasziniert und über das Unterbewusstsein elektrisiert. Schrekers lautmalerische Komposition ist am Bonner Opernhaus bei GMD Stefan Blunier jedenfalls in den besten Händen. Das souveräne Spiel mit den unheilvollen Botschaften der schlichten Leitthemen vermittelt sich unmittelbar und spannend, das Beethoven-Orchester taucht sensibel psychologisierend in die Seelentiefen der Helden und präsentiert die überbordenden Gefühle und entromantisierten Charakteranalysen in herber Opulenz. Richard Wagners Einfluss bleibt unüberhörbar, doch Franz Schrekers künstlerische Emanzipation vom großen Vorbild arbeitet Blunier mit ungeschminkter Klarheit und feinem Gespür heraus.
Der Titel „Irrelohe“ assoziiert bereits in seiner Wortschöpfung, worum es in der Oper geht: um Wahnsinn und Schizophrenie, um brennende Liebe und zerstörerische Flammen. Das Grafengeschlecht auf Schloss Irrelohe ist seit Urzeiten verflucht zu triebgesteuerter Gewalt. Opfer einer ihrer Vergewaltigungen war auch die Schankwirtin Lola. Seit dieser ungerächten Tat brennen alljährlich in dem Dorf rund um Irrelohe gezündelte Feuerherde. Lolas Sohn Peter, nicht wissend, dass er ein Grafenbastard ist, begehrt Jahre später die Försterstochter Eva, doch die verliebt sich in den jungen Grafen Heinrich, der zurückgezogen auf dem Schloss lebt. Bei der Hochzeit der beiden fällt der Fluch aber auf Peter, der sich seine Jugendliebe mit Gewalt zurückholen will. Heinrich erwürgt den Halbbruder, Lolas ehemaliger Verlobter Christobald brennt Irrelohe nieder, das Liebespaar startet in ein ungewisses, aber freies Leben.
Regisseur Klaus Weise wählt in seiner Inszenierung einen Kompromiss zwischen werktreuer Nacherzählung und zeitlich und örtlich unklar fixierter Modernisierung. Dadurch bleibt die Umsetzung vorerst indifferent allgemeingültig. Doch dieser Regieansatz hat System: Irrelohe ist letztlich überall, eine zerstörerische Bewusstseinsspaltung steckt in jedem Menschen, davor davonlaufen kann keiner. Der beängstigende Schluss spricht dementsprechend ungeschönten Klartext. Der Hochzeitstanz eskaliert in Brutalität und Vergewaltigungen. Während Irrelohe brennt, meuchelt das Volk die Dienerschaft des Schlosses, Peters Leiche wird wie Vieh mit der Baggerschaufel entsorgt, der vorher noch blinkende und gepflegte Oldtimer des Grafen, mit dem das Paar in den Neuanfang fährt, ist mit Blut und Schmutz beschmiert. Schrekers gut gemeintes Happyend schmeckt plötzlich ganz fahl. Bis zu diesem Finale arbeitet Weise vorrangig mit stillen Szenen, Zeitlupen-Standbildern und sensiblen Charakterzeichnungen. Da gibt es die stets präsente „Öffentlichkeit“, gekleidet als Metzger mit blutigen Schürzen oder als schrill bunte Zigeunerinnen. Man meidet Zivilcourage, wartet stoisch, beobachtet, schlägt irgendwann lautlos zur eigenen Befriedigung zu.
Als seelisches Wrack, das Daniela Denschlag mit Traurigkeit und Wärme im verhängnisvollen Walzertakt intoniert, berührt die melancholische, verwirrte Lola an der Jukebox ihrer freudlosen Kneipe. Mark Rosenthal charakterisiert den sich selbst und anderen nicht verzeihen könnenden Christobald mit bitterer Lyrik in offenem Spieltenor. Wenn er seinen Kopf vor einen geparkten alten Lastwagen legt und aus dem Inneren seines Geigenkastens die Flammen züngeln, sind das markante Schockmomente, die vom nahen rächenden Ende erzählen. Seine zündelnden Musikantenkollegen Fünkchen, Strahlbusch und Ratzekahl werden von Valentin Jar, Piotr Micinski und Ramaz Chikviladze homogen rhythmisierend und beängstigend unbeirrbar gestaltet. Die Partie der Eva liegt Ingeborg Greiner perfekt in der Kehle, denn sie besitzt genügend dramatischen Aplomb für jubelnde Höhenflüge und eine lyrisch fein schwingende Pianokultur, um damit anzurühren. Darstellerisch holt sie die Försterstochter aber auch vom Heiligensockel herunter – so entwaffnend emotional, wie sie Heinrich bezaubert und umgarnt ist sie auch demütigend gemein zu Peter. Mit expressiven Tenor und temperamentvoller Vehemenz konzipiert Roman Sadnik den jungen Grafen als absolut ultimativen Typen: keine halben Sachen, keine Kompromisse. So wird plausibel, dass er zu lieben lernt, statt nur besitzen zu wollen. Peter hingegen ist der depressive Zauderer, mit Komplexen beladen, fanatisch auf Eva fixiert. Mark Morouse dringt hier mit bruchlos natürlichem Bariton sehr tief in diese schwierige Psyche ein, seine Peter-Analyse ist trotz allem sympathisch, lässt nicht kalt in ihrer verzweifelten Tragik. Die Dreiecksbeziehung zwischen den Hauptrollen gelingt menschlich sehr realistisch, wirkt fein in ihrer inneren Dynamik beobachtet.
Das Publikum feierte lautstark begeistert diese ambitioniert präsentierte Wiederentdeckung. Es ist sehr erfreulich, dass die Produktion für eine CD bei Dabringhaus & Grimm aufgezeichnet wurde.
B. Kempen
Franz Schrekers Oper „Irrelohe“ ist ein Reißer. Wenn man die Geschichte über ein Grafengeschlecht liest, dessen männliche Nachkommen verdammt sind, aus ungezügelter Gier junge Mädchen außerehelich zu vergewaltigen; oder wenn man auch nur die Szenenanweisungen in Schrekers eigenhändigem Libretto anschaut (Die Schenke der Lola. Etwas phantastisch eingerichtet. … Im Hintergrunde ein großes Fenster, durch das man das auf einer waldigen Anhöhe gelegene Schloss Irrelohe erblickt.), hat man sofort Gothic Novels à la E.T.A. Hoffmann, Poe oder Stoker vor Augen. Die Musik trägt diese Assoziationen voll mit: Sie ist atmosphärisch dicht wie beste Filmmusik, malt das Bangen und Sehnen der Seele in kraftvollen Farben.
Dass man noch immer von „Ausgrabung“ sprechen muss, wenn sich jetzt die Oper Bonn eines solchen Werkes annimmt, ist der Fluch der bösen Tat. Bereits vor 1933 haben die Parteigänger der Nazis Schreker massiv angefeindet, seitdem vermochten sich seine Opern nie wieder in den Spielplänen zu etablieren, trotz eindrucksvoller Inszenierungsserien etwa von Kirsten Harms in Kiel oder in den 80er Jahren am Theater Bielefeld. Dabei hat sich gezeigt, dass diese Opern dem Regisseur wie dem Dirigenten ein starkes „Spielmaterial“ bieten. Das nutzt der Bonner Generalmusikdirektor Stefan Blunier trefflich, indem er ein expressiv zugespitztes Musikdrama in intensiv ausgekosteten Klangfarben entwickelt. Dabei steht ihm eine geradezu ideal besetzte Protagonistin zur Verfügung: Ingeborg Greiner singt die Eva – Bürgerstochter, die den jungen Grafen mit ihrer Liebe vom Fluch erlost – mit einem vom Charakter her lyrisch schlanken, facettenreich geführten Sopran, der aber über beachtliche dramatische Kraftreserven verfügt. Dazu Mark Morouse als gräflicher Bastard mit edeldunklem Bariton; Daniela Denschlag als sinnlich leuchtende Schankwirtin Lola; Roman Sadnik als Forte-stabiler Graf von Irrelohe mit leichter Substanzschwäche im Piano; oder der schlanke, aber prägnante Christobald von Mark Rosenthal – das ist ein vorzügliches Ensemble!
Warum allerdings Klaus Weise, Intendant des Hauses und Regisseur der Aufführung, die Geschichte im Milieu der Fuhrunternehmer angesiedelt hat, erschließt sich nicht leicht. Jedenfalls stehen in Martin Kukulies’ atmosphärisch effektvollem Bühnenbild mehrere düstere Lastwagen-Kolosse aus der Frühzeit des motorisierten Transportwesens herum, Fred Fenner (Kostüme) hat einige der Figuren in blutige Schlaterschürzen gesteckt – warum auch immer. Mit dem düster schimmernden Schloss im Hintergrund, das am Ende lichterloh abbrennt, sieht das alles zwar nicht schlecht aus, lässt aber keinen interpretatorischen Zugriff erkennen.
Für eine klare Positionsbestimmung sorgte nach Ende der Aufführung Daniela Denschlag, als sie die Resolution Es ist genug! verlas. Bonns Oper ist durch Sparvorhaben bedroht, unlängst wurde ihre Existenz vom Oberbürgermeister höchstselbst und am gesamten Stadtrat vorbei zur Disposition gestellt. „Während in Bonn Millionen in Großbaustellen versenkt werden, blutet die Kultur.“ Spontaner Beifall.
In den letzten Jahren haben sich am Bonner Opernhaus Werke der zwanziger Jahre zu einem bewundernswert kontinuierlichen Programmschwerpunkt entwickelt. Es sind selten gespielte Stücke wie Korngolds Die tote Stadt (UA 1920), Szymanowskis Kròl Roger (UA 1926), D'Alberts Der Golem (UA 1926) oder Hindemiths Cardillac (UA 1926). Das neueste Opus in diesem Kontext ist Irrelohe von Franz Schreker. Wie Die tote Stadt wurde Irrelohe in Köln unter Otto Klemperer uraufgeführt - etwa vier Jahre später als diese - am 27. März 1924. Komponiert wurde das Stück in den Jahren 1919 bis 1922 und markiert, trotz des anfänglichen Erfolges, den Anfang vom Ende der Karriere des einst so populären Schreker.
Die Stärke der Bonner Produktion ist von Anfang an die musikalische Seite. GMD Stefan Blunier ist hier offenbar ein Überzeugungstäter, der das groß besetzte Beethoven Orchester Bonn zu ungeahnten Höhenflügen führt. Die Interpretation lotet die extremen Dynamikunterschiede vom kaum hörbaren Piano bis zu heftigen Fortissimoausbrüchen effektvoll aus. Bewundernswert ausmusiziert – bei geschlossenem Vorhang – die orchestralen Vorspiele und Übergangsmusiken (Vorbild: Debussys Pelléas et Mélisande). Blunier verfügt über ein exzellentes Sensorium für den Schrekerschen Sound, für dessen schillernd glänzende Palette der Orchesterfarben. Die melodie- und harmoniegesättigte Partitur vereinigt raffiniert Spätromantik mit frühen Modernemomenten, Konsonanz und Dissonanz vereinend, hat deutliche Tendenzen auch zur Filmmusik. Theodor W. Adorno hat in einem Radiovortrag für den Hessischen Rundfunk 1959 diese Tendenz zur Sphäre der U-Musik für das fast schlagartige Vergessen des einst berühmten Komponisten verantwortlich gemacht: Die Fermente seines Klanges seien allesamt vollständig von der Unterhaltungsmusik absorbiert worden.
Die Handlung der dreiaktigen Oper ist so wüst wie monströs. Entstanden in der ersten Welle der Weininger- und Freud-Exegese zeigt sie vornehmlich triebgesteuerte, wenig sublimierte Charaktere. Dabei ist die Sprache des selbst verfertigten Librettos problematisch, die 'Geschmacklosigkeit seiner Texte' des öfteren bemängelt worden – all das mindert aber nicht die Theaterwirksamkeit seiner Werke: Auf dem Adelsgeschlecht derer von Irrelohe lastet ein Fluch. Die männliche Linie ist dazu verdammt, einmal im Leben eine Frau zu vergewaltigen. So wurde Peter gezeugt, als der Vater des aktuell die Burg Irrelohe bewohnenden Grafen Heinrich die schöne Schankwirtin Lola am Tage seiner Hochzeit überwältigte. Die versammelte Dorfgemeinschaft, passiv und schicksalsergeben, sah dabei zu, wie man dem verbrecherischen Treiben der Grafen immer schon zugesehen hatte. Einzig Christobald, der Violonist einer Musikantentruppe und damaliger Geliebter Lolas kann sich dieses schmähliche Versagen nicht verzeihen und legt als feuriger Racheengel jährlich zum Jahrestag des Verbrechens Brände im Dorf. Der Rachetrieb ist ihm nun einziger Lebensinhalt geworden, die Beziehung zu Lola scheint keine Bedeutung mehr zu haben. Zum 30. Jahrestag plant er nun den großen Coup: Mit dem Anzünden des Schlosses Irrelohe will er dem fluchbeladenen Adelsgeschlecht den Garaus machen. Christobald ist es auch, der Peter über seine illegitime Herkunft informiert, worüber dieser zeitlebens im Unklaren gelassen wurde und was ihn auch zu einem Outcast im Dorfe gemacht hatte, ohne dass er so richtig wusste, warum. Peter ist in die Försterstochter Eva verliebt, die ihn zwar auch mag, aber auf einer geringeren Intensitätsstufe. Auf Eva hat es auch Graf Heinrich abgesehen. Eva erwidert dessen Liebe und kann damit den Fluch auf dem Geschlecht der Irrelohes unterlaufen, sodass es nicht zur Vergewaltigung kommt. Graf Heinrich ist gerührt und macht Eva einen Heiratsantrag. Am Tag der Hochzeit erweist es sich aber, dass der Fluch auch auf dem unehelichen Peter lastet. Als er versucht, sich Eva zu bemächtigen, wird er von seinem Halbbruder Graf Heinrich getötet. Die Burg geht in Flammen auf und, befreit von der Vergangenheit, blicken Eva und Heinrich einer neuen, gemeinsamen Zukunft entgegen.
Die Inszenierung des Bonner Generalintendanten Klaus Weise hat für das Stück eine weitgehend schlüssige, aber keine unbedingt zwingende, klärende oder wegweisende Lösung gefunden. Er lokalisiert die Handlung irgendwo in einem Dorf 'im Osten', Mitte des 20. Jahrhunderts, an dem die Zeitläufte weitgehend vorübergegangen sind. Trotzdem sind einige alte und klapprige Lastwagen vorbeigekommen und haben auf einem Parkplatz mit 'leichten Mädchen' vor der Kneipe von Lola gestoppt. (Bühnenbild: Martin Kukulies). Man sieht durch das Innere von Lolas Etablissement auf den Platz. Gegenüber noch eine Schlachterei, deren blutbeschmierte Mitarbeiter bei Lola zu Gast sind - Eros und Thanatos grüßen so gleich zu Beginn. Später erscheint wirkungsvoll die hoch aufragende düstere Kulisse des Schlosses Irrelohe im Hintergrund. Die Lastwagen dominieren auch im zweiten Aufzug die Szene am Kreuzweg. Graf Heinrich gibt sich dann auch als Autoliebhaber zu erkennen, der stolz ein schickes Talbot Cabrio sein Eigen nennt und es sogar im Salon ausstellt, wo es beim Liebesduett zwischen Eva und Heinrich zum Zentrum der Oper wird. Massenszenen dann im dritten Aufzug, Chor und Extrachor, Unmengen Statisten sorgen bei der Hochzeit der beiden für drangvollen Auftrieb auf der Bühne. Die dekorative Wirkung des finalen Schlossbrandes wurde schon in den Uraufführungsrezensionen gerühmt, und auch in Bonn wird er mit allen Mitteln der Pyro- und Bühnentechnik effektvoll inszeniert.
Die Besetzung ist ganz ausgezeichnet. Trotz des üppig blühenden Orchestersounds hat Blunier auch ein Herz für die Sänger, sodass die Textverständlichkeit eigentlich immer gegeben ist, in Zweifelsfällen hilft dann die neue Übertitelungsanlage: Daniela Denschlag ist eine souveräne Lola, Mark Morouse verleiht Peter eine fast wozzeckhafte Verstörtheit. Bravourös in den Mammutpartien Roman Sadnik ist als Graf Heinrich und Ingeborg Greiner als Eva. Christobald, als musizierender Rächer die Handlung mit 'elementarer' Kraft vorantreibend, findet eine überzeugende Verkörperung in Mark Rosenthal. Fünkchen (Valentin Jar), Strahlbusch (Piotr Micinski) und Ratzekahl (Ramaz Chikviladze) geben ihr Terzett leicht überdreht. Auch das Bonner Premierenpublikum ist bestens aufgelegt und gleich voller Enthusiasmus, heftige Ovationen schon nach dem ersten Aufzug. So trifft es sich, dass das Label Dabringhaus und Grimm die Aufführung für die Nachwelt für eine CD-Produktion mitgeschnitten hat.
Nur drei Tage hat Franz Schreker seinen eigenen Aussagen zufolge gebraucht, um den Text für seine Oper „Irrelohe“ zu schreiben. Die Handlung ist ihm dabei – vielleicht aufgrund der kurzen Zeitspanne – etwas wirr geraten. Eine Frau namens Lola wurde vor dreißig Jahren vor aller Augen vom Grafen von Irrelohe vergewaltigt. Dabei wird ein Kind gezeugt, Lolas Sohn Peter. Dieser erfährt nun von den Umständen seiner Zeugung sowie davon, dass er der Halbbruder des jungen Grafen Heinrich ist. Heinrich wiederum hat sich in Eva verliebt, auf die auch Peter ein Auge geworfen hat. Beide Brüder haben dabei ein Problem: Als Erben ihres Vaters sind sie Opfer eines Fluchs, der dazu führt, dass sie ihre Triebe nur begrenzt im Zaum halten können. Zu alldem kommt noch der frühere Geliebte von Peters Mutter, der Rache nehmen will und schließlich die Burg des Grafen anzündet. Heinrich und Peter aber geraten auf Heinrichs Hochzeit aneinander, als Peter offenbart, dessen Halbbruder zu sein, und vorschlägt, die Braut zu teilen. Heinrich erwürgt Peter, aber Eva verzeiht ihm. Die beiden brechen sie in eine gemeinsame Zukunft auf und lassen Irrelohe hinter sich.
Schrekers „Irrelohe“ ist nicht gerade das, was man eine Repertoireoper nennt, denn auf allzu viele Aufführungen kann die 1924 in Köln uraufgeführte Oper nicht zurückblicken. Die Bonner Oper müht sich redlich, „Irrelohe“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – aber so richtig überspringen will der Funke nicht. Die Bühne von Martin Kuklies ist liebevoll ausgestattet, lässt stets die Burg derer von Irrelohe im Hintergrund erahnen und wartet mit der einen oder anderen Überraschung auf – etwa ein Oldtimer, mit dem das Paar am Ende von der Bühne entschwindet. Klaus Weise Inszenierung überzeugt durch eine detaillierte und konzentrierte Personenregie, die auch zwei Monate nach der Premiere noch gut sitzt. Geschickt arbeitet Weise bei aller Tragik der Handlung, die er in einem trostlosen osteuropäischen Dörfchen ansiedelt, auch komische Elemente heraus (etwa beim Auftritt der Hochzeitsmusiker). Im Programmheft gibt es gleich drei Originalbeiträge der Dramaturgie und Generalmusikdirektor Stefan Blunier scheint jeden Ton der Partitur auszukosten und zu zelebrieren. Die Solisten machen ihre Sache gut und der Burgbrand am Ende der Oper ist hübsch anzusehen.
„Irrelohe“ in Bonn kann sich also auf jeden Fall sehen und hören lassen. Und es ist aller Ehren wert, das die Oper Bonn auch Stücke abseits des ohnehin sehr eng gesteckten Opernrepertoires zeigt. Ob „Irrelohe“ allerdings in dieses Repertoire eingeht, darf auch nach dieser Aufführung bezweifelt werden. Das liegt nicht zuletzt an Schrekers Musik. Streckenweise ist sie so sinfonisch, dass man am Ende der Szene beinahe vergessen hat, worum es am Anfang ging. Klanggewaltige (spät-)romantische Passagen wechseln mit eher schrägen Momenten ab. Insgesamt fehlt es der Aufführung ein wenig an Dichte sowie an innerem Zusammenhalt. Dazu trägt allerdings auch die Entscheidung bei, nach jedem Akt eine Pause einzuschieben. Der Abend dehnt sich so auf über drei Stunden Länge und ermüdet ein wenig.
Fragen und Kommentare zum Stück
Würden Sie uns bitte die weiteren Aufführungstermine nennen? Mit Dank und Gruß Richard-Wagner-Verband Kobenz Odina Diephaus Vorsitzende
Weitere Aufführungstermine von IRRELOHE:
13.11., 20.11., 2.12., 19.12., 8.1., 21.1., 5.2., 19.2.
Mit besten Grüßen, THEATER BONN
Haben Sie eine Ahnung wo und welche Platteneinspielung erhältlich ist ! Herzlichsten Dank J. Volk Luxembourg
Es gibt zurzeit eine erhältliche Aufnahme, die zum Beispiel bei Amazon.Com bestellt werden kann:
http://www.amazon.com/Schreker-Irrelohe-Franz/dp/B000002AYA/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1287741603&sr=8-1
Es wird jedoch - wie schon bei DER GOLEM - eine CD mit der Musik von IRRELOHE veröffentlicht werden, wie sie in dieser Saison im THEATER BONN zu hören ist - also eingespielt vom Beethoven Orchester Bonn unter Stefan Blunier sowie den oben aufgeführten Sängern.
Was genau ist das für ein Sportwagen/Cabriolet, der gezeigt wird? Welcher Jahrgang?
Es handelt sich um einen Talbot.
Um welches Modell handelt es sich bei dem schicken Oldtimer?
Es ist ein Talbot/Simca aus dem Jahr 1958.
Leider schaffe ich es in dieser Spielzeit nicht, nach Bonn zu kommen, um mir diese Rarität anzuschauen. Sie verschwindet hoffentlich noch nicht vom Spielplan, oder doch? Mit freundlichen Grüßen Christian von der Osten aus München
Das Label Dabringhaus & Grimm, das bereits die Bonner Produktion des GOLEM von Eugen d'Albert herausgebracht hat, wird auch die Bonner IRRELOHE als Gesamtaufnahme veröffentlichen. Ein Erscheinungstermin wurde noch nicht festgelegt, wir werden selbstverständlichn umgehend darüber informieren.
Ist die Aufführung in deutscher Sprache ? Gibt es Ober-/Untertitel ?
Die Aufführung ist in deutscher Sprache, dennoch wird es eine Übertitelung geben.
Wie lange dauert die Aufführung? Mit freundlichem Gruß, Julia Streich
Inklusive Pausen dauert die Aufführung 3 Stunden.
"Irrelohe" am 19.2. fiel leider aus. Gibt es noch einen Nachholtermin?
IRRELOHE wird am 2. April nachgeholt (Beginn: 19.30 Uhr).
Mit besten Grüßen
Durfte gestern bei der Probe dabei sein: Was ich gesehen und gehört habe, hat mich begeistert. Freue mich schon auf meinen Besuch. Kann man sich irgendwo/-wie vorher einhören? Motive konnte ich nicht erhören....
Bislang gibt es m. W. keine greifbare Aufnahme der Oper. Die Bonner Produktion wird jedoch - wie bereits DER GOLEM - als CD-Gesamtaufnahme erscheinen. Ein Veröffentlichungstermin wird schnellst möglich bekannt gegeben.
Wenn Herr Tzonev Razekahl spielt, wer spielt dann den Förster? Und wird noch bekannt gegeben wann Herr Tzonev und wann Herr Chikviladze Ratzekahl spielt?
Herr Tzonev ist als Förster in allen Vorstellungen mit Ausnahme des 19.12. zu sehen. Am 19.12. übernimmt er von Herrn Chikviladze die Partie des Ratzekahl. Den Förster singt dann Renatus Mészár.
Ich war gestern (20.11.) in dieser außergewöhnlichen Oper, die wohl noch sehr lange nachklingen wird. Hatte auf Empfehlung nicht allzu viel vorher von der Handlung gelesen und bin immer noch sehr berauscht, angetan und fast sprachlos von dieser Aufführung als auch der bizarren Musik, die absolut stimmig zur Handlung ist. Das Programmheft mit den Erklärungen im Nachhinein zu lesen, allerdings ein Muss und tatsächlich besser nachher als vorher (zumindest für mich :-)). Was für eine gelungene Leistung aller Mitwirkenden. Ich wünsche Euch noch viel Erfolg mit dem Stück. Lieben Gruß M. Bothe
Wann genau wird denn die CD veröffentlicht?
Ein Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest, wird aber bald möglichst bekannt gegeben.
Ich war gestern bei der Premiere. Zurecht wurden Ensemble und Orchester gefeiert. Was für eine großartige Musik, was für ein großartiges Werk!!! Es berührt wirklich alle Sinne. Ein Muss für alle Opernbegeisterte!! Ich freue mich schon auf die CD. Bravo!!!
Wird der ursprünglich für den 02. April angesetzte Don Giovanni nachgeholt? Ich habe eine Karte für diesen Termin, kann ich diese zurükgeben? Wenn ja, wo? Leider finde ich hierzu nirgendwo auf Ihrer Seite eine Information! Wieso nicht? Keinesfalls möchte ich Irrelohe statt Don Giovanni sehen. Ich habe dieses Stück bereits gesehen, weder die Musik noch die Inszenierung haben mir gefallen, ich habe selten eine so langweilige Oper besucht... Dass sie den immer sehr gut besuchten Don Giovanni entfallen lassen und dafür Irrelohe spielen (meines Wissens nie so gut besucht) verstehe ich nicht.
Wir bedauern ebenfalls sehr, dass der DON GIOVANNI am 2.4. nicht stattfinden kann. Es war aber leider nicht möglich, für IRRELOHE einen anderen Termin zu finden. Sie können die für DON GIOVANNI gekauften Tickets an der Vorverkaufsstelle, an der sie erworben wurden, zurückgeben.
Wie Sie wissen werden, gibt es am 19.3. noch eine Vorstellung DON GIOVANNI. Erfahrungsgemäß besteht an der Abendkasse immer eine realistische Chance, noch Tickets zu bekommen, auch wenn die Vorstellung im Vorfeld ausverkauft scheint - immer wieder werden reservierte Karten nicht abgeholt. Wenn Sie rechtzeitig an der Abendkasse am 19.3. in der Oper sind, sollte es möglich sein, dass Sie für die Vorstellung noch Karten bekommen. Mit herzlichen Grüßen, THEATER BONN
















