JOHN GABRIEL BORKMAN
von Henrik Ibsen
Er selbst hält sich für einen Visionär, in Wahrheit ist er ein Phantast: John Gabriel Borkmann, ehemaliger Bankdirektor, ist vor sechzehn Jahren mit hochfliegenden Plänen zur Ausbeutung von Erzgruben in einem gigantischen Bankrott gescheitert. Berauscht von der Macht des Geldes, hatte er ihm anvertraute Finanzen für eigenmächtige Spekulationen unterschlagen und geglaubt, man werde ihn dafür als Retter der Menschheit feiern. Statt dessen brachte sein jäher Absturz aus den Höhen der Finanzwelt ihn auf Jahre ins Gefängnis. Seit seiner Entlassung lebt er einsam und verbittert im oberen Stock einer Villa und hält sich für verkannt. Größenwahn und Verblendung haben ihn mehr als Ehre und Vermögen gekostet; Borkmann ging so weit, für den erhofften Gewinn seine Geliebte Ella einem anderen Mann zu überlassen und Ellas Zwillingsschwester Gunhild zu heiraten. Gunhild hat sich mit seinem Ruin von ihrem Mann zurückgezogen und bewohnt in gespenstischer Strenge das untere Geschoss des Hauses. Ella ist nach Jahren der Abwesenheit zurückgekehrt und möchte ihren Neffen Erhard zu sich holen, den sie aufgezogen hat. Erst jetzt erfährt sie von den wahren Motiven für Borkmanns Verrat an ihrer beider Liebe und klagt ihn des Seelenmordes an. Ihre Anklage lässt dessen Lebensenergie noch einmal aufflackern: Von Fieberphantasien getrieben, stapft er in Ellas Begleitung in die Eiswüste hinaus. Dort greift ihm eine „eisige Erzhand“ ans Herz, und über seiner Leiche reichen sich die beiden Frauen die Hand. JOHN GABRIEL BORKMAN ist mit seiner unheilvollen Spannung, seinem düsteren Pessimismus beispielhaft für Henrik Ibsens Spätwerk.
Besetzung
Inszenierung: Maaike van Langen
Bühne: Andreas Freichels
Kostüme: Beatrice von Bomhard
Licht: Helmut Bolik
Dramaturgie: Stephanie Gräve
John Gabriel Borkman, ehemaliger Bankdirektor: Bernd Braun
Frau Gunhild Borkman, geborene Rentheim, seine Frau: Susanne Bredehöft
Erhart Borkman, Student, ihr Sohn: Arne Lenk
Ella Rentheim, Frau Borkmans unverheiratete Zwillingsschwester: Anke Zillich
Frau Fanny Wilton: Kornelia Lüdorff
Vilhelm Foldal, Hilfsschreiber in einer Behörde: Ralf Drexler
Frida Foldal, seine Tochter: Philine Bührer
Kritiken
General-Anzeiger vom 18.05.2009
Die Eingeschlossenen von Bad Godesberg
Viel gewagt, alles gewonnen:
Maaike van Langen inszeniert Ibsens "John Gabriel Borkman" in den Kammerspielen
Maaike van Langen traut sich was. Die holländische Regisseurin lässt Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" in Bad Godesberg auf einer kahlen, abstrakt anmutenden Bühne spielen.
Die von Andreas Freichels gestaltete Szene verändert sich nur in ihren Dimensionen: von kammerspielhaft intim am Anfang bis zu tief, weit, jenseitsorientiert im abschließenden Sterbe-Finale. Die Zuschauer blicken auf viel Holz, Ablenkung fürs Auge ist im Kartenpreis diesmal nicht enthalten.
Die Aufmerksamkeit ruht exklusiv auf den Schauspielern - mit ihnen steht oder fällt van Langens Regiekonzept. Und wie es steht. Bernd Braun, Anke Zillich, Susanne Bredehöft, Arne Lenk und Kornelia Lüdorff, Ralf Drexler und Philine Bührer mobilisieren in der kalten Bühnenwelt, die Ibsen in seinem Alterswerk erschaffen hat, packende Emotionen, Leidenschaft. Und große Schauspielkunst. Das Publikum war hingerissen.
Der Mann hat eine Liebe: die Welt. Die Frau hat eine Welt: die Liebe. Aus dieser Erkenntnis bezieht das Drama seine Konflikte, seinen tragischen Kern. John Gabriel Borkmans Machtgier ist stärker als seine Fähigkeit zu lieben. Gleich zwei Frauen hat Borkman, ein Bad Banker, der wegen Betrügereien im Gefängnis saß, enttäuscht: seine Frau Gunhild (Susanne Bredehöft) und deren Schwester Ella (Anke Zillich).
Bernd Braun als Borkman muss zur Strafe durch die Hölle der Beziehungsgespräche, und weder Bredehöft noch Zillich tragen Samthandschuhe. Doch die Schwestern gehen sich auch gegenseitig an die Gurgel, im Kampf um Gunhilds Sohn Erhart (Arne Lenk), in den Tante Ella vernarrt ist.
Am Horizont taucht dann noch Kornelia Lüdorffs Fanny Wilton auf, gegen deren äußere Werte - endlos lange Lackstiefel, sündhaft hohe Absätze - die älteren Damen keine Chance haben. Jede Figur versucht aus dem Gefängnis ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Die großen Drei, Borkman und seine Frauen, scheitern. Ihnen dabei zuzusehen ist ein großes Glück fürs Publikum; so sind wir nun mal da unten im Parkett.
Bernd Braun ist ein innerlich zerrissener Lebenslügner, den das Schicksal schon lange auf ein Abstellgleis verbannt hat. Immer wieder schwadroniert er mit fiebriger Intensität den Wiederaufstieg herbei. Manchmal ist er mit seinen Macht- und Macho-Allüren fast lustig. "Diese Frauen!", sagt er. "Die machen alles kaputt. Verpfuschen unser Leben." Da lachten manche im Zuschauerraum mitfühlend.
Susanne Bredehöft als Gunhild hat die Kostümbildnerin Beatrice von Bomhard einen Schleier übergeworfen, der oben in zwei Fühler oder Hörner mündet: die gehörnte Ehefrau. Gelegentlich schließt sie den Schleier, als wolle sie vor der Realität die Jalousien runterlassen. Am Ende trägt sie übrigens Grün: Es ist hier die Farbe der Hoffnungslosigkeit. In dieser unaufdringlichen Weise transportiert Maaike van Langen die Symbole des Stückes.
Anke Zillich, die als Ella ihre Sammlung von faszinierenden Frauenporträts erweitert, ist eine Kettenraucherin. Sie qualmt, als gäbe es kein Morgen. Konsequent, denn Ella ist todkrank. Aber sie versucht doch, lauernd, strategisch klug, ihre Position im Kampf um den jungen Erhart zu verbessern: intelligenter Liebeswahn.
Arne Lenk gibt Erhart gibt als selbstbewussten Mann mit origineller Frisur. Die eine Hälfte des Schädels ist kahlrasiert, die andere bedeckt ein gewagter Scheitel. Die Traumata seines Lebens kann man akustisch ermessen, wenn Erhart seinen Schmerz herausschreit. Mit der lebenserfahrenen Fanny Wilton der Kornelia Lüdorff wird er viel Freude haben.
Sie beabsichtigt sogar, ihn später einmal an die junge Frida (blonder Liebreiz: Philine Bührer) weiterzureichen. Leichtigkeit hatte Maaike van Langen neben der Tragik für ihren "Borkman" versprochen. Wunderbar ist eine Szene von Braun und Ralf Drexler, der den Vilhelm Foldal spielt: einen Hilfsschreiber und Nebenbei-Dramenautor.
Ihm haut Machtmensch Borkman die literarischen Ambitionen um die Ohren. Das ist sehr komisch. Am Ende aber stirbt der alte Banker, und der Schreiber macht weiter. Ein Sieg der Literatur über das Ökonomische.
Von Dietmar Kanthak
















