BLICK AUF DEN HAFEN

VON RICHARD DRESSER

Deutsch von Lothar Kittstein und Birte Schrein

 

Ein verrottetes Haus in der Einöde. Darin zwei Menschen, die außerhalb der sozialen Kontrolle leben, mit einer Vergangenheit, die ihnen im Nacken sitzt. Paige fährt mit ihrem Freund Nick in dessen ehemaliges Elternhaus, in dem sein Vater Daniel und seine Schwester Kathryn in prekären Verhältnissen hausen. Verblüfft, fasziniert und entsetzt erkennt Paige, dass nichts ist, wie es scheint. In surrealer, klaustrophobischer Atmosphäre erleben die vier eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt.

 

Richard Dresser ist einer der produktivsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. In BLICK AUF DEN HAFEN untersucht er, was Geld mit einer Familie macht.

Besetzung

Inszenierung: Klaus Weise


Bühne: Manfred Blößer
Kostüme: Fred Fenner


Nick: Yorck Dippe


Paige: Philine Bührer
Kathryn: Katharina von Bock
Daniel: Bernd Braun


 


 


 

Kritiken

General-Anzeiger vom 30.05.2009

Klaus Weise inszeniert Richard Dressers "Blick auf den Hafen"

Die dramatische Geschichte vom Zerfall einer Familie wird von einem fabelhaften Darsteller-Quartett gespielt

"Anfangs lieben Kinder ihre Eltern noch; wenn sie älter werden, urteilen sie über sie; manchmal vergeben sie ihnen." Oscar Wildes Beobachtung ist gut formuliert und sehr weise. Er wusste, wovon er sprach.

Im Bonner Theater ist jetzt an zwei Spielorten zu beobachten, wie Familien zerfallen, Kinder an den Eltern zugrunde gehen. Polly Stenhams "That Face" läuft in der Werkstatt, Richard Dressers "Blick auf den Hafen" in der Halle Beuel. Klaus Weise hat das Stück des Amerikaners mit einem fabelhaften Darsteller-Quartett inszeniert.

Auf einen Blick

Das Stück: Eine gut gebaute, hochdramatische Geschichte vom Zerfall einer Familie.

Die Inszenierung: Klaus Weises deutschsprachige Erstaufführung ist spannend: ein Hingucker.

Die Schauspieler: Ein Darsteller-Quartett in Höchstform, mutige An-die-Grenze-Geher.

Manfred Blößers Bühne vermittelt löcherigen Luxus, eine verschlissene Weitläufigkeit. Nick (Yorck Dippe) kommt mit Freundin Paige (Philine Bührer) in das Elternhaus zurück, wo ihn der kranke Vater (Bernd Braun) und die Schwester (Katharina von Bock) erwarten. Nick ist Sprössling einer Fabrikanten-Dynastie, aber er hat selbst an einer Maschine geschuftet und als Arbeiter das Herz der gewerkschafts-bewegten Paige gewonnen.

Bernd Brauns Daniel, der angeblich einen Schlaganfall erlitten hat, könnte man anfangs als die Karikatur eines Industrie-Alphatiers missverstehen. Da sitzt er ein bisschen tatterig, aber hellwach: wie eine Echse, die darauf wartet, dass ihr ein Insekt zu nahe kommt.

Daniel verkörpert Macht, er weiß, was er will, und wer er ist. Das ist es, was Paige anzieht, sie liebt das Gefühl von Power und (Selbst)Sicherheit mehr als klassenkämpferische Parolen. Yorck Dippes seiner selbst unsicherer Nick kann da nicht mithalten. Er gehört zu den Verlierern des Abends.

Auch seine Schwester Kathryn, die Katharina von Bock mit intelligenter Biestigkeit ausstattet, geht nicht als Siegerin vom Spiel-Platz. Es ist das uralte Drama des armen reichen Kindes, das Dresser hier fortschreibt. Nick und seine Schwester sind dem Milieu, in das sie hineingeboren wurden, ebenso wenig gewachsen wie dem allmächtigen Vater. Ausgerechnet ein Außenseiter, Paige, besitzt genügend Überlebens-Instinkt, um in diesem Milieu zu reüssieren.

Das Familienschlacht-Gemälde von "Blick auf den Hafen" hat durchaus Raum für komische Elemente und bittere Witze. Daran hat Weise seinen Spaß. Aber er geht weiter. Regisseur und Ensemble treiben die Konflikte des Stücks, die Streits und Abrechnungen auf die Spitze:

Vatermord liegt in der Luft. Wortgefechte übersetzt der Regisseur in physische Attacken, etwa wenn Nick seinem Vater an die Gurgel geht. Diese Runde geht an ihn, den Fight aber wird er verlieren.

Die Schauspieler geben ihren Figuren ein unverwechselbares Profil. Bernd Braun ist als Daniel ein Kraftzentrum, ein Mann, der auch in seiner Egomanie, seiner Verachtung für die Schwachen irgendwie anziehend erscheint.

Philine Bührer verkörpert Paige als permanente Rollenspielerin, die wie ein Teenager hysterisch überreagiert, als sie erfährt, dass Nick, der angebliche Arbeiter, sie belogen hat. Doch diese Frau lernt schnell, findet skrupellos und ohne Hemmungen zu ihrer Bestimmung. Sie will der Boss sein.

Yorck Dippe sieht aus wie einer, der nach dem langen Lauf zu sich selbst erkennen muss, dass er sich nur im Kreise bewegt hat. Endstation Verzweiflung.

Katharina von Bock in der Rolle der Kathryn bleibt als Frau in Erinnerung, die alles hätte haben können - und am Ende mit leeren Händen dasteht. Während Daniel in Anzug und Turnschuhen einem neuen Leben entgegeneilt, träumen Nick und Kathryn am Ende davon, einen Berg zu besteigen. Und kommen nicht vom Fleck.

Von Dietmar Kanthak

Die Welt vom 30.05.2009

Die wahren Ratten sind die Bosse

Der Amerikaner Richard Dresser schreibt dunkle Komödien über die Opfer des Kapitalismus. Und die gibt es nicht nur unter Putzfrauen, wie sein Stück "Blick auf den Hafen" beweist, das jetzt in Bonn erstmals auf Deutsch gespielt wurde. Es zeigt den Verfall einer reichen Familie.

Der ganz große Durchbruch ist dem amerikanischen Dramatiker Richard Dresser noch nicht gelungen. Obwohl Thomas Ostermeier sich seit über zehn Jahren für ihn einsetzt und einige mittlere Theater seine sozialkritischen Stücke spielen. Dresser bringt Themen der Zeit auf die Bühne, erzählt zum Beispiel im satirischen Putzfrauendrama "Augusta" vom Zwiespalt zwischen Erfolg und Solidarität. Die amerikanische Verfassung garantiert jedem Bürger das Recht, nach dem Glück zu streben. Dresser fragt, was dieses Glück heute sein kann. Das letzte Stück seiner "Happiness"-Trilogie - "Blick auf den Hafen" - hatte nun am Theater Bonn deutschsprachige Erstaufführung.

 

Scheinbar geht es wieder ums Prekariat. Daniel, der sich gerade von einem Schlaganfall erholt, und Tochter Kathryn leben in einem verfallenen Haus, wie man es aus apokalyptischen Science-Fiction-Filmen und Bürgerkriegsszenarien kennt. Im Fußboden gähnt ein Loch, die Möbel sind kaputt, auf zwei Stühlen stehen die Reste einer zerschlagenen Vitrine. Ein Haus für Ratten. Doch Daniel ist einer der bedeutendsten Firmenbosse der USA, Oberhaupt einer der reichsten Familien. Sein Haus ist Sinnbild für den inneren Zerfall der führenden Gesellschaftsschicht, ihre Verlorenheit und Lebensferne.

 

Richard Dresser schlägt seinem Publikum diese Botschaft nicht um die Ohren. Er führt es langsam zur Erkenntnis, über falsche Fährten. Die Familie hat viele Leichen im Keller, die sie im schwächeren Mittelteil des Stückes in konventioneller Ibsen-Manier ans Tageslicht zerrt. Da verliert sich Dresser in allzu viel psychologischer Deuterei und Motivation. Stärker ist sein Stück, wenn es rätselhaft bleibt, ein politischer Mysterythriller.

Regisseur Klaus Weise, Bonns Generalintendant, hat erkannt, dass eine Grenzwanderung zum Surrealen und Unterbewussten ins Herz des Textes führt. Weise schafft starke Bilder. Bernd Braun sitzt als Vater Daniel zu Beginn im Rollstuhl hinter einer Insektenschutztür und beobachtet das Geschehen. Man sieht ihn nur verzerrt, wie ein dämonisches Wesen aus einem Gruselfilm. Auch die beiden Schlafzimmer an den Seiten von Manfred Blößers niedriger, breiter Cinemascopebühne sind durch Netze abgetrennt, die klare Blicke verhindern.

Eine morbide Faszination geht von diesem Haus aus. Paige (Philine Bührer), die anfangs noch naiv und kraftvoll wirkt, scheint ihr zu erliegen, ihr Charakter verwandelt sich. Schließlich geht sie ganz in ihrer neuen Aufgabe auf, als Herrin des Hauses und Gehilfin Daniels. Vielleicht ist das ihr wahres Gesicht, die Maske der Sozialaktivistin fällt, dahinter kommt die Tochter aus reicher Familie zum Vorschein, die endlich ihre Bestimmung gefunden hat.

Nur Daniel bleibt im Lauf des Stückes derjenige, der er am Anfang war. Was auch daran liegt, dass ihm etwas Geisterhaftes, Vielschichtiges anhaftet und er nie festzulegen ist. Seine Tochter Kathryn (Katharina von Bock), die ihm ihre Jugend geopfert hat, wirft ihren stahlharten Panzer ab und versucht einen Ausbruch, zurück in ihre alte Arbeit als Buchhändlerin, in ein normales Leben. Und Sohn Nick - oder Edwin - kämpft lange gegen die Macht des Hauses an, will mit Paige Kinder haben und eine Familie gründen, würgt sogar den Vater, bis der fast verreckt.

Doch am Ende gibt er sich geschlagen, geht sogar mit dem Vater eine seltsame Symbiose ein. Gemeinsam zerstören die Männer Kathryns Illusionen, lassen sie gebrochen zurück. Yorck Dippe spielt den Sohn mit großer Aufrichtigkeit. Bei ihm liegt die größte Tragik

Das ganz große Gegenwartsstück ist "Blick auf den Hafen" nicht. Dazu enthält es zu viel psychologisch-konventionellen Leerlauf. Aber Richard Dresser ist auf einem spannenden Weg.

 

Autor: Stefan Keim

 

 

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