HEAVEN (zu tristan)
von Fritz Kater
In Kooperation mit dem fringe ensemble
20 Jahre, nachdem die Utopie von einem besseren Leben greifbar schien, ist aus dem Versprechen von Freiheit die Freiheit geworden, wegzugehen. Held Tristan, alias Architektur-Student Anders, verlässt seine Isolde, alias Simone, und macht sich auf den Weg nach Amerika und auf die Suche nach Orten, wo man wirklich leben kann. Simone bleibt zurück – und mit ihr jene, auf die keine große Zukunft mehr wartet. Was diese Menschen verbindet, ist ihr Blick zurück in eine Vergangenheit, in der sie arbeiten, lachen und lieben konnten. HEAVEN (zu tristan) erzählt bitterkomisch und in poetischen Bildern von dem, was übriggeblieben ist nach der letzten deutschen Revolution.
Die Premiere bildet den Auftakt zu einer sechsteiligen Veranstaltungsreihe, in der sich fringe ensemble und THEATER BONN mit dem Thema DEUTSCHE REVOLUTIONEN beschäftigen, mit den Hoffnungen und Zielen der Revolutionäre, ihrem Scheitern und der Frage, warum in Deutschland die Revolution nie so recht am Platz zu sein schien …
HEAVEN (zu tristan) inszeniert der junge Regisseur Jan Stephan Schmieding, geboren 1975 , der nach
seiner Studienzeit in Bonn und Arbeiten in der hiesigen freien Szene als Regieassistent ans Schauspielhaus Zürich ging, wo er in der vergangenen Spielzeit erste eigene Inszenierungen vorlegte.
Besetzung
Inszenierung: Jan Stephan Schmieding
Ausstattung: Marlene Baldauf
Licht: Lothar Krüger
Video: Patrick Durst
Musik: Michael Barfuß
Dramaturgie: Nora Giese
königsforst, psychiater: Wolfgang Rüter
helga, früher laborantin: Tatjana Pasztor
robert, lebenskünstler: Nico Link
simone, liebt anders: Philine Bührer
sarah, tochter von helga und königsforst, musikerin: Justine Hauer
anders adlercreutz, architekturstudent: Manuel Klein
micha, bruder von simone: Konstantin Lindhorst
Kritiken
Nachtkritik, vom 15.12.2009
Unterm Sternenhimmel
Gut zwei Jahre ist es her, dass Heaven (zu tristan) seine Uraufführung erlebt hat: Verfasst und inszeniert von Armin Petras, der sich als Autor aber Fritz Kater nennt. Die Aufführung, eine Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und dem Berliner Maxim Gorki Theater, war starbesetzt und preisgekrönt. Und all das zusammen vielleicht so einschüchternd, dass sich lange keine Bühne zum Nachspielen entschlossen hat. Bis jetzt das Bonner Theater eine Neuinszenierung gewagt hat, in Zusammenarbeit mit der freien Gruppe fringe ensemble und mit der risikobereiten Entscheidung für einen jungen Regisseur: Jan Stephan Schmieding.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein knapperer, schlankerer, kargerer Abend als die Uraufführungsinszenierung, aber eine Aufführung, die mit klug reduzierten theatralischen Mitteln und außerordentlich gut geführten, überzeugenden Darstellern das Potential von "Heaven (zu tristan)" glänzend bestätigt.
Auch ohne DDR-Kontext ein dringliches Stück.
Als einen Beitrag zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls hat das Bonner Theater diese Auseinandersetzung mit einer Geschichte angekündigt, die von den Verlierern der Wende und ihren rückwärtsgewanden Utopien erzählt. Das Stück spielt in der Stadt Wolfen, die zu DDR-Zeiten dank ihrer Chemieindustrie florierte und seit 1989 nun unaufhaltsam leerläuft und ausblutet. Arbeitslosigkeit, Abwanderung, lähmender Mangel an Perspektiven bestimmen das Leben der handelnden Figuren: Anders, ein junger Architekt, wagt den Absprung, will nach Amerika und verlässt seine Freundin Simone, die daran psychisch zerbricht. Todkrank kehrt er schließlich nach Hause zurück. "Tristan und Isolde" in der Plattenbausiedlung, ein Abgesang auf ein sterbendes Land.
So kann man das Stück lesen, und so hat man es vielleicht mit Blick auf die DDR-Prägung des Regisseurs und Autors Armin Petras nach der Uraufführung zunächst einmal getan. Das wichtigste Ergebnis dieser Bonner Premiere ist: Der Text braucht diesen dominierenden Kontext gar nicht. Auch nicht den Anlass der 20-Jahr-Feiern des Mauerfalls.
Konkretion allgemeiner Abstiegsängste.
Im äußersten Westen der Republik, realisiert von einem aus dem Ruhrgebiet stammenden Regisseur, der in der Schweiz seine ersten Inszenierungen erarbeitet hat, und mitten in einer Wirtschaftskrise, die Arbeits – und Perspektivlosigkeit und verödende Städte endgültig nicht mehr geographisch verorten lässt, zeigt sich deutlich, dass das Stück seine Autonomie und Lebensfähigkeit einem größeren, aktuellen, aber nicht mit einem einzigen historischen Datum verbundenen Thema verdankt: der Angst vor Abstieg und Beziehungsverlust, dem Versiegen der konstruktiven Kräfte, dem Zerbrechen von Lebensbedingungen, auf die man seine Zukunft gegründet hat. 1989 und die Folgen – das erscheint in der Inszenierung von Jan Stephan Schmieding nicht mehr wie das Thema selbst, sondern nur wie eine konkrete Einkleidung, die das existentielle Problem exemplarisch sichtbar werden lässt.
Lakonisch, ironisch, melancholisch.
Die Figuren agieren auf einer weißen Spielfläche mit halbhohen Trennwänden, die mal Balkonbrüstung, mal Wohnküche, mal Schwimmbad suggerieren und mit Hilfe von Projektionen auch Sternenhimmel und Kosmos und die Alpträume einer schwarzen Romantik ins Geschehen holen kann. In lakonischem, manchmal bitter-ironischem, manchmal heiter-melancholischem Ton streiten sie mit sich selbst und miteinander. Nicht nur "Altmeister" wie Wolfgang Rüter und Tatjana Pasztor als Elternpaar balancieren hier virtuos über seelische Abgründe, auch die jungen Darsteller, drei aus dem Bonner Theater und zwei vom fringe ensemble, schaffen es, ihren Text aufzuladen und zum Schwingen zu bringen mit dem Ungesagten.
Und allen gelingt ein nicht geringes Kunststück: die gefährlich langen Exkurse, die Fritz Kater dem Umsturz des physikalischen Weltbilds durch Tycho Brahe und Kopernikus oder der zwischen Novalis und Edgar Allan Poe changierenden schwarzen Romantik widmet, befreien sie von allem Ballast der Sekundärliteratur und gestalten sie als lebendige und authentische Äußerungen ihrer Charaktere.
Dahinter darf man auch die konsequente und detailgenaue Regiearbeit von Jan Stephan Schmieding vermuten. Die schauspielerische Homogenität und Qualität der Aufführung mit Akteuren aus zwei Ensembles und die Leichtigkeit und unaufdringliche Tiefe des Abends sprechen entschieden für ein herausragendes Talent.
Autor: Ulrike Gondorf
GA vom 17.12.2009
"Heaven (zu tristan)" in der Bonner Werkstatt
Treffendes Bild der ostdeutschen Melancholie gezeichnet - Die Mauer steht noch
Die wichtige Nachricht zuerst: Die Mauer steht noch! Es ist zwar kein "antifaschistischer Schutzwall", den Ausstatterin Marlene Baldauf für die Werkstatt entworfen hat, doch zum Ausgrenzen reicht es: Zwei weiße Mäuerchen, durchbrochen und balustradenhoch, die die Figuren zu Zuschauern eines an ihnen vorbeiziehenden Lebens machen.
Nichts anderes sind die Protagonisten in Fritz Katers "Heaven (zu tristan)". Menschen in der Warteschleife, Outcasts in der Mitte der Gesellschaft wie das Mittfünfzigerpaar Helga und Königsforst. Beim Umzug bricht über die frühere Laborantin und den Psychiater der Erinnerungsstrom herein.
Tatjana Pasztors Helga zupft Bilder vom Nacktbaden an der Ostsee oder den Orwo-Kolleginnen als Memento an ein pralles Dasein hervor, dessen Trockenfrucht sie nun mit notorischem Berufsoptimismus wegzulächeln versucht. Der hilflos theoretisierende Königsforst des Wolfgang Rüter trauert nicht minder, entdeckt aber plötzlich die Seite des Don Juan in sich.
Wenn beide ihre verdorrten Lebensträume zu sehr quälen, flüchten sie in historische Figuren wie die Wissenschaftlerin Marietta Blau und ihren Geliebten Victor Hess oder versuchen sich beim Picknick am Doppelselbstmord. Das Theater Bonn blickt auf deutsche Revolutionen zurück. In Kooperation mit dem fringe sensemble hat man sich für Fritz Katers (Pseudonym des Regisseurs Armin Petras) "Heaven (zu tristan)" entschieden. Leider, denn das Stück gehört nicht zu den besten des Autors.
Wie in "zeit zu lieben, zeit zu sterben" oder "We are camera/Jasonmaterial" werden auch hier die früheren DDR-Bürger nicht als Handelnde, sondern Beobachtende beschrieben, denen sich im Erzählen Vergangenheit und Gegenwart vermischen. Doch "Heaven" wirkt mit seinen vielen Anspielungen von Wagner bis Marietta Blau überladen und dramaturgisch schwach. Vielleicht hätte Regisseur Jan Stephan Schmieding hier noch beherzter streichen sollen.
Vielleicht fehlt seiner Inszenierung aber auch der trockene melancholische Ton Katers. Das zeigt sich vor allem bei den jungen Figuren. Der Architekturstudent Anders, bei Manuel Klein ein allzu blasser Hanfstängel der Theorie, verlässt als einziger die schrumpfende Stadt Wolfen. Zurück lässt er die verliebte Simone, die Philine Bührer als verstockte Schweigsame spielt, ohne allerdings deren selbstmörderische Verzweiflung sichtbar zu machen.
Überzeugend und voller Witz allerdings die Szene, wenn der verliebte Robert (eindrücklich: Nico Link) beim Baden um die Stumme werbend herumturnt. In weiteren Rollen: Justine Hauer als Cello spielende Sarah und Konstantin Lindhorst als Micha mit Rabenmanie. Auch die Jungen kommen letztlich von ihrer zur Unkenntlichkeit entstellten Heimat nicht los.
Andres kehrt mit einer Blutkrankheit aus den USA zurück, rezitiert mit Simone (überflüssig die historischen Kostüme) aus Wagners "Tristan und Isolde", während Robert vom Winzerdasein träumt. Am Ende trotzdem ein gelungener Abend, auch wenn die Inszenierung nicht ganz der Gefahr des Illustrativen und gelegentlich auch Sentimentalen entgeht.
Autor: Hans-Christoph Zimmermann
















