IN MARMOR
von Marina Carr
Art und Anne, Ben und Catherine. Vier gesettlete Mittvierziger; zwei Paare, die man gemeinhin als glücklich verheiratet bezeichnet. Gehobene Mittelklasse, intaktes bürgerliches Umfeld, die Kinder sind „aus dem Gröbsten raus“ – alles bestens, oder? … oder war da noch was?! Aus scheinbar heiterem Himmel stellt sich eine Irritation in der konventionellen Langeweile ein. Bei einem Drink erzählt Art seinem Freund Ben ganz entspannt von einem intensiven Traumerlebnis: In einem marmornen Raum hatte er fantastischen Sex mit Bens Frau Catherine, die er im wahren Leben kaum kennt und nicht nennenswert attraktiv findet. Zuhause erfährt Ben von Catherine, dass sie zeitgleich dasselbe geträumt hat. Auch wenn zunächst keiner der Vier beunruhigt reagiert, erweisen die Träume sich als hartnäckig und schließlich folgenreich: Unverändert kehren sie jede Nacht zurück, bemächtigen sich auch tagsüber der Phantasie der Träumenden, okkupieren Gespräche und Gedanken aller. Mit Feingefühl und nicht ohne Humor schildert Marina Carr, wie der fortgesetzte Traum vom nicht gelebten Leben nach und nach beide Ehen untergräbt ...
Besetzung
Inszenierung: Klaus Weise
Bühne: Manfred Blößer
Kostüme: Fred Fenner
Licht: Thomas Roscher
Dramaturgie: Almuth Voß
Art: Yorck Dippe
Ben: Falilou Seck
Catherine: Birte Schrein
Anne: Christine Schönfeld
Kritiken
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 20.03.2010
Die Kirschen in Nachbars Garten
Drei ist einer zu viel in einer Ehe und "In Marmor" von Marina Carr. Hausherr Klaus Weise inszeniert in Bonn die deutsche Erstaufführung.
Zwei Männer, Mitte vierzig, Arbeitskollegen, sprechen über Frauen, nach Feierabend bei Zigarren und Brandy. Nein, nicht ganz das Übliche. Denn der eine, Art, erzählt Ben, dass er letzte Nacht geträumt habe, mit dessen Frau, Catherine, zu schlafen: "Phantastisch!" und "Vollkommene Schenkel auf strahlend weißen Laken", schwärmt er: "Es war einfach ein Bett, ein Zimmer in Marmor." Dabei habe er mit Catherine noch nie länger als drei Minuten geredet.
Worüber Ben bei aller Freundschaft dann doch nicht lachen kann: "Das jetzt so direkt anzusprechen, finde ich irgendwie geschmacklos." Aber das ist noch lange nicht alles, muss Ben sich, als er nach Hause kommt, den Traum doch seitenverkehrt noch einmal anhören: Catherine, im Bademantel und ein Glas Rotwein in der Hand, gesteht ihm, dass sie letzte Nacht im Traum mit Art - "Ist das nicht albern?" - geschlafen habe, "auf einem strahlend weißen Bett und Fenster aus Marmor". Das gibt's doch nicht, oder war da was? Haben die beiden eine Affäre? Nein, aber es bringe, so Catherine, "ein bisschen Prickeln in mein Leben". Ehebruch beginnt im Kopf.
So könnte eine Boulevardkomödie beginnen. So beginnt aber ein Stück, das es gar nicht bis zur situationskomischen Peripetie des Genres, dem Täuschen und Tausch der Ehepartner, schafft, sondern eine andere Richtung einschlägt. "In Marmor", das neue, im Februar 2009 in Dublin uraufgeführte Schauspiel von Marina Carr, handelt davon, wie der Traum zur fixen Idee wird und Macht über das Leben zweier Paare gewinnt: eine kleine, etwas maulheldische Stichelei und ihre zerstörerischen Folgen.
Dabei führen Art und Anne, Ben und Catherine doch ein ganz gutes, von Wohlstand abgesichertes Leben. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, die Männer haben sich selbstironisch mit ihrem Mittelmaß abgefunden, in den Frauen aber glimmt noch etwas: in Catherine, die zu Hause bleibt und sich langweilt, und in Arts Frau Anne, die, alkoholkrank und kaufsüchtig, sich vernachlässigt fühlt.
Doch der Traum, den Catherine jede Nacht wieder träumt, nimmt sie in Besitz und lässt sie auf Art zugehen, der es dann doch nicht so gemeint haben will. Drei ist einer zu viel. Zunächst wehrt sich Art noch, die Männer entzweien sich: "Trag deinen Müll nicht auf mein Grundstück." Catherine aber wird getrieben von ihrem Traum, besucht Anne, beansprucht ein Jugendbild von Art und überschreitet die Grenze. Am Ende hat Art seine Angst verdrängt und sich entschieden, Anne zu verlassen. Nichts ist übrig von seiner Ehe, und er heftet sich an seinen Marmortraum. Was ihn erwartet, weiß er nicht.
"Das ist alles so vorhersehbar", sagt Art noch, bevor er schließlich das Recht beansprucht, närrisch zu sein. Ebendas aber gilt auch für Marina Carrs Stück, das sich so planmäßig entwickelt, dass man die Nachtigall, die hier keine Lerche ist, trapsen hört. Doch die deutschsprachige Erstaufführung von Klaus Weise, der Marina Carr schon länger - mit "Portia" 2000 in Oberhausen, mit "Ariel" 2004 in Bonn - die Treue hält, versteht es, viele kleine Verwirrungen hineinzuinszenieren, die ganz vordergründig mit den rosa-weiß karierten Oberhemden, die Ben und Art nacheinander tragen, beginnen und sich in einer traumspielerischen Choreographie der szenischen Parallelen und Gegenbewegungen potenzieren.
Auf der Einheitsbühne, die Manfred Blößer in den Kammerspielen Bad Godesberg gebaut hat, sieht Dublin, bis auf den bewegten Himmel vielleicht, aus wie Düsseldorf oder Dallas: Zwei Türen und zwei Stühle rechts, ein Windfang in der Ecke, eine Treppe und ein Gang links und mittendrin ein Ledersessel, auf dem Art und Ben auch mal nebeneinander lungern, schaffen einen Raum von ubiquitärer Eleganz: austauschbarer Hintergrund für eine Kammerspiel der verwirrten Gefühle, das sich so oder so ähnlich überall ereignen kann.
Am Theater Bonn lässt Weises prägnante, leicht unterkühlte Inszenierung es Ecken und Kanten gewinnen. Wie Yorck Dippe als hemdsärmeliger, etwas großspuriger Art dabei Angst vor der eigenen Courage bekommt, Falilou Seck als dünnhäutig-sachlicher Ben unversehens aus seiner Oberflächlichkeit gestoßen wird, Birte Schrein sich hausbacken in einen Satin-Unterrock und auf High Heels wirft, um auf ihr Verlangen zuzuwackeln, Christine Schönfeld sich als herb-charmante Anne in eine Eigenbrötelei zwischen Abgeklärtheit und Zynismus zurückzieht - das zeigt die vielen feinen Haarrisse in der bürgerlichen Fassade, bis sie in romantischen Katastrophen enden. Ibsens "Nora", hundertdreiundfünfzigste Folge, irisch legiert und immer wieder sehenswert.
Autor: Andreas Rossmann
General-Anzeiger vom 20.03.2010
Inszenierung von Marina Carrs "In Marmor" in Bad Godesberger Kammerspielen
Es gibt viele Ein- und Ausgänge auf Manfred Blößers Bühne, sie erlauben theatralische Auftritte und Abgänge. Doch eines finden die Figuren in Marina Carrs Stück "In Marmor" nicht: Auswege aus ihrem Leben.
Am Schluss steigen Art (Yorck Dippe) und Catherine (Birte Schrein) aus ihren Ehen aus, doch ob ihre Existenz-Krise damit ein Ende hat, ist mehr als zweifelhaft. Türen, zwei Ehepaare Mitte 40, erotische Querverbindungen - von solchen Elementen lebt das Boulevard-Theater. Die 1964 in Dublin geborene Autorin Marina Carr spielt, wie ihre Kollegin Yasmina Reza, mit den Motiven, Versatzstücken und der Komik des Boulevards.
Aber sie will auch Tiefgang, Verstörung, Beziehungen in Agonie. Und Hoffnung, die aus Träumen entsteht. Klaus Weise hat bereits Carrs "Portia Coughlan" und "Ariel" inszeniert. In "Ariel", 2004 in Bonn zu sehen, ging es der Autorin darum, die Wucht antiker Theatertragödien mit gegenwärtigen Reflexionen über Politik, Religion und Familie zu verknüpfen.
"In Marmor" ist ganz gegenwärtig. Das Stück verdankt seinen Konflikt einem Kunstgriff. Art und Catherine träumen, jeder für sich und in derselben Nacht, dass sie gemeinsam Sex haben, märchenhaft schönen Sex in einem Raum ganz aus Marmor. Das Problem: Art ist mit Anne (Christine Schönfeld) verheiratet und Catherine mit Ben (Falilou Seck). Art und Ben sind Freunde, Art erzählt Ben beim Brandy von seinem Traum. Das Geständnis funktioniert wie ein Katalysator: Konflikte brechen aus, unterschiedliche Lebensauffassungen prallen aufeinander.
Die einen wollen aus dem Alltag flüchten, die anderen haben sich im Immergleichen eingerichtet; ein paar Gläser Rotwein am Abend erleichtern das als endlich empfundene Leben. Catherine, die sich sehr sterblich fühlt, will mehr als den guten Ehemann und die lieben Kinder: "Ich will sensationell. Ich will Marmor, Marmor, Marmor." Dafür ist sie bereit, alles hinter sich zu lassen: "Alles Neue braucht Zerstörung."
Klaus Weises dezent den Schauspielern zuarbeitende Regie sorgt für eine tänzelnde Leichtigkeit, im Ton und in der Bewegung, in deren Kontext die Gefühls-Eruptionen ihre explosive Kraft so richtig schön entfalten können. Birte Schrein ist als Catherine anfangs lakonisch und spitz, sie spricht auch schöne Sehnsuchts-Poesie.
Doch dann kotzt sie ihrem Mann ihre Verzweiflung und den Abscheu vor dem Ehe-Status-quo regelrecht vor die Füße: "Ich fühle mich wie eine Zwiebel, gehäutet bis zur Mitte, und da ist nichts mehr." Für diese großen Emotionen, die Birte Schrein immer wieder mobilisiert, müsste man eine eigene Maßeinheit erfinden: das "Birtometer" zum Beispiel. Auch diesmal schafft sie locker die maximale Punktzahl. Die Figuren bewohnen scheinbar eine gemeinsame Welt, in der sich ihre Wege kreuzen, manchmal verliert man den Überblick, wer zu wem gehört.
Sind die Menschen etwa austauschbar? Ist am Ende jeder auf sich allein gestellt? Das Ensemble bewegt sich virtuos zwischen Wirklichkeit und Traumwelt. Falilou Secks Ben gibt den in sich ruhenden Anwalt von Alltag, Kompromiss und Mittelmaß - bis er nur noch Ruinen um sich herum wahrnimmt und seinen Gefühlen freien Lauf lässt.
Yorck Dippe pflegt als Art erst einen gedankenspielerischen Umgang mit dem Inhalt seiner Träume. Doch allmählich ergreifen sie Besitz von dem Mann, er wehrt sich, schlägt gleichsam um sich und kann der Versuchung doch nicht widerstehen, ein anderer zu sein und dem "Eiszeitalter der Herzen" zu entfliehen.
Christine Schönfeld hat als Anne die Hosen an, sie versucht ihrem Mann per Feldwebelton den Ausstieg aus der Ehewirtschaft zu verbieten. Sie meldet Besitzansprüche an, die sie nicht durchsetzen kann. Auch sie steht zum Schluss mit leeren Händen da, wie Ben ohne Illusionen und Hoffnung. Art und Catherine sind erfüllt von Hoffnung. Oder sollte man sagen: erfüllt von Illusionen?
Autor: Dietmar Kanthak
















