ION oder DER NEUE SOHN
von Euripides
Uraufführung der Übersetzung und Bearbeitung von Hubert Ortkemper
Kreusa, Königin von Athen, wurde als Mädchen von Apoll vergewaltigt und schwanger. Heimlich
brachte sie das Kind zur Welt und setzte es bald danach aus. Seither lässt der Gedanke an den Jungen ihr keine Ruhe und – wie zur Strafe – bleibt ihre Ehe mit König Xuthos kinderlos. In Delphi wollen beide das Orakel nach Erben befragen und treffen auf einen Waisenjungen, der im Dienste Apolls lebt. Diesen Waisen schenkt der Gott Xuthos nun mit der Behauptung, er sei das Produkt einer vorehelichen Liebschaft des Königs. Glücklich schließt der seinen neuen Sohn Ion in die Arme. Kreusa aber wähnt sich betrogen und beschließt, Ion zu vergiften – nicht ahnend, dass er ihr lang vermisster Sohn ist …
ION lebt von allerlei familiären Verstrickungen, die durch die Fehlbarkeit der Götter entstehen und die es von Menschenhand zu entwirren gilt, wobei die Grenzen von Tragik und Komik mitunter verschwimmen. THEATER BONN setzt mit dieser Aufführung nach Klaus Weises Produktion MEDEA und Christoph Roos’ Inszenierung von ELEKTRA/OREST NACH EURIPIDES die Auseinandersetzung mit der griechischen Antike ebenso fort wie die Zusammenarbeit mit dem Autor und Übersetzer Hubert Ortkemper.
Klaus Weise, Theater-, Film- und Opernregisseur, hat vom Düsseldorfer Schauspielhaus über das
Theater Basel und das Schauspielhaus Zürich bis hin zur Wiener Burg an zahlreichen Bühnen gearbeitet und ist seit 2003 Generalintendant von THEATER BONN.
Besetzung
Inszenierung: Klaus Weise
Bühne: Martin Kukulies
Kostüme: Dorothea Wimmer
Musik: Michael Barfuß
Licht: Thomas Roscher
Dramaturgie: Stephanie Gräve
Ion, Sohn Apolls und der Kreusa: Oliver Chomik
Kreusa, Königin von Athen: Katharina von Bock
Xuthos, ihr Mann: Ralf Drexler
Ein Greis, ehemaliger Erzieher Kreusas: Tanja von Oertzen
Die Göttin Athene: Nina V. Vodop'yanova
Kritiken
Bonner Rundschau vom 6.12.09
Neuübersetzung
Euripides reist in die Moderne
Nach „Elektra / Orest“ hat Bonn nun mit dem selten gespielten „Ion“ die zweite Euripides-Produktion in der Neuübersetzung von Hubert Ortkemper auf der Kammerspielbühne. Inszeniert hat Intendant Klaus Weise.
Fürs erste Bild hat er sich zwei den Scheuerlappen schwingende Putzfrauen einfallen lassen und einen etwas heruntergekommenen griechischen Burschen namens Ion, tanzend wie Alexis Sorbas und gespielt von Oliver Chomik.
Später wollen zwei mit Camcordern bewaffnete Touristinnen das Museum besichtigen. Aber das verwehrt ihnen Ion. „Das ist verboten, Frauen!“ Das Museum ist ein Tempel, doch in der Acrylglasbühne von Martin Kukulies macht das keinen Unterschied.
Jetzt fegt Ion vor dem Tempel mit dem Wacholderbesen. Und damit fängt in Bonn auch das eigentliche Euripides-Stück an. Katharina von Bock, die nun nicht ohne Hoheit auftritt, ist die Königin Kreusa von Athen. Den Mann neben ihr, Xuthos, spielt Ralf Drexler. Dieser Zeitaufriss, auch im Sinne von Aufreißen, ist kein schlechter filmischer Einfall. Auch der große Regisseur Fritz Lang hat mit solchem Verschwimmen von Zeitgrenzen virtuos gearbeitet. Bei „Ion“, dem Alterswerk von Euripides, lohnt sich das.
Der Plot ist stark. In Kurzfassung: Das junge Mädchen Kreusa wird vergewaltigt, bekommt ein Kind, das sie nicht annimmt, und als sie es kurz darauf sucht, ist es verschwunden. Der schöne Gag von Weise aber ist nun, dass er die Geschichte doppelt. Die antike Folie wird, offenbar von den Camcordern der Touristinnen, auf den Hintergrund projiziert, in klassischen Statuen, in Opferszenen. Einem Opferstier wird ziemlich drastisch die Kehle durchgeschnitten, das Tier geschächtet. Wohl in elektronischer Animation hergestellt. Davor spielt „Ion oder Der neue Sohn“, übersetzt und bearbeitet von Ortkemper. „Bearbeitet“ ist sicher hochgestapelt, man hat Euripides einfach rüde zusammengestrichen. Und Ortkemper und Weise haben verteilt, was übrig blieb.
Das Problem des Chors löste man nicht unpraktisch: Worauf man um keinen Preis verzichten zu können glaubte, das hat man den beiden Frauen aufgegeben: Tanja von Oertzen und Nina V. Vodopyanova. Diese spielen aber auch noch das Orakel Pythia, Kreusas Erzieher, die Göttin Athene. Das verschweigt das Programmheft.
Der einzige, der weder bei Euripides noch in Bonn vorkommt, ist Apollo. Der Gott ist bei Euripides der Vergewaltiger der kleinen Königstochter Kreusa und auch der Dieb des Babys, von dem die Mutter glaubt, dass es die Vögel geraubt hätten. Aber was dieses Stück so gut macht, so modern, das sieht man, wo Euripides die Tragödie mit den Mitteln der Komödie in Szene setzt. Das ist umwerfend gut - Ion sucht seine Mutter, Kreusa ihr verschwundenes Kind, Xuthos die Mutter zum Findelsohn, Ion seinen Vater ... Nur Verwechslungen und Doppelgängerei. Jeder sucht jemanden.
Das unglaubliche Ende bringt alles zusammen, sie haben alle das oder den gleichen gesucht. In den beiden Hauptrollen spielen Oliver Chomik und Katharina von Bock gut mit, was auch Euripides schon an Psychologie einsetzt. Viel Beifall bekam auch Tanja von Oertzen für ihre Pythia.
Autor: H. D. Terschüren
Die Welt vom 9.12.2009
Selten gespielt: "Ion" von Euripides in Bonn
Der junge Mann hat einiges zu verkraften.Eben noch arbeitete er friedlich als Tempeldiener vor sich hin.Und schon soll Ion Sohn einer Königin und des Gottes Apollon sein und zudem Stammvater eines neuen Geschlechtes werden. Das kann einen schon in Identitätskrisen stürzen.
Der junge Mann hat einiges zu verkraften. Eben noch arbeitete er friedlich als Tempeldiener vor sich hin. Und schon soll Ion Sohn einer Königin und des Gottes Apollon sein und zudem Stammvater eines neuen Geschlechtes werden. Das kann einen schon in Identitätskrisen stürzen. Aber so springen die Götter halt mit den Menschen um, in den antiken Mythen.
Das Theater Bonn zeigt seit Jahren so viele alte Griechen wie kaum eine andere deutsche Bühne. Der Übersetzer Hubert Ortkemper hat nun zusammen mit Intendant Klaus Weise eine Rarität ausgebuddelt, "Ion oder der neue Sohn" von Euripides, ein seltsames Zwischending aus Tragödie und Satyrspiel. In Goethes Weimarer Hoftheater stand es noch auf dem Spielplan. Seitdem hat nur Antikenfan Hansgünther Heyme das Werk mal bei den Ruhrfestspielen inszeniert. Außerdem gibt es eine Oper des indischen Komponisten Param Vir, die auch in Berlin zu sehen war. Ortkemper und Weise haben den Text nun konzentriert und aufpoliert, die Zeitebenen fließen in den Kammerspielen Bad Godesberg in- und durcheinander.
Reinigungskräfte weiblichen Geschlechts schwingen die Scheuerlappen, der Tempel ist eine Acrylglasröhre, die wie ein Designerfahrstuhl aussieht. Touristinnen laufen mit ihren Camcordern herum, Ion tanzt ein bisschen zu griechischer Musik aus einem Ghettoblaster, und plötzlich geht die Handlung los. Aus den Putzfrauen spricht mal der Chor, mal das Orakel und auch die Göttin Pallas Athene, was vor allem Tanja von Oertzen mit großer Gelassenheit und staubtrockenem Humor hinreißend exerziert. Kreusa tritt auf, Ions Mutter auf der Suche nach dem Kind, das ihr Apoll nach der Geburt gestohlen hat. Der göttliche Beischlaf war eine Vergewaltigung, entsprechend brodeln Wut und Demütigung in der Frau, der Katharina von Bock überzeugende tragische Dimension verleiht. Beinahe tötet sie in ihrer Verzweiflung den eigenen Sohn, ohne ihn zu erkennen. In diesem Augenblick zeigen Videobilder im Hintergrund die Schächtung eines Stieres, dem Blut in Strömen aus der aufgerissenen Kehle läuft. Wäre das Stück eine Tragödie, sähe Ion hier sein Schicksal.
Doch der bereits betagte Euripides formulierte eine politische Botschaft. Sein Stück sollte den Führungsanspruch Athens in Griechenland untermauern, deshalb erzählte der Dramatiker die Legende des Ahnherrn der Ionier, die Athen gründeten. Diese historisch-politische Dimension spielt in Klaus Weises Inszenierung nur am Rande eine Rolle. Ihm geht es um das Zusammentreffen von Psychologie und Mythos, das Euripides als erster Dramatiker überhaupt erprobte, um die Modernität des unbekannten Stückes, die Bruchstellen zwischen Satire und Tragik, Vergangenheit und Gegenwart.
Autor: Stefan Keim
Fragen und Kommentare zum Stück
Bin sehr gespannt auf die Premiere, weil ich vor vielen Jahren meine Doktorarbeit über "Ion" von August Wilhelm Schlegel geschrieben habe und ich den "Ion" immer schon mal auf der Bühne sehen wollte, was bisher leider nicht möglich war. Ich wünsche dem Unternehmen viel Erfolg!
Bitte, bitte bitte: Katharina von Bock soll fest ins Bonner Emsemble!!! Eine Schauspielerin von ihrem Format wäre eine große Bereicherung! ;o)
Katharina von Bock arbeitet frei, wird aber immer wieder am THEATER BONN als Gast zu erleben sein, ihre nächste Premiere ist HEDDA GABLER, das am 6. Mai als Kooperation im Théâtre du Luxembourg Premiere hatte und in Bonn ab November auf dem Spielplan steht, sie spielt die HEDDA.
















