DAS MAEDCHEN
von Richard Maxwell
Deutsch von Anna Kohler Gefördert von der Kunststiftung NRW Ein Vater und seine Tochter irgendwo in Amerika: sie leben in einem kleinen Haus am Fluss. Die Mutter ist schon vor langer Zeit gegangen, mit einem anderen Mann weggegangen. Das hat der Mann kampflos akzeptiert. Gekämpft hat er jedoch um sein Kind. Eine Coming of Age-Story und eine Geschichte von Vater und Tochter; eine Geschichte von Familienstrukturen, die wenig Bestand haben in einer rauen und unwirtlichen Welt. Richard Maxwell, künstlerischer Leiter der New York City Players, stammt aus Fargo, North Dakota, ist Autor, Regisseur und Komponist und zählt zu den derzeit wichtigsten experimentellen Theatermachern New Yorks. Für DAS MAEDCHEN entwickelt er mit dem deutsch-amerikanischen Ensemble von NYCPLAYERS und THEATER BONN eine besondere Erzählform: das Stück kommt nahezu ohne gesprochenen Text aus, die Geschichte wird erzählt über Bewegung und Spiel, über Musik und Projektionen. DAS MAEDCHEN ist nach THE FRAME (2006) Maxwells zweite Arbeit für Bonn.
Die Beziehung zum Mädchen ist eng, obwohl er ein harter, schweigsamer Mann ist, der seine Gefühle, seine Verletzungen unzugänglich tief in sich vergraben hat. Sie liebt ihn aus vollem Herzen, kompromisslos.
Das Glück bekommt Risse, als sie heranwächst, sich verliebt, ein eigenes Leben will. Wie soll er den Verlust ertragen? Das Mädchen ist alles, was er hat.
Besetzung
Inszenierung: Richard Maxwell
Bühne und Licht: Sascha van Riel
Kostüme: Sibyl Kempson
Choreographie: Ziv Frenkel
Dramaturgie: Stephanie Gräve
Mit: Susanne Bredehöft, Anastasia Gubareva, Sibyl Kempson, Victoria Vazquez; Jim Fletcher, Brian Mendes, Raphael Rubino
Kritiken
von Kerstin Edinger
Richard Maxwell besticht mit minimalistischem Experimentier-Theater in Bonn
Antennen für den amerikanischen Traum
Bonn, 13. März 2010. Jegliche Erwartungshaltung sollte man an der Garderobe abgeben, sich freimachen von tradierten Vorstellungen über das Theater und seine Ausdrucksformen. Richard Maxwells Stück "Das Mädchen" lädt ein, Althergebrachtes zu überdenken und neu zu ordnen. Gespielte Situationen, die zu einem dramaturgischen Höhepunkt führen, gibt es nicht. Maxwell geht es um eine Art theatralen Feldversuch, der Stimmungen bei Darstellern und Zuschauern auslotet. Dabei ist jede Aufführung eine Reise ins Ungewisse.
Zwischen Poesie und Brutalität
Maxwell hat einen Text geschrieben, der zwischen Poesie und brutaler Direktheit changiert. Er beschreibt darin, die Beziehung eines alleinerziehenden Vaters zu seiner Tochter. Das kleine Idyll bekommt Risse, als sie sich von ihm abnabelt und eigene Wege geht. "Der Tag der Abrechnung rückt näher. Die Tochter wird ausziehen. So ein großzügiges und gutes Kind." Der harte, schweigsame Mann vereinsamt und sehnt sich schließlich den Tod herbei. "Er will nicht sterben, Mann. Aber er weiss einfach nicht wohin."
In Maxwells Text geht es um Gefühle: um Liebe und Hass, um Eigennutz und Selbstlosigkeit. Die so privat erscheinende Geschichte lässt immer wieder existentielle, ja fast philosophische Fragen aufscheinen. "Hab keine Angst, dass dein letzter Gedanke auf diesem Planeten banal sein wird." Er zwingt die Zuschauer aufmerksam zu bleiben. Fast eine Stunde lang fällt kein Wort, die Darsteller improvisieren Stimmungen und Gefühle des auf die kahle Bühnenrückwand projizierten Textes auf fast tänzerische Art. Sie krümmen sich, halten sich gegenseitig fest, blicken sich an. Jede Bewegung erzeugt eine improvisierte Reaktion beim Gegenüber, jeder Blick verändert die Situation.
Minimal-Theater am Rande der Meditation
Äußerste gespannte Stille. Das verlangt von den Darstellern vollkommene Offenheit, absolutes Einfühlungsvermögen und keine Angst vor dem Versagen. Die sieben deutschen und amerikanischen Schauspieler (drei vom Theater Bonn, vier von Maxwells "New York City Players") meistern dies bravourös. Sie lassen emotionale Schwingungen sichtbar werden, machen auf der Bühne, dem eigentlichen Ort des gespielten Gefühls, Platz für mehr Ehrlichkeit.
Der Zuschauer ist gezwungen, genau zu beobachten, seine Antennen auszufahren, um am Geschehen dran zu bleiben. Eine fast meditative Stille herrscht im Saal. Und es geht weiter: Erzählperspektiven wechseln, die Darsteller tauschen die Rollen, Lichtstimmungen verändern sich minimal. Richard Maxwell fordert den Zuschauer sanft und doch eindringlich auf, nicht unaufmerksam zu werden.
Theaterforschung live
Richard Maxwell wendet sich radikal von der erzählerischen Form ab und betreibt mit seinem Stück Theaterforschung: Wie gehe ich mit Sprache um? Wie verhält sich ein Schauspieler auf einer leeren Bühne? Wie wirken Worte, wie Bewegungen? Dabei nimmt er die Zuschauer mit auf eine experimentelle Reise, von der auch er den Ausgang nicht kennt. Stimmungen, Gefühle sind vorgegeben, doch vieles bleibt Improvisation, gleicht einer intimen Probensituation. Immer wieder fügt Maxwell Brüche ein.
Hat man sich nach fast einer Stunde im textlosen Improvisationsgefüge zurecht gefunden, wechselt das Licht und die Darsteller beginnen Text zu sprechen Wie wohl hatte man sich im stillen Aufeinanderabgestimmtsein gefühlt. Es ist spannend zu sehen, wie Maxwell den Zuschauer in seiner Erwartungshaltung an der Nase herumführt.
Appell für Veränderung
Intendant Klaus Weise und Chefdramaturgin Stephanie Gräve beweisen Mut, Richard Maxwell, einen der radikalsten Avantgarde-Regisseure der Gegenwart ins konservative Bonn zu holen. Doch es hat sich gelohnt: Maxwell schafft es, auf unaufdringliche Art dem regulären Theaterbetrieb einen Spiegel vorzuhalten. Sein Abend ist ein Appell zur Veränderung, der die Zuschauer mit einbezieht. Ein Abend, an dem Emotionen und Gefühle auf spannende Weise transportiert werden und der einen nicht unberührt zurück lässt. Er macht leise und doch brachial den Weg frei für neue Darstellungsformen des Theaters.
General-Anzeiger vom 15. März 2010
"Das Mädchen" in Halle Beuel ist spannendes Theater-Experiment
Das Theater ist eine Aufführungsmaschine, die unablässig Kunst hervorbringt. Ein Produktionsbetrieb, der funktionieren muss, zu dessen Ablauf aber die ästhetische Störung integral dazu gehört.
Das lässt sich an Richard Maxwells "Das Mädchen" fast exemplarisch studieren. Hier ist alles anders: Es gibt kein Stück, aber einen Text. Dialoge werden nicht gesprochen, sondern projiziert. Die Darsteller tanzen, nicht zu Musik, sondern zu Wörtern. Und worum handelt es sich dann dabei? Um einen beeindruckenden Theaterabend.
Die Ästhetik Maxwells besitzt Verstörungspotential. Noch gut in Erinnerung sind die statische Spielweise, das unpsychologische Sprechen oder die melancholische Musik in "The Frame", das der amerikanische Theatermacher 2006 als Auftragswerk in Bonn realisierte. Ganz anders jetzt "Das Mädchen".
In der Halle Beuel ist eine kahle Spielfläche aufgebaut, die durch eine senkrechte Wand nach hinten begrenzt wird (Bühne: Sascha van Riel). Sieben Darsteller vom Theater Bonn und Maxwells New York City Players positionieren sich auf der Bühne, berühren und strecken sich: Eurythmie oder Familienaufstellung nach Hellinger?
Der Text des Abends wird auf die Rückwand projiziert und das bedeutet für den Zuschauer: Es ist Lesestunde im Theater. Ein Mann lebt mit seiner Tochter in einem Haus am Fluss; seine Frau hat ihn verlassen, als er im Krieg kämpfte. Jetzt ist er am Ende, beschließt aber, seine Tochter alleine zu erziehen.
Man sieht Tim Fletcher in Jogginghose, wie er Susanne Bredehöft herumträgt, sie umarmt und gehen lässt, nur um dann das Bein von Anastasia Gubareva fest zu umklammern. Dann sitzen beide einträchtig mit ausgestreckten Beinen da.
Zu hören ist dabei kein Wort, nur das Rauschen des Projektors und der ?Sound' der sich bewegenden Körper. Die wirken zunächst etwas steif und bedienen sich fixer Haltungen. Das Vokabular dafür haben sich die Darsteller unter Anleitung des Choreografen Ziv Frenkel erarbeitet.
Faszinierend daran ist jedoch, wie Maxwell die Bedeutungsebenen von Text, Rolle, Interpretation bewusst macht. Und plötzlich fühlt man sich ertappt: Warum bezieht man das Gelesene sofort auf die Aktion? Wieso ist man sich bei der Rollenzuweisung sicher? Bestreiten wir mit diesen vorschnellen Interpretationsmustern nicht auch unseren Alltag?
Letztlich ist "Das Mädchen" eine Coming-of-Age-Story, die vom Erwachsenwerden der Titelfigur erzählt und von den Schwierigkeiten, die der Vater damit hat. Die erste große Liebe des Mädchens gilt einem Jungen (Sam Mendes). Sie umkreist ihn, er hält sie über den Abgrund der Bühnenkante und der Vater sucht den Blick aus der Perspektive seiner Tochter.
Emotion wird dabei mit Mitteln des Tanztheaters nicht in Psychologie, sondern fast brechtisch in Gestus und Haltung übersetzt. Der zweite Teil bricht dann mit dieser strengen Praxis. Die Rückwand strahlt plötzlich in mauve, hellgrün und grellweiß. Sibyl Kempson und Victoria Vazquez vermehren die Tochterzahl auf drei und allmählich lösen sich die Rollenzuweisungen völlig auf.
Die Darsteller beginnen, nach 50 Minuten Stille, in ihren Muttersprachen Deutsch und Englisch die Monologe von Vater und Tochter zu sprechen; Monologe über Schmerz und Sehnsucht, Nähe und Distanz, über den Selbstmord.
Und wenn am Ende Susanne Bredehöft im roten Kleid fast emotionslos über Natur, Heimat und Identitätslosigkeit sinniert, dann steigt daraus eine Mischung aus Melancholie und Utopie auf, wie sie vielleicht nur ein amerikanischer Künstler entwickeln kann.
Oder um es mit Richard Maxwell zu sagen: "Lass zu, dass deine Imagination sich zurückzieht. Lass uns nicht schon wieder den alten Moment romantisieren. Wir haben diesen Moment hier". Und der dauert 75 Minuten, findet in Bonn-Beuel statt und ist ein Muss.
Autor: Hans-Christoph Zimmermann
Fragen und Kommentare zum Stück
Wieso wurde "The Corporeal Plays" trotz Ankündigung kurzerhand durch dieses Stück ersetzt?
THE CORPOREAL PLAYS war ein vorläufiger Arbeitstitel und wurde auch so angekündigt. Das fertiggestellte Stück heißt DAS MAEDCHEN.
Wann wird das Stück wieder gespielt?
Im Juni, Termine finden Sie ab Ende April auf der Homepage und im Monatsplan.
















