JEPHTHA

von Georg Friedrich Händel

Libretto von Thomas Morell
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

 

Jephtha führt die Israeliten im Kampf gegen die Ammoniter. Im Falle eines Sieges schwört er das Wesen zu opfern, welches ihm zuerst entgegentritt. Nach der erfolgreichen Schlacht begegnet ihm seine Tochter Iphis als Erste. Weder die Klagen seiner Frau Storgè noch die Bereitschaft von Iphis‘ Bräutigam Hamor, sich statt ihrer zu opfern, können Jephtha umstimmen. Er führt Iphis vor den Altar, als ein Engel Jephta von seinem Schwur entbindet: Iphis soll nicht geopfert werden, fortan aber einzig Gott als Priesterin dienen.

Dietrich W. Hilsdorf wurde 2006 vom Deutschen Bühnenverein für den Theaterpreis DER FAUST als bester Musiktheater-Regisseur für JEPHTHA, seine letzte Händel-Inszenierung am Bonner Opernhaus, nominiert.

 

Besetzung

Musikalische Leitung: Andreas Spering/Sibylle Wagner
Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf
Leitung der Wiederaufnahme: Ralf Budde
Regieassistenz: Sophie Paarmann
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Renate Schmitzer
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Licht: Thomas Roscher


Jephtha: Daniel Johannsen Tamás Tarjányi (28.2)
Zebul: Martin Tzonev
Storgè: Susanne Blattert
Iphis: Julia Kamenik
Hamor: Artem Krutko
Ein Engel: Emiliya Ivanova (28.2.)/Vardeni Davidian


Chor und Extrachor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Kritiken

Der Neue Merker

Hilsdorf inszeniert wie stets die Handlung von Opern nachvollziehbar, klar, stringent. Er führt alle Personen mit starker Expressivität ...                   

 

Der Opernfreund

Man hat Lust, gleich wieder hinzugehen. Diese Produktion an sich und die Tatsache der Wiederaufnahme bekräftigen die derzeit führende Position des Bonner Hauses in NRW.       

 

The Epoch Times

Mit einem Alter von fast dreitausend Jahren ist die Jephtha-Geschichte in Kapitel 11 im Buch der Richter eine der ältesten biblischen Erzählungen. Und dabei doch von ungeahnter Aktualität, wie Händels Musik und Hilsdorfs Inszenierung durchgehend beweisen.    

 

General-Anzeiger                                                                                      

Der junge ungarische Tenor und Ensemble-Neuzugang Tamás Tarjányi, der mit Jephtha in Bonn seine erste große Partie singt, spielt den zerrissenen Herrscher bemerkenswert stark, wobei seine schön geführte, lyrische Tenorstimme die Emotionen beeindruckend wiedergibt. Eine echte Bereicherung fürs Ensemble ... Der von Sibylle Wagner einstudierte Chor ist ein weiterer Hauptakteur der Inszenierung. Die Sänger stellen einen aggressiven Mob dar, gefährlich und gewaltbereit. 
             

DeutschlandRadio

Welch ein Stoff – mit einer spannenden Geschichte von Liebe und Krieg, Willkür und fehlgeleiteter Gottesfurcht. Und mit fulminanten Chören.          

 

Welt kompakt

In zauberhaften Tableaus mit üppigen Chor-Aufmärschen, Volksszenen, überbordenden Duetten und Licht- und Schatteneffekten, die alten niederländischen Meistern nachempfunden sind, versetzt dieses selten gespielte Oratorium … ins Schwärmen.
             

Opernwelt, August 2005

Faszinierend expressiv

 […] Und neuerlich steht das Haus Kopf. […] Und Hilsdorf kann unbestritten als einer der wichtigsten, faszinierendsten Opernregisseure der Gegenwart gelten. […] Den Sängern verlangt Hilsdorf viel mimischen Mut und hohen körperlichen Einsatz ab. Aber der vor Energie nur so dampfende Regisseur versteht Darsteller zu motivieren; das führt zu Leistungen, die sich Sänger wahrscheinlich selbst nicht auf Anhieb zutrauen. Aus diesem Grunde sind auch die Chorauftritte (und besonders sie) grandios. Wo man einem anderen Szeniker vielleicht Langsamkeit, Blockführung, Kompaktheit vorwerfen würde – bei Hilsdorf gewinnen gerade diese Momente exorbitante, nachgerade körperschmerzliche Expressivität. Und die von Sibylle Wagner vokal hieb- und stichfest präparierten Sänger genießen die Herausforderung sichtlich.

 

 

General-Anzeiger, Juni 2005

Zebul und die Engel-Situation

Jubel und Bravo-Rufe im Bonner Opernhaus

Der Regisseur Dietrich Hilsdorf will sein Publikum nicht bei der Hand nehmen: Er will es mitreißen. Dazu braucht er gar nicht unbedingt den dramatischen Impuls der Musik Verdis oder den Verismo Puccinis.

Selbst bei den ursprünglich nicht für die Opernbühne geschriebenen Oratorien von Georg Friedrich Händel entwickelt er den Ehrgeiz, deren innere Dramatik nach außen zu kehren, sie sichtbar und fühlbar zu machen. Ein kraftvoll inszenierter "Saul" und ein prachtvoller "Belsazar" waren das Ergebnis der beiden letzten Arbeiten Hilsdorfs für die Bonner Oper.

Jetzt setzt er mit "Jephtha" nach. Auf Dieter Richters monumentalem Bühnenbau bewegt Hilsdorf eindrucksvoll Solisten und Chöre, die in den aufwändig geschneiderten, von der Händel-Zeit inspirierten Kostümen Renate Schmitzers großes Theater hinlegen: Nach drei Stunden Aufführungsdauer entlud sich beim Publikum ein wahrer Jubel-Sturm.

Das 1752 fertiggestellte letzte Oratorium Händels handelt von dem Feldherrn und Richter Jephtha, der Israel von der Herrschaft der Ammoniter befreien soll. Der einst verstoßene Jephtha nimmt von dem Hohepriester Zebul, seinem Halbbruder, den Auftrag unter der Bedingung an, auch im Frieden als Herrscher bleiben zu können.

Den unbedingten Willen zum Sieg unterstreicht er mit einem folgenschweren Gelübde: Das erste Wesen, was seine Augen nach der Rückkehr erblicken, will er Gott zum Dank opfern. Jephtha mag in Hilsdorfs Inszenierung die Augen nach dem Sieg gar nicht öffnen. Erst als die Menschenmengen verschwunden sind, es ruhig wird um ihn, schaut er sich um.

Die Verzweiflung, als seine bräutlich geschmückte Tochter ihm gegenüber steht, spielt der mit schönem lyrischen Tenor agierende Patrick Henckens mit bewegender Intensität. Und Julia Kamenik ist als Iphis ein zutiefst menschlich reagierender Gegenpart. Sie steht in der Blüte ihrer Mädchenjahre, trägt zu Beginn noch Hosen und Stiefel zum roten Kostüm, flirtet keck mit ihrem Geliebten Hamer.

Nachdem sie aber die Tragweite der Begegnung mit Jephtha erkannt hat, findet sie sich nicht nur in ihr Schicksal, sondern will aufrecht als Märtyrerin für das Volk Israel sterben, eine Entwicklung, die sie auch stimmlich überzeugend vollzieht.

In der Bibel stirbt sie konsequenterweise. Bei Händel nicht. Da nämlich erscheint, kurz bevor das Fallbeil niedersaust, ein Engel und befiehlt Einhalt. Mit großem theatralischen Aufwand macht Hilsdorf seinem Publikum nun deutlich, dass er von dem Händel-Happy-End nichts hält.

In Bonn kommt der Himmelsbote als kitschig goldener Rauscheengel auf die Erde nieder, irrt zunächst orientierungslos umher, bis er von Menschenhand an der Kette eines großen Lüsters wie eine Marionette hochgezogen wird, um aus dieser Pose (und mit Anna Virovlanskys leuchtendem Sopran) die Gnade Gottes zu verkünden. Iphis und Jephtha aber verzweifeln, weil die Ernsthaftigkeit und Würde ihres Handelns plötzlich außer Kraft gesetzt ist.

Die Jubelchöre schmecken bitter, selbst der Freudengesang des mittlerweile betrunkenen Hamer, den der großartige Countertenor David Cordier bravourös verkörpert, ist vergiftet: Schließlich muss er von seiner Geliebten lassen, die auf Weisung des Engels nun ein keusches Leben für Gott führen muss.

Zum Trost werden ihm junge Mädchen zugeführt. Verunsichert wirkt auch Storgé, Jephthas Frau (Susanne Blattert). Einzig der Kopf der Intrige, Zebul, dem Martin Tzonev stimmlich wie darstellerisch bedrohliche Schwärze mit auf dem Weg gibt, profitiert von der Engel-Situation. Denn die Ammoniter sind besiegt, sein verhasster Halbbruder ist ein gebrochener Mann, dessen Stamm erlischt.

Der Dirigent Jos van Veldhoven ist ein weiterer Vater des Erfolgs. Er kennt sich mit Händels wunderbarer Musik aus, weiß um ihre Bildhaftigkeit, die das in ein veritables Barockensemble verwandelte Beethoven Orchester samt markant aufspielender Continuogruppe vital und souverän umsetzt. Musikalisch war der Chor von Sibylle Wagner ebenfalls sehr gut vorbereitet. Um die letzten Unsauberkeiten wegzufeilen, wäre es jedoch gut, wenn "Jephtha" öfter auf dem Spielplan stünde: Schon nach der dritten Vorstellung fällt für diese Saison der letzte Vorhang. Von Bernhard Hartmann

 

 

Kölner Stadt-Anzeiger, Juni 2005

Diesmal bringt der Engel keine Erlösung

 

Dietrich Hilsdorf inszeniert in Bonn so beklemmend wie schlüssig Händels Oratorium „Jephtha“.

Was haben Verdis Oper „Fallstaff“ und Händels Oratorium „Jephtha“ gemeinsam? Nun, beide sind Spätwerke, und beide sind derzeit in Inszenierungen von Dietrich Hilsdorf in NRW zu sehen - die eine in Essen, die andere an der Bonner Oper. Das ist es dann freilich schon. Während „Fallstaff“ allein vom Sujet her jede Regie-Fantasie anzapfen muss, verhält sich Händels letztes großes Werk auf Anhieb spröde gegenüber einer szenischen Umsetzung. Anders als in dem von Hilsdorf in seiner Bonner Händel-Serie ebenfalls dramatisierten und von Haus aus opernaffinen „Saul“ sind hier die Konflikte der Figuren nach innen genommen, scheinen sich einer bühnenwirksamen Visualisierung zu verweigern.

Und doch: Hilsdorf bringt es fertig, dass der Zuschauer nicht nur über zweieinhalb Stunden gebannt bei der Sache bleibt, sondern auch den Eindruck gewinnt, einer genuinen Oper beizuwohnen. Das geschieht nicht nur durch das zwingende Ineinander von Personen- und Massenführung, sondern auch durch die konsequente Aktivierung verdeckter szenischer Möglichkeiten - etwa wenn der jüdische Feldherr Jephtha nach gewonnener Schlacht gegen die Ammoniter angesichts des Siegesjubels seiner Getreuen das Haupt bedeckt - er hatte ja („Idomeneo“ lässt grüßen) gelobt, im Fall ebendieses Sieges das erste Wesen, das er bei der Heimkehr erblickt, Jehova zu opfern; oder wenn der Chor seine Devise „Whatever is, is right“ nicht fatalistisch-ergeben singt, sondern als drohende Aufforderung an den Feldherrn, nun endlich seine Tochter Iphis zu töten. Das ist kein griechischer Tragödienchor mehr, sondern eine aggressive Meute wie in Meyerbeers Opern - zynisch, verwahrlost, gewaltbereit.

Dieses Beispiel zeigt freilich, dass Hilsdorf die fast zwanghafte Schlüssigkeit seines Konzepts mit der kompletten Abkehr vom geistig-geistlichen Kontext der Händelschen Komposition erkauft: Der unbegriffene Gott spielt in dieser Version keine Rolle mehr, die Religion wird zur ideologischen Staffage in einer bis zum Ende unerlösten Welt. Wenn Jephtha in Iphis schließlich die zu Opfernde erblickt, dann wird er damit selbst das Opfer einer Intrige seines machtlüsternen Halbbruders Zebul, der am Schluss auch noch den faulen Zauber mit dem Engel inszeniert - eine würdige Kitscherscheinung, gleichsam die Vergrößerung des „Friedensengels“ aus Bölls Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.

Die Folge: Iphis wird als keusche Dienerin Jehovas lebendig begraben, die Erbfolge geht auf Zebul über. Händels „sacred drama“ ist nicht mehr „sacred“, sondern wird zum politischen Machtspiel Shakespeareschen Zuschnitts (mit nur sehr dezenten aktualistischen Anklängen). Händels affirmative Preischöre - sie klingen auf einmal schal und verlogen.

Der düsteren Ausweglosigkeit entspricht das lapidare Bühnenbild (Dieter Richter) kongenial: ein heruntergekommener Festsaal, eine Brücke, die über den Orchestergraben nach vorne führt und dort gleichsam in einer Sackgasse für die Protagonisten endet, dazu nachempfundene Barock-Kostüme (Renate Schmitzer), farblich zwischen Schwarz, Lila und Rot (der Blutfarbe) changierend.

Zum Gelingen des Ganzen tragen nicht unerheblich die gesanglich hervorragenden wie (das war in Hilsdorfs Händel-Projekten nicht immer so) in der Darstellung eindringlichen Solisten bei, die sich im Lauf des Abends noch steigern: Susanne Blattert etwa, als Jephthas Ehefrau Storgé, macht ihre Arie „Scenes of horror“ zu einer veritablen Wahnsinnsszene. Mitunter in der Höhe leicht angestrengt, aber machtvoll in seinen Koloraturen rollend der Jephtha Patrick Henckens", schlechthin großartig Martin Tzonev als Bösewicht Zebul, anrührend Julia Kameniks Iphis, durchdringend und mühelos strahlend der Hamor David Cordiers, der auch in die Duette mit Iphis seine große gestalterische Erfahrung als Counter der Alte-Musik-Szene einbringt.

Jos van Veldhoven erweist sich wieder einmal als guter Ensembleerzieher, lässt das Beethoven-Orchester punktgenau, flexibel, in plastischer Klangrede musizieren. Schwachpunkt der Premiere war der Chor, der hier eine tragende Rolle hat. Sicher, die Chöre des „Jephtha“ gehören zum Schwersten, was Händel einschlägig geschrieben hat, aber ein bisschen mehr Präzision, Durchhörbarkeit, Intonationssauberkeit (die verminderten Septimen wollen halt genau genommen werden) dürften es dann schon sein. Und das Vibrato-Geschwurbel in der Höhe - nun ja, da sehnt man sich dann doch ein wenig nach einer Linearität à la Gardiner. Dabei bringt der Bonner Opernchor - man hört es - durchaus die nötige Potenz und Klangpracht mit. Sie müsste halt in den folgenden Aufführungen hinreichend zivilisiert werden. Großer Applaus für alle Beteiligten.