KASPAR

von Peter Handke

Beste Inszenierung beim NRW-Theatertreffen 2011

Was denkt und fühlt ein Mensch, wenn er keine Sprache hat? Hat er ein Bewusstsein? Eine Erinnerung? Eine innere Ordnung? Was macht den Mensch zum Menschen? Zu Beginn des Stückes hat Kaspar nur einen Satz: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.“ Mit diesem Satz drückt er alles aus, was er sieht und fühlt.
Anonyme Einsager drillen ihm nun die Handhabung der Sprache ein, denn Sprache schafft Ordnung. Doch sie verwirren ihn, bis er nur mehr unartikulierte Laute von sich gibt. Jetzt kann er gesellschaftskonform neu geschaffen werden. Ordnung und Werte werden ihm eingehämmert, bis er zu einem Teil der perfekt gleichgeschalteten Massengesellschaft geworden ist, bis zur Verwechselbarkeit integriert.

Peter Handke erzählt in KASPAR von der Abrichtung des Menschen zum Menschen. In einer dezidiert politischen Zeit hat Handke 1968 eine komische und hellsichtige Zeitdiagnose gestellt.

Regie führt Alexander Riemenschneider, geboren 1981, der als Regieassistent am THEATER BONN begann. Anschließend studierte er Regie in Hamburg. Seitdem inszeniert er am Schauspielhaus Hamburg, am Thalia Theater Hamburg, am DT Göttingen und in Potsdam. Mit seinen Arbeiten wurde er zu verschiedenen europäischen Festivals eingeladen.

Besetzung

Inszenierung: Alexander Riemenschneider
Ausstattung: Rimma Starodubzeva
Musik: Tobias Vethake
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Stephanie Gräve

Kaspar: Hendrik Richter
Einsager: Anastasia Gubareva, Nina Tomczak; Nikolai Plath

Kritiken

 

General-Anzeiger, 5. Juni 2010

Peter Handkes "Kaspar" begeistert in Bonner Theater-Werkstatt

Peter Handke nennt sein Stück "Kaspar" eine "Sprechfolterung". Der dunklen Bezeichnung zum Trotz: Es wird viel gelacht bei der "Kaspar"-Premiere in der Werkstatt des Bonner Theaters.
Regisseur Alexander Riemenschneider gelingt das Kunststück, aus einer Vorlage, die die Geduld des Zuschauers auf eine äußerste Probe stellen kann, einen geradezu vergnüglichen Theaterabend mit Hintersinn zu machen: 80 intelligente Minuten.
Handkes Sprechstück wurde 1968 uraufgeführt, es passte in die Zeit der Fundamentalkritik. Mit der Geschichte des Kaspar Hauser, des seltsamsten Findlings der Neuzeit, hat es nur wenig zu tun.
Es übernimmt davon lediglich das Motiv des Wilden, der in eine geordnete Gesellschaft gerät. Handkes Kaspar kommt fast sprachlos in seine Welt; ein Trio von "Einflüsterern" und "Einsagern" macht ihn mit Sprache vertraut, dem Zugang zur Zivilisation. Der Preis ist hoch: Anpassung und Abrichtung in der Massengesellschaft.
Alexander Riemenschneider pflegt einen ganz und gar lockeren Umgang mit dem bedrohlichen sprachlichen Dressurakt. Zum einen kennt er sich in der (Sprach-)Musik aus, seine Inszenierung hat Rhythmus und gleichsam der Musik abgelauschte Wechsel von Tempo und Dynamik; zum anderen serviert er die Weisheiten und Banalitäten, die Regeln und Anordnungen der "Einsager" auf witzige, verführerische Art.
Das Trio aus Anastasia Gubareva, Nina V. Vodop'yanova und Nikolai Plath agiert hinreißend mit dem unausstehlichen Frohsinn, den Sektenprediger verbreiten können, und dem Bieder-Charme, den zweitklassige Fernseh-Moderatoren verströmen.
Die Werkstatt, im pfiffigen Bühnenbild (Rimma Starodubzeva) gleich noch einmal als Bühne deklariert, wird folgerichtig zwischendrin zu einer Art Fernsehstudio, in dem sich das Publikum bei Sekt und Kaspar-Keksen ein bisschen verlustieren kann. Da hat Riemenschneider offenbar die Sprechfolterer von heute entdeckt - eine Gesellschaft, zur Dummheit beschwatzt.
Die Inszenierung wendet sich mit Genuss immer wieder ans Publikum. Das beginnt mit den ersten mühsamen Kontaktversuchen Kaspars und endet mit den Schnipseln, die die Windmaschine gleichsam wie Zettel-Botschaften in die Reihen fegt.
Wir sind Kaspar, würde Deutschlands größte Boulevard-Zeitung wahrscheinlich dazu titeln. Der eigentliche Kaspar auf der Bühne fordert volle Bewunderung ab: Hendrik Richter stammelt und staunt zunächst, um später Wortsalven virtuos abzufeuern. Perfekt.

Autor: Ulrich Bumann

Kulturkenner.de, 5. Juni 2010

Peter Handkes "Kaspar" in Bonn

Kaspar geht keinem mehr auf den Keks. Ganz im Gegenteil. Kekse werden ans Publikum verteilt. Kaspar-Kekse nebst Sekt und guter Laune. Eine Werbeveranstaltung: Nehmen Sie Kontakt zu Kaspar auf, dem seltsamen Jungen, der anders war und gleich gemacht wird – durch „Sprechfolterung“, wie sein Autor Peter Handke es nennt. Einübung, Einfügung, Einordnung, darum geht es. Aber nur nicht bitter werden. Den Kaspar von 1968, entstanden sehr frei nach dem berühmten Findelkind Kaspar Hauser, gibt es nicht mehr. Ideologische Konflikte sind out. Das rigide rationale System, das Kaspar abrichtet, verhält sich geschmeidig und allumarmend. Kaspar: ein Fall fürs Fernsehen, für irgend eine Verzeih mir-, Game-, Talk- oder Quizshow.
Wenn Kaspar in der Werkstatt des Theaters Bonn zu Anfang seinen Satz „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist“ repetiert, betont er das letzte Wort: „ist“ und begleitet es mit auffordernden  Bewegungen an die Zuschauertribüne zur Herstellung von Kommunikation und Austausch. Keine Publikumsbeschimpfung mehr, sondern Animation. Der Unterhaltungsbetrieb in Gestalt dieses halbtragischen Entertainers (Hendrik Richter) kennt Ich-Suche nur noch als bloßen Refrain.
Gekleidet wie für eine Revue, sind Kaspars drei „Einsager“, die ihn konform machen und ins Glied rücken, charmante, fröhliche Eintänzer (Anastasia Gubareva, Nina V. Vodop’yanova, Nikolai Plath), die rhythmisch mit den Fingern schnippen, einen Blumenstrauß in Zellophan verabreichen und ihren Lehrspruch „Merken und nicht vergessen“ sanft säuseln. Das Zwangssystem ist – intelligent, spielerisch, beweglich, ohne Ballaststoffe und doch durchtrieben schmerzempfindlich inszeniert von Alexander Riemenschneider – zum Reality-Varieté geworden, Wolfsmasken inklusive.
Kaspar als Massenphänomen: ein herunter demokratisierter Konsument und vereinnahmter Komplize kultureller Entwicklungsprozesse gegen das öffentlich rechtliche Ich. Der Unterhaltungsapparat vermag Individuation nur noch als beklatschte Pose zu denken, wo ein Popstar den Arm hoch reckt und mit Gloria Gaynor die Hymne ausgehöhlter Selbstbehauptung anstimmt: "I am what I am.“ Showtime und Lifestyle-Coaching für Kaspar, während ihm das Blut von den Lippen tropft und seine perfekte Rede im verklemmten Stammeln und schwitzender Tortur endet.