DER GROSSE KRIEG - Die Furien/Der große Krieg/Was Ernstes
VON NEIL LABUTE
Deutsch von Jennifer Whigham und Lothar Kittstein
„Der Große Krieg“, so heißt im amerikanischen Sprachgebrauch der 1. Weltkrieg. Es sollte der letzte aller Kriege sein, „der Krieg, der alle Kriege beendet“. Eine Fehleinschätzung, wie man heute weiß – die Schlachten toben unvermindert weiter, politisch wie privat. In den drei Einaktern, die Theater Bonn zur Uraufführung bringt, durchmisst Neil LaBute erneut das Schlachtfeld der Liebe. Zum Beispiel in der namenlosen Kleinstadt, in der Paula ihren Freund Jimmy zum Versöhnungstreffen erwartet – doch Jimmy kommt nicht allein (DIE FURIEN). In dem Haus, wo „Mann“ und „Frau“ die Formalitäten ihrer Scheidung ausfechten (DER GROSSE KRIEG). Und an dem Treffpunkt, an dem eine Frau auf einen Mann wartet – auf ihren Traummann (WAS ERNSTES).
Neil LaBute am THEATER BONN – diese Geschichte begann 2006 mit der deutschsprachigen Erstaufführung von WIE ES SO LÄUFT. Zwischen Birte Schrein, die die weibliche Hauptrolle spielte, und dem Autor entstand ein intensiver Kontakt, und LaBute schrieb ein Stück eigens für die Schauspielerin: HELTER SKELTER. Die drei neuen Stücke, die Theater Bonn in der Werkstatt uraufführt, sind wieder für Birte Schrein entstanden – die nächste Station dieser außergewöhnlich engen Zusammenarbeit mit einem der weltweit wichtigsten Gegenwartsdramatiker.
Besetzung
Inszenierung: Jennifer Whigham
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Uta Heiseke
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Almuth Voß/Lothar Kittstein
Es spielen: Birte Schrein, Anke Zillich: Yorck Dippe
Kritiken
Das Unglück ist zu Fuß erreichbar
Treue Leser der Feuilleton-Seiten wissen, dass wir an dieser Stelle nicht zu wohlfeilen Übertreibungen neigen. Der nächste Satz enthält nichts als die Wahrheit. Liebe Leser, Sie müssen schon weit fahren, um zwei Stunden lang im Theater so viel Glück zu empfinden.
Die Schauspieler Birte Schrein, Anke Zillich und Yorck Dippe haben gemeinsam mit ihrer Regisseurin Jennifer Whigham in der Werkstatt drei Minidramen von Neil LaBute unter dem Titel "Der große Krieg" uraufgeführt. Der Abend setzt Glückshormone im Publikum frei, denn er ist packend und geistreich, todernst und komisch, anrührend und wahrhaftig.
Ein Tipp: Das wollen alle sehen, also sollte man den Karten-Vorverkauf nutzen. Prima Weihnachtsgeschenk. Der Amerikaner Neil LaBute, Jahrgang 1963, hat einen Narren an der Schauspielerin Birte Schrein gefressen, für sie hat er jetzt "Der große Krieg" geschrieben.
Wie in Klaus Weises Bonner Erfolgs-Inszenierung von "Wie es so läuft" variiert LaBute seine These, dass in menschlichen Beziehungen Vertrauen sinnlos sei und die Liebe eine Chimäre. Beziehungen mit Happy End gibt es bei LaBute nicht, weder in seinen Theaterstücken noch in seinen Kinofilmen.
Ehen enden im Scheidungs-Gemetzel, so wie im zentralen Stück "Der große Krieg". Birte Schrein und Yorck Dippe spielen Szenen einer sich auflösenden Ehe. Die Wortwahl des Paares aus dem gehobenen Mittelstand (Lexus, Porsche) ist so drastisch wie die Wahl der Waffen. Die beiden holen, bildlich gesprochen, die Rasiermesser heraus, um sich gegenseitig fertigzumachen.
"Du warst wie ? meine Uni zweiter Wahl", sagt sie zu ihm. "Wenn du überlegst, wo du studieren willst? Du warst mein Notfallplan, die einfachste Lösung. Sicher. Billig. Zu Fuß erreichbar." Jennifer Whigham gibt dem Spiel ihrer Akteure eine ritualisierte Struktur.
Birte Schrein steht meist an einer mit einem X auf dem Bühnenboden markierten Stelle und blickt düster, aber gelassen, undurchdringlich und irgendwie abgeklärt ins Nichts; in ihren Augen sind Restspuren einer erloschenen Utopie nachweisbar.
Yorck Dippe spielt Bewegung, seine Gefühle suchen in einem zappelnden, zuckenden Körper Ausdruck. Mann und Frau, die perfiderweise ihre Kinder instrumentalisieren, um einander zu treffen, sind Lügner. "Um die Wahrheit zu erfahren, muss man unzählige Lügen erfinden", hat Oscar Wilde festgestellt.
Es gehört zu der Kunst der Schauspieler und der genauen, jede Nuance herausarbeitenden, virtuos Spannung aufbauenden Regie, die Wahrheit hinter den Masken aufleuchten zu lassen. LaBute und seine Stellvertreter im Bonner Theater schlagen dahin, wo es wehtut.
Sie schonen weder sich noch das Publikum. Das Minidrama "Der große Krieg" kulminiert in einer Szene, in der Birte Schrein scheinbar aus der Rolle tritt, weil sie das Lügenspiel nicht mehr erträgt.
Der Verfremdungs-Effekt wird zum emotionalen Höhepunkt des Abends, weil hier alle Posen und taktischen Finessen der Frau weggewischt werden und nur der seine Verzweiflung herausschreiende Mensch übrig bleibt. Hart, aber unvergesslich.
Gesine Kuhns spärlich möblierte Bühne strahlt für "Die Furien", das erste Stück des Abends, etwas von einer vereisten Schneelandschaft aus. Paula (Birte Schrein), ihr Freund Jim (Yorck Dippe) und dessen Schwester Jamie (Anke Zillich) treffen hier aufeinander, und der kleine Krieg beginnt.
Jamie ist sozusagen die Souffleuse ihres Bruders, er ist ihr Medium, durch das sie die verhasste Paula attackiert. Anke Zillich hat sich, von wem auch immer, den bösen Blick ausgeliehen. Sie erfüllt perfekt LaButes Profil, der sich Jamie vorgestellt hat wie Medusa, "wenn sie loslegt". Dippe als ihr Instrument ist oft zum Brüllen komisch.
Birte Schrein erscheint als Opfer, selbst ihr Geständnis, sie werde bald sterben, besänftigt nicht den Vendetta-Wahn der lauernden Jamie. Es empfiehlt sich, intensiv in Birte Schreins Augen zu lesen. In ihnen ist beides zu entdecken: Wahrheit und Fiktion. Lügt sie oder ist sie aufrichtig? Gut möglich, dass diese Paula Theater spielt - im Theater.
In "Was Ernstes" spricht Birte Schrein zum Schluss, in märchenhaftes Licht getaucht, den Monolog einer Frau, die auf ihren Partner wartet. Wie eine der traurigen Frauenfiguren von Dorothy Parker ist sie auf die Tröstungen der Einbildung angewiesen.
Der Traummann, den sie wie unter Selbsthypnose herbeifantasiert, wird wohl nicht mehr erscheinen. Die Wahrheit tut weh, haben wir an diesem Abend wieder einmal gelernt. Leichter lebt es sich in der Lüge.
Süddeutsche Zeitung vom 19.12.08
Unterstellungskrieg
Die Frau lächelt. Sie lächelt bitter, denn sie denkt an die neun Jahre, die "so ziemlich die Hölle" waren. Und sie lächelt hochnäsig, denn sie und der Mann sind längst in der Phase kalter Beschimpfungen und noch kälteren Achselzuckens darüber angelangt, in der sie sichtbar die Überlegene sein will. Miststück, Arschloch, Fotze, solche Worte werden gönnerisch mit einem "Danke" quittiert oder einem spöttischen "Mhm". "Das ist aus uns geworden", kommentiert sie: "Scharfschützen der Liebe." Und die Metapher passt genauso zum Autor, der ihr den Satz in den Mund legt.
Neil LaBute, der erfolgreichste lebende US-Dramatiker, zeigt sich an diesem Abend auf der Werkstattbühne des Bonner Theaters, das drei Einakter von ihm zur Uraufführung bringt, wieder als hinterhältiger Scharf- und Heckenschütze, der das schönste und größte aller Gefühle zum Abschuss freigibt. Alle seine Stücke sind letztlich beseelt vom Scheitern der Liebe, das sie mal mit der Zielstrebigkeit einer Präzisionswaffe, mal mit der Zersetzungskraft einer Streubombe herbeiführen und vor dem lüsternen Publikum zelebrieren. In immer wieder modifizierten Konstellationen schickt LaBute Menschen an die Front, die einander wund geliebt haben, bis sie nur noch stumpf sind. Nur noch etwas spüren, wenn sie sich mit scharfen Spitzen treffen, verletzen, um andere Verletzungen zu kompensieren. Sadisten, Masochisten. Und alles im Tarnanzug der Komödie.
In seinem neuen Stück "Der große Krieg", das dem Abend den Titel gibt, wollen die Frau und der Mann eigentlich nur "die Beute" ihrer Scheidung aufteilen. Doch sie können"s nicht lassen, alte Wunden aufzukratzen, neue (hin-) zuzufügen. Wie mit Granatsplittern ist das Stück durchzogen von sarkastischen Herabwürdigungen und Herabwürdigungen, die mit Sarkasmus gekontert werden. "Du warst wie meine Uni zweite Wahl", frotzelt die Frau, warum sie ihn eigentlich geheiratet habe, "die einfachste Lösung. Billig. Zu Fuß erreichbar." Als sie sich eingesteht, dass sie über jede Sekunde, die sie an ihn verschwendet habe, heulen könnte "und schreien vor Wut und Scham und Ärger" - da kontert er süffisant: "Heute geht"s ja brutal ehrlich zu im Mickey-Mouse-Club."
LaButes Liebessoldaten sind immer auch Spieler. Ihre Kriege sind immer auch Battles um die beste, das heißt: die zynischste Pointe. Ihre Waffen sind bloß Worte - so zivilisiert unzivilisiert; der einzige physische Kollateralschaden an diesem Abend ist ein zerdeppertes Chipsschälchen, und das steht so noch nicht mal im Stück. LaButes Texte entfachen sich wie an einer Zündschnur: Ein Wort ergibt das andere. Aus Konversation entsteht erst das Drama.
Dass das sehr bösartig komisch ist, arbeitet Jennifer Whigham mit ihren Hauptdarstellern Birte Schrein und Yorck Dippe in generalstabsmäßiger Präzision treffsicher heraus. Vor allem Dippe ist ein Könner des situativen Parlierens, das im rechten Moment zur fiesen Parade wird. Show und Schauder liegen hier nah beieinander. Buchstäblich sachlich konstatiert die Frau, dass sie die zwei Kinder nicht haben will. Er ebenso wenig. Obwohl sie bereit ist, noch den Lexus obendrauf zu legen. "Oder willst du lieber den Cayenne?" Routiniert zaubert LaBute seine Ungehörigkeiten aus der Kiste der Perfidie. Bis zum Schluss.
Nachdem die Frau die Kinder schon ertränken oder ersticken wollte, weil sie sie an ihren Ex erinnern, fällt sie aus der Rolle, streitet als Schauspielerin mit dem Mann über den grausamen Theatertext. Sogar handgreiflich. "Gehen Sie nach Hause!", flehtschreit sie uns an, "umarmen Sie Ihre Kinder!" Weil Birte Schrein auch hier einen theatralen, keinen Alltagston anschlägt, bleibt die vermeintlich authentische Moral eine Pose, über die wir weiter lachen - und so plötzlich selber die Zyniker sind.
Es sind solche Kniffe, mit denen LaBute aus absehbaren Paarbegegnungen diabolische Theaterminiaturen macht. Kalkuliert. Aber gewieft, gut. Die uraufgeführten Stücke hat er speziell für Birte Schrein geschrieben - eine besondere Arbeitsbeziehung, die vielleicht nicht die aufwändigsten Dramen hervorbringt, aber doch fruchtbar ist und schon 2007 zu einer Bonner Uraufführung führte (SZ vom 9.2.2007). Diesmal lieferte LaBute gleich drei Texte. Fehlt da jene gewitzte Wendung wie im Kurzmonolog "Was Ernstes" - der vom vergeblichen Warten auf den Geliebten erzählt und den Abend ungebührend eintönig beendet -, ist schnell der LaBute-Lack ab. Den der Autor auch gern dadurch aufpoliert, dass er der Banalität der Liebe den Anstrich (kultur-)historischer Allegorien gibt: Das Sorgerechtscharmützel bedient sich metaphorisch des "Großen" Weltkriegs; auch die Wannseekonferenz fällt dem Mann bei der Endlösung der Kinderfrage ein (eine Allegorie der blöderen Art), und die Frau ist in ihrer Kindsmörder-Vision eine pervertierte Medea.
In den "Furien", dem dritten Einakter, treffen wir Orest und Elektra: ein Händchen haltendes Geschwisterpaar namens Jimmy und Jamie an einem weißen Holztisch, an dem Paula Jimmy verklickert, dass sie ihn verlässt, weil sie sterbenskrank ist und woanders in Therapie geht. Wieder beginnt ein tabuloser (Unter-) Stellungskrieg um Liebe und Trennung, Schmerz und Schuld. Und um die Wahrheit: Was Figuren und Zuschauer dafür halten. Denn Paula hat zwar ein Attest dabei. Aber: Ist das echt? Oder alles nur Ausrede? Was ist dreister: dieser Verdacht oder das mögliche Vergehen?
Ständig flüstert die stimmkranke Jamie ihrem düpierten Bruder, bei Yorck Dippe ein zurückgebliebener Sympathieträger, neue bohrende Fragen ein, die der dann laut wiederholt. Ein Running Gag, den Anke Zillich als augenrollende Punker-Jamie wunderbar trocken ausspielt. Birte Schrein wechselt als Paula mit ihr nicht nur tödliche Blicke, sondern auch so schnell von aufgesetzter Lieblichkeit zu aufgebrachter Empörung, dass der Kampf um "wahr" und "falsch" aus Zuschauersicht unentschieden endet.
Womöglich nur ein kurzer Waffenstillstand: "Ich werde dich jagen und in alle Ewigkeit verfolgen", faucht Jamie Paula hinterher wie eine jener fluchenden Alkoholbetäubten aus großstädtischen Bahnhofsvierteln. Ob es ein Wiedersehen mit dieser Erinnye gibt? Möglicherweise schreibt LaBute bald schon die nächsten Stückchen für Bonn. Die Messer bleiben gewetzt.
Autor: Vasco Boenisch
Der große Geschlechetrkrieg
1963 in Detroit geboren, gehört der Regisseur und Autor Neil LaBute zu den wichtigsten Dramatikern seiner Generation. Während sein neuster Film «Lakeview Terrace» gerade in die deutschen Kinos kommt, hat das Theater Bonn drei Einakter von LaBute uraufgeführt.
Ungewöhnlich war die Entstehungsgeschichte der drei Einakter von Neil LaBute, die jetzt am Bonner Schauspiel uraufgeführt wurden. Nach der Bonner Inszenierung seines Stücks «Wie es so läuft» im Jahr 2006 entstand ein E-Mail-Austausch zwischen dem US-amerikanischen Autor LaBute und der Hauptdarstellerin Birte Schrein. Im Verlauf der Korrespondenz erfuhr LaBute, wie er im Gespräch sagt, dass Birte Schrein schwanger war und möglicherweise eine Rolle am Bonner Theater verlieren würde. Kurzerhand schrieb er drei Einakter für die Schauspielerin, die ihre Schwangerschaft hervorhoben, statt sie zu verstecken. Die Aufführung im Februar 2007 war so erfolgreich, dass LaBute, einer der profiliertesten Dramatiker der Gegenwart, und Schrein eine Fortsetzung ihrer Kooperation beschlossen. «Obwohl unsere Zusammenarbeit auf nahezu vollständig elektronischem Weg stattfand, empfinde ich eine Verbundenheit mit Frau Schrein. Wir beide schätzen dieselbe Art von Arbeit und Arbeitsethik und wir haben eine bemerkenswert reibungslose Art der Zusammenarbeit für uns gefunden – obwohl wir Tausende von Meilen voneinander entfernt sind.»
Seine neuen, in Bonn vorgestellten Einakter sind typisch LaBute. Mit gewohnter Unmittelbarkeit steuern sie auf ihr Ziel zu, begeben sich in die Nähe emotionaler Tabuzonen und unterlaufen die Erwartungen des Zuschauers. Wie immer zerrt der Autor unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit Verborgenes ans Licht, vielfach vergrössert, in diesem Fall am Beispiel dreier gescheiterter und scheiternder Beziehungsgeschichten. LaButes Menschen marschieren im Konfrontationskurs aufeinander zu. Sie führen den «Grossen Krieg» in kleinen, privaten Schlachten. Ihre Lieblingswaffe ist die Manipulation.
Unter der Regie von Jennifer Whigham geben sich Birte Schrein und Yorck Dippe ein sich steigerndes Hass-Duell als scheidendes Paar. Die Bühne (Gesine Kuhn) ist kahl, Frau und Mann stehen im leeren Raum und sprechen nicht miteinander, sondern ins Publikum hinein. Sie deklamieren Hasstiraden – aber bewegen sich zunächst noch im Rahmen konventioneller (Bühnen-)Bosheiten. Erst als es um das Sorgerecht für die Kinder geht, entsteht einer der für LaButes Stücke so typischen Überraschungsmomente: Anstatt sich um die Kinder zu streiten, will keiner von beiden sie haben. Die Frau kennt Momente, in denen sie ihren Nachwuchs am liebsten in der Badewanne ertränken möchte. Dem Mann sind Kinder eigentlich herzlich egal. Der guten Aussenwirkung zuliebe einigen sie sich schliesslich doch aufs geteilte Sorgerecht. Dann zieht LaBute die Schraube der Demaskierung der Gleichgültigkeit weiter an: Die Schauspieler scheinen aus ihren Rollen zu treten; die Frau will ihre zynische Figur nicht weiterspielen, schliesslich sei auch sie Mutter und liebe ihre Kinder . . . Der Moment der hässlichen Wahrheit war nur Spiel, und dahinter liegen weitere, unendliche Spielebenen.
Die oft witzigsten theatralischen Effekte entstehen dabei in der Reibung zwischen der nur leicht verfremdeten Alltagssprache und dem die Grenze des Alltäglichen überschreitenden, brutalen Inhalt des Gesagten. Denn hier, wie immer bei Neil LaBute, treten die Figuren mit aberwitzig auf die Spitze getriebenen Lügen und Enthüllungen an, wobei zwischen Lüge und Wahrheit fast nie zu unterscheiden ist. Banales und Ungeheuerliches mischen sich, Sätze, bei denen sich jeder Zuschauer ertappt fühlt, und Momente, die überraschtes Entsetzen auslösen. Tragik und Komik rücken auf diese Weise oft in enge, unbehagliche Nachbarschaft zueinander; Lösungen kommen nicht vor.
Mit einem Fragezeichen schliesst auch die stärkste Partie des dreiteiligen Bonner Theaterabends: In «Die Furien» hetzt der Autor zwei Frauen aufeinander. Der Mann, Jimmy, der buchstäblich zwischen ihnen sitzt, ist nur Spielball der titelgebenden Furien. Jimmy erscheint zu einem schwierigen Gespräch mit Paula (Birte Schrein) in Begleitung seiner Schwester. Die setzt alles daran, dies zu einem Trennungstreffen werden zu lassen, und souffliert ihrem Bruder Beziehungskriegsparolen ins Ohr. Während die Schwester an mephistophelischem Profil gewinnt – Anke Zillich glänzt als höllische Einflüsterin –, nimmt Paula die aggressive Opferrolle ein. Sie werde bald sterben, führt sie ins Feld, und versieht diese Eröffnung mit effektvollen Tapferkeitsbekundungen. Bis zum Schluss bleibt offen, ob Paula nur blufft, um Jimmy zurückzugewinnen, und wie es um die Unterstellungen der Schwester steht: eine Manipulations-, Hass- und Hysterieorgie mit offenem Ende.
Ebenso offen endet das dritte Stück des Abends, «Was Ernstes»: Eine Frau – wieder: die wunderbar präzise spielende Birte Schrein, die alle denkbaren Realitäts- und Manipulationsebenen sichtbar werden lässt – wartet auf ihren Liebhaber, den sie einem unsichtbaren Dritten als grossen Glücksfall ihres Lebens beschreibt. Sein einziger Fehler: Er verspäte sich manchmal, und manchmal erscheine er auch gar nicht. Ob er dieses Mal auftauchen wird, wird immer fraglicher. Die Lobeshymnen der Frau auf ihn wirken wie das Pfeifen im Wald. Kommt er? Wird sie belogen? Oder betrügt sie sich selbst? Für keines der Paare im Kriegszustand ist ein Happy End in Sicht; ein ernüchternder Befund.
Trotz den hoffnungslosen Szenarien seiner Filme und Stücke mit ihren sardonisch-ernüchternden Einblicken in die menschliche Psyche konzediert Neil LaBute im Gespräch einen «moralischen Zug in seinem Werk». Oft stelle er ganz einfache moralische Fragen im Verlauf seiner Stücke, aber ohne erhobenen Zeigefinger und unter Vermeidung von Statements: «Vor allem nehme ich Abstand und beobachte. Ich arbeite, um gute Geschichten zu schreiben, mit echten, spielbaren Figuren für die Schauspieler und Geschichten, die die Zuschauer mit auf eine einzigartige Reise nehmen. Sollte ich es dabei schaffen, den einen oder anderen moralischen Gedanken irgendwo unterzubringen, ist das den meisten Zuschauern vermutlich ziemlich gleich.»
Neil LaBute hat auch kein Interesse daran, seinen Sinn für Moral (oder dessen Abwesenheit) irgendwem aufzuzwingen, und findet sogar, das sei manchmal ein schlimmer amerikanischer Charakterzug: dass man nicht nur überzeugt sei, recht zu haben, sondern auch alle anderen davon überzeugen wolle. «Das liegt mir nicht. Ich sage, was ich fühle, und die Leute können mir zustimmen oder nicht. Ich verbringe keine schlaflosen Nächte darüber, mit meiner Meinung allein zu sein», sagt Neil LaBute.
Autor: Marion Löhndorf
Jubel für Neil LaBute
Neil LaBute ist der wohl bekannteste zeitgenössische US-Dramatiker der mittleren Generation. Das Schauspiel Bonn hat seit der Erstaufführung seines Stücks "Wie es so läuft" vor zwei Jahren eine besonders enge Beziehung zu dem Stückeschreiber und Filmemacher.
Jetzt schrieb LaBute seiner Bonner "Lieblingsschauspielerin" Birte Schrein drei neue Einakter auf den Leib: Das Publikum quittierte die Uraufführung am Mittwochabend in der Bonner Studiobühne mit nicht enden wollendem, begeistertem Beifall.
Birte Schrein konnte die widersprüchlichsten Facetten verschiedener junger Frauen anschaulich machen und damit ihre Wandlungsfähigkeit ins hellste Licht setzen, so dass der Abend auf der kleinen Bonner Bühne ganz groß wurde.
"Der Große Krieg" lautet der übergreifende Titel; er ist mehrdeutig, vor allem dürfte der Geschlechterkrieg gemeint sein. Auch der Mittelteil des durch das Thema miteinander verbundenen Triptychons heißt "Der Große Krieg": Hier lässt ein Paar, das sich trennen will, alle Rücksicht fahren. Dies steht in der Tradition von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", erinnert an Edward Albee. Mit Anklängen an "Medea" macht LaBute gnadenlos deutlich, wer unter der Trennung leiden wird: die Kinder.
Auch bei den "Furien" spielt LaBute, der seine Klassiker genau gelesen hat, auf die Antike an. Eine junge Frau hat ihren Freund nach einem Streit zu einer Aussprache gebeten. Er erscheint mit seiner Schwester, die Züge der Medusa trägt. Der Konflikt wird in aller Härte ausgetragen ¬ eine Spezialität von LaBute, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt und die gleichzeitig wegen der neue Erkenntnisse provozierenden Klarheit zum Lachen reizt.
Eines der neuen Stücke ist besser als das andere: "Was Ernstes" ist ein Monodram über Verdrängung und die Unfähigkeit, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Es ist nur knapp zehn Minuten lang, zweieinhalb Schreibmaschinenseiten kurz, ein Meisterwerk der "Minimal-Art" und als Schlusspunkt kaum zu übertreffen.
Jennifer Whigham übersetzte nicht nur (zusammen mit Lothar Kittstein), sie führte auch Regie und präparierte die Stärken der Einakter heraus. Es ist die Sprache, die - wenn sie nicht brutal offen ist - oft verschweigt, was gemeint ist, aber dem Zuschauer Hinweise genug gibt, zu erraten, was beschwiegen wird. Unter der Oberfläche lauern nicht nur Hinweise auf die Theatergeschichte, sondern auch bösartige Seitenhiebe auf Heuchelei in Politik und Gesellschaft unserer Gegenwart.
Autor: Ulrich Fischer
Kinder als Kriegsbeute
Die besondere Leidenschaft des US-Dramatikers Neil LaBute ist es, den Grausamkeiten nachzuspüren, zu denen scheinbar zivilisierte Menschen fähig sind. Die Einakter, die das Theater Bonn derzeit zeigt, sind dafür beste Beispiele. Dass die Uraufführungen dort gezeigt werden können, ist einer Mailfreundschaft LaButes mit der Schauspielerin Birte Schrein zu verdanken.
"Du kannst die Kinder haben." - Locker und ruhig tropft der Satz von den Lippen der Frau, ihre Augen sind kalt. Der Mann, der bald ihr Ex-Mann werden soll, ist verstört. Die Gefühlsgranate hat getroffen. Er wird nervös, mag es nicht verstehen, dass sie so gar keinen Mutterinstinkt spürt. Die Vorstellung, er müsse nun selbst die Kinder versorgen, ist ihm ein Grauen.
Er wollte sie nie haben, in die Vaterschaft ist er "reingeschliddert" wie das Deutsche Reich in den ersten Weltkrieg. Als das geklärt ist, herrscht Waffengleichstand. Die Kinder sind Opfer und Beute in diesem Geschlechterkampf. Wenn niemand sie haben will, sind sie wertlos.
Neil LaBute zeigt wieder einmal, zu welchen Grausamkeiten scheinbar zivilisierte Menschen fähig sind. In seinem Einakter "Der große Krieg" lässt er die beiden Gegner Parallelen zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ziehen. Schon zum zweiten Mal zeigt das Theater Bonn in seiner Werkstatt Uraufführungen des erfolgreichen US-Dramatikers und Filmregisseurs, dessen Nachbarschaftsthriller "Lakeview Terrace" mit Samuel L. Jackson gerade in den deutschen Kinos gestartet ist.
LaBute war nie in Bonn, sein besonderes Verhältnis zu diesem Theater basiert auf einer Mailfreundschaft mit der Schauspielerin Birte Schrein. Die hatte ihm vor einigen Jahren geschrieben, weil sie sein Stück "Wie es so läuft", das in Bonn extrem gut lief, sehr mochte. LaBute antwortete sofort, es enstand ein intensiver Dialog über Theater, Leben und Politik.
Als Birte Schrein dem Dramatiker schrieb, sie sei schwanger und bekäme keine Rollen mehr, schrieb LaBute ihr das kurze Stück "Helter Skelter", in dem die Hauptfigur bald ein Kind bekommt. Die Uraufführung - kombiniert mit zwei weiteren Texten - war ein Erfolg. Und LaBute fand Gefallen daran, für Birte Schrein, die er nur zweimal kurz getroffen hat, Stücke zu verfassen. So kam es nun zur Uraufführung der nächsten drei Einakter.
Es sind keine bedeutenden Werke, eher Variationen bekannter Themen, dramatische Fingerübungen. Aber die können ja einen besonderen Reiz entfalten, weil sich in solchen Texten oft das Wesen eines Dramatikers direkt erfahren lässt. So etwas geschieht am Ende von "Der große Krieg".
Da tritt die Schauspielerin aus ihrer Rolle, weigert sich, die Scheußlichkeiten zu Ende zu spielen, ruft die Zuschauer auf, nach Hause zu gehen und ihre Kinder in den Arm zu nehmen. Ihr Partner - der überragende Yorck Dippe spielt alle Männerrollen des Abends - reagiert aggressiv, will sie zum Weiterspielen zwingen, verlässt schließlich entnervt die Bühne. Natürlich folgt niemand den verzweifelten Appellen der Schauspielerin, langsam geht das Licht aus.
Sie muss einsehen, dass ihre Worte keine Wirkung haben. Hier reflektiert der Moralist Neil LaBute sein eigenes Tun, denn alle seine Stücke haben diese Botschaft, sprechen sie nur nicht so deutlich aus. Immer zeigt er die Schrecken der Welt, um sie zu verarbeiten und weil er auf ein Umdenken hofft. Aber mit Theaterstücken lässt sich eben nicht die Welt verändern.
Der Einakter "Die Furien" verweist schon im Titel auf antike Tragödien. Auch das führt direkt in LaButes Theaterverständnis. Er will durch Jammern und Schaudern eine Katharsis, eine Reinigung erreichen. Eine Frau (wieder Birte Schrein) will sich von ihrem Lebensgefährten Jimmy trennen. Der bringt zum klärenden Gespräch seine Schwester (abgründig Anke Zillich) mit, die gerade eine Krankheit an den Stimmbändern hat und ihrem Bruder ständig ins Ohr flüstert.
In Jennifer Whighams detailtreuer, manchmal etwas zu respektvoll die Texte nachbuchstabierender Inszenierung, wirken die beiden wie amerikanische Landbewohner aus den Filmen der Coen-Brüder. Schrullig, leicht debil, seltsam - und sekundenschnell können sie sehr bedrohlich werden. Der abschließende Einakter "Was Ernstes" erzählt von einer Frau, die auf ihren Traummann wartet, und ist dramaturgisch überflüssig.
Stärkere Wirkung entfalten die Stücke zuvor. Jennifer Whigham inszeniert mit wenigen Mitteln präzise Situationen, die Zuschauer lachen oft, doch die absurden Situationen kippen immer wieder ins Grauen. LaButes Seelenkrüppel sind wir alle, er schreibt beunruhigende Zeitstücke über Menschen, die auf schmalem Grat balancieren und jederzeit in Gewaltrausch und Perversion stürzen können.
Autor: Stefan Keim
taz vom 19.12.08
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Deutsch-amerikanische Freundschaft: Für die Schauspielerin Birte Schrein am Theater Bonn schrieb der Dramatiker Neil LaBute drei neue Einakter. In "Der große Krieg" toben die Beziehungskrisen
Ausgerechnet mit dem Theater Bonn verbindet den amerikanischen Erfolgsdramatiker und Filmregisseur Neil LaBute eine ungewöhnliche Freundschaft. Bereits zum zweiten Mal hat er Stücke extra für Birte Schrein geschrieben und in Bonn zur Uraufführung bringen lassen. Die beiden wechseln E-Mails, seit Neil LaBute sie in der deutschen Erstaufführung seines Stücks "Wie es so läuft" sah - und so begeistert war, dass er der damals Schwangeren ein Stück für eine Schwangere schrieb.
"Helter Skelter" war im Februar 2007 ein großer Erfolg. Nun hat Neil LaBute gleich drei neue "Schrein-Dramen" abgeliefert, und wieder zeigt sie darin ihre Facetten von bedrohlich bis bodenständig, eiskalt und leicht durchgeknallt. Wieder sind die Schauspieler York Dippe und Anke Zillich eigentlich nur brillantes Beiwerk. Und wieder inszeniert die junge Jennifer Whigham.
Neil LaBute ist bekanntermaßen ein Meister darin, die Abgründe der sozialen Kleinzelle in boulevardhafter Leichtigkeit zu biblischer Wucht zu verdichten. Das zelebriert er auch in seinen Filmen - gerade ist sein Thriller "Lakeview Terrace" in Deutschland angelaufen, der den rassistischen Kleinkrieg von Nachbarn seziert. Auch in Bonn geht es um einen Kriegsschauplatz des Wohlstandsbürgers: das Beziehungsende und die anschließenden Verteilungskämpfe.
Neil LaButes Stücke beginnen und enden meist mit den Worten "Stille, Dunkelheit", die hier auf die Bühne projiziert sind. Sie führen gewissermaßen zur theatralischen Ursituation zurück. Es ist ein Glück, dass Jennifer Whigham das respektiert. Sie bleibt reduziert, inszeniert ohne viel Bühnenbild und Requisiten und poliert trotzdem den Wahnsinn heraus, gerade durch kleine Nuancenänderungen von Haltungen und Stimmlagen.
Am Tisch sitzt Paula und wartet auf ihren Freund Jimmy. Oder Exfreund? Auf jeden Fall scheint sie ihn loswerden zu wollen. Er kommt mit seiner Schwester Jamie als Unterstützung, sie haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, und schon an Kinnbärtchen und Schlampenlook ahnt man die Unterschichtsgestalten, ein wenig aus der Welt gefallen. Ständig souffliert die massige Schwester ihrem Bruder lautlos flüsternd den Kampftext ins Ohr, weil sie angeblich Stimmbandpolypen hat. Die eiskalt verachtenden Blickwechsel zwischen Schwester und Freundin sind eine Freude. Bald heulen und keuchen sie wüste Rachefantasien gegeneinander. Die Geschwister wirken wie ein symbiotisches und bedrohliches Komikerpaar, bei Paula dagegen weiß man nie, ob sie ihren nahenden Tod nur erfunden hat. Säuberlich packt sie den ungelesenen Arztbericht wieder ein, bevor sie geradezu erleichtert davonrauscht.
In der Pause baut die absurde Schwester als krummer Geist mit Schutztüten über ihren hochhackigen Schuhen den Raum um. Verstohlen nascht sie Chips aus der sparsamen Dekoration. Allein das entfaltet heiteres Befremden.
"Der große Krieg" ist das längste der drei Stücke, hat aber trotz seiner ambitioniert historischen Metaphorik einige Längen. Ein Paar entsorgt die Reste seiner Ehe und hat sich für den Kampf richtig feingemacht - Birte Schrein in durchsichtigem Kleid und tiefem Ausschnitt, Yorck Dippe hat eine bravouröse Wandlung vom grenzdebilen Slacker zum smarten Karrieristen durchgemacht. Sie ziehen sich durch den Dreck und kreisen, fast ein wenig ermüdend, den Totalbankrott ihrer neunjährigen Ehe ein. Er will es halbherzig noch mal versuchen, während sie ihn hemmungslos demütigt, selbstgefällig wie eine satte Katze. Die Chipsschale geht zu Bruch, auf einmal gerät die Beuteaufteilung ins Stocken: Niemand will die Kinder haben.
"Der große Krieg" - so wird in den USA der Erste Weltkrieg genannt. Aus ihm und der späteren Geschichte entleiht das Paar seine schwersten Geschütze, spricht von Schützengräben, Stellungskriegen und sogar von der Wannsee-Konferenz, bis sie im Brettspiel die Aufteilung der Kinder regeln wollen. Doch da bricht Birte Schrein wie aus dem Nichts in Tränen aus und fällt grandios aus der Rolle. "Ich kann damit nicht umgehen als Schauspielerin", schluchzt sie, "ich schäme mich, in so einem Stück mitzuspielen." York Dippe will aber weiterspielen, "sind doch nur noch drei Seiten bis zum Schluss".
Erst jetzt eskaliert es wirklich, die beiden prügeln aufeinander ein und entschuldigen sich ständig bei den Zuschauern. "Gehen Sie sofort zu Ihren Kindern", kreischt Birte Schrein uns schließlich bis zur Erschöpfung an. Und so verwandelt sich die Eheabwicklungsschlacht unversehens in eine Reflexion über die gefühlte (oder echte) Machtlosigkeit von Theater.
Zusammen mit dem letzten Einakter changiert der Abend schön zwischen Schein und Sein, Irrsinn und Wirklichkeit. Auch wenn die Stücke die menschlichen Abgründe nicht ganz so apokalyptisch auf den Punkt bringen, wie man es sonst vom Autor gewohnt ist, so ist daraus doch ein großartiger Schauspielerabend geworden.
Autor: Dorothea Marcus
Nachgefechte der Liebe
Es begann mit einer E-Mail. Die Bonner Schauspielerin Birte Schrein sandte sie an den amerikanischen Dramatiker Neil LaBute, dem sie, beglückt von den Erfahrungen mit seinem Stück „Wie es so läuft“, dankte. Bald wurde mehr daraus, die beiden tauschten sich aus, und als sie ihm sagte, dass sie bald nicht mehr auftreten könne, weil sie schwanger sei, widmete er ihr ein kleines Stück, in dem sie bis kurz vor der Niederkunft auftreten konnte. Sozusagen als Sturzgeburt kam es zur Uraufführung: „Helter Shelter“ (F.A.Z. vom 9. Februar 2007) sollte aber nicht die einzige Frucht der produktiven Verbindung bleiben, denn inzwischen hat ihr LaBute noch einmal drei Einakter geschickt, die nun nicht am Broadway, sondern in Bonn das Licht der Welt erblickten: „Die Furien“, „Der große Krieg“, „Was Ernstes“.
Jedes der drei Stücke steht für sich. Und doch haben sie, szenische Splitter zum Zustand der Zivilisation, ein gemeinsames Thema: Alle sind Beziehungsendspiele und handeln davon, was das Scheitern der Liebe mit den Menschen anstellt, wie Verzweiflung, Enttäuschung und Wut sie entstellen, sie einander und auch sich selbst betrügen lassen. LaBute beweist dabei wieder einmal – und das macht seine Stücke so oberflächlich effektvoll – seine Fähigkeit, den Boulevard mit der antiken Tragödie kurzzuschließen: „Der große Krieg“ dient in Bonn als übergreifende und, wenn die Eheschlacht mit dem Ersten Weltkrieg oder Trennungsvereinbarungen mit dem Potsdamer Abkommen verglichen werden, metaphorisch vermessene Klammer. Doch das macht seine Schnellfeuerdialoge auch spannend und schlagkräftig: Nachgefechte der Liebe mit hoher Verletzungsgefahr.
Paula ist nervös. Sie sitzt an einem Tisch im Café und wartet. Aus einem Umschlag holt sie einen Brief, überfliegt ihn und steckt ihn wieder weg. Endlich taucht Jimmy auf, mit dem sie mehr als ein Jahr zusammen war und sich, nachdem man im Streit auseinanderging, aussprechen möchte. Doch der Freund bringt seine Schwester Jamie mit, die, angeblich weil sie „Stimmbandpolypen“ hat, nicht laut sprechen kann und ihrem Bruder ins Ohr flüstert, was er antworten, ihr unterstellen und vorwerfen soll. Paula will allein mit Jimmy reden, Jamie lässt das nicht zu, aus der Zweier- wird eine Dreierbeziehung, der Mann wird zwischen den Frauen hin und her gezerrt. Da behauptet Paula auf einmal, todkrank zu sein und nach San Francsico in ein Hospiz zu gehen – Wahrheit oder letzte Notlüge, um Jimmy loszuwerden? Jimmy zeigt sich erschüttert, doch mehr als Floskeln bekommt er nicht heraus, dann will er eine schriftliche Bestätigung haben. Die Situation eskaliert, Paula hängt noch an Jimmy, verachtet aber seine Feigheit und schüttet Jamie ein Glas Wasser ins Gesicht. Die junge Frau und die Schwester, die wie eine Dogge ihren Bruder bewacht und die Rivalin weggebissen hat, Birte Schrein und Anke Zillich, gehen auf einander los: „Die Furien“ machen Jimmy, den Yorck Dippe zwischen ihnen schwanken und verschwinden lässt, zu ihrer Opferbeute.
Auch „Der große Krieg“ fährt schweres Geschütz auf: Frau und Mann treffen sich zum letzten Gefecht. Neun Jahre, die, da sind sie sich einig, „so ziemlich die Hölle waren“, sind sie zusammen gewesen, und jetzt geht es darum, die Beute zu teilen. Ein Schlagwortwechsel der Kränkungen, Bosheiten, Gemeinheiten, Entwertungen, Drohungen, in dem die Frau, von Birte Schrein im Chiffonkleid und mit stählernem Gefühlspanzer gespielt, ihre – auch rhetorische – Waffenkammer besser bestückt hat als der Mann von Yorck Dippe, der im cremefarbenen Anzug auch Schwäche für kapitulierende Versöhnungsangebote zeigt. Wer bekommt das Ferienhaus, die Bilder, die Kinder? „Behalt sie“, bellt die Frau nur, und das wirft den Mann vollends um und bringt ihn, während sie über den Lexus oder den Cayenne verhandeln, zu dem Geständnis, dass er sie auch nicht will und es damals nur unpassend fand, das offen zu sagen. Doch dann schlägt „Der große Krieg“ eine überraschende Volte: „Ich mag das nicht, was wir hier sagen, und die, du weißt schon, die ganze lockere Art“, bricht es plötzlich aus der Frau heraus: „Ich habe Kinder, ich liebe sie“, gesteht sie mit Tränen in den Augen, „und bin nicht glücklich über diese Rolle, mit diesem Stück in Verbindung gebracht oder überhaupt mit diesem, diesem, diesem Autor.“ So stellt sich LaBute selbst ein Bein, um sich als Moralist zu erheben. Und während der Mann „Es ist Literatur!“ ruft, fordert die Frau die Zuschauer auf, „nach Hause zu gehen und Ihre Kinder zu umarmen“: Ingmar Bergman trifft Luigi Pirandello in LaButes Bonsai-Garten.
„Was Ernstes“ ist nur noch ein Satyrspielchen: Der Monolog einer Frau, alleinstehende Mutter eines Sohnes, die wieder einen Mann gefunden hat, wie ein Backfisch von ihm schwärmt und eine Situation schönredet, die so schön nicht ist. Denn wieder, selbst zum Einjährigen, lässt er sie warten. Aber kommt er („Ich spüre es“) überhaupt noch? Die in ihrer Beziehung überforderte, die ihre Beziehung abrechnende und die ihre Beziehung idealisierende Frau – drei facettenreiche Rollen, die Birte Schrein bis in die Extreme ihres Könnens gehen und Yorck Dippe als ihr zweifaches Gegenüber zwei komplex-schräge Mannsbilder zeichnen lassen. In der Werkstatt hinter dem Bonner Opernhaus hat die junge Regisseurin Jennifer Whigham die drei Stücke mit unauffälliger Genauigkeit und psychologischer Akkuratesse in Szene gesetzt, ganz im Vertrauen auf die intensiven Darsteller, die in den sparsam-aparten Räumen von Gesine Kuhn zu Hochform auflaufen. So hat Birte Schrein in Neil LaBute ihren Mann gefunden – nicht fürs Leben, aber fürs Lebenspielen
Autor: Andreas Rossmann














