MATHILDE BÄUMLER. EIN DSCHUNGELSTÜCK
Das Stück zum Film zum Buch von Christa Pfafferott und Alexander Riemenschneider
ACHTUNG: Die Vorstellungen am 16.6. und am 19.6. müssen wegen einer Erkrsnkung im Ensemble leider ersatzlos ausfallen. Wir bitten um Verständnis!
Bereits gekaufte Eintrittskarten können gegen gleichwertige Karten umgetauscht oder bei den Vorverkaufsstellen, bei denen sie erworben wurden, zurückgegeben werden.
Neun Flugstunden, zweimal Umsteigen, tausende Kilometer Wegstrecke. Die Filmcrew hat eine lange Reise hinter sich. Jetzt steht sie im tropischen Regenwald. Jetlag, Mückenstiche. Die Luft ist feucht, die Sonne brennt. Egal. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Denn es geht um ein vielversprechendes Projekt: Endlich das Leben der bekannten Mathilde Bäumler zu verfilmen, die ihre Kindheit im Dschungel verbracht hat. Fruchtbarkeitsrituale, Urwaldjagden, Stammeskämpfe, die Schönheit der Natur und die Besonnenheit der Menschen – all diese Erinnerungen der Mathilde Bäumler sollen nun für das Publikum zu Hause wieder zum Leben erweckt werden. Doch: Wird das Catering für alle reichen? Warum streiken die Eingeborenen-Darsteller? Kann man die Rechte an seinem Leben verkaufen? Was ist Heimat? Was ist das für ein Tier? Was wird Mathilde Bäumler zu all dem sagen? Und wer ist Mathilde Bäumler überhaupt? MATHILDE BÄUMLER. EIN DSCHUNGELSTÜCK begleitet ein paar Menschen in die Wildnis auf der Suche nach einem Leben, wie es wirklich war – eine Suche nach echter Inszenierung im Dschungel der Authentizität, nach Heimat im Dickicht der Reality. Oder im Klartext: Über was unterhalten sich Mathilde Bäumler (die Echte), Lea-Sophie Müller (die Darstellerin der jüngeren Mathilde Bäumler), Anna-Lena Schmitz (die Darstellerin der älteren Mathilde Bäumler), Felix Mwena (Eingeborenenschauspieler) und Nmani Sarungu (Eingeborenenschauspielercoach) eigentlich, wenn sie abends nach Drehschluss zusammen am Lagerfeuer sitzen?
Lange war der Dschungel faszinierend, weil er unerreichbar schien, ein exotisches Universum, das Gegenstück unserer Zivilisation schlechthin, beheimatet in unserer Vorstellungskraft. Inzwischen hat das Kameraobjektiv den Urwald durchdrungen, um Bilder für unsere hungrigen Blicke zu produzieren und den alternativen Lebensentwurf in allen Grüntönen in unsere klimatisierten Kinos zu transportieren. Doch je mehr wir zu sehen bekommen, desto größer scheint die Sehnsucht, irgendwo noch ein Stückchen Echtes, Unberührtes zu finden. MATHILDE BÄUMLER. EIN DSCHUNGELSTÜCK ist ein Spiel um Leben und Fiktion, das davon erzählt, was passiert, wenn sich die Wirklichkeit des Lebens mit der Wirklichkeit des Films messen muss.
Alexander Riemenschneider, Jahrgang 1981, arbeitete nach dem Regiestudium in Hamburg unter anderem am Deutschen Theater Berlin, am Hamburger Schauspielhaus (Faustpreisnominierung für VON MÄUSEN UND MENSCHEN) und am Staatstheater Oldenburg. In Bonn inszenierte er bereits Handkes KASPAR, dass beim NRW-Theatertreffen 2011 zur besten Inszenierung gekürt wurde. Gemeinsam mit der Journalistin, Autorin und Filmemacherin Christa Pfafferott und dem Musiker Tobias Vethake wird er MATHILDE BÄUMLER entwickeln und schreiben.
Besetzung
Inszenierung: Alexander Riemenschneider
Buch: Christa Pfafferott und Alexander Riemenschneider
Bühne: Rimma Starodubzewa
Kostüme: Thomas Unthan
Musik: Tobias Vethake
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Stephanie Gräve/Ingo Piess
Mit: Anastasia Gubareva, Tatjana Pasztor, Birte Schrein, Birger Frehse, Konstantin Lindhorst, Nikolai Plath, Hendrik Richter, Tobias Vethake
Kritiken
Das wahre Kino spielt im Kopf
Christa Pfafferott und Alexander Riemenschneider zeigen in der Halle Beuel “Mathilde Bäumler. Ein Dschungelstück”
Mathilde Bäumler", findet der "Mathilde"-Dramaturg Ingo Piess, "ist ein sehr selbstreferenzielles, selbstreflexives Stück, was auch seine eigene Stückhaftigkeit mitdenkt sowie auch die verschiedenen Ebenen von Wirklichkeit und Darstellung." Nach solchen Sätzen muss man sich erst einmal schütteln. Und Entwarnung geben.
"Mathilde Bäumler. Ein Dschungelstück" in der Halle Beuel ist keine anstrengende Kopfgeburt, sondern ein sehr lebendiges, unterhaltsames, manchmal anrührendes Stück Theater.
"Mathilde", Untertitel: Das Stück zum Film zum Buch, basiert auf einer Idee und viel Improvisation; ein Dschungel-Buch gab es zu Beginn der Proben nicht. Alexander Riemenschneider, Regisseur des fabelhaften Bonner "Kaspar", und Christa Pfafferott erzählen zusammen mit dem Ensemble eine einfach komplizierte Geschichte. Ein Filmteam reist in den mutmaßlich brasilianischen Urwald und stellt mit Schauspielern die Geschichte der - fiktiven - Mathilde Bäumler nach. Sie kam einst mit ihren Eltern in den Dschungel, wuchs dort auf, verliebte sich, wurde schwanger und verlor den Mann, einen Angehörigen der Kajamaly, durch eine Gewalttat.
Die Eltern studierten die Sprache und Gebräuche des Stammes, lebten nach dessen Werten und trennten sich von der Tochter, die für die Tugend der Vergebung warb, mit der die Kajamaly als geborene Jäger nicht viel anfangen konnten. Mathilde schrieb ihre Erfahrungen später in einem Buch auf und wirkt nun beim Filmprojekt als Beraterin und Bindeglied zwischen Europäern und dem einen sichtbaren Ureinwohner mit.
Rimma Starodubzevas Bühne ist ein schicker Dschungel, in dessen Grün die Darsteller immer wieder verschwinden. Zu Beginn trifft eine blonde Frau auf einen dunkelbraunen Mann, die Köpfe berühren sich, dann die Hände. Liebe funktioniert auch in Zeichensprache. Riemenschneider und Pfafferott, verantwortlich für Inszenierung und Konzeption, gehen es komödiantisch an. Die Schauspieler singen (Musik: Tobias Vethake) und erzählen, agieren miteinander und stellen sich in einer Reihe vor dem Publikum auf.
Zu einer krisenhaften Situation kommt es, als ein tierischer Komparse, ein Nasenbärbaby, stirbt. Es stammte aus dem Zoo Hannover und war womöglich an Heimweh eingegangen, mutmaßt der von Konstantin Lindhorst dargestellte Produzent. Lindhorsts Figur durchlebt ein mittleres Martyrium, das ist bewegend und herrlich absurd zugleich.
Tolle Szenen hat auch Nikolai Plath als Filmregisseur: einer, der sich die Welt nach seinen Vorstellungen formt. Die Produktion will zeigen, was Theater kann, wie es entsteht und wie es durch ein Ensemble zum Leben erweckt wird. Und ja, da hat Dramaturg Piess recht, das vollzieht sich in den gut 90 Minuten in der Halle Beuel auf mehreren Ebenen. Sie spielen die Begegnung zwischen Europa und dem Fremden humorvoll aus, aber auch ernsthaft. Mit denselben Mitteln erzählen sie die Geschichte einer merkwürdigen Familie und ihres Zerfalls sowie die Lovestory Mathildes. Und sie erzählen von der Macht des Dschungels.
Birte Schrein ist Mathilde, Anastasia Gubareva verkörpert ihr jüngeres Alter Ego. Man kann Gubareva als kindlicher Mathilde dabei zuschauen, wie ihre Identität sich allmählich auflöst, sie verliert sich in ihrer Rolle: Berufsrisiko des Schauspielers. Birte Schrein zeigt die ganze Bandbreite zwischen zarter Poesie und tragödienhafter Hysterie. Es wird auf der Bühne im Verlauf des Abends immer surrealer, die Darsteller erscheinen wie Zombies, am Ende wie Dschungeltiere. Im Theater ist alles möglich. Die offene Form ist der Motor der Produktion, sie ist aber auch ein Bremser, denn ganz warm wird man mit diesen sich stetig wandelnden Personen nicht. Doch der Spaß, den die Schauspieler mit "Mathilde" hatten, überträgt sich aufs Publikum. Mit dem Schlussapplaus dankte es am Premierenabend Anastasia Gubareva, Dagmar Hoffmann, Tatjana Pasztor, Birte Schrein, Birger Frehse, Konstantin Lindhorst, Malik Kpekpassi, Nikolai Plath, Hendrik Richter und Tobias Vethake.
















