LEBEN DES GALILEI

von Bertolt Brecht

Eine Koproduktion mit den DUISBURGER AKZENTEN (Premiere am Theater Duisburg: 9. März 2012)

 

Galileis Entdeckung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, bedeutet eine geistige Revolution. Das alte Weltbild gilt nicht mehr. Alle Gewissheiten geraten ins Wanken. Der Aufbruch in eine neue Zeit ist möglich. Damit sind auch die überkommenen Herrschaftsverhältnisse in Frage gestellt. Doch seine neuen Ideen und Einsichten bringen Galilei in Konflikt mit den Mächtigen seiner Zeit. In einem Geflecht von Politik, Kirche, Wirtschaft und philosophischen Positionen wird Galileis Glaube an die Möglichkeiten der menschlichen Vernunft aus unterschiedlichen Richtungen attackiert und einer radikalen Prüfung unterzogen.

Indem Brecht seinen Galilei nicht als sauberen Held der Wissenschaft zeichnet, sondern als widersprüchlichen Menschen, erscheint die Fortschrittseuphorie in gebrochenem Licht. Ohne Rücksicht auf Verluste und mögliche Folgen treibt Galilei als egomanischer Forscher und Genussmensch sein Projekt voran. Zugleich knickt er vor den Mächtigen ein, als er mit dem Leben für seine Überzeugung einstehen muss.

Brechts Klassiker über eine entscheidende Phase in der Wissenschaftsgeschichte ist reich an prallen Szenen, sinnlichen Situationen, griffigen Diskursen, derb komischen Momenten und zugleich höchst aktuell. Denn von verschiedene Seiten umspielt es die Frage: Welche Chancen, welche Risiken liegen darin, wenn die Vernunft zum Maßstab aller Dinge wird und eine entfesselte Wissenschaft die Ordnung der Welt neu begründet.

 

Niklas Ritter, 1972 in Berlin geboren, arbeitete als freier Regisseur und Videokünstler u.a. am Staatstheater Meiningen, am Schauspiel Leipzig, schauspielhannover, Schauspiel Köln, Schauspiel Frankfurt, Maxim Gorki Theater Berlin, Hans Otto Theater Potsdam und am Anhaltischen Theater Dessau, wo er 2011/12 als leitender Regisseur arbeitet. Am Maxim Gorki Theater Berlin inszenierte er DER MANN OHNE VERGANGENHEIT von Aki Kaurismäki, WESTWÄRTS von Rolf Dieter Brinkmann und DIE REISE nach Bernward Vesper. Als Videokünstler arbeitete er bereits mehrfach mit Armin Petras und mit Sebastian Baumgarten. LEBEN DES GALILEI ist seine erste Arbeit in Bonn.

Besetzung

Inszenierung: Niklas Ritter
Bühne: Michael Graessner
Kostüme: Ines Burisch
Musikalische Leitung: Tilman Ritter
Licht: Max Karbe
Dramaturgie: Christopher Hanf/Holger Kuhla

Galilei: Bernd Braun
Virginia, seine Tochter: Philine Bührer
Frau Sarti, Galileis Haushälterin: Susanne Bredehöft
Andrea Sarti: Ines Schiller
Mathematiker/Prälat/Inquisitor: Günter Alt
Kurator/Philosoph/Bellarmin/Vanni: Stefan Preiss
Barberini/Papst: Tanja von Oertzen
Kleiner Mönch: Julian Mehne
Ludovico: Dominik Fornezzi

Musiker: Tilman Ritter

Kritiken

Theater Pur, am 13. März 2012, von Dietmar Zimmermann

Die Ambivalenz des Wissenschaftlers
„Du glotzt nur. Glotzen ist nicht sehen“, fährt Galileo Galilei in der ersten Szene seinen gelehrigen Schüler Andrea Sarti an. Die Duisburger „Akzente“, die die jüngste Premiere des Theaters Bonn koproduziert haben, stehen aus Anlass des 500. Geburtstags von Gerhard Mercator unter dem Motto „Vom Suchen und Finden“. Galileo Galilei, der Lehrer und Mathematiker an der Universität zu Padua, hat gesucht und gefunden. Die Kirchenoberen im feudalen Florenz aber: glotzen lieber. Nicht durchs neue Teleskop, das neue Sichtweisen und Erkenntnisgewinn bringen, aber auch das alte ptolemäische Weltbild von der Erde als Zentrum und Fixpunkt des Universums wanken lassen könnte, sondern bei der Modenschau züchtiger kirchlicher Top-Models, die den Dernier Cri der Ordenstrachten vorführen. Wenn Carlotta Ventilatore mit flatternden Haubenflügeln über den klerikalen Laufsteg trippelt, merken auch wir im Publikum auf und freuen uns über das komödiantische Potential, das das verstaubte alte Brecht-Stück entfaltet. Und wenn wie im Fußballstadion plötzlich ein nackter Flitzer durch die Modenschau sprintet, hat nicht nur Regisseur Niklas Ritter noch einen draufgesetzt in seinem Comedy-Exkurs vom ernsten Diskurs-Stück, sondern auch wir Zuschauer sind in die Amüsierfalle getappt: Wie die Kardinäle folgen wir dem massenkompatiblen Show-Format aufmerksamer und interessierter als dem Disput über die revolutionären Forschungsergebnisse.
 Scherz, Satire, Ironie hat Niklas Ritter in seine Inszenierung des selten gespielten Stücks einfließen lassen, dessen Rezeption durch seine Geschichte als jahrzehntelanger Gymnasiastenschreck kontaminiert ist. Viel italienische Folklore begleitet die Aufführung – gar manche hübsche Canzone erklingt, Pizzeria-Italienisch auch, und da ruft schon mal jemand „Struuunz!“ - eigentlich fehlt nur, dass Andrea (ganz unitalienisch nicht als maskuliner, sondern als femininer Vorname gedeutet und mit Ines Schiller besetzt) die Discorsi mit Galileis Erkenntnissen im flotten Cinquecento nach Holland schmuggelt. Denn in der Tat mäandern Kostüme und Anspielungen ungeniert durch die Jahrhunderte – Signore Vanni, pragmatischer Vertreter der Geschäftswelt und hier eigentlich auf der „richtigen“ Seite – ist Silvio Berlusconi aus dem Gesicht geschnitten, und Kardinäle und Inquisitor setzen schon mal die Mafia-Sonnenbrille auf. Zuvor, daheim in Padua, waren die Figuren als weiß gekleidete Puppen eher frühem 20.-Jahrhundert-Kabarett entsprungen, die teilweise anmutig aus dem schwarzen Vorhang lugten und sich marionettenartig oder slapstickhaft bewegten. So wird Brechts Stück denn über weite Strecken zu einer – meist, aber nicht immer italienisch grundierten – Farce; nicht immer geht das auf, denn so mancher Gag ist sich selbst genug und fügt sich nicht in ein geschlossenes, aussagekräftiges System.
Und unterhaltsam ist es doch. Trotz mancher Längen im dritten Viertel. Vor allem: Der ernsthafte Hintergrund des Brecht-Stücks wird in keinem Moment verleugnet. Denn mögen auch die meisten Figuren Karikaturen sein: Galileo Galilei ist dies nicht. Bernd Braun hatte im Vorfeld der Premiere geäußert, er wolle das Publikum für seine Figur mit dem „Reiz des Unspektakulären“ gewinnen – und exakt das gelingt ihm. Er gibt den Wissenschaftler als ambivalente Persönlichkeit mit den typischen menschlichen Stärken und Schwächen – jenseits aller Karikatur. Hier ist ein Mensch mit Forscherdrang, zu Beginn gar mit einer Mission. Ein Mensch, der auch mal schummelt und betrügt für seinen Erfolg – ein Fernrohr nachbaut und es für die grandiose Erfindung ausgibt, die die Holländer gemacht haben. Der nicht immer vertrauenswürdig erscheint. Der aber pragmatisch ist, kompromissbereit. Und der dann, unter dem Druck der Kirche und angesichts drohender Folter, seine Erkenntnisse widerruft. Sein Selbstbewusstsein, seine Souveränität verliert, Verrat begeht an seinen Ideen – sehr schöne stumme Bilder fallen dem Regie-Team ein, als die Familie auf das Ergebnis des Inquisitions-Prozesses wartet. Um Galilei wird es einsam; er wird zum gebrochenen Mann. Plötzlich stimmt der Rhythmus der zuvor manchmal so disparaten Aufführung. Galileo Galilei, dem Brecht mit zunehmender Zahl an Überarbeitungen seines Stücks immer kritischer gegenüberstand, weckt nun unser Mitgefühl.
Andrea wird am Ende seine Forschungsergebnisse über die Grenze bringen. Nicht im Cinquecento, denn wir sind längst im ernsthaften Teil der Aufführung angelangt. Beim Kampf der Wissenschaft und der Erkenntnis gegen Macht und die mangelnde Bereitschaft der Machthabenden, das Weltbild, auf dem ihre Macht beruht, hinterfragen zu lassen. Und bei der moralischen Verantwortung der Wissenschaft.

 

 

 

RHEINISCHE POST, 12. März 2012, von Ingo Hoddick

Brechts „Galilei“ als fröhliche Farce

Das war ein weiterer Höhepunkt der 34. Duisburger Akzente „500 Jahre Gerhard Mercator – Vom Suchen und Finden“. Im ganz gefüllten Theater gab es die Premiere des Schauspiels „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht als Koproduktion mit dem Theater Bonn. Als nach wie vor hochaktuell erscheint dieses Stück über den jüngeren Mercator-Zeitgenossen Galileo Galilei, über die zeitlose Frage nach der moralischen Verantwortung wissenschaftlicher, intellektueller und letztlich auch künstlerischer Arbeit.
Der 1972 geborene Regisseur Niklas Ritter hat das für Duisburg und Bonn als fröhliche Farce zur Kenntlichkeit übertrieben. Hat der Autor einen Hang zur Umgangssprache, so wird diese nun auf die Spitze getrieben – und das teilweise in ein Trappatoni-Deutsch, schließlich spielt der „Galilei“ ja in Italien. Das wirkt anfangs etwas albern, steigert sich aber über glänzende Bilder wie eine vatikanische Modenschau hin bis zum Ende, das still ausklingt. Das gibt den 15 Darstellern viel Gelegenheit, totales Theater zu spielen. Allen voran Bernd Braun in der Titelrolle, der dem Galilei seine ganze Bandbreite als Held und Verbrecher, als genialer Physiker und skrupelloser Genießer gibt. Man mag diesen Galilei nicht, weil er hier fast zynisch wirkt. Doch überzeugt am Ende seine dann doch moralische Größe. Galilei hatte ja abgeschworen, um seine Erkenntnisse über das von der Kirche verworfene kopernikanische Weltbild („Und sie bewegt sich doch!“) ins freie Holland schmuggeln lassen zu können.
Das Stefan Preiss in einer seiner vier Rollen, nämlich als Industrievertreter Vanni, aussieht wie Silvio Berlusconi, ist dann fast schon zu naheliegend. Erlebt haben muss man auch die musikalischen Aspekte des Abends, etwa wenn Philine Bührer als Galileis immer wieder abgeschobene Tochter Virginia hier Cello übt und vor allem Tilman Ritter als Organist.

 

 

 

GENERAL-ANZEIGER, Bonn, 19. März 2012, von Dietmar Kanthak

Endspiel eines Forschers
Verfremdung 2.0: Niklas Ritter inszeniert Brechts "Leben des Galilei" in den Kammerspielen

Niklas Ritters Inszenierung bietet nicht nur viel fürs Auge. Auch die Musik schafft magische Momente und Schauspieler Bernd Braun lebt in der Rolle des italienischen Mathematikers und Astronom auf.

Galileo Galilei übt Selbstkritik. „Ich hatte als Wissenschaftler eine einzigartige Möglichkeit. In meiner Zeit erreichte die Astronomie die Marktplätze. Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standfestigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden.“
Der Forscher wollte zunächst zwar das neue Weltbild mit der Sonne im Mittelpunkt des Alls durchsetzen, geriet aber mit der Kirche in Konflikt. Die Institution, die durch Galilei die von Gott gesetzte Anschauung der Welt gefährdet glaubte, hatte starke Argumente – die Folterinstrumente der Inquisition – auf ihrer Seite.
Galilei unterwarf sich, widerrief und gab seine revolutionären Erkenntnisse im Geheimen weiter. Galilei ist bei Brecht alles andere als ein Held. Er hängt am Leben und genießt einen bescheidenen Luxus: „Ich brauche Muße“, sagt er, „und ich will die Fleischtöpfe.“
In Niklas Ritters rund zweistündiger und pausenloser Inszenierung von Brechts „Leben des Galilei“ muss Bernd Braun als italienischer Mathematiker und Astronom (1564-1642) nicht den ganzen Text aufsagen.
Das Pathos am Schluss wischt er überdies mit einer Handbewegung hinweg. Alles Unsinn. Ritters und Brauns Galileo Galilei ist zuletzt ein gebrochener, einsamer Mann. „Wie ist die Nacht?“, fragt er seine Tochter Virginia (Philine Bührer). „Hell“, antwortet sie. Dann wird es dunkel in den Kammerspielen: Galileis Endspiel ist vorüber.
Die Deutung des Galilei erfuhr im Laufe der Jahre dramatische Veränderungen durch den Autor. War der Forscher Galilei in der ersten Fassung noch überzeugt, dass wissenschaftlicher Fortschritt am Ende auch den allgemeinen Fortschritt der Menschheit befördert, so ist dieser Optimismus in den späteren Bearbeitungen Brechts angesichts der Erfindung atomarer Menschenvernichtungswaffen relativiert. Die Wissenschaft scheint sich der Unterordnung unter staatliches Kalkül nicht entziehen zu können.
Brecht hat ein nach wie vor faszinierendes, wirkungsvoll konstruiertes Debattenstück geschrieben. Es überlebt, weil immer wieder Humor und ästhetische Raffinesse aufscheinen. Niklas Ritters Inszenierung bietet viel fürs Auge.
Auf Michael Graessners zunächst schwarz drapierter, später weitläufiger Bühne spielt am Anfang die Musik (Klavier und Orgel: Tilmann Ritter), und Galileis Stimme ertönt aus einem Lautsprecher. Alle Menschen auf der Bühne tragen Weiß, alle sind kahlköpfig: Kunstfiguren, wie von Apple designt. Verfremdung 2.0 sozusagen.
Sie erscheinen als fluchende Karikaturen, surreales Ballett, Standbild, Chor. Es fällt auch ein Schuss. Das bringt Brecht stilistisch in die Gegenwart, doch eine Galilei-Inszenierung, die kokett über dem Boden schwebt, fördert nicht gerade das Verständnis des Debatten-Stückes.
Nach einem apokalyptischen Endzeit-Szenario (Pest!) mit Massengrab verlässt Regisseur Ritter die Welt der Theorie und wechselt vom abstrakten Spiel in die farbige Wirklichkeit.
Auch hier gibt er seiner Fabulierlust nach, lässt eine klerikale Modenschau à la Fellini („Roma“) über den Laufsteg gehen. Susanne Bredehöft (Frau Sarti), Stefan Preiss in mehreren Rollen und Dominik Fornezzi als Ludovico machen dem Komödienautor Brecht alle Ehre.
Ernst machen die Kollegen. Günter Alt als jovialer Inquisitor, Tanja von Oertzen als tänzelnd eine andere Welt suchender Barberini und späterer Papst, Ines Schiller als Andrea Sardi, Julian Mehne als kleiner Mönch sowie Bernd Braun als zerrissener Forscher dringen zum Kern des Stückes vor.
Braun lebt als Galilei auf, als die Freiheit der Forschung greifbar erscheint. Da erfüllt ihn die Leichtigkeit des Seins. Als er das Machtspiel mit der Kirche verliert, spielt er mehr Beckett als Brecht, und zwar faszinierend. Das darf man nicht verpassen.
Auch die Musik schafft an diesem Abend magische Momente. Tilmann Ritter an der Orgel, Philine Bührer am Cello mit dem Prélude der ersten Cello-Suite von Bach: Es ist wie eine poetische Hommage an den großen Wortkomponisten Bert Brecht.

Auf einen Blick:
 Das Stück: Ein nach wie vor faszinierendes, wirkungsvoll konstruiertes Debattenstück.
 Die Inszenierung: Der fabulierlustige Niklas Ritter bietet viel fürs Auge.
 Die Schauspieler: Bernd Braun und Günter Alt haben die stärksten Auftritte.

 

CHOICES, April 2012, von Peter Ortmann

Die Beherrschung der Natur
Niklas Ritter inszeniert Brechts „Leben des Galilei“ in Bonn
Ein futuristischer Prolog, eine bildgewaltige Kostümorgie, ein fahles Licht am Ende. Niklas Ritter inszeniert „Das Leben des Galilei“ an den Bonner Kammerspielen. Dabei verwebt er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einer Bühne, spielt mit komischen Elementen und einer Orgel, die über allem schwebt. Bertolt Brechts Wissenschaftseloge, die in den 1950er Jahren eher zum Diskurs mit erhobenem Zeigefinger mutierte, ist eigentlich ein debattenfähiges Stück über die Wissenschaften der heutigen Zeit geblieben. Die Beherrschung der Natur zu einer Quelle des Glücks für die Menschheit zu machen, das war auch Brechts Ideal, doch die von ihm gesehene, immer schrecklichere Bedrohung durch große Erfindungen ist geblieben, hat Formen angenommen, über die keine Stücke mehr geschrieben werden können, weil es schlicht keine Informationen mehr über diese Gefahren gibt. Da reicht es nicht mehr aus, durch zwei Linsen im Rohr zu starren, egal ob in den Weltraum oder die Mikrowelt. Beide Sphären haben wir längst hinter uns gelassen. Heute geht es nicht mehr um Wahrheitsunterdrückung, sondern schlichtweg um deren Verschleierung aus Profitgier. Ritter hat folgerichtig zeitgenössische Versatzstücke in die Inszenierung gepackt, da gibt es Assoziationen mit Berlusconi, mit der sprachlichen Nonsenskultur der Massenmedien und auch mit dem herrlichen italienischen Lebensgefühl.

Am Anfang geistern alle als schneeweiße Homunkuli choreografisch durch Pisa. Bernd Braun als Galilei kämpft mit seinen Traktaten und mit der ständigen Geldnot. Er nimmt widerwillig Privatschüler an, um sich über Wasser zu halten. Einer bringt die Erfindung eines Fernrohres aus den Niederlanden mit, die der Mathematiker nachbaut, in Venedig vorführt und als seine Erfindung ausgibt. Das bedeutet mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Wissen. Durch die faktische Sichtung der Jupitermonde kann das geozentrische Weltbild wegbewiesen werden. Das ruft den degenerierten Klerus der damaligen Zeit auf den Plan, die Inquisition, aber auch die europäischen Wissenschaftskollegen. Zwischendurch wütet die Pest, die Galilei in Florenz überlebt. Die Regie zeigt eine Apokalypse, bei der die Bühnenmotorik alle in ein Massengrab sinken lässt, die Zeit der Homunkuli ist vorbei, opulent geht es weiter um die Frage, ob sich Vernunft und Aufklärung gegen die Wahrheitsunterdrücker durchsetzen. Ritter wählt den amüsanten Umgang mit einem Klerus, der zwar wissend, aber nie weise war, und noch konnte das Rathaus Gottes die Veränderung aufhalten, sich weiter mit einer köstlichen Modenschau und Schampus, gereicht von kleinen Messdienern. Günter Alt als schleimiger Inquisitor in roter Robe hat dennoch die Zügel fest in der Hand.

Bernd Braun entwickelt während der Handlung hervorragend die Figur des Galilei. Ist er anfangs noch der selbstverliebte (All-)Wissende, der gern auch mal süffisant die kleineren Geister düpiert, geht er zwischen Pest und Auseinandersetzung mit dem Klerus durch alle Höhen und Tiefen seines Standes, am Ende wird er doch widerrufen, zu sehr hängt er am Leben und am Wein. Verrät dafür locker Wissenschaft und Welt, obwohl er dann doch noch eine Kopie seiner Arbeit ins Ausland schaffen kann. Eine sehenswerte Zweistunden-Inszenierung.