WIE ES EUCH GEFÄLLT

von William Shakespeare

Deutsch von Erich Fried

All the world’s a stage, And all the men and women merely players.

So lauten die berühmten Worte des melancholischen, desillusionierten Edelmanns Jaques. Wie er ist jede Figur in Shakespeares WIE ES EUCH GEFÄLLT auf ihre Weise auf der Suche nach Eigentlichkeit, nach einer Identität, nach dem richtigen Platz im Dasein, nach der wahren Liebe. Und alle sind mehr oder weniger gefangen in einer erkenntnistheoretischen Sackgasse.

Der entmachtete Herzog, der mit seinem Gefolge in den Wald von Arden getrieben wurde, genießt vorerst die paradiesische Natürlichkeit des Schäferidylls gegenüber der Korruption, Dekadenz und Künstlichkeit am Hof. Orlando wird von seinem Bruder Oliver um sein rechtmäßiges Erbe gebracht und muss, nachdem er und Rosalind, die Tochter des Herzogs, sich unsterblich ineinander verliebt haben, ebenfalls in die Verbannung. In Lebensgefahr geht schließlich auch Rosalind – verkleidet als Edelmann Ganymed – in den Ardenner Wald. Und dieser Wald hat es in sich – aber vielleicht auch nicht. Er ist ein mythischer Ort, eine vorgesetzliche Welt. Alles ist möglich, nichts notwendig. Harmonie und Chaos existieren nebeneinander, gleichberechtigt, es gibt kein Patentrezept für ein gelingendes (Liebes-)Leben. Vier sehr verschieden geartete Paarbindungen erscheinen in gegenseitiger, ironischer Beleuchtung, sie werden gespiegelt, gebrochen und wieder gespiegelt. Nur Rosalind beweist mit ihrem amüsanten, bisweilen auch gefährlichen Verwirrspiel ihrer Maskerade Einfluss und Beständigkeit.

Das um 1599 verfasste Stück des britischen Dichters gilt als heitere Komödie, doch die Heiterkeit wird begleitet von einem bitteren Beigeschmack und bietet Anlass zur Reflexion. In WIE ES EUCH GEFÄLLT dekonstruiert Shakespeare lustvoll Identitäten und Geschlechterrollen, Herrschafts- und Knechtschaftsstrukturen, die Regeln der Poesie und der Liebe sowie selbstreflexiv Theaterthemen und -formen.

David Mouchtar-Samorai arbeitet seit vielen Jahren regelmäßig für THEATER BONN. Seine Karriere als Regisseur begann in den frühen 70ern in Großbritannien. Seit 1975 arbeitet Mouchtar-Samorai in Deutschland. Er inszenierte u.a. in Heidelberg, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg, Düsseldorf, Wiesbaden, Dresden und Bonn. Insgesamt wurde Mouchtar-Samorai fünf Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen, 1997 erhielt er den Bayerischen Theaterpreis. In Bonn inszenierte er zuletzt Tankred Dorsts Jahrhundertwerk MERLIN oder DAS WÜSTE LAND und Tennessee Williams DIE GLASMENAGERIE.

Besetzung

Inszenierung: David Mouchtar-Samorai
Bühne: Christoph Rasche
Kostüme: Urte Eicker
Musik: Ernst Bechert
Licht: Thomas Roscher
Dramaturgie: Stephanie Gräve


Herzog in der Verbannung/Herzog Frederic: Wolfgang Rüter
Amiens/Le Beau/Sänger: Hendrik Richter/Hanno Friedrich
Charles/Corin/Lord A: Ralf Drexler
Oliver/Silvius/Lord B: Nico Link
Jacques/Adam: Arne Lenk
Orlando: Thomas Ziesch
Prüfstein: Konstantin Lindhorst
Rosalinde: Verena Güntner
Celia: Maria Munkert
Phoebe/Audrey: Anastasia Gubareva

Kritiken

GENERAL-ANZEIGER, Bonn, 30. Januar 2012

Komödie im Eispanzer
von Gunild Lohmann

David Mouchtar-Samorai macht in den Kammerspielen Bad Godesberg aus "Wie es euch gefällt" eine düstere politische Parabel.
 
Kalt ist es im Ardenner Wald. Die Bäume kahl, von Raureif überzogen, Himmel und Erde ein scharf gezackter Dreiklang von Schwarz, Weiß und Grau. Keine Umgebung, in der sich ein arkadisches Idyll so entfalten kann, "wie es euch gefällt" - aber das möchte David Mouchtar-Samorai ja auch verhindern.
Seine Inszenierung in den Kammerspielen treibt der Shakespeare-Komödie alles Leichte, Traumselige gründlich aus und zwängt sie in den denkbar düstersten politisch-historischen Kontext: Schon in der ersten Szene tragen Rosalind und Celia Kleider und Schuhe im Stil der 40er Jahre. Am Hof des Usurpators Frederic laufen düstere Gestalten in langen Ledermänteln herum, die auch schon mal verängstigte Menschen mit Gewehren vor sich her treiben. Der Ringkampf zwischen Charles und Orlando findet im Off statt, umrahmt von einer nationalsozialistischen Marsch- und Massengeräuschkulisse. Da braucht es nicht mehr viel Fantasie, um diesen Theaterabend als Parabel für Nazi-Diktatur und Holocaust zu begreifen.
Doch was in Frederics Machtzentrum noch einigermaßen funktioniert, läuft im Wald ins Leere. Mögen auch Gewehrfeuer und das leitmotivisch wiederkehrende Bellen von Hunden auf der Menschenjagd die Figuren auf der Bühne vorübergehend erstarren lassen und uns wieder an das aufgepfropfte Thema erinnern - Shakespeares Zauberwald bleibt ein Traumort, in dem klar benannte Realitäten nichts zu suchen haben. Nichts ist hier, wie es scheint. Identitäten, Geschlechterrollen, Beziehungen, Poesie und Parodie, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles wirbelt in einem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive durcheinander. Schlechte Voraussetzungen für eine Geschichtsstunde.
Das einzig Sinnvolle, was man in diesem Wald tun kann, ist, sich lustvoll auf das Vexierspiel der Schäfer, Liebeskranken und Clowns einzulassen, und das tut Mouchtar-Samorai auch. Da wird gescherzt und gespottet, gerungen und gesungen, zu schwermütigen Klezmer-Klängen sogar getanzt, aber die Bedrohung bleibt ebenso wie Hunger und Kälte stets präsent. Selbst das doppelbödige Liebeswerben zwischen Orlando und der als Jüngling verkleideten Rosalind, eigentlich ein Musterbeispiel für die Heiterkeit und Grazie höfischer Konversation, behält einen aggressiven Unterton, und wer Rosalinds alptraumhafte Vision taumelnd tanzender Paare gesehen hat, mag nicht so recht an die Zukunft des jungen Glücks glauben.
Erwartungsgemäß streicht der Regisseur die wundersame Bekehrung Frederics und die wonnige Vierfachhochzeit am Ende der Komödie: Zwar finden auch auf Christoph Rasches spröder Bühne immerhin drei Paare zueinander, doch ein Grund zum Feiern ist das nicht. Dicht zusammengedrängt wie eine Schafherde stehen die Waldbewohner da, als der Vorhang fällt, beieinander Schutz suchend gegen die Kälte und gegen die Häscher, die zweifellos kommen werden.
Für Lichtblicke in dieser Düsternis sorgen die Schauspieler, die die Seelenzustände der von Shakespeare meist nur flüchtig skizzierten Charaktere mit Leben erfüllen. Verena Güntner als Rosalind etwa, die erst Hosen anziehen muss, um ihre ganze Leidenschaft und Klugheit freisetzen zu können. Dieser Naturgewalt kann Thomas Zieschs Orlando nur als naiver Draufgänger begegnen. Wolfgang Rüter wechselt in seiner Doppelrolle als neuer und alter Herzog gekonnt vom gnadenlosen Machtmenschen zum milden, desillusionierten Landesvater; Konstantin Lindhorsts Prüfstein unterhält mit ätzend scharfem Witz und clownesker Beweglichkeit.
In der heimlichen Hauptrolle glänzt Arne Lenk: Er ist als gewitzter Melancholiker Jacques ein echter Vorläufer Hamlets, er hat die besten Monologe, und seine Philosophie ist einfach zeitlos: "Die ganze Welt ist eine Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. / Sie treten auf und gehen wieder ab . . .".

 

 

 

 

RHEIN-SIEG-ANZEIGER, 31. Januar 2012

Der Mensch als Schaf

Von Sandra Ebert


Premiere: Viel Applaus für „Wie es euch gefällt“ in den Kammerspielen Bad Godesberg

Kahl und kalt ist der Wald, in dem die Verbannten ausharren müssen. Graue Tristesse, Bombeneinschläge, Hundegebell und bewaffnete Männer in langen Nazi-Mänteln, die eine verängstigte Familie ins Dunkel führen – der Ardenner Wald, den Regisseur David Mouchtar-Samorai in seiner Inszenierung der Komödie „Wie es euch gefällt“ in den Kammerspielen in Bad Godesberg auf die Bühne bringt, hat wenig mit Shakespeares romantischem Natur-Idyll zu tun. Lieblich und leicht ist hier gar nichts: Die Idylle ist zerrissen.
Am Hof herrscht der Terror im langen Nazimantel, im Wald mutieren die Verbannten zu Schafen, die sich ängstlich umeinander scharen, ihre Kräfte wie die Böcke im Zweikampf messen und von Zeit zu Zeit toll herumhüpfen.
Die Bühne (Christoph Rasche) besteht aus einer weißen Leinwand, in der ein großer Riss klafft und auf die mal eisüberzogene Äste, mal eine Mauer projiziert werden. Vor ihr hocken in schmutzigen Lumpen, frierend, desilluisioniert und melancholisch, der von seinem Bruder Frederic verbannte Herzog (Wolfgang Rüter in einer Doppelrolle) mit seinem Gefolge, in dem besonders Arne Lenk durch gestochene Monologe und Hanno Friedrich mit bösartigen Chansons brillieren. Dort finden sich auch seine Nichte Rosalinde, ihre Cousine Celia, der Hofnarr Prüfstein und später Rosalindes Verehrer Orlando ein.
Und hier kommt es auch zur berühmten Travestie-Szene, in der Rosalinde als Mann verkleidet ein Mädchen, nämlich sich selber, mimt, mit dem Orlando die Liebe spielen soll. In Hosen lässt Verena Güntner ihrer Spielfreude freien Lauf, ist mal burschikos, mal anschmiegsam, mal überheblich und gleich wieder am Boden zerstört. Doch Gefühl, nein, das will nicht recht zwischen den Verliebten aufkeimen. Ihre Beteuerungen und Liebesschwüre gleichen einem Kampf, wie sie auch Prüfstein (viel Szenenapplaus für den überdrehten Konstantin Lindhorst) mit der Schäferin Audrey ausficht. Kaum trägt Rosalinde aber wieder Rock und langes Haar, da ist es mit ihrer Kühnheit vorbei – sie wird wieder still und hoffnungslos.
In dieser kalten, feindseligen Welt ist es nur folgerichtig, dass es kein Happy-End wie bei Shakespeare gibt. Keine Vierfach-Hochzeit, kein geläuterter Herzog, der die Verbannten zurück an den Hof holt, keine Versöhnung zwischen Orlando und seinem Bruder. Was bleibt, ist das böse Erwachen aus einem ebenso bösen Traum und ein schicksalhaftes Sich-Ergeben: Rosalinde und Celia kehren zurück zu der menschlichen Schafherde, die dicht gedrängt der Kälte zu trotzen versucht. Bei der Premiere gab es viel Beifall.