DER GROSSE GATSBY

nach F. Scott Fitzgerald

Übersetzt und dramatisiert von Lothar Kittstein

 

Es läuft nicht schlecht an für den jungen Nick Carraway: Er ist aufstrebender Investmentbanker, knapp dreißig, hat die eine oder andere Affäre, hofft auf Erfolg und Geld – denn, obschon er aus ganz guten Verhältnissen kommt, ist er nicht reich. Anders als sein Nachbar Jay Gatsby, der eine Art Palast bewohnt und berühmt-berüchtigte Partys gibt. Anders auch als seine Cousine Daisy, die mit ihrem Mann Tom Buchanan und der kleinen Tochter in der Nähe lebt. Sie sind die Superreichen; altes Geld, über Generationen angehäuft und weitervererbt. Tom und Daisy haben in ihrem Leben nie wirklich arbeiten müssen. Aber Jay Gatsby? Es kursieren Gerüchte über ihn, nicht überraschend, tauchte er doch eines Tages quasi aus dem Nichts auf und präsentiert nun Wochenende für Wochenende seinen Gästen unglaublichen Luxus. Den sie bereitwillig annehmen – und ihm neiden. Ist er ein reicher Erbe? Eher ein Krimineller, munkeln manche, zu dem man Distanz halten sollte, er könnte gefährlich sein. Oder mindestens ein Waffenhändler, einer, dessen Geschäfte sich nicht immer im legalen Bereich bewegen.

Es ist Nick Carraway, eher ein Außenseiter in dieser Glamourwelt, der gegen seinen Willen hinter die Fassade blicken darf. Alles beginnt auf der ersten Party, zu der ihn Gatsby geladen hat. Nicks einzige Bekannte dort ist Jordan Baker, eine Golfspielerin und Freundin von Daisy. Die ihn sehr interessiert – deshalb entgeht ihm nicht, dass sie für längere Zeit im Büro des Gastgebers verschwindet. Doch nicht Jordan will Gatsby erobern: Nick erfährt, dass er seit Jahren seiner großen Liebe Daisy nachtrauert. Die er nicht hatte heiraten können, weil er arm war und ihr nicht den ‚richtigen’ Lebensstandard bieten konnte. Und die dann, als er im Krieg war, nicht mehr warten wollte. Nur für sie hat er dieses Haus gekauft, um in ihrer Nähe zu sein, in der Hoffnung, dass sie irgendwann auf einer seiner Partys auftauchen und geblendet sein wird von seinem Reichtum. Nun erträgt er das Warten nicht mehr; Nick soll ein Treffen arrangieren, damit der Lebenstraum eines einsamen, in obsessiver Liebe gefangenen Menschen eine Chance auf Erfüllung bekommt.

 

F. Scott Fitzgeralds Roman führt ins New York der Goldenen Zwanziger, eine Welt atemlosen Amüsements auf brüchigem Grund. Unter der schillernden Oberfläche lauern Angst und Verzweiflung. In einer Gesellschaft, in der nur Reichtum und gesellschaftlicher Status zählen, einer Gesellschaft, der alle Werte abhanden gekommen sind, muss ein Mann wie Jay Gatsby, der eigentlich James Gatz heißt und nur seiner wahren, tiefen Liebe verpflichtet ist, zwangsläufig zugrunde gehen. DER GROSSE GATSBY ist nicht umsonst zu einem der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts geworden: Als Menetekel einer haltlos gewordenen, leer laufenden Welt, in der dem Götzen Geld alles geopfert wird.
 
Lothar Kittstein, der für das Theater Bonn schon HAUS DES FRIEDENS und BÖSES MÄDCHEN geschrieben hat, adaptiert den Stoff für die Gegenwart. Und er ist tatsächlich hochaktuell: Attraktiver junger Mann verliebt sich in schillerndes It-Girl, hat aber nicht die finanziellen Mittel, sie zu heiraten, lässt sich auf undurchsichtige Geschäfte ein, um sie zurückzugewinnen. Notwendigerweise, denn die Gesellschaft, in der er sich bewegt, ist eben nicht so durchlässig, wie sie gern vorgibt zu sein. Nur in den seltensten Fällen wird der Tellerwäscher auf legale Art zum Millionär, das ist heute nicht anders als in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. Und ein Mann, der wenig hat als gutes Aussehen und Intelligenz, brennenden  Ehrgeiz und große Gefühle für ein Mädchen, das definitiv in einer anderen Liga spielt, könnte heute wie damals von einer mitleidlosen Welt zum Scheitern verdammt sein.

 

Matthias Fontheim arbeitete als freier Regisseur u.a. in Freiburg, Darmstadt, Kassel, Hamburg und Zürich. Am Niedersächsischen Staatsschauspiel Hannover war er als Regisseur und Leitungsmitglied engagiert, genauso wie anschließend am Bayerischen Staatsschauspiel München. 2000/2001 übernahm er die Intendanz des Schauspielhauses Graz, seit der Spielzeit 2006/2007 ist Matthias
Fontheim Intendant des Staatstheater Mainz. Nach TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN ist DER GROSSE GATSBY seine zweite Inszenierung für THEATER BONN.

Besetzung

Inszenierung: Matthias Fontheim
Bühne und Kostüme: Marc Thurow
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Stephanie Gräve


Jay Gatsby: Hendrik Richter
Daisy Buchanan: Nina Tomczak
Tom Buchanan: Falilou Seck
Nick Carraway: Birger Frehse
Jordan Baker: Maria Munkert
Myrtle Wilson: Birte Schrein
George Wilson: Arne Lenk
Eulenäugiger/Meyer Wolfsheim/Henry Gatz: Günter Alt
Partygäste u.a.: Ensemble


 

Kritiken

Nachtkritik, 2. Dezember 2011

Die Liebe im Reiche der iPhones
von Dorothea Marcus


Bonn, 2. Dezember 2011. Gleich drei Theaterfassungen von Fitzgeralds Roman "The Great Gatsby" kommen in dieser Theatersaison auf deutsche Bühnen. Während Christopher Rüping in Frankfurt alle Protagonisten von vier Männern spielen ließ und den Roman allegorisch verdichtet und die Version am Deutschen Schauspielhaus Hamburg noch aussteht, kommt in der Bonner Halle Beuel in der Inszenierung von Matthias Fontheim ein schlichtes, kurzes Kammerspiel, ja geradezu ein well-made Play auf die Bühne. (…)


Keine Schwelgerei
Lothar Kittstein hat aus dem 200-Seiten-Roman von 1925 eine schlanke Fassung gemacht, in der einzelne Szenen teilweise nur aus Bruchstücken und wenigen Sätzen bestehen und elegant ineinander übergehen. Von der rauschenden Party zu Wilsons Garage unvermittelt zum Gatsby-Gutshaus: Die Orts- und Zeitwechsel erzählen sich nur durch Sprache und wechselnde Sprech-Konstellationen. Teilweise ähneln die ausgewählten Szenen stark dem Film von Jack Clayton (1974) mit Robert Redford in der Titelrolle und Mia Farrow als nervende Daisy.
Doch wo der Film und Fitzgerald in opulenten Beschreibungen schwelgten, reichen in Bonn trockene direkte Rede und elliptisch verkürzte Szenen, um die tragische Geschichte anzudeuten, wie sich ein Mann selbst erfindet, aus Liebe zu einem reichen Mädchen märchenhaften Reichtum anhäuft – und schließlich jämmerlich erschossen wird, weil er für einen anderen gehalten wird. (…)
Gatsby wird von Hendrik Richter in seinem überkandidelt pinken Anzug sehr schön vielschichtig gespielt: ein hart trainierter Mann der Gesellschaft, ein hoffnungsloser Romantiker, ein naives Kind, das seiner Angebeteten die materiellen Errungenschaften seines Aufstiegs zu Füßen legt. Richter schrammt nahe an einer Karikatur vorbei, ist fast clownesk in seinem eifrigen Glauben an Geld – und eine umso tragischere Gestalt. Erschossen wird er wie nebenbei: Gatsby geht einfach hinter die Spiegelwand und zieht den Anzug aus. Die Handlungsfäden werden als bekannt vorausgesetzt. So wirkt vieles an diesem Abend skelettiert.


Sympathisch ist hier niemand
Das einzige, woran man sich halten kann, sind die Schauspieler: Myrtle, die Geliebte, ist bei Birte Schrein resolut und sexy. Als sie beim Autounfall ums Leben kommt, verendet sie mit blutigem Mund an der Spiegelscheibe. Daisy wird von Nina Tomczak mit leicht osteuropäisch-erotisch verschlepptem Akzent nervig und feige gespielt – wie konnte sich Gatsby jemals in sie verlieben? Und ihre Freundin Jordan Baker, eigentlich eine sympathische Figur, erscheint bei Maria Munkert als gehässige, leicht verhärmte Männersucherin. Verständlich, dass sich Nick Carraway, ihr Objekt der Begierde, da eher raushält. Birger Frehse spielt den Erzähler und Schlüsselloch-Beobachter der Reichen wie einen aufstrebenden Investmentbanker, brav, strebsam und stets muttersöhnchenhaft distanziert, aber leider auch sehr blass – während der schmierige Ehemann Daisys, Tom Buchanan, von Falilou Seck, in seiner unterschwelligen Brutalität und Begrenztheit nuanciert eingefangen wird. (…)