DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

von Otto Nicolai

Komisch-phantastische Oper in drei Akten von Otto Nicolai
Dichtung von Salomon Hermann Ritter von Mosenthal nach der gleichnamigen Komödie von William Shakespeare

Ein Preisausschreiben sollte die Lösung bringen! Als Erster Kapellmeister des Wiener Kärntnertortheaters wurde Otto Nicolai vertraglich zur Komposition einer deutschen Oper verpflichtet. Das dafür geeignete Libretto versuchte er durch ein von ihm initiiertes Preisausschreiben zu finden. Doch dies blieb genauso ergebnislos wie seine Recherchen bei bekannten Komödienschreibern, darunter Gozzi und Calderón. Schließlich ließ er sich von Shakespeares COMEDY OF SIR JOHN FALSTAFF AND THE MERRY WIVES OF WINDSOR überzeugen – allein: Die Abgabefrist der Oper war überschritten. Nicolai wechselte 1847 an das Königliche Opernhaus Berlin. Dort stellte er in einem Hofkonzert Ausschnitte aus den LUSTIGEN WEIBERN vor, woraufhin König Friedrich Wilhelm IV. die Uraufführung anordnete. Kämpfe auf den 48er Barrikaden und im Besetzungsbüro des Theaters verzögerten diese, bis endlich am 9. März 1849 eine der beliebtesten deutschen komischen Opern das Licht der Öffentlichkeit erblicken konnte.


Seine Dreistigkeit, den beiden Nachbarinnen Frau Fluth und Frau Reich zur selben Zeit den gleichen Liebesbrief zu schicken, muss der wenig edle Ritter Sir John Falstaff teuer bezahlen. Denn ohne es zu ahnen, gerät er an zwei verheiratete Damen, denen zu schmeicheln kein leichtes Unterfangen ist und die zudem in innerfamiliäre Probleme wie eifersüchtige Ehemänner und eigensinnige Töchter im heiratsfähigen Alter verstrickt sind. So kommt ihnen Falstaffs Frechheit dann doch gerade recht, denn die Rache an ihm lässt sich gut mit der Lösung der bereits vorhandenen Konflikte verknüpfen. Nach diversen Intrigen, Blessuren und viel Gespött müssen die Gatten anerkennen: „Mein’ Seel’, ihr Weiber! Ihr habt’s gescheit gemacht!“ und Falstaff sich geschlagen geben: „Macht mit mir, was ihr wollt“.


Zum ersten Mal inszeniert der Basler Schauspieler, Tänzer, Choreograph und Regisseur Tom Ryser am THEATER BONN. Stationen seiner bisherigen Theaterarbeit waren Berlin, Frankfurt, Leipzig, Dresden, Brest, Zürich, London, New York, Basel, Aargau, Venda (Südafrika) und wiederholt das Theater Basel.

Besetzung

Musikalische Leitung: Robin Engelen/Christopher Sprenger
Inszenierung: Tom Ryser
Bühne: Stefan Rieckhoff
Licht: Sirko Lamprecht
Choreographie: Bea Nichele Wiggli
Choreinstudierung: Sibylle Wagner

Sir John Falstaff: Philipp Meierhöfer
Herr Fluth: Giorgos Kanaris
Herr Reich: Ramaz Chikviladze
Fenton: Randall Bills
Frau Fluth: Ingeborg Greiner/Julia Kamenik
Frau Reich: Anjara I. Bartz/Daniela Denschlag
Jungfer Anna Reich: Emiliya Ivanova
Junker Spärlich: Mark Rosenthal
Dr. Cajus: Piotr Micinski
Tänzerinnen

Chor des Theater Bonn
Statisterie des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn


Alternativbesetzung in alphabetischer Reihenfolge. Änderungen vorbehalten.

Kritiken

GENERAL-ANZEIGER, Bonn, 8. Mai 2012, Von Bernhard Hartmann

Schabernack mit dem Außenseiter
„Die lustigen Weiber von Windsor“ in der Bonner Oper


BONN.  Inszeniert wurde das Stück von dem Schweizer Regisseur Tom Ryser, der mit einem großen Ensemble arbeitet. Das Beethoven Orchester sorgt für die atmosphärische Musik.
Auf eine solche Idee wie Shakespeares dicker Ritter Sir John Falstaff muss man erst einmal kommen: zwei verheirateten Damen einen gleichlautenden Liebesbrief zu schreiben. Dazu gehört entweder eine gewaltige Portion Chuzpe oder eine noch größere an Dummheit. Im Falle des englischen Ritters scheint allerdings letzteres näherliegend. In Otto Nicolais Falstaff-Version "Die lustigen Weiber von Windsor" (die immer ein wenig im Schatten von Verdi steht) heißen die beiden Damen Frau Fluth und Frau Reich. Ihnen kommt die seltsame Avance des liebestollen Falstaff sehr gelegen, um ein bisschen Schabernack mit ihm zu treiben. Das bringt Abwechslung in den grauen Alltag.
In der Bonner Oper kann man dem Liebesverwirrspiel, das sich noch auf etliche weitere Beteiligte ausdehnen wird, mit großem Vergnügen zuschauen. Inszeniert hat es der Schweizer Regisseur Tom Ryser, der dem Publikum auch ein bisschen den (Zerr-)Spiegel vorhalten möchte.
Denn die englische Stadt Windsor schaut hier aus wie eine Spiegelung des Zuschauerraumes der Bonner Oper, die braunen Holzvertäfelungen sind inklusive Intendantenloge minuziös nachgebildet, nur statt auf die eigentlich zu erwartenden Sitzreihen dazwischen blickt man auf einen Boden von der saftig grünen Farbe regenverwöhnten britischen Rasens. Auch eine rote Telefonzelle hat Bühnenbildner Stefan Rieckhoff nicht vergessen, um ein wenig Atmosphäre von der Insel aufs Festland zu importieren.
Ryser bringt ganz unterschiedliche Welten zusammen. Während die Frauen und Männer von Windsor als biedere Bürgersleute daherkommen, die der Kleidung und dem (sparsamen) Mobiliar nach in der spießigen Enge der 50er Jahre ihr Dasein fristen, ist der Ritter ein bonbonbunter Außenseiter. Mit gestreiften Hosen, blauem Jackett und rotem Hut sieht er eigentlich eher aus wie ein Clown. Nur die rote Nase versagt man dem trinkfreudigen Ritter dann doch.
Mit ganzem Herzen bei der Sache
Dass Nicolais hübsche Spieloper ein echtes Ensemble-Stück ist, daran lassen weder Regie noch Ausführende noch Musiker den leisesten Zweifel. Hier ist jeder mit ganzem Herzen bei der Sache. Aus dem Graben klingt das Beethoven Orchester unter Leitung von Robin Engelen sehr munter, besonders gelingen ihm die atmosphärischen Szenen wie jene im Wald von Windsor.
Julia Kamenik (Frau Fluth) und Anjara I. Bartz (Frau Reich) geben den Titelheldinnen im Spiel wie im Gesang ganz viel weiblichen Charme, Giorgos Kanaris und Ramaz Chikviladze sind ihre stimmkräftigen (und sehr, sehr eifersüchtigen) Gatten. Als Falstaff hat man sicherlich schon voluminöser orgelnde Bässe gehört als Philipp Meierhöfer, aber er singt diese Partie sehr nuanciert, erfasst den Charakter des auch ein wenig traurigen Clowns mit viel musikalischer Empathie.
Um Anna, die von Emiliya Ivanovas mit wunderbarem jugendlichen Sopran gesungene Tochter der Reichs, kreisen gleich drei Verehrer, wobei die von Mark Rosenthal und Pjotr Micinsky herrlich komisch gespielten Junker Spärlich und Dr. Cajus nicht wirklich eine Chance haben. Die hat der klassische junge Liebhaber Fenton umso mehr. Randall Bills stattet ihn mit einer wunderbar lyrischen Stimme aus, die sich in seiner Auftrittsarie "Horch, die Lerche" ebenso entfaltet wie im Duett mit Anna.
Die betörend begleitende Solovioline klingt hier zwar aus dem Graben, doch auf der Bühne hält eine von drei Elfen (herrlich: Melina Faka, Soledad Maria Steinhardt und Bea Nichele Wiggli) die Geige und macht aus dem Solo eine urkomische Gymnastikübung.
Der von Ulrich Zippelius einstudierte Chor wird ebenfalls sehr schön ins Geschehen integriert, sei es von der Seite, wo einfach die Holzvertäfelung weggeklappt wird, oder vor allem am Schluss in dem mitreißend und atmosphärisch inszenierten Spuk gegen Falstaff, der schließlich irritiert und hilflos seinem eigenen Traumspiegel (Sebastian Alt) gegenübersteht. Das Publikum applaudierte begeistert.

Auf einen Blick
• Die Oper: Otto Nicolai hat mit den "Lustigen Weibern" ein hübsches Intrigenspiel um Shakespeares Falstaff-Figur geschaffen.
 
• Die Inszenierung: Regisseur Tom Ryser kommt ohne Klischees aus, wobei ihm neben einem starken Sängerensemble drei urkomische Elfen helfen.
 
• Die Musik: Gesungen wird auf hohem Niveau, das Beethoven Orchester begleitet unter Robin Engelen sicher.