DER GEIZIGE

VON JEAN-BAPTISE POQUELIN DE MOLIÈRE

Aus dem Französischen von Frank-Patrick Steckel

 

Ist Geiz geil? Im Hause Harpagons jedenfalls regiert allein die Habsucht; dem Titelhelden ist sein Vermögen mehr wert als das Glück seiner Kinder. So scheut er sich nicht, seine Tochter Elise dem greisen Anselme zur Frau zu versprechen, welcher sie ohne Mitgift ehelichen würde, und plant für seinen Sohn Cléante die Heirat mit einer wohlhabenden Witwe. Die Kinder jedoch schmieden eigene Pläne ... Molières 1668 uraufgeführte Prosakomödie ist ein Plädoyer gegen den materialistischen Wahn, der Harpagon zur lächerlichen Figur macht, und für eine praktische und lebensbejahende Vernunft.

Besetzung

Inszenierung: Patricia Benecke
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Stephanie Geiger
Musik: Michael Barfuß
Licht: Guido Paffen
Dramaturgie: Stephanie Gräve


Harpagon, Vater von Cléante und Élise: Wolfgang Rüter
Cléante, Sohn von Harpagon: Arne Lenk
Élise, Tochter von Harpagon: Maria Munkert
Valère, Sohn von Anselme: Helge Tramsen


Mariane: Anastasia Gubareva
Anselme, Vater von Valère und Mariane: Rolf Mautz
Frosine, Gelegenheitsmacherin: Nina Vodop'yanova
Maître Simon, Makler: Oliver Chomik
Maître Jaques, Küchenmeister und Kutscher Harpagons: Ralf Drexler
La Fleche, Diener des Cléante: Hendrik Richter
Der Komissar: Oliver Chomik

Kritiken

Kölnische Rundschau, 29. März 09

Knausern in Krisenzeiten

Was Patricia Benecke anfasst, wird zum Spaßstück. Die Regisseurin bringt Molières „Geizigen“ in den Bonner Kammerspielen auf den neuesten Stand. Das Stück überzeugt- auch in der modernen Fassung.
BONN - So dünn kann ein Programmheft gar nicht sein, dass die Dramaturgie es nicht noch mit schlauen Artikeln füllte. Bei Molières „Geizigem“ in den Kammerspielen gab es auch gute Gründe. Denn als der im Spielplan präsentiert wurde, ahnte noch niemand die Finanzkrise. Und dass ein Harpagon, der sein Kapital in seiner Kassette hütet, nur schlecht in die Welt der Geldverbrenner passt.
Nun hatte man wenigstens Glück mit der Regie. Was Patricia Benecke anfasst, wird zum Spaßstück. Ohne alle Verrenkung verpflanzt sie Molière in die Fun-Gesellschaft. Den jungen Leuten drückt sie Handys und Alkopops in die Hand. Harpagon ist der letzte Goldstandardbewahrer, er hat sein Fort Knox mit hoch sensibler Alarmanlage aufgerüstet. Der Geizige steigt auf einen Stuhl, breitet die Arm aus und betet den Mammon an.
Die von Michael Barfuß eingerichtete Musik dazu ist „Money, money, money ... in the rich man_s world“. Und aufs Finale geht es zu, wenn er den Code vergessen hat, der Geister, die er rief, nicht Herr wird und hilflos durch das Warnlichtergeflacker in Gesine Kuhns monetärer Sakralarchitektur stolpert. Wolfgang Rüters Harpagon glaubt zwar noch, alle dahin schieben zu können, wo er sie braucht. Tochter Elise soll den alten Anselme heiraten, weil der keine Mitgift will. Sie aber schnappt sich Valère. Seinen Sohn Cléante verspricht er einer reichen Witwe, der allerdings spannt ihm Mariane aus, die Harpagon selbst heiraten will.
Die jungen Leute schieben ihn, und als er es merkt, sitzt Rüter einsam auf seinem Stuhl und versteht die Welt nicht mehr. Das bezeugt feine Charakterkunst und hält auch Molière im Spiel. Die zentrale Szene bleibt das große Aneinander-vorbei-Reden. Harpagon will von Valère die verschwundene Kassette wieder haben, der wiederum geht den (künftigen) Schwiegervater um die Tochter an. Beide glauben, über das selbe zu reden - Töchter und Gold waren ja auch eine Währung.
Der Märchenschluss bringt das gute Ende, auf das die Zensur Anspruch hatte. Anselme entdeckt in Valère und Mariane seine verlorenen Kinder und die in ihm ihren ebenso abenteuerlich abhanden gekommenen Vater. Dazu steckt Stephanie Geiger Rolf Mautz in ein goldenes Gewand. Arne Lenk, Maria Munkert, Helge Tramsen, Anastasia Gubareva waren die jungen Paare. Sie haben sich Rummelplatz-Herzen umgehängt, auf denen „Money“ steht. Alle sitzen beim großen Opernfinale auf Schaukeln, die im Bühnenhimmel hängen. Alles Spaß auf Erden? Oder vielleicht: Glaubt das bloß nicht, die Finanzkrise ist nicht vorbei. Es geht immer hoch und runter.

H.D. Terschüren

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