KATJA KABANOWA
von Leo Janáček
Oper in drei Aufzügen
Dichtung nach Aleksander Nikolajewitsch Ostrowskijs GEWITTER vom Komponisten und Vincenc Cervinka
In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Katja Kabanowa ist mit Tichon unglücklich verheiratet und verliebt in Boris. Katjas Freundin Barbara
hat heimlich einen Nachschlüssel für das Gartentürchen zum Wolgaufer machen lassen und ein Treffen mit Boris arrangiert. Während Katjas Schwiegermutter, die Kabanicha, von dem reichen Kaufmann Dikoj besucht wird, sinkt Katja, von schicksalhafter Macht getrieben, dem sie erwartenden Boris in die Arme.
Bei einem Gewitter treffen Katja und die Kabanicha in einer zerfallenen Kirche aufeinander. Katja fällt
ihr zu Füßen und beichtet ihr vor allen Anwesenden den Ehebruch. Boris wird daraufhin nach Sibirien
kommandiert. Ausgestoßen von ihrer Familie und von ihrem Geliebten verlassen, bleibt Katja am Ende nur der Freitod in der Wolga.
KATJA KABANOWA entstand nach dem Schauspiel GEWITTER des russischen Dichters Aleksander
N. Ostrowskij. Das Werk wurde 1921 in Brünn uraufgeführt und ist neben der JENUFA Janáčeks bedeutendste Bühnenschöpfung.
Als Musikalischer Leiter wird Will Humburg am Pult stehen, der bereits in der vergangenen Spielzeit für UN BALLO IN MASCHERA zu Gast in Bonn war.
Balázs Kovalik, geboren in Budapest, studierte Regie an der Bayerischen Theaterakademie in München, wo er auch mehrmals am Prinzregententheater inszenierte, darunter HERZOG BLAUBARTS BURG. Diese Produktion war auch am Opernhaus von Kairo zu sehen. Am Nationaltheater in Szeged, an der Ungarischen Staatsoper sowie am Opernhaus Bergen führte er Regie bei TURANDOT, am Staatstheater Schwerin bei EUGEN ONEGIN. Diese Tschaikowsky-Oper inszenierte er auch beim Miskolc Opernfestival und an der Ungarischen Staatsoper Budapest. In Budapest waren außerdem LE GRAND MACABRE, PETER GRIMES und THE TURN OF THE SCREW in seinen Inszenierungen zu sehen. Beim Budapest Spring Festival inszenierte er einen Mozart-Marathon mit den Da Ponte-Opern. 2007 übernahm er die Künstlerische Leitung der Ungarischen Staatsoper und machte mit Inszenierungen von ELEKTRA, FIDELIO und XERXES auf sich aufmerksam. Seit 1997 unterrichtet er an der Franz Liszt Musikakademie in Budapest. An der Bayerischen Staatsoper München inszenierte er DIE TRAGÖDIE DES TEUFELS.
Mit KATIA KABANOWA gibt Balázs Kovalik sein Regie-Debüt am Bonner Opernhaus.
Besetzung
Musikalische Leitung: Will Humburg/Wen-Pin Chien (13.6.)
Inszenierung: Balázs Kovalik
Ausstattung: Csaba Antal
Dikoj: Ramaz Chikviladze
Boris: George Oniani
Kabanicha: Daniela Denschlag
Tichon: Mark Rosenthal
Katja: Irina Oknina (13.6., 19.6., 25.6.)/Julia Kamenik (5.6.)
Barbara: Susanne Blattert
Wanja: Tansel Akzeybek
Kuligin: Martin Tzonev
Glascha: Kathrin Leidig
Chor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn
Kritiken
Ein unglaublich spannender Opernabend, der da in Bonn zu sehen ist
„Das Orchester hat die Hauptrolle gespielt gestern Abend. Es war ein musikalisch überaus faszinierender Abend, v.a. deswegen, weil der Strom aus dem Orchester ständig geflossen ist. Der Strom das bedeutet aufgeladene Hochspannung und die Wolga, der fließende Strom, in den sich alle Sehnsüchte Katjas projizieren. Er reißt keinen Moment ab und man muss dem Dirigenten Will Humburg als auch dem Orchester ein Riesenkompliment machen, denn das ist so ungefähr das Schwierigste, was man im Musiktheater realisieren kann. Diese Katja und überhaupt eine Oper von Janacek … Eine Oper, die riesige vokale Anforderungen stellt. Irina Oknina ist das Zentrum, aber alle Partner können mithalten. Es ist ein außerordentlich homogenes, gleichgewichtiges, gleichwertiges Ensemble und sie haben alle das gleiche Engagement für die Sache und agieren wirklich hoch motiviert. Ein unglaublich spannender Opernabend, der da in Bonn zu sehen ist.“
Ulrike Gondorf
Originalbeitrag unter: www.wdr3.de/mosaik/aktuell.html/www.adobe.com/go/getflashplayer.de
Bonner Generalanzeiger/Kölnische RundschauFIEBERKURVEN DER LEIDENSCHAFT
Wenn Will Humburg dirigert, wird Janaceks KATJA KABANOWA in Bonn zum Ereignis. Auch die Regie überzeugt.
Die kurze Ouvertüre zeichnet eine düstere Stimmung, die von Will Humburg am Pult und dem Beethoven Orchester mit größter Intensität aufgeladen wird. Selten hört man die Musik Janaceks kraftvoller, expressiver, fiebriger als an diesem Abend.
Die zerklüftete Partitur, in der immer wieder Inseln von größter Zartheit aufleuchten, scheint Humburg zu liegen. Sein Dirigat bleibt bis zum Schluss fesselnd, und das Orchester folgt ihm sehr genau und konzentriert.
Es ist eine hochgradig psychologisierende Musik, ein Abbild von Katjas Seelenwelt. Sie droht zu ersticken an ihrer Ehe. Die zarte Irina Oknina ist eine perfekte Besetzung für die Partie. Sie singt mit leuchtenden Sopranfarben ergreifend von Sehnsucht und Verzweiflung, man spürt die unendliche Einsamkeit der jungen Frau in jedem Ton, in jeder Geste ...
Am Ende, nachdem Katja ihrem heimkehrenden Mann und ihrer Schwiegermutter den Ehebruch beichtet, wird der Strom für sie zum nassen Grab. Die Selbstmordszene ist visuell überraschend und musikalisch von unglaublicher Emotionalität.
Einziges Manko der Inszenierung ist vielleicht das Überstrapazieren der Apfel-Symbolik. Einmal regnet es gar tonnenweise Obst vom Schnürboden herunter, es schwimmt dann in der Wolga umher. Sonst aber ist Kovalik ein präziser Beobachter, der jeder Figur bis in die Nebenrollen hinein eine eigene Aura verleiht.
Ihm steht in Bonn freilich ein sehr homogenes Ensemble zur Verfügung, das am Premierenabend eine grandiose darstellerische wie auch sängerische Leistung zeigte.
Daniela Denschlags bigotte, zynische Kabanicha ist ebenso ein Ereignis wie George Oniani, der mit sehr kraftvoll-präsentem Tenor den Boris gibt. Tichon, eine Figur nahe der Lächerlichkeit, wird von Mark Rosenthal aber keineswegs denunziert.
Eine dramatisch erstaunlich offensive Susanne Blattert (Mezzosopran) und der mit schöner Tenorstimme agierende Tansel Akzeybek harmonieren als Varvara und Kudrjas perfekt miteinander. Giorgos Kanaris (Kuligin), Kathrin Leidig (Glasa), Erika Detmer (Feklusa) sowie Josef Linnek und Marianne Freiburg runden das großartige Ensemble ab. Gesungen wird übrigens in tschechischer Originalsprache, was die Anforderungen an das Ensemble noch erhöht.
Damit muss auch der von Sibylle Wagner bestens vorbereitete Chor zurechtkommen. Aber auch hier hatte das Sprach-Coaching der für diesen Zweck engagierten großen tschechischen Janacek-Interpretin Eva Randová - um im Bild zu bleiben - schöne Früchte getragen. Das Publikum war begeistert. Die nächsten Termine: 14. Mai, 5., 13. und 25. Juni.
DIE LIEBE IM REICH DER ÄPFEL
Es äpfelt in der Bonner Oper, es äpfelt gewaltig. Denn Leos Janaceks KATJA KABANOWA spielt dort in einem Obstgroßhandel, und es gibt schier nichts, was nicht mit dem Apfel angestellt wird - bis hin zur Vorstellung eines Gewitters, wenn eine stückreiche Fracht tonnenschwer auf die Bühne donnert. Und überall wuchern auch die Symbole ... Die zweite Bildwirkung dieser Neuproduktion (Regie: Balàzs Kovalik; Bühne: Csaba Antal) überzeugt stärker. Turmhoch stapeln sich ringsum Paletten und erwecken manchmal den Eindruck von Wolkenkratzern in kubistischen Bildern. Hier wird das Eingesperrtsein deutlich, jene moralische und räumliche Enge, die alles erdrückt ... Die Inszenierung zeichnet die Titelheldin nicht als die schönste Seele und traurigste Gestalt der Operngeschichte, sondern als eine Göre auf Abwegen, der irgendwann einmal halt alles zu viel ist ... Nicht Sozialkritik, Chrakterkunde und Milieustudie aus dem alten Russland ist Thema (der Oper), sondern die Liebe. Diese Liebe wurde bei der Bonner Premiere auch im Musikalischen zögernd geschenkt. Nur das Orchestrale (Dirigent: Will Humburg) besaß Größe und Gewicht, strahlte Innigkeit und Leidenschaft aus.
Der Opernfreund/Der Neue MerkerPERFEKTES MUSIKTHEATER - GLUTVOLLER JANACEK
Bei der jüngsten Umfrage der regionalen Kulturzeitung THEATER PUR hat das Opernfreund-Team vor einer Woche die OPER BONN als „bestes Opernhaus in NRW“ auf Platz Nummer eins gesetzt. Als wollte man unser Votum noch einmal nachhaltig bestätigen, erlebten wir gestern eine „Katja Kabanova“, die ihresgleichen suchen kann; Bühne, Szene, Gesang und Musik in perfekter Einheit. Selten waren wir derartig beeindruckt und wurden von szenischem Bühnenrealismus derartig gepackt.
Wenn am Ende die Protagonistin vor den Augen des Publikums direkt an der Vorderbühne im tiefen realen Wasser der Wolga verschwindet, dann man den Atem an, wie bei einem Sägetrick von David Copperfield. Donnerwetter! Was die junge Irina Oknina an stimmlicher Vielfalt und Schönheit in diese hochschwierige Rolle geradezu traumwandlerisch einbringt, ist überragend und endet in einer dramatischen Sterbeszene, die zwar so unspektakulär wie selten inszeniert ist (sie legt sich auf ein Förderband und wird wie Müll in die Wolga entsorgt), aber es bricht uns das Herz ob ihrer stringenten Brutalität; noch dazu wenn oben im Glashaus zynisch grinsend die Kabanicha steht, während unten von hinterher gesprungenen Arbeitern zur Schlußmusik nur noch die klatschnasse Leiche aus dem Wasser gezogen wird. wobei sich langsam der Vorhang schließt. Welch ein Bild, was für eine Dramatik und was für eine mutige Sängerin, die sich ungedoubled solchem Procedere unterzieht. Wie muß man dafür von der Rolle überzeugt sein. Brava!
Doch es ist nicht nur die Schluss-Szene, welche dermaßen überzeugt. Regisseur Balázs Kovalik, zurecht als junger Regie-Shootingstar angekündigt, inszeniert ein Stück hinreißendes Musiktheater, bei dem der Spannungspegel immer bis zum jeweiligen Aktschluß konsequent an Janaceks genialer Musiklinie und Dramatik entlang sich aufgebaut und an jedem der drei großen Aktschlüsse kongenial kulminiert. Bilder, die sich einbrennen. Es hätte eigentlich keiner Pause bedurft, um die hundert Minuten solch herzkasperl-erregenden Janaceks zu durchleben. Wir leben, ja, wir leiden mit dieser Katja, die so zerbrechlich wie schützenswert, so wunderbar natürlich, wie auch lebensfremd über die Bühne wandelt wie eine zarte unschuldige Fee, die in ein falsches höchst brutales, liebesfeindliches Märchen irgendwie hineingeraten ist. Eine brutale egozentrische Welt, beherrscht von einer menschenverachtenden alles beherrschenden Frau, ihrer bösen Schwiegermutter.
Die Kabanicha - eine überragende Leistung von Daniela Denschlag, welche ihre Rolle nicht nur musikalisch grandios anlegt, sondern stellenweise sogar mit der Schauspieldramatik einer Flickenschild erfüllt. Sie schindet und vergewaltigt quasi permanent die Seele der jungen Katja. Zynisch und hartherzig lebt sie als „Grand Dame“ und Geschäftsfrau; eine moderne Sklaventreiberin, die sich selbstredend alles gönnt, den anderen aber nichts. Und wäre ihr Sohn nicht sichtbar in ihren Augen als männerorientierter Schwächling so danebengeraten, dann würde sie am liebsten auch ihn in ihren durchorganisierten, geschäftlich streng regulierten Tagesplan der Ausbeutung einbeziehen. Für sie ist der Sex ein lästiges Nebenprodukt des Savoire Vivre, dem man sich zwischen zwei Wodkas, hier mit Onkel Dikoj (großartig Ramaz Chikviladze), mal eben hingibt, indem sie kurz und abfällig über den geilen Alten steigt. Liebe aber hat sie selber nie kennengelernt oder mittlerweile in ihrem Leben durch Haß ersetzt. Haß auf alles Schöne, Haß auf die Jugend anderer. Was für eine tolle Charakterstudie hat sich da Kovalik ausgedacht.
Es ist das große Drama der Einsamkeit in einer kaputten Welt, die Einsamkeit eines Falters in der Wüste. Alle anderen haben sich recht clever angepaßt, haben irgendwo ihr Schneckenhaus gefunden, kleine Freiräume, irgendwo im innern des klaustrophoben Glaspalast-Hauses, indem das Personal sich in später Stunde auslebt; man ergeht sich im Freien beim liebevollen Rendezvous im künstlichen Mondschein zwischen den gigantischen Bretterwelten riesiger Palettenstapel auf dem Firmengelände. Es ist keine Natur-Romantik, die Natur, die uns das Regieteam hier zeigt ist längst abgeschafft; Die ehemaligen Wälder wurden zu Paletten verarbeitet. Die Szene ähnelt einem öden Containerhafen, aber dennoch finden die jungen Menschen in diesem künstlichen Stapelgewirr unzähliger Europaletten noch romantische Liebesnester. Ein wirklich superbes Bühnenbild von Csaba Antal, welches der Regisseur folgendermaßen begründet: „Auf Europaletten sind Tonnen unterschiedlichster Waren durch die ganze Welt transportiert worden. Genauso haben auch die Menschen eine Geschichte und genauso muß auch Katjas Seele eine große Last tragen.“
Das unwirtliche Szenario wird durch die begnadete Lichtregie von Max Karbe, stets passend zur Musik, auch stimmungsvoll grandios ausgeleuchtet; seien es die Neonlichter des giftgrün illuminierten, fast über der Szene schwebenden Verwaltungsbungalows der Kabanicha, welcher mich irgendwie an wie die militärische Leitstation eines Flugzeugträgers erinnerte, oder die unnatürliche Bläulichkeit der Nachtszenen bzw. jenes beinah an messianische Feierlichkeiten erinnernde Goldlicht im Finale – hier stirbt jemand, oder wird er gekreuzigt? Vielfältige Bilder, die noch lange und weiter nachdenkenswert im Gedächtnis bleiben.
Die Kostüme von Angelika Höckner sind zeitlos modern, aber doch hochfeinsinnig auf die jeweiligen Figuren zugeschnitten und es ist kein Zufall, daß Katja am Ende ihr schönstes, raffiniertestes und teuerstes Kleid angelegt hat. Natürlich trägt die Kabanicha nur das Edelste vom Modedesigner. Zeige mir, was Du trägst und ich sage Dir, wer Du bist, könnte man einen alten Spruch abwandeln.
Der meist unsichtbare Chor ist stimmsicher und kommt auch akustisch blendend rüber; Chorleitung: Sybille Wagner. Auch die Statisten bringen sich toll ein.
Daß Irina Oknina in der Titelrolle einen Glanzabend hatte - sie sang nicht die Katja, sie war es - habe ich schon erwähnt, aber auch Susanne Blatter (Varvara) bot eine Janacek-Interpretation adäquater Größe, wobei ihr George Oniani (Boris) in nichts nachstand. Und gerade diese Tenorpartie hat es mit ihren heiklen und gemein zu singenden Höhen (weit jenseits vom hohen „c“) in sich. Abrundend läßt sich sagen, daß hier ein Team von Vokalisten unter einer überzeugenden Bühnenidee großartig zusammengewachsen ist, wobei jeder Einzelne sich dermaßen einbringt, daß man von einem perfekten Musiktheaterabend sprechen kann, dessen Dramaturgie (Stephanie Twiehaus) überzeugte und beeindruckte.
Last but not least der „Megastar des Abends: Will Humburg & das Beethovenorchester Bonn. Die Musik beginnt im Stockdunklen; wir hören die düstere Tiefe der Wolga, bevor wir noch irgendein Licht sehen. Langsam erst gehen die Orchesterlichter an – Respekt für dieses Wagnis. Dann brennt das Feuer der Emotionen, sich stetig steigernd bis zu den jeweiligen Aktschlüssen. Ein emotionales musikalisches Flammenglut, welche auch auf das Herz der Zuschauer überspringt. Ich habe, außer auf der Silberscheibe mit Mackerras, noch keinen so glutvollen aber auch expressionistischen Janacek gehört. Da dieses Werk zu den am schwierigsten realisierbaren und dirigierbaren Opern überhaupt zählt (Humburg erwähnt in diesem Zusammenhang noch die Werke „Die Tote Stadt“ Korngold, „Wozzek“ Berg & „Le Grand Macabre“ Ligeti), ist die ungeheure Leistung des Orchesters und seines Leiters nicht genug zu loben. Und wer Will Humburg kennt, den ich für einen der bedeutendsten Musiktheaterdirigenten unserer Zeit halte, der merkt, hört und sieht, daß dieser Künstler alles gibt für dieses Meisterwerk.
Nach solchem 5-Sterne-Abend weiß man wieder, warum wir diese Opernwelt so lieben. Genau deshalb gehen wir in die Oper! Das ist alles an Lebensemotionen, was große Interpretation bieten kann. Glutvolle Musik, brillante Sängerschaft und so geniale, wie szenisch intelligente Regie. Blühendes Musiktheater von Weltrang – hier sollte keine Anreise zu weit sein. Schon fast mehr als ein Muß für Janacek-Musikfreunde! Ein Abend, der sich einbrennt, tief ins Herz. Bravissimo!
Peter Bilsing
theater pur 6/2010ÜBER ALLEM: DER DIRIGENT
Das Ereignis der Bonner Neuproduktion ist der Dirigent Will Humburg. Ihm gelingt es, das Seelenleben der Figuren mit brennender Intensität musikalisch einzufangen; er schneidet die ekstatischen Emotionen aus der Partitur förmlich heraus. Als hervorragendes Klanginstrument erweist sich das Beethoven Orchester: Hochgradig diszipliniert fängt es die Schmerzensidiomatik der Musik beklemmend ein. Auch sängerisch siedelt die Aufführung auf höchstem Niveau, in Sonderheit dank Irina Oknina. Ihr blühender Sopran, leicht herb eingefärbt, spiegelt Katjas Gefühle zwischen Liebe und Zerknirschung wie in einem Brennglas, und darstellerisch profiliert sich die modelschlanke Sängerin mit vielen gestischen und mimischen Facetten. George Oniani ist als ihr schüchtern eroberter Liebhaber Boris ein tenoral leuchtkräftiger Partner. Das "leichte" Gegenpaar Varvara/Kudrjasch findet in Susanne Blattert und Tansel Akzeybek ausgesprochen sympathische Interpreten. Daniela Denschlag hält die Kabanicha von Matronenhaftigkeit fern, bleibt ihr an despotischer Strenge alleridngs einige Nuancen schuldig. Trotz dieses kleinen Mankos ist der Abend ein Ruhmesblatt für das Bonner Ensemble.
Fragen und Kommentare zum Stück
Brava, Bravo, Bravi... die Bonner Produktion von Janacek's Meisterwerk KATJA KABANOWA ist ein ganz, ganz großer Wurf: szenisch dank der gekonnten Regie von Balázs Kovalik und dem eindrucksvollen Bühnenbild von Csaba Antal (wobei die Lichtregie auf keinen Fall unterschlagen werden sollte - wunderbar!) und musikalisch durch die beeindruckende Leistung von Orchester (fabelhaft: Wen-Pin Chien, auch wenn er im ersten Teil etwas zu laut "aufdrehen" liess...) und Solisten... es ist bei weitem nicht alltäglich, dieses komplexe Werk ausschliesslich mit SängerInnen aus dem Hausensemble zu besetzen - selbst an größeren Häusern ist das bei weitem nicht üblich! Es ist generell ein großer Verdienst vom THEATER BONN, dass es Werke auf den Spielplan setzt, die fast ausschliesslich durch die "Haussänger" besetzt werden können! Auch erwähnt sei die Statisterie, die sich szenisch perfekt einfügte und so einen wichtigen Beitrag für das Gelingen des Abends leistete. Einziger Wermutstropfen: die dramaturgisch ungeschickte Pause nach dem 2. Akt! Ohne Unterbrechung wäre die Aufführung sicher noch dichter ausgefallen. Alle Solisten sangen und spielten mit Verve und liessen sich von ihren Rollen vereinnahmen. Allen voran die großartige Irina Oknina, der man für Ihre Interpretation (und ihrem Mut im nassen Finale) nicht genug Bewunderung zollen kann. Bravissima, Irina!!!! Man kann dieses Abend nicht genug loben und es bleibt die Hoffnung, dass sich noch viele Zuschauer aufraffen können, um dieses beeindruckende Werk zu erleben! HINGEHEN!
















