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Irrtum ausgeschlossen

Hermann Wolfgang von Waltershausens Heimkehreroper OBERST CHABERT, einige Zeit eines der erfolgreichsten deutschen Musiktheaterwerke, kehrt auf die Bühne zurück.

Schon am Tag nach der Uraufführung, am 18. Januar 1912 in Frankfurt am Main, die vor einer Vielzahl angereister Intendanten stattfand, konnte der Verlag mit mehr als 70 Aufführungsverträgen eine stattliche, in dieser Form fast nie dagewesene Ausbeute vermelden – dieses begeisterte Interesse für eine neue Oper, die nicht von Richard Strauss oder Giacomo Puccini stammte, dürfte fast einzigartig gewesen sein.

Und als das Stück am 6. März 1933 am Deutschen Opernhaus an der Berliner Bismarckstraße seine Premiere feierte, konnte der Komponist im Vorfeld nicht ohne Stolz verkünden, dass diese die mittlerweile einhundertste Neuproduktion des Werkes war.

Hundert Inszenierungen in gut zwanzig Jahren, Aufführungen am Londoner Covent Garden noch im Jahr der Uraufführung (mit Kritik in der New York Times am Morgen nach dem Premierenabend) – das klingt rekordverdächtig. Und das umso mehr, als es eine nicht zu leugnende Kriegslücke gab, denn durch die politischen Verhältnisse wurde aus dem gefragten plötzlich ein politisch’ Lied.

Zahlreiche der 1912 geschlossenen Verträge für Hermann Wolfgang von Waltershausens Oper OBERST CHABERT waren ab 1914 nicht mehr zu erfüllen, gleich beiderseits des Rheins. Französische Häuser konnten diese Balzac-Vertonung nicht mehr spielen, weil sie von einem deutschen Komponisten stammte, deutsche Theater zogen ihre Zusagen zurück, weil in dem Stück (auch noch unter häufiger Benutzung der Marseillaise) scheinbar französisches Heroentum thematisiert wird. Und so musste sich der OBERST CHABERT nach Kriegsende 1918 gewissermaßen wieder neu aufstellen, was vielleicht besonders deshalb aber gut gelingen konnte, weil eben das Schicksal des nach zehn Jahren aus dem Kriege heimkehrenden exemplarischen Einzelnen sich mühelos aus der napoleonischen Zeit inhaltlich in die Gegenwart übertragen ließ. Worum geht es?

In der Schlacht von Preußisch Eylau in Ostpreußen, die Anfang Februar 1807 stattfand, wird der französische Oberst Chabert so schwer verwundet, dass man ihn für tot erklärt und in einem Massengrab bestattet. Wieder zu Bewusstsein gelangt, gräbt er sich frei, wird von einer Bäuerin gesundgepflegt und macht sich auf den Weg zurück in die Heimat. Immer wieder wird er – nach Nennung seines Namens – für verrückt erklärt und eingesperrt, weil bekanntlich doch der Graf Chabert gefallen ist. Mit eisernem Willen kämpft er sich jedoch nach Frankreich durch, um seine Frau Rosine, die auf all seine Briefe in den zehn Jahren seiner Rückkehr nicht reagiert hat, wiederzusehen. Endlich in Paris angelangt, beauftragt er einen Anwalt mit der Wiederherstellung seines Namens und seiner Rechte. Er muss aber erkennen, dass Rosine mittlerweile einen Aristokraten des alten Regimes geheiratet und auch Kinder mit ihm hat. In einem Abschiedsbrief erklärt er sich selbst zum Hochstapler...

Honoré de Balzacs Novelle, die in Frankreich unter vier verschiedenen Titeln erschien, aber als Le Colonel Chabert berühmt und auch mehrfach, zuletzt mit Gérard Dépardieu in der Titelrolle, verfilmt wurde, kommt in der Illusionslosigkeit ihres Schlusses deutlich zynischer daher, als dies von Waltershausens eigener Libretto-Fassung gesagt werden kann: Vielleicht in der Anlage sehr deutsch, stürmt die auf das Äußerste verknappte Handlung auf eine tragisch verknüpfte Katastrophe zu, die nicht unberührt lassen kann.

Waltershausens Musiksprache ist die der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg: hochexpressiv, emotional, keinem „Ismus“ zuzuordnen. Mit keinem anderen seiner musikalischen Werke vor- und nachher hat der Komponist diese Höhe, soweit wir das aus heutiger Sicht beurteilen können, jemals wieder erreicht. Und es mag sein, dass der (1933 von den Nazis entlassene) Münchner Hochschullehrer Waltershausen insgesamt erfolgreicher war als der Tonkünstler; an der Meisterschaft des OBERST CHABERT freilich ist keineswegs zu rütteln.

Hundert Intendanten, das zeigten nach den halbszenischen, von Jacques Lacombe dirigierten Berliner Aufführungen im Jahre 2009 die enthusiastischen Publikums- und Pressereaktionen nachdrücklichst, können so geballt nicht falsch gelegen haben, als sie ihren Opernbesuchern bis in die dreißiger Jahre hinein Waltershausens OBERST CHABERT stets neu inszeniert präsentierten. Mit der weltweit ersten vollszenischen Präsentation nach mehreren Jahrzehnten zeigt die Bonner Oper unter abermals der Leitung von Jacques Lacombe und in der Inszenierung von Roland Schwab eine der unmittelbar packendsten Musiktragödien (wie es im Untertitel heißt) des 20. Jahrhunderts mit der tiefen Überzeugung, einem raren Meisterwerk wieder die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen – und da ist eines schon im Vorfeld ganz gewiss: Irrtum ausgeschlossen!

Mehr Informationen zu OBERST CHABERT, alle Aufführungstermine und Eintrittskarten gibt es HIER.

 

Text: Andreas K. W. Meyer
Foto: Thilo Beu

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