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Zwischen Bürgerlichkeit und politischer Verantwortung

Wie in seinem neuen Stück DER LETZTE BÜRGER eine Familie zum Beispiel für deutsch-deutsche Geschichte wird, erzählt Autor Thomas Melle im Interview.

DER LETZTE BÜRGER ist Dein zweites Auftragsstück für das THEATER BONN. Wieder wird Alice Buddeberg Regie führen. Wie kam es denn zum Thema des Stückes?

Thomas Melle: Alice hatte eine Dokumentation über DDR-Spione gesehen und das als tolles Thema empfunden, zumal für das Theater, zumal für Bonn. Mich interessierte es auch sofort. Das Theater kann die Familientragödie und lebenslange Verstellung, die so etwas bedeutet, für sich ausreizen, das Doppelleben ausleuchten, und Bonn ist als ehemaliger Regierungssitz für solche Vergangenheitskomplexe natürlich prädestiniert. Mich trieb in Gedanken das Ende des Bürgertums um, das ich wahrzunehmen meine. Da bricht etwas weg, verkümmert, verschwindet. Es ergab sich ganz organisch ein Szenario, das beides in sich vereint, wegsterbendes Bürgertum und DDR-Agententum.

Der Titel des Stückes, DER LETZTE BÜRGER, impliziert, dass Dein Protagonist Leo Clarenbach der letzte seiner Art ist. Würdest Du sagen, dass mit der Generation von Leo ein Verständnis von Bürgertum untergeht, das es so nicht mehr gibt?

Melle: Das Bürgertum hat sich nicht nur über „die feinen Unterschiede“, sondern auch über ein gesamtgesellschaftliches Engagement definiert. Leo ist ein Musterbeispiel dieses Denkens und doch ein Sonderfall, denn er denkt die Verantwortung radikaler, utopischer – er will letztendlich seine eigene Klasse abschaffen, um eine gerechtere Gesellschaft zu etablieren. Das ergibt eine sehr paradoxe Form der Bürgerlichkeit. Allein, dass es einen solchen paradoxen Charakter heute durch die Verprollisierung der Politik und der Zeitgeschichte nicht mehr geben könnte, ist ein Indiz für den berühmten Topos „Letzter seiner Art“. Ja, das Bürgertum stirbt wohl weg, ob nun im Feuilleton, das mehr und mehr ins klickzentrierte und also durchkapitalisierte Internet abwandert, oder innerhalb eines um sich greifenden Egoismus, der nur die eigenen smoothiegesättigten Schäfchen ins Trockene bringen möchte. Es gibt noch die Gesten, die Formen, aber der Inhalt wird dünner, die quasi-bürgerliche Schicht denkt sich nicht mehr politisch, nur noch privat. Und das Private ist nicht mehr das Politische. Bei den Clarenbachs war das, sogar gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen, noch der Fall.

In Deinem Stück spielen historische Daten eine wichtige Rolle: 1945 und 1989, zwei Daten, die besonders in der deutschen Geschichte für große Einschnitte stehen. Aber auch 2016, genauer die Nacht, in der Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. Wofür, glaubst Du, könnte dieses Datum weltpolitisch einmal stehen?

Melle: Ich bin kein Seher und halte auch nichts von dichterischem Seismografentum, aber dass diese unglaubliche Trump-Wahl ein historisches Fiasko ist, dürfte klar sein. Man kann nur hoffen, dass der Spuk bald ohne allzu große Schäden vorüber ist. Die Welt in begrenzten Staaten zu denken, ist kaum mehr möglich – obwohl genau diese Neurechten das wollen und sich paradoxerweise globalisiert verbünden. Was in Amerika geschieht, kommt meist nur leicht verspätet auch hier an. Trump ist ein Einschnitt und eine Katastrophe. Ein Geldprolet, der plötzlich mit seinen nervösen Wurstfingern am Schalter sitzt und zündelt. Twitter hat ihn an die Macht gebracht, ein endloser Strom von Slogans, keine Politik, nur Impulse und 140 Zeichen lange Ausraster. Die Leute, die ihn gewählt haben, merken gar nicht, dass er gegen sie arbeitet. Was früher für große Skandale gesorgt hätte, ist nun Tagesgeschäft. Und das geht leider die ganze Welt an.

1989, also der Untergang der DDR, wird in Deinem Stück auch zum „Untergang“ für das Bürgertum – zumindest für das eines Leo Clarenbach. Was genau geht hier zu Ende?

Melle: Das Bürgertum stand schon in der Bundesrepublik, die ebenfalls mit der DDR untergegangen ist, unter Beschuss. Dennoch konnte man sich nach dem großen Schock des Nationalsozia- lismus wieder auf gewisse Werte, auf ein verantwortliches Denken einigen, und sei es in einer schockgefrorenen und etwas gelähmten Ausführung. Der ganze sogenannte „Ostblock“ diente den Intellektuellen dabei auch als Projektionsfläche, als reale Utopie mit einer Menge Makel, aber doch als eine Alternative, an der wohl noch gearbeitet werden müsste. Die ist nun weg. Das Stück ist eine Art Bestandsaufnahme und ein Abgesang. Ob es mit seiner Abschiedshaltung Recht hat, kann erst auf der Bühne entschieden werden.

Glaubst Du, wir brauchen wieder eine neue Utopie? Was könnte das für eine sein?

Melle: Sicher. Aber ich habe derzeit keine. Du? 

 

Das Gespräch führte Dramaturgin Johanna Vater.

Im Bild: Holger Kraft, Sören wunderlich und Wolfgang Rüter. Foto: Thilo Beu.

 

DER LETZTE BÜRGER ist für insgesamt nur acht Vorstellungen in den Kammerspielen des THEATER BONN zu sehen. Mehr Informationen, Eintrittskarten und alle Termine von DER LETZTE BÜRGER gibt es HIER.

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