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Zuckerwatte und Michael Jackson

In poetischen und sinnlichen Bildern erzählt 33 BOGEN UND EIN TEEHAUS nach dem gleichnamigen Roman von Mehrnousch Zaeri-Esfahani für Kinder ab 11 Jahren von Flucht- und Heimaterfahrungen.

„Isfahan! Am Zayandeh Rud, dem Leben spendenden Fluss. Die Isfahani liebten den Fluss. Er brachte ihnen Freude und war ein Ort, an dem sie sich trafen. So manche der vielen Brücken, die diesen Fluss überspannen, haben in Hunderten von Jahren viele Menschen kommen und gehen sehen. Die schönste unter ihnen ist vierhundert Jahre alt und heißt Si-o-Se-Pol, die Dreiunddreißig-Bogen-Brücke. Dreiunddreißig Bogen in den Wänden führen über Stufen direkt zum Wasser. Auf der breiten überdachten Brücke laden Teehäuser zum Verweilen ein.“ Genau an dieser Stelle beginnt unsere Geschichte, im Iran Ende der 1970er Jahre. Mehrnousch, die Autorin, ist zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Die Zuckerwatte ist lecker, das Leben ist schön und die Träume sind groß. In einer großen Euphorie wird der Schah gestürzt, doch dann wird alles anders – unter dem neuen Führer gibt es nun Sanktionen statt Schokolade. Bombenhagel statt Bonbons. Die Eltern fassen einen Entschluss. Heimlich und ohne richtigen Abschied begibt sich die Familie auf die Flucht. Poetisch und sinnlich, staunend und mit kindlicher Klarheit beschreibt Mehrnousch die 14 Monate in Ungewissheit, unterwegs in der Türkei und im geteilten Deutschland. Zuckerwatte gibt es selten, Leben heißt nun Überleben und die Träume sind nicht mehr groß, sondern elementar: Selbstbestimmt in Frieden und Freiheit leben. Carina Eberle wird diesen autobiografischen Roman mit vier SchauspielerInnen für ein junges Publikum ab 11 Jahren inszenieren. Was sie an dem Roman fasziniert, hat sie Dramaturgin Angela Merl verraten: „Die Geschehnisse spielen vor fast vier Jahrzehnten und haben trotzdem nichts an Aktualität eingebüßt – auch heute begeben sich Menschen auf die Flucht, auf die Suche nach Heimat. Der Roman von Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt genau von dieser Suche, aber ohne in eine Betroffenheitsästhetik abzudriften. Vielmehr erzählt der Roman von etwas, das mit uns allen zu tun hat – der persönlichen Suche nach Freiheit, nach Unabhängigkeit und dem Gefühl, zu Hause zu sein. Neben dieser Aktualität besteht eine ganz große Qualität des Romans in seiner Poesie und Sprachgewandtheit. Dadurch entstehen wunderschöne assoziative Bilder, die aber nie eindeutig sind. Ich möchte in dieser Inszenierung Räume schaffen, die eine unglaubliche Opulenz und Schönheit, aber auch eine Faszination für das Schreckliche und Schlimme, was der Familie passiert, beinhalten können.“ Für jeden neuen Ort, an den die Familie geht, gestaltet der Musiker Ögünc Kardelen eine eigene Klangkulisse. Hierdurch werden die Zuschauer in die spezifische Atmosphäre förmlich hineingeworfen.
Die Animationskünstlerin Eszter Janka fügt mit ihren Filmen eine weitere spannende Ebene hinzu. In ihren gezeichneten Projektionen bekommt das schwer Greifbare wie Krieg oder Träume aus einer kindlichen Perspektive heraus ein Gesicht. Fragt man Carina Eberle, auf welche Szene sie sich am meisten freut, kommt nach einem herzlichen Lachen die Antwort: „Michael Jackson! Das ist die Musik, die der Bruder Mehrdad immer hört und die für ihn die Sehnsucht nach dem Westen verkörpert. Michael Jackson ist wie der familieninterne Moment des Aufstands: Sie besorgen sich die Musik auf dem Schwarzmarkt und tanzen dazu. Es wird ein großer Spaß, das auf die Bühne zu bringen.“

von Angela Merl und Kristina Krieger-Laude

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