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Verschwinden als Protest

Autorin Ariane Koch im Gespräch über ihr neues Stück, das derzeit in der Werkstatt zu sehen ist.

WER IST WALTER ist nicht nur der Titel deines Stückes, sondern auch die Frage, um die es sich dreht: Walter ist plötzlich verschwunden und hinterlässt eine ratlose Gruppe, die ihre eigene Existenz über eine Leerstelle zu definieren sucht. Ist Walter Projektionsfläche der eigenen Unzulänglichkeiten und Bedürfnisse oder gibt es ihn wirklich?

Beides. Walter ist ein Nicht-Selber-Zu-Wort-Kommender, von dem wir eigentlich nicht viel wissen, beziehungsweise viel wissen, aber nur das, was über ihn erzählt wird. Mich interessiert, wie durch Narration Identität entsteht. Die Stimmen erzählen Walter und erzählen – in seinem Namen – somit sich selber. Mit dem Erzählen treten sie der Angst vor dem Verschwinden entgegen. Wer erzählt, ist anwesend und wird im besten Fall gehört. So ist Walter auch der Anlass, Probleme kundzutun, wie eine Klagemauer oder ein parlamentarischer Ort für Persönliches, Politisches und Ideologisches.

Für die Hinterbliebenen wird nicht nur Walter zum Helden stilisiert, sondern auch das Verschwinden an sich zu einer Utopie. Ist das eine Konsequenz unserer reizüberfluteten, hektischen Lebensrealität? 

Ja. Eine Konsequenz oder auch eine Form von Protest. Wir haben wahrscheinlich alle manchmal den diffusen Wunsch zu verschwinden, aus dem System auszusteigen. Beispielsweise die sehr hohe Arbeitsethik unserer Gesellschaft – „wer nicht arbeitet, ist nicht“ – kann ein Grund sein. Mich hat beschäftigt, inwiefern die Verweigerung der Teilnahme an der Gesellschaft, also zum Beispiel Verschwinden, aufständisch sein kann.

Welche Rolle spielt die Natur dabei?

Natur wird einerseits als Auswanderdestination romantisiert und als Sehnsuchtsort angepriesen, andererseits immer wieder als Projektionsfläche des Menschen entlarvt. Es geht auch hier um die Frage: Inwiefern haben wir die Natur konzipiert, erzählt? Auf jeden Fall haben wir sie geistig und geographisch annektiert, um sie zu beherr-schen und in unseren Dienst zu stellen. Gleichzeitig glaube ich auch, dass wir die Natur in ihrer unzulänglichen Eigenheit  ständig unterschätzen: Kürzlich war ich zum Beispiel bei einem Vortrag über die Kommunikation unter Pflanzen. Ich finde es unglaublich, dass Pflanzen sogar eine Art Erinnerungsvermögen haben und sich mit Duftstoffen gegenseitig warnen können. Unsere gängigen „Erzählungen“ über die Natur sind also auch extrem unterkomplex.

„Walt(er) Disney“ oder „Germanys next Walter“ – dein Text ist gespickt mit pop-kulturellen, historischen und gesell-schaftlichen Referenzen. Ist Walter auch ein wenig eine humorvolle Abrechnung mit unserer Gesellschaft?

Die Grundsituation des Stücks lässt es zu, auf viele gesellschaftliche Phänomene hinzuweisen und verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Als ich am Text gearbeitet hatte, gab es plötzlich Walters überall, in den Zeitungen, Büchern, aber auch im Alltäglichen: Zersplitterte und zersplitternde Identitäten, Tod, Flucht, Religion, etc. – etliche Formen des Verschwindens. Viel Tragik, der ich dann mit Komik begegne.

Wenn du plötzlich verschwinden könntest – wohin würdest du verschwinden?

Das würde ich niemandem sagen, sonst wäre es ja kein Verschwinden.

Das Gespräch führte Elisa Hempel.
Weitere Infos zum Stück finden Sie hier.

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