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Über das Lachen

Schauspieldirektor Jens Groß über seine nächste Regiearbeit und warum über uns selbst zu lachen so wichtig sein kann.

Eigentlich gibt es gar nicht viel zu lachen, wenn man Kinder in der Grundschule hat. Von wegen: natürliche Neugierde und angeborene Lust zu lernen. Angst, Qual und Frust begleiten den Schulalltag von Kindern und Eltern gleichermaßen. Aber Bildung muss halt sein. Wissen führt zu Karriere und Macht. Und wehe, das Balg kommt nicht auf das Gymnasium. Dann war alles umsonst. Dann ist die Zukunft vorzeitig beendet. Und die Eltern sind auch noch schuld daran. Und das ist dann eben doch zum Lachen.

In FRAU MÜLLER MUSS WEG geht es um besorgte, aufgeklärte und gute bildungsbürgerliche Eltern, die für den plötzlichen Leistungsabfall ihrer Kinder zu Beginn der 4. Klasse – kurz vor den Übergangszeugnissen für das Gymnasium – die Lehrerin Frau Müller als einzige Schuldige ausgemacht haben. Gemeinsam und entschlossen tritt die Elternschaft kämpferisch auf, um zu retten, was noch zu retten ist – FRAU MÜLLER MUSS WEG! – und vereinzelt und zerstritten ziehen sie am Ende unverrichteter Dinge wieder von dannen. Ein augenzwinkernder Blick auf Eltern am Rande des Wahnsinns, auf eine Lebens­praxis, geprägt von Gewinnsucht, Ungerechtigkeit, Leistungswahn, Eitelkeit und Voreingenommenheit.

Ja, es ist zum Schreien komisch, wenn sich die Gutmenschen nach und nach gegenseitig die bildungsbürgerlichen Masken vom Gesicht reißen und die (darunter immer nur ruhenden) raubtierhaften Züge von Egomanen zum Vorschein kommen, sobald es um die eigene Brut geht.
Dann ist sie plötzlich dahin, die Toleranz, die Gemeinsamkeit, die Brüderlichkeit, das Miteinander, die Utopie von einer besseren Welt.

Voller Humor zeichnen Lutz Hübner und Sarah Nemitz das Bild einer Generation zwischen Förderwahn und Wohlstandsverwahrlosung; einer Leistungsgesellschaft, in der man sich vor Erziehungsratgebern nicht mehr retten kann und nur noch ein Gymnasialabschluss für die eigenen Kinder in Frage kommt. Als präziser Beobachter von Gesellschaft und Gegenwart ist Lutz Hübner einer der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker.

„Ein Stück ist dann gelungen, wenn sich der Zuschauer auf irgendeine Weise ertappt fühlt“, meinte der Autor einmal in einem Interview über eines seiner Stücke, und ertappt fühle ich mich als Vater eines Schülers und als Regisseur dieses Stückes fast in jeder Zeile, und ich muss lachen über die Figuren und Situationen, die so völlig aus meiner eigenen Lebenswelt zu entstammen scheinen. Ich lache also auch über mich. Über sich selbst lachen zu können, ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften, um Veränderungen (eigene und gesellschaftliche) herbeizuführen. In dem Lachen, das ich meine, lacht sich das eigene Ich zunichte, das sich (und seine Probleme) ja gar so ernst genommen hatte. In diesem Lachen steckt überraschtes Erstaunen über sich selbst und nicht ein Sich-Über-Andere-Lustig-Machen. Man muss lachen können, man muss den Absurditäten, den Einschränkungen und Verärgerungen des Lebens die Zunge entgegenstrecken können. „Wer die Zunge herausstrecken kann, kommt nicht in die Gefahr, zu nicken, wenn er den Kopf schütteln möchte“ (Peter Sloterdijk), dann und nur dann erlebt man vielleicht die kontemplative Energie einer fassungslosen Bejahung des Seins. Freiheit, Bewusstheit, Freude am Leben, Dinge, die man sich nicht verbieten lassen sollte. Lachen wir darüber. Das Lachen im Zuschauerraum könnte zum Gemeinschaftserlebnis, zu einer gemeinsamen Identität werden. Man erkennt sich in seinem isolierenden Egoismus selbst, lacht und findet viele, denen es ähnlich geht. Die Komik gibt dem Zuschauer die Freiheit, die eigene Tragik auszuhalten oder sich überhaupt auf sie einlassen zu können. Und wenn man weiß, dass das Leben für alle auch irgendwie tragisch ist, gelingt es vielleicht heiterer, gelassener und entspannter gemeinsam an die dringenden Fragen der Zukunft heranzugehen.

Und im Gegensatz zu Frau Müller, die am Ende des Stückes sagt: „Ja, also, wenn Sie keine weiteren Fragen haben, würde ich jetzt gerne gehen. Ich wohne außerhalb, und ich möchte nicht, dass es zu spät für mich wird. Aber ich denke, wir haben alles geklärt“, denke ich nicht, dass es darum geht, alles zu klären. Es geht darum, sich selbst und alles andere scheinbar Unverrückbare in Frage zu stellen, darüber lachen zu lernen und neue Positionen einzunehmen. Für mich als Theatermacher ist Humor der Schlüssel zum Publikum, der Schlüssel zu einer fröhlich gestimmten, unideologischen Aufklärung und dem Glauben an einen immerwährenden, gemeinsamen Diskurs über die Frage, wie man sich ein Zusammenleben in Zukunft vorstellen kann. Darum geht es im Theater. Und ich bin mir ganz sicher, dass wir die Welt nur lachend retten können.

Weitere Infos zum Stück finden Sie hier.

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