News

Aktuell

"Schön, wenn Texte in anderen Zusammenhängen weiterleben und sich fortentwickeln"

Mit UNTERLEUTEN gelang der Bonner Autorin Juli Zeh ein Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit, der sich vor lauter Intrigen und persönlicher Vorteilname spannend wie ein Thriller liest. Im November kommt er auf die Bühne der Kammerspiele. Juli Zeh im Interview mit Dramaturgin Johanna Vater.

 

In UNTERLEUTEN beschreiben Sie den Mikrokosmos eines Dorfes in Brandenburg. Könnte die Geschichte auch in der westdeutschen Provinz spielen?

Juli Zeh: "Auf alle Fälle. Jedes Dorf hat seine Geschichte, überall auf der Welt. Die Vergangenheit spielt in die Gegenwart mit hinein und beeinflusst das Verhalten der Menschen. In Unterleuten geht es mir vor allem darum zu zeigen, wie Missverständnisse zu Katastrophen werden, wenn man nicht richtig miteinander spricht."

Mit Kron und Gombrowski stellen Sie zwei alte Schwergewichte einander gegenüber, die politisch bereits zu DDR-Zeiten auf den unterschiedlichen Seiten standen. Daraus hat sich eine Feindschaft entwickelt, die das ganze Dorf bis heute in zwei Teile spaltet. Würden Sie sagen, dass die DDR-Geschichte und die jeweilige Positionierung für die alteingesessene Bevölkerung Brandenburgs immer noch eine prägende Rolle spielt?

Juli Zeh: "Das ist sehr unterschiedlich. So alte Feindschaften wie in UNTERLEUTEN sind in der Wirklichkeit wohl eher selten. Aber natürlich erinnern sich ältere Menschen daran, wer in der DDR auf welcher Seite stand und wie sich die Leute während und nach der Wende verhalten haben. Es gab immer wieder Fälle, in denen sich Menschen nach der Wende stark bereichert haben. So etwas vergisst man nicht, wenn man sich betrogen fühlt."

Das besondere Ihres Romans sind die Perspektivwechsel. Gerade noch hatte man sich als Leser eine Meinung gebildet, da verschiebt sich die Perspektive zum vermeintlichen Bösewicht und schon sieht alles ganz anders aus. Allerdings ist diese Einsicht nur dem Leser, nicht aber den anderen Figuren möglich. Ist dieser ?Mechanismus Sinnbild für unser Zusammenleben?

Juli Zeh: "Absolut. Das ist das große Thema des Romans. Jeder von uns lebt in seinem persönlichen Universum und macht sich ein Bild von seinen Mitmenschen. Leider glauben wir meistens, mit unserer Auffassung absolut im Recht zu sein. UNTERLEUTEN zeigt immer wieder, dass es genauso viele Wahrheiten gibt wie Menschen."

Immer wieder spielen Metaphern für Krieg eine Rolle. UNTERLEUTEN – Weltpolitik im Kleinen?

Juli Zeh: "Weltpolitik, Gesellschaftspolitik, überhaupt das Zusammensein von Menschen. Im Großen wie im Kleinen. Meiner Meinung nach funktionieren menschliche Beziehungen immer ähnlich. Egal, ob Staaten miteinander reden oder Nachbarn in einem Dorf."

Die unterschiedlichen Interessenlagen, die zum großen Konflikt, zu Verleumdung, Gewalt und sogar zum Tod führen, nehmen alle ihren Ausgang in dem Bau der Windräder, aus denen verschiedene Parteien ihren Vorteil schlagen wollen. Doch während die Alteingesessenen wie Kron, Gombrowski und Arne Seidel immer auch das Allgemeinwohl, die Dorfgemeinschaft, im Blick haben, agieren Zugezogene wie Linda oder der Investor aus rein persönlichem Interesse. Ist es ein Zufall, dass in all den egoistischen Motiven, die westdeutschen am egoistischsten wirken?

Juli Zeh: "Es ist eigentlich weniger ein Ossi-Wessi-Ding als eine Generationenfrage und ein Stadt-Land-Unterschied. Es sind eher die älteren Menschen und die Dörfler, die mit einem Begriff wie Gemeinwohl noch etwas anfangen können, während die jüngere, urbane Generation stark egozentrisch denkt. Meistens sogar ohne es zu merken. Sie wollen einfach nur keine Fehler machen, wollen effizient sein und immer auf der richtigen Spur bleiben. Dabei kümmern sie sich nur um sich selbst und ihr eigenes Leben."

Sie beschreiben, wie wichtig Klatsch und Tratsch, also der „Dorffunk“, für die Dynamiken innerhalb des Dorfes sind. Dass die Meinungsbildung innerhalb eines kleinen Mikrokosmos schon immer auch über den Austausch unter Nachbarn geschieht, ist kein neues Phänomen. Lässt sich diese Form von dörflicher Gerüchteküche auch auf eine großstädtische, globalisierte Welt anwenden, die doch eigentlich immer gerne als „anonym“ charakterisiert wird?

Juli Zeh: "Man kann den Dorffunk vor allem als eine Metapher für das Internet bzw. die sozialen Medien begreifen. Anonym oder nicht – Menschen verbreiten Meinungen, Gerüchte, Legenden, manchmal auch Erfindungen. Durch das Wiederholen und Weitererzählen werden die Szenarien immer krasser und die Gefühle immer extremer und radikaler. Es mischen sich dann auch persönliche Interessen in die Flüsterpost, das heißt, man erzählt eine Geschichte immer so weiter, dass man selbst und seine Interessen am besten da stehen und die eigene Meinung bestätigt wird. Das Internet potenziert solche Entwicklungen auf rasante Weise. So entstehen Shitstorms – gegen Einzelne oder gegen ganze Gesellschaftsgruppen."

Haben Sie selbst eine Lieblingsfigur? Oder eine, für die Sie, trotz aller Autorinnenliebe, nur schwer Sympathie empfinden können?

Juli Zeh: "Ich mag alle Figuren, mit Sympathie hat das nichts zu tun. Man überlegt ja auch nicht, ob man die eigenen Kinder sympathisch findet. Vielleicht steht mir Kron von allen am nächsten."

Durch die verschiedenen Perspektiven ergeben sich im Laufe des Romans recht komplexe Figurenzeichnungen, die davon Zeugen, dass Sie als Autorin ein konkretes Bild von jeder einzelnen Figur haben. Nun kommt der Roman – neben der Aufführung am THEATER BONN erfolgt die Uraufführung ebenfalls im November 2017 am Nationaltheater Weimar – auf die Bühne. Das geht bei einer Romanbearbeitung naturgemäß immer mit einer Reduktion einher, gleichzeitig entsteht durch die Übersetzung auf die Bühne eine Visualisierung. Wie geht es Ihnen damit?

Juli Zeh: "Gut. Ich finde es schön, wenn Texte in anderen Zusammenhängen weiterleben und sich fortentwickeln. Natürlich kann und soll ein Theaterstück einen Roman nicht eins zu eins umsetzen. Aber das ist ok für mich, ich bin ja fertig mit dem Schreiben."

UNTERLEUTEN beschreibt nicht nur einen Dorfkosmos, auch um den Roman herum haben Sie einen ganzen Kosmos aufgebaut, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auch immer wieder fließend scheinen: Eine Homepage mit Figurenprofilen, „Spinn-Offs“ wie „Dein Erfolg“, Beiträge in Reiterforen usw. Wie kam es dazu?

Juli Zeh: "Das entwickelte sich Stück für Stück. Der Roman wirkt auf Leser und auch auf mich selbst so realistisch, dass er anfing, über die Ränder des Buchs hinaus zu wuchern. Als Erstes kam „Dein Erfolg“, das Ratgeberbuch von Manfred Gortz, der in UNTERLEUTEN immer wieder zitiert wird. Das habe ich geschrieben, kurz bevor UNTERLEUTEN veröffentlicht wurde. Viele andere Dinge wurden dann von Lesern des Romans initiiert."

Am Ende gibt es sehr viele Verlierer und kaum Gewinner, der Kampf um die Windräder hinterlässt ein Schlachtfeld voller Toter und Verletzter, zerstörter Beziehungen und gescheiterter Existenzen. Die Machtverhältnisse im Dorf werden sich nun ein für alle Mal ändern, das Zeitalter „der alten Männer“, wie es Arne Seidel nennt, ist vorbei. Was wünschen Sie UNTERLEUTEN für die Zukunft?

Juli Zeh: "Dass es sich zurückbesinnt auf ein paar Grundwerte des Zusammenlebens. Bei allen Wünschen nach Erneuerung – nicht alles war früher schlecht. Es gibt ein paar ewige Wahrheiten. Zum Beispiel, dass kein Mensch eine Insel ist, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und deshalb das Zusammenleben behutsam und respektvoll angehen müssen."

Mit dem Epilog führen Sie eine Journalistin ein, die die Geschehnisse in UNTERLEUTEN nochmal aufrollt. Diese Journalistin, so haben Sie mal in einem Interview verraten, soll eine Rolle in Ihrem nächsten Roman spielen. Werden auch andere Figuren aus UNTERLEUTEN in diesem Roman vorkommen?

Juli Zeh: "Die Journalistin kommt erst im übernächsten, also dritten Teil der UNTERLEUTEN-Trilogie vor. Davor soll es noch einen anderen Teil geben, der ebenfalls in UNTERLEUTEN spielt und in dem einige Dorffiguren wieder auftauchen, aber auch neue Menschen, die wir noch nicht kennen. Auch an den beiden weiteren Teilen habe ich schon recht viel gearbeitet, es wird aber trotzdem noch Zeit vergehen, bis sie erscheinen."

Das Gespräch führte Dramaturgin Johanna Vater.

UNTERLEUTEN mit Max Moor in der Rolle des Gombrowski läuft ab Donnerstag, 23. November 2017, in den Kammerspielen des THEATER BONN. Mehr Informationen, weitere Termine und Eintrittskarten gibt es HIER.

 

21. November 2017

Top of Page