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Licht und Schatten

Regisseur Carlos Wagner über seine CARMEN-Inszenierung.

Die Tatsache, dass Carmen die meistgespielte Oper der Welt ist, bedeutet, dass praktisch alle möglichen Interpretationen des Stückes schon durchgespielt worden sind, und es deshalb schwierig ist, eine fundamental neue Beleuchtung vorzunehmen. Ich habe aber versucht, mich von diesem Umstand nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich wollte den Mut haben, sehr nah an dem zu bleiben, was das Stück offensichtlich enthält: Es spielt in Spanien. Es behandelt die dunkelsten Aspekte der menschlichen Psyche.

Es ereignet sich in Kriegszeiten. Unwillkürlich ist man an Goya mit seiner Vision einer alptraumhaften Welt erinnert. Es handelt sich hier um eine zutiefst spanische Vision, die nichts mit Klischee oder anekdotischer Folklore zu tun hat. Goya ist düster, beunruhigend und grotesk. Von Goya inspiriert zu sein, heißt keineswegs, erneut in eine historisierende Interpretation der Carmen zurückzufallen. Vielmehr werden dadurch die Farben, die Empfindungen und die Bilderwelt definiert und eine Lesart angeboten, die zeitlos sein möchte, die handlungstragenden Archetypen hervorhebt und das Unterbewusstsein direkter anspricht als die Vernunft.

Ein scharfes Licht, das den Raum eines in die Dunkelheit getauchten Stückes aufreißt, hat ebenso viel mit der Ästhetik Goyas gemein wie mit dem Gefühl, das die Person Carmen in mir hervorruft. Carmen ist dieses Licht, das Don José durchbohrt, blendet und ihn schließlich am dunkelsten, unbewusstesten Ort seiner Persönlichkeit trifft. Dieses Licht zehrt ihn auf. Genauso wie die blendende Sonne Andalusiens jeden verbrennt, der ihr ausgesetzt ist. Carmen ist der Archetyp der Heldin, die die absolute Freiheit anstrebt, selbst wenn sie dafür ihr Leben lassen muss.

Don José ist der Archetypus des von Zweifel und Unschlüssigkeit zerfressenen Antihelden, der in völliger Dunkelheit und Vernichtung untergeht. Die tragische Begegnung erinnert an die Begegnung zwischen Torero und Stier. Carmen sucht meiner Ansicht nach nicht die Liebe, sondern Freiheit. Freiheit ist für sie die absolute Lebensgrundlage sowohl für sich selbst als auch für alle anderen. Somit wird ihre Beziehung zu Don Jose, der aus völliger Abhängigkeit handelt, tragisch, und ihre „Liebe“ zu Escamillo eine Identifikation mit einem Alter Ego, das diese Freiheit praktisch erlangt hat. Meine Absicht war es, weder die Zeit des Stückes zu rekonstruieren noch es zu aktualisieren, sondern es in einen Kontext zu stellen, der die Zeitlosigkeit der griechischen Tragödie hervorruft und hierbei eine Reihe surrealistischer Bilder aufscheinen lässt.

Auf diese Art und Weise vereinen sich am Ende der Oper die klassischen Elemente spanischer Ikonografie mit jenen der griechischen Tragödie. Der Stierkämpfer trifft den Stier so wie der griechische Held sich dem Minotaurus stellt. Wenn der düstere und beunruhigende Charakter des Alptraums als roter Faden dient, dann erhalten auch die komischen Szenen plötzlich einen grotesken und beunruhigenden Charakter. Goya mangelt es nicht an Humor, allerdings ist es ein sehr schwarzer und fatalistischer Humor. 

Am THEATER BONN läuft CARMEN ab Sonntag den 5. November 2017. Weitere Informationen, Aufführungstermine und Eintrittskarten gibt es HIER.

Text: Carlos Wagner

Foto: Thilo Beu

3. November 2017