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Im Spiel ist alles möglich

Ein Gespräch mit Regisseurin Claudia Bauer, die am Theater Bonn Genets DIE ZOFEN inszeniert

In Bonn inszenierst du DIE ZOFEN von Jean Genet. Das ist nicht dein erstes Stück des französischen „Skandal-Dichters“ des 20. Jahrhunderts. Was fasziniert dich an seinen Stücken?

Nach DER BALKON und SPLENDID’S sind DIE ZOFEN meine dritte Inszenierung von Genets Stücken. Bemerkenswert finde ich, dass seine Figuren – wie ja auch in DIE ZOFEN – im wahrsten Sinne des Wortes immer um ihr Leben spielen. Die Stücke changieren zwischen Verspieltheit und Todessehnsucht und ihre Figuren balancieren am Abgrund. Genet entzieht sich dabei einer einfachen Deutung, das finde ich großartig.

In DIE ZOFEN gibt es drei Figuren, zwei Dienstmädchen und die Gnädige Frau, an der sich die beiden Zofen in einem sonderbar zeremoniellen und gleichzeitig demütigenden Akt abarbeiten. Genet, der das Stück ursprünglich für drei Männer geschrieben haben soll, hat nachträglich doch Schauspielerinnen in den Rollen gesehen. Wie kam es zu unserer Besetzung?

Zum einen hatte ich die große Sehnsucht, mit meinen alten Weggefährten Sophie Basse, Daniel Breitfelder und Holger Kraft zu arbeiten, die ich aus Jena und Wuppertal sehr gut kenne und die nun alle drei hier im Bonner Ensemble sind. Zum anderen spielt das Geschlecht der Schauspielerinnen und Schauspieler in meinem Konzept überhaupt keine Rolle. Es geht in dem Stück um das Prinzip „Frau“ um das Prinzip „Zofe“ oder eben „Herrin“. Deswegen ist  Sophie als einzige Frau genauso wie ihre beiden männlichen Kollegen als Frau verkleidet. Alle drei tragen nicht nur Frauenkleider, sondern künstliche Frauenkörper. Die Frau ist lediglich eine Rolle, eine Idee, die gespielt wird.

Genet schreibt selber über DIE ZOFEN, dass ihn auf der Bühne nicht die „alltäglichen Gebärden“ interessieren, sondern das, was man sich als Zuschauer „nicht zu sehen oder träumen wagen würde“...

Das finde ich extrem reizvoll. Mein persönlicher Theaterbegriff ist dem von Genet da sehr nahe: Mich interessiert im Theater der Punkt, an dem die Haut weggerissen ist und die Seele nackt vor einem liegt. Theater ist ein Spiel – und im Spiel ist alles möglich, wenn man diese Verabredung ernst nimmt. Wie die beiden Zofen im Stück, spielen wir auf der Bühne. Was ich toll fände, wäre, wenn sich die Ebenen so sehr überlagern, dass das Publikum nicht mehr weiß, was echt ist und was gespielt, und vielleicht sogar eine echte Gefahr wahrnimmt.

Für die Bühne haben du und dein Team sich vom britischen Maler Francis Bacon inspirieren lassen. Wie passt die Kunst von Bacon mit der von Genet zusammen?

Ich sehe da sehr viele Gemeinsamkeiten. Bei Bacon sind Farben und Körper sehr aufgerissen, wie bei Genet bekommt man als Rezipient nichts Eindeutiges zu fassen, sondern vielmehr eine Momentaufnahme von etwas Merkwürdigem. Es geht nicht um das einfache Aufzeigen sozialer Ungleichheiten, sondern um ein Ringen mit der Rolle Mensch an sich. Aus einer voyeuristischen Perspektive beobachtet man einen geheimnisvollen Kampf, eine Auseinandersetzung mit der Dissonanz von Räumlichkeit, Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit. Die Schönheit im Hässlichen, der Traum im Realen – was davor war und danach sein wird kann man nur erahnen.

Das Gespräch führte Elisa Hempel.

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