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Verdi-Experte Uwe Schweikert über Giuseppe Verdis sechste Oper I DUE FOSCARI – unser letzter Beitrag der Reihe mit Frühwerken des Meisters von Roncole

Wie I MASNADIERI (1847) und LA BATTAGLIA DI LEGANO (1849) ist auch die am 3. November 1844 im römischen Teatro di Torre Argentina uraufgeführte Tragedia Lirica I DUE FOSCARI eine Oper, mit der Verdi erst auf Umwegen zum Ziel kam. Als er nach dem Mailänder Sensationserfolg von NABUCCO (1842) das Angebot erhielt, für das Teatro la Fenice in Venedig eine Oper zu komponieren, setzte er sich ein neues künstlerisches Ziel, bei dem die Individualdramaturgie im Zentrum stehen sollte. Als mögliche Sujets schlug er zwei historische Stoffe vor, darunter I DUE FOSCARI. Aber die Zensur lehnte das vermutlich von dem Shakespeare-Übersetzer Giulio Carcano auf der Grundlage von Carlo Marencos Drama LA FAMIGLIA FOSCARI verfasste Szenario mit Rücksicht auf die Nachkommen der historischen Gegner der Foscari ab.

Dieselben Schwierigkeiten wiederholten sich im Frühjahr 1844 mit der päpstlichen Zensur, die, wie  von Verdi befürchtet, eine Oper über Lorenzino de’ Medici wegen der politisch brisanten Darstellung eines Tyrannenmords verbot. In dieser Situation entsann er sich der DUE FOSCARI und bat Francesco Maria Piave, sich das alte Szenario zu besorgen. Der Stoff aus der venezianischen Geschichte des 15. Jahrhundert blieb zwar derselbe, aber herausgekommen ist eine ganz andere Oper, weil Piave sich weitgehend an Lord Byrons THE TWO FOSCARI hielt.

Angeregt worden sein dürfte Verdi aber nicht nur durch Byrons Drama, sondern auch durch den Maler Francisco Hayez (1791-1882). Hayez hat als Historienmaler vor allem jene nationalen, patriotischen Sujets verherrlicht, die auch einigen von Verdis Opern zur italienischen Geschichte – I DUE FOSCARI und LES VÊPRES SICILIENNES – zugrunde liegen.

Verdi war der Überzeugung, dass der Stoff, wie er ihn bei Byron vorfand, „schön, sublim und höchst ergreifend“ sei. Dennoch konnte er nicht übersehen, dass Byrons rhetorisch redseliges Drama mit den ständigen Selbstexplikationen seiner Protagonisten handlungsarm und darum auch spannungslos war. Im Zentrum der Dramaturgie steht trotz der auch musikalisch originellen Chor-Introduktion des Rats der Zehn die Personen- und Charakterdarstellung, und gerade sie leidet an der Passivität der beiden Foscari, des greisen Dogen Francesco und seines Sohnes Jacopo.

I DUE FOSCARI ist wohl die einzige Verdi-Oper, in der der stimmliche Kontrast von Tenor und Bariton nicht in einem emotionalen Gegensatz gründet und neben MACBETH auch die einzige Verdi-Oper, deren Musik nicht die entflammte Erotik eines jungen Liebespaares verherrlicht. Die Figuren sind, so David R. B. Kimbell, sprechende „Masken“. Verdi sah die Problematik des Stücks später selbst ein, hat aber ihre düstere Klangdramaturgie zu einem Grundzug seines Schaffens gemacht.

Die römische Zensur genehmigte das Libretto von I DUE FOSCARI ohne jede Änderung, was Andreas Giger – der Herausgeber der Neuedition im Rahmen der Verdi-Gesamtausgabe – angesichts der Tatsache, dass hier ein verbrecherischer Politiker über einen milden Dogen triumphiert, erstaunlich findet. Verdi traf am 3. Oktober 1844 in Rom ein, nahm dort die Orchestrierung der Partitur vor und studierte die Uraufführung ein.

Die Premiere war, in Verdis Worten, ein „mezzo-fiasco“: „Wenn die Due Foscari auch kein vollständiger Fehlschlag waren, so waren sie davon doch nicht weit entfernt – entweder weil die Sänger arg unrein sangen oder weil die Erwartungen zu hoch gespannt waren... Tatsache ist, dass die Oper ein mezzo-fiasco war.“ Und Piave fügte hinzu: „Die Musik von I due Foscari ist göttlich und ich habe keinen Zweifel, dass diese Aufführung morgen und an den folgenden Tagen, mehr und mehr geschätzt wird.“

Das Urteil freilich blieb gespalten. Die Leipziger „Allgemeine Musikalische Zeitung“ sah in dem Stück „einen schwachen Nachfolger Donizettis“.  Donizetti selbst, der Verdis Weg mit neidlosem Interesse verfolgte, war anderer Meinung. Nachdem er I DUE FOSCARI im Februar 1845 in Wien gehört hatte, sah er sich in seiner Einschätzung von Verdis Talent bestätigt, fügte aber hinzu, dass er hier „nur in Schlaglichtern sein Bestes“ zeige. Das Werk verbreitete sich schnell in Italien, wurde auch im Ausland häufiger gespielt, verschwand aber, wie die meisten Opern aus Verdis Frühzeit, in den 1870er Jahren von den Spielplänen. Heute gehört es zu den eher selten aufgeführten Opern des jungen Verdi – ein Anlass mehr, ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu begegnen.

 

Text: Uwe Schweikert
Erschienen im General-Anzeiger Bonn am 13. April 2018.

 

Premiere von I DUE FOSCARI ist am Sonntag, 6. Mai 2018, im Opernhaus des Theater Bonn. Mehr Informationen, weitere Aufführungstermine und Eintrittskarten gibt es HIER.

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