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Die Unterhaltsamkeit des Schweigens

Der Theaterkritiker Friedrich Luft über die deutsche Erstaufführung von WARTEN AUF GODOT 1955 und seine Begegnung mit Samuel Beckett

„An die deutschsprachige Erstaufführung des ‚Godot‘ in Berlin 1955 erinnere ich mich wie heute. Es war im kleinen Schlossparktheater. Wir hatten uns eingefunden, um der Aufführung eines uns bis dato völlig unbekannten Dramatikers, Samuel Beckett, beizuwohnen. Gerüchtweise wussten wir, dass es sich um ein dramatisches Kuriosum handeln sollte. Bisher war es nur in Paris an den Tag getreten. Der Autor sollte irischer Herkunft sein. Der Text selber war, wenn ich richtig erinnere, uns noch nicht zugänglich. Wir tappten kritisch im Dunkeln. In der Pause noch waren wir von dem inzwischen klassisch gewordenen Vorgang (wenn dies seltene Fremdwort hier erlaubt ist) stupefiziert. Unsere herkömmliche Theaterauffassung fühlte sich ratlos. Mir selber war der Unterhaltungswert, der doch so deutlich von dem ‚Spiel‘ ausging, in dieser ersten Godot-Pause noch völlig undurchschaubar.
Heute, wenn ich meine allererste Godot Kritik wiederlese, muss ich sagen, dass ich mich immerhin ganz tapfer geschlagen habe. Ich tappte damals noch dem ‚tieferen‘ Sinn etwas hilflos nach. Ich versuchte, der deutlichen Abwesenheit von herkömmlicher Handlung systematisch nachzugehen. Ich zog Parallelen zu Kafka. Ich versuchte, so etwas wie eine ebenso tieflustige wie tieftraurige‚ Zustands-Dramatik‘ zu erfassen.
Am nächsten Morgen rief mich Elmar Tophoven an – er stellte sich als Becketts Übersetzer vor. Ob ich den Dichter treffen wollte; ich wollte. Ich war voller Fragen, hatte mir vorgenommen, dem Autor der Verschwiegenheit mit einer Reihe von Grundsatzproblemen fleißig zuzusetzen, ihm einige der Rätsel, mit denen er uns so anregend zugesetzt hatte, sozusagen aus erster Hand zu entreißen. Es kam anders.
Beckett erschien eindrucksvoll. Er setzte sich an meinen Tisch, war von einer exquisiten Höflichkeit. Wir bestellten Kaffee. Ich versuchte ihn auf herkömmliche Reporterart vielleicht über sein dichterisches ‚Anliegen‘ vorsichtig auszuhorchen, zu erfahren, welche Moral und Nutzanwendung sein Stück denn haben sollte?
Er lächelte. Darauf ging er nicht ein. Er ließ mich, wie mir damals schien, ausweichend wissen: Es sei eben nur ein Spiel. Tieferen Sinn oder gar Hintersinn habe er seinem Stück vorsätzlich gar nicht beigegeben. Nur im Spiel selber müsse es sich erklären. Ob das nicht genüge? Ich war wieder abgeblitzt. Ein paarmal versuchte ich noch, mit höflichen Fragen so etwas wie eine fachliche Konversation in Gang zu bringen – oder auch nur in Gang zu halten. Es gelang mir nicht. Beckett fiel immer wieder in seine höfliche, unmitteilsame Schweigsamkeit zurück.
Bald gab ich es auf. Wir schwiegen zu dritt. Wir blickten auf das damals noch gemäßigte Treiben des Ku’damms. Er lächelte zuweilen mir mit sozusagen höflicher Aufmerksamkeit zu. Dann schwiegen wir wieder. Nach einer guten Stunde stand er auf, drückte mir mit unverhohlener Freundschaftlichkeit die Hand und verschwand mit seinem Adlaten Tophoven von meinem Tisch.
Warum erzähle ich diese frühe und sonderbare Begegnung mit Beckett, die übrigens meine einzige geblieben ist? Ich habe sie erzählt, weil ich diese Stunde bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann. Ich lernte von Beckett in Person, wie erfüllt, wie aufregend, wie ständig abenteuerlich und unterhaltsam – und auch wie beruhigend das Schweigen zwischen Menschen sein kann. Wie mühelos offenbar doch gegenseitige Sympathie zur Sprache kommen kann – ganz ohne Worte.“

Wie unterhaltsam mit all seiner Komik und Tragik das Warten und Schweigen der Figuren Wladimir, Estragon, Pozzo und Lucky auf der Bühne auch 63 Jahre nach der Uraufführung von Warten auf Godot noch sein kann, das unter­sucht die Regisseurin und Hörspiel­expertin Luise Voigt in der Werkstatt des Theater Bonn. Alle Informationen zur Produktion erhalten Sie hier.

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