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Die ganze Welt ist ein Irrenhaus

Dramaturg Jens Groß zu Dürrenmatts DIE PHYSIKER.

Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt bezeichnete sich selbst als „der finsterste Komödienschreiber, den es gibt“ und er schuf mit DIE PHYSIKER eines der erfolgreichsten Theaterstücke der jüngeren Gegenwart. Und obwohl das Stück bereits1962 geschrieben wurde und sich direkt auf die damaligen Ängste einer bevorstehenden atomaren Eskalation im sogenannten Kalten Krieg zwischen West und Ost bezog, scheint es heute aktueller denn je zu sein. Der Moderne komme nur die Groteske bei, hatte der Autor schon damals behauptet. Und wie recht er hat, zeigt sich in „finsteren“ Zeiten wie diesen, wo ein Donald Trump oder ein Kim Yong-un völlig unberechenbar neue Kriegsszenarien vor unseren Augen wieder plastisch werden lassen. Von neuem stellt sich die Frage: was ist Ethik und Moral in unseren Zeiten, und was tut jeder Einzelne von uns gegen die Willkür der Mächtigen.

Die tragisch groteske Parabel von Dürrenmatts Irrenhaus, in der drei Physiker freiwillig verharren und um den weiteren Umgang mit einer geheime „Weltformel“ streiten, die die Welt retten aber auch vernichten könnte, zeigt die Aussichtslosigkeit auf die plötzliche Eingebung eines „richtigen“ Weges zu hoffen. Während es dem Erfinder der Formel, Johann Wilhelm Möbius, noch gelingt, seine beiden Fachkollegen davon zu überzeugen, dass man die Entdeckung der „Weltformel“ aufgrund der Unberechenbarkeit des Weltgeschehens niemals veröffentlichen dürfe, hat die Formel seinen Weg in die skrupellose Vermarktbarkeit draußen längst gefunden.

Auch die ernsthaftesten Bemühungen um ein „richtiges“, ethisches Handeln, erscheinen als komödiantisch absehbares Stolpern, als die sinnfreie Raserei einer fröhlichen Wissenschaft, als hoffnungslose Absurdität des menschlichen Handelns überhaupt. Und das Gelächter folgt auf dem Fuße. Die Grimassen der kapitalistischen Egomaschinierie werden aufgedeckt. „Nicht ich lasse die Welt grimassieren, die Welt grimassiert. Blicke ich der heutigen Welt ins Gesicht, erblicke ich eine groteske Fratze. Soll ich sie ins Erträgliche schminken? Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ 

So hat Friedrich Dürrenmatt seinen Komödienansatz beschrieben. Aber er hatte auch dazu gesagt: „Ich bin eigentlich sehr heiter. Ich liebe den Spaß, den Humor, aber man ist dunkel grundiert.“ Trotz einer grotesken, und dunkelsten Gesellschaftsanalyse der Gegenwart liebt Dürrenmatt das Spiel mit Verschiebungen. Er glaubt nicht wirklich an eine grundsätzliche (Ver)Besserungsmöglichkeit der Welt. Das genau trennt ihn von seinem Zeitgenossen Bertolt Brecht. „Er glaubt an eine Welt, die veränderbar ist, nach dem Motto: richtige Wissenschaft – richtige Politik – richtige Menschen. Nun ist weder der Mensch „richtig“ noch die Wissenschaft, noch die Politik. Die Welt verändert sich durch den Menschen, aber der Mensch verändert sich nicht und fällt der durch ihn veränderten Welt zum Opfer.“

Das einzige, was bleibt ist das Spiel mit den Realitäten, der anarchische Spaß, der Realität sozusagen die Zunge herauszustrecken, um nicht mit dem Kopf zu nicken, wenn man ihn eigentlich schütteln möchte. Und vielleicht wird man dann einfach befreit lachen können über das Labyrinth der Gegenwart: „das undurchschaubar gewordene Ich, die undurchschaubar gewordene Politik, die undurchschaubar gewordene Technik, der undurchschaubar gewordene Kosmos“. Denn man wird entdecken, dass man sich gar nicht in einem Irrenhaus zu verstecken braucht, da die ganze Welt schon eines ist. Man muss lernen, sich den Überraschungen einer verrückt gewordenen Welt zu stellen.

Und so kommt es, dass sogar der Autor Dürrenmatt manchmal selber über Entwicklungen seines Spiels baff ist: „Zuerst hatte ich einen Irrenarzt konzipiert. Dann begriff ich, dass der streng logischen Welt der drei Physiker nur eine verrückte Frau gegenüberstehen kann. Wie ein verrückter Gott, der sein Universum gestaltet: Das kann man nur als Komödie schreiben. Komödie ist für mich einfach ein Bewusstseinsgrad. Dabei identifiziere ich mich nicht so wie zum Beispiel Kleist, der von seiner Penthesilea sagt, dass er sogar geweint habe über sie. Ich bin ja der Schöpfer der Dinge, Gestalten, Schicksale. Warum soll ich noch darüber schluchzen? Schluchzt Gott?“ Nein, er lacht möchte man ergänzen. 

DIE PHYSIKER in der Regie von Simon Solberg läuft ab Samstag, 4. November 2017, in den Kammerspielen des THEATER BONN. Mehr Infos, alle Aufführungstermine und Eintrittskarten gibt es HIER.

 

Text: Jens Groß

Foto: Thilo Beu

*alle Zitate von Friedrich Dürrenmatt stammen aus einem Interview mit Fritz J. Raddatz von 1985, abgedruckt in der ZEIT  (NR. 34/1985)