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Brechts brisante Kapitalismuskritik

Mit DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE kommt zum ersten Mal seit fünf Jahren ein Drama von Bertolt Brecht auf die Bühne des THEATER BONN.

Es ist ein langer und schmerzhafter Erkenntnisprozess, den Bertolt Brecht seine Protagonistin durchleiden lässt: Naiv, voller Gottvertrauen und erfüllt von ihrem unbedingten Glauben an das Gute im Menschen beginnt Johanna Dark ihren Kampf gegen Ausbeutung und Elend. Nicht zufällig lehnt Brecht seine Johanna an die berühmte Freiheitskämpferin aus der französischen Geschichte an.

Jeanne D'Arc, eine einfache Schafhirtin fühlte sich durch den Ruf Gottes beauftragt, das unterdrückte Heer der Franzosen gegen die übermächtige englische Armee anzuführen. Auch Brechts Johanna, Mitglied der Heilsarmee „Schwarze Strohhüte“, hört den Ruf zum Kampf gegen Unterdrückung und Entmachtung.

Krieg zwischen Fabrikbesitzern

Es ist die Sache der Arbeiter auf den Fleischhöfen Chicagos, die sie vertritt, die Sache der Untersten gegen die, die für das Elend verantwortlich sind: Die Fleischfabrikanten, allen voran der König der Schlachthöfe, Pierpont Mauler. Denn es herrscht Krieg zwischen den Fabrikbesitzern. Sich gegenseitig unterbietend, um so die Konkurrenz vom Markt zu drängen, haben sie den gesamten Fleischmarkt ins Trudeln gebracht.

Es drohen Massenarbeitslosigkeit und Verelendung, sollte sich die Lage nicht stabilisieren. Dass in dieser Situation dem Problem mit warmer Suppe und frommen Worten nicht gut beizukommen ist, müssen auch die Strohhüte bald einsehen. Doch ebenso wie die französische Nationalheldin lässt sich auch Johanna Dark durch wohlgemeinte Ratschläge nicht davon abbringen, wirklich etwas verändern zu wollen. Sie stellt den Fleischhofgiganten Mauler zur Rede, um ihn an seine moralische und menschliche Verantwortung zu erinnern.

Forderung nach Umverteilung

Was sie fordert, ist nicht etwa die Umverteilung der Besitzverhältnisse, die Entmachtung der Fabrikbesitzer zu Gunsten der Arbeiter. Es sind noch nicht einmal utopische Lohn- und Arbeitszeitforderungen, die sie an den Obersten richtet. Lediglich das Fortbestehen der Verhältnisse erbittet sie. Die Fabriken sollen ihre Arbeit wieder aufnehmen, damit die Arbeiter ihre – zwar prekäre aber doch immerhin überlebenssichernde – Arbeit wieder aufnehmen können.

Doch das Unterfangen, das Brechts Johanna anstrebt, bleibt für sie wenig von Erfolg gekrönt. Die Verwicklungen der ökonomischen Gesetze sind komplex, die Interessenlage undurchschaubar und schlussendlich macht sich Johanna unwissentlich zum Handlager des kapitalistischen Systems. Zwar stabilisiert sich der Fleischmarkt, die Fabriken nehmen ihre Produktion wieder auf und somit gibt es auch wieder Arbeit. An den prekären Verhältnissen der Arbeiter hat sich jedoch nichts geändert, im Gegenteil.

Brisante Kapitalismuskritik aktueller denn je

Denn was die Historie hinlänglich bewiesen hat, wird auch in Brechts Wirtschaftskrisenstück von 1929 deutlich: Das kapitalistische System ist ein zäher Hund, der auch durch schwere Krisen nicht in die Knie zu zwingen ist, sondern sich lediglich verschärft: Um die Krise auszugleichen werden nun weniger Arbeiter schneller mehr produzieren müssen.

Wie dieses System aus Unten und Oben sich gegenseitig bedingt, beginnt Johanna im Verlaufe des Dramas allmählich zu verstehen: „Dieses ganze System ist eine Schaukel mit zwei Enden, die voneinander abhängen, und die oben sitzen oben nur, weil jene unten sitzen, und nur solange jene unten sitzen“.

Mit schmerzlicher Aktualität legt Brecht durch das Scheitern seiner modernen Jeanne-d'Arc-Figur die Aussichtslosigkeit von Idealismus und sozialen Kompromissen im Kampf gegen Geschäftemacherei offen. Was helfen gute Absichten und fromme Worte, wenn die eigenen Taten am Ende nur zum Erhalt des Systems beitragen? Auch heute, fast 90 Jahre nach Entstehen des Werkes, hat diese Frage nichts von ihrer Brisanz eingebüßt. Nur, dass in unserer globalisierten Arbeitswelt die Schauplätze der Lohnsklaverei längst aus de