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"Am Heute reiben in dem Bewusstsein, dass die Vergangenheit aufblitzt"

Regisseurin Laura Scozzi im Interview über Philip Glass' Oper ECHNATON, fundamentalistische Gewalt und was das Publikum auf der Bühne erwartet.

ECHNATON gehört zu Philip Glass’ Portraitopern-Trilogie: EINSTEIN ON THE BEACH (1975) war der erste Teil, 1979 folgte SATYAGRAHA, eine Oper über Mahatma Gandhi und 1984 wurde dann ECHNATON an der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt. Wer war Echnaton?

Laura Scozzi: Echnaton oder auch Akhenaton war ein altägyptischer Pharao der 18. Dynastie (14. Jh. v. Chr.). Er gehört zu den spannendsten und schillerndsten Figuren der Weltgeschichte: Er hat als erster in der Geschichte der Menschheit einen monotheistischen Glauben eingeführt und den Sonnengott Aton zur alleinigen Gottheit erhoben. Ihm hat er den heute berühmten Sonnengesang gewidmet, den Glass auch für seine Oper verwendete. Außerdem hat Echnaton mitten in der Wüste eine eigene Stadt gegründet, Tell el-Amarna, und eine Kunst- und Kulturrevolution durchgeführt.

Und die Oper von Glass ist ein Porträt dieses altägyptischen Herrschers?

Scozzi: Ja. Philip Glass selbst hat seine Oper als „episodic-symbolic portrait“ bezeichnet. Und wie in den Vorgängeropern auch, gibt es nicht wirklich eine „Story“. Leben und Wirken von Echnaton sind episodisch dargestellt. Es beginnt mit dem Begräbnis von Echnatons Vater, Amenhotep III, geht weiter mit der Zerstörung des Amuntempels und endet in den übriggebliebenen Trümmern Tell el-Amarnas, also in der Gegenwart. Ein Höhepunkt ist Echnatons Sonnenhymnus, gefolgt vom hebräischen Psalm 104 des Alten Testamentes, die inhaltlich überraschend ähnlich sind.

Wie ist Ihre Herangehensweise an Glass’ Oper?

Scozzi: Was mich von Anfang an an der Oper interessiert hat, ist die Auseinandersetzung mit der Verbindung von Monotheismus und Gewalt. Die von den Fundamentalisten auf der ganzen Welt provozierten Erschütterungen haben mich dazu veranlasst, eine grundlegende Frage zu stellen: Wäre es möglich, dass es im genetischen Code des Monotheismus einen Samen der Gewalt gäbe, der Botschaften von Liebe und Brüderlichkeit in Hassreden und Intoleranz verwandelt? Und wenn ja, ist das das Erbe, das uns das alte Ägypten hinterlassen hat? Die heidnischen Kulte der Antike wollten sich nicht das Privileg aneignen, die einzige „wahre Religion“ zu sein. Nur der Monotheismus hatte diesen Anspruch eingeführt, der Ursprung einer Unnachgiebigkeit, die von Aton zu Moses, dem Begründer des Judentums, dann zum Christentum und schließlich zum Islam übergegangen ist.

Das heißt, Sie sehen in Echnaton Wurzeln für religiösen Fundamentalismus?

Scozzi: Echnaton hielt sich für einen erleuchteten Mann, der davon überzeugt war, die Wahrheit zu besitzen und es dementsprechend als sein Recht ansah, seinen Standpunkt seinem Volk aufzuzwingen. Und wie jede Religion, die absolute Wahrheiten fordert, wird der Aton-Kult Gewalt einsetzen, um die älteren und etablierten Traditionen, wie den Amun-Kult, zu leugnen und zu zerstören.

Wie setzen Sie das auf der Bühne um?

Scozzi: Ohne zu viel verraten zu wollen: Ich habe eine Figur erfunden, die Echnatons Leben träumt, sein Leben, seinen Glauben für sich entdeckt und anfängt, ihn zu idealisieren. Echnaton wird quasi zum spirituellen Führer dieser Figur. Das wahre Leben vermischt sich mehr und mehr mit dem vorgestellten Traumleben, was Konsequenzen auf das Handeln dieser Figur haben wird. Ich werde also keinen historischen Echnaton „nachstellen“, sondern mit dem Cast, das ich zur Verfügung habe, sprich mich mit den Sängern, Schauspielern, Chor und Extrachor, Tänzern und Statisten am Heute reiben und zwar in dem Bewusstsein, dass die Vergangenheit mit dem Blick auf die Gegenwart aufblitzt.

Was erwartet den Zuschauer bühnenbildtechnisch?

 Scozzi: Einer der ersten Gedanken zum Bühnenbild war, einen Raum zu finden, in dem wir beides realisieren können: Vergangenheit und Gegenwart. Das bedeutet konkret, dass wir viele Verwandlungen vornehmen werden und für fast jede Szene ein eigenes Bühnenbild haben. Dazu kommen noch Videoprojektionen. Ich denke insgesamt wird es eine sehr vielschichtige Arbeit werden. Natürlich liegt mein Schwerpunkt darin, ganz konkret eine Geschichte zu erzählen, gleichzeitig möchte ich mit den Mitteln des Videos oder des Tanzes das Augenmerk auf übergeordnete Zusammenhänge richten.

Das Gespräch führte Produktions-Dramaturgin Johanna Mangold. Im Bild: Regisseurin Laura Scozzi zu Probenstart in Bonn. Foto: Thilo Beu.

ECHNATON läuft ab dem 11. Marz 2018 im Opernhaus des THEATER BONN. Mehr Informationen, Eintrittskarten und alle Aufführungstermine gibt es HIER.

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