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Ausgezeichnetes Bühnenbild

Das Bühnenbild von KABALE UND LIEBE ist in Berlin mit dem Weltenbauer-Award ausgezeichnet worden. Bei der Preisverleihung haben wir mit Bühnenbildner Sebastian Hannak und Werkstätten-Leiter Jan Schulze über die spektakuläre Bühne, die Herausforderungen bei der Umsetzung und die erfolgreiche Zusammenarbeit gesprochen.

DER WELTENBAUER prämiert die originellste und überzeugendste bühnentechnische Umsetzung einer künstlerisch-konzeptionellen Vorgabe. Euer Bühnenbild zu KABALE UND LIEBE hat in diesem Jahr gewonnen – herzlichen Glückwunsch!

Sebastian Hannak (Bühnenbildner bei KABALE UND LIEBE): „Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass unsere gemeinsame Arbeit an diesem Projekt gewürdigt wird!“

Jan Schulze (Werkstättenleiter des THEATER BONN): „Auch unsere Mitarbeiter haben sich sehr gefreut. Es war ein sehr aufregendes Projekt und umso größer ist jetzt die Freude, dass es ausgezeichnet wurde. Die Arbeit mit Sebastian macht immer Spaß, er hat tolle Ideen, er lässt uns relativ freie Hand und hat großes Vertrauen in uns. KABALE UND LIEBE war unsere zweite gemeinsame Produktion, mittlerweile sind wir mit DIE FRAU VOM MEER schon bei der vierten.“

Die Bühne bei KABALE UND LIEBE war sehr reduziert: Im Mittelpunkt steht eine massive, maschinenartige Drehscheibe, die einen in ihren Bann zieht. Was war die Idee dahinter?

Sebastian Hannak: „Zu Beginn einer Arbeit stelle ich mir die Frage, welchen Ort es konkret in der Erzählung braucht. Kann ich alle Orte der Handlung in einen einzigen, wandelbaren Ort zusammenfassen und räumliche Veränderungen, eine Art Mechanik erfinden? In vielen meiner Arbeiten sind offene Verwandlungen integraler Bestandteil der szenischen Erzählung. Im Gespräch mit der Regie - in diesem Fall Martin Nimz, mit dem ich alle meine Arbeiten in Bonn gemacht habe - entscheiden wir uns für eine Lesart. Auf einen Satz runtergebrochen ist es hier die Mechanik der Intrige, die sich unaufhaltsam entspinnt.
Zum technischen Aspekt: bei uns steht die Drehscheibe ja vor allem senkrecht; es erinnert an ein Glücksrad, ein Mühlstein, eine zudem in sich bewegliche Wand, ganz nah bei den Zuschauern. Das so umzusetzen, dass es Poesie entfalten kann ohne zu technisch zu wirken, war eine der großen Herausforderungen, die hervorragend gemeistert wurden: kein Quietschen, kein Rattern stört das Theatererlebnis!
Eine weitere Herausforderung war die Gewährleistung der reibungslosen Funktion. Das beinhaltet neben Sicherheit auch technische Reproduzierbarkeit in einem festen Ablauf sowie genügend Probenzeiten im Originalbühnenbild. Aber die Probenbedingungen auf der Hauptbühne haben das ermöglicht, sowie das außerordentliche Engagement der beteiligten Personen.“

Publikum, Presse und die Jury waren begeistert von dem Bühnenbild. Wieso passt diese Wand so gut zu dem Stück?

Sebastian Hannak: „Vor allem, weil Martin Nimz´ Inszenierung den unaufhaltsamen Fortlauf der Intrige und das langsame wirken derselben daran herausarbeitet: Ständig ist die Welt in Bewegung, die Figuren sind der Veränderung machtlos ausgeliefert und man sieht den Figuren zu, wie sie trotz aller Bemühungen dem ganzen nicht gewachsen sein können. Für alle Figuren ist diese Wand, dieses Rad eine Grenze zwischen vorne und hinten, zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten. Dem Zuschauer lässt es zudem viel Freiraum, darin etwas ganz eigenes zu entdecken.“

Die Spieler müssen die riesige Drehscheibe während der Aufführung überwinden, spielen aber auch mit und in ihr? War das nicht auch gefährlich für die Schauspieler?

Sebastian Hannak: „Für die Spieler war es sicher ungewöhnlich, sich dem mechanischen Ablauf auszuliefern und der genauen Reproduktion desselben zu vertrauen. Gefährlich war es aber dank der Probenzeiten im Original eigentlich nicht."

Wie muss man sich eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Bühnenbildner und Werkstätten vorstellen?

Sebastian Hannak: „Die erste Arbeit ist für mich alleine den Text zu lesen, Sekundärliteratur zu wälzen, andere Umsetzungen des Stoffes anzusehen. Die Zusammenarbeit beginnt dann mit der Regie: Mit Martin Nimz war es bereits die achte gemeinsame Arbeit, und es hat sich ergeben, dass die Klarheit sowie die Mechanik etwas ist, das uns gleichermaßen interessiert. Nach meiner eigenen Vorbereitung tauschen wir uns aus, welcher Punkt des Stückes für uns interessant ist und welcher eher nicht. Ich suche dann Assoziationsbilder, baue ein Modell, bin weiter in Austausch mit der Regie. Dann einigen wir uns auf einen finalen Entwurf. Den stelle ich erst der künstlerischen Leitung des Schauspiels vor, dann der technischen Leitung, der Werkstattleitung und den Bühnenmeistern, und nach einer Art Machbarkeitsstudie wird die sogenannte Bauprobe gemacht. Das ist eine 1zu1 Markierung des Originalraumes auf der Theaterbühne mit Farbmustern, Videotests, Beleuchtung etc. Hier werden auch die endgültigen Maße des Raums festgelegt. Danach gibt es eine Abgabe mit den Werkstätten, wo alle Details finalisiert werden. Und dann geht der Raum in den Bau.
Bei konkreten Fragen komme ich in die theatereigenen Werkstätten und bespreche mich mit den jeweiligen Abteilungsleitern. Und dann gibt es die sogenannte technische Einrichtung, bei der das Originalbühnenbild das erste Mal aufgebaut wird. Dann wird geprobt, die Arbeit der Probebühne in das Originalbühnenbild umgesetzt, das ganze wird beleuchtet, der Ablauf reproduzierbar gespeichert....und dann ist Premiere!“

Jan Schulze: „Bei diesem Stück war der Entstehungsprozess relativ aufregend, da der eigentliche Entwurf, der sich dann durchgesetzt hatte, bereits der zweite war. Obwohl bei dem ersten Entwurf bereits eine Bauprobe stattfand, kam dieser aus unterschiedlichen Gründen nicht zu Stande und wir mussten eine zweite Bauprobe mit einem zweiten Entwurf ansetzen. Durch die Unterbrechung der Proben durch die Sommerferien blieb nicht mehr viel Zeit für die Herstellung. Das hieß, dass die Werkstätten teilweise schon anfangen mussten zu bauen, während ich noch die Zeichnungen für sie anfertigte. In diesem Fall war das natürlich vor allem die Schlosserei unter der Leitung von unserem Schlossermeister Werner Ahrend, die ich hierbei besonders hervorheben möchte, da sie viele Überstunden gemacht haben, um die Scheibe so gut und so schnell wie möglich fertigzustellen.“

Was war aus technischer Sicht an KABALE UND LIEBE noch besonders?

Jan Schulze: „Das Bühnenbild haben unsere Werkstätten ohne fremde Hilfe hergestellt, obwohl es technisch sehr aufwendig ist. Die einzig bezahlte Hilfe von außen, die wir allerdings auch gesetzlich geregelt annehmen mussten, war der Sachverständige. Ansonsten wurde alles bei uns in den Werkstätten gebaut, vom ersten Rohr, das abgebogen wurde, bis hin zu den Antrieben. Der Grund dafür, dass wir trotz des geringen Etats noch solche aufwendigen  Bühnenbilder herstellen können, ist das alles praktisch self- made ist. Alles ist hier entwickelt worden.“

Die Werkstätten des THEATER BONN haben einen ausgezeichneten Ruf. Immer wieder ist die Rede von internationalem Format und dass sich Star-Regisseure auch deswegen dazu entscheiden, nach Bonn zu kommen. Was macht denn die Qualität aus?

Jan Schulze: „ Klar, unsere Kollegen sind schon alle gut, mit dem „international“ tue ich mich manchmal etwas schwer. Wir schaffen es immer eine gute Qualität abzuliefern und sind darauf auch ein bisschen stolz. Der Grund dafür ist auch, dass Bonn Hauptstadt war und immer noch einige Kollegen, die mittlerweile schon seit über zwanzig Jahren hier arbeiten, aus dieser Zeit dabei sind. Das sorgt dann wiederum dafür, dass es viele Einflüsse von großen Bühnenbildnern gibt, wie z.B. Jürgen Rose, dessen Techniken man sich selber aneignen oder manchmal weiterentwickeln konnte. Trotz der ganzen Einsparungen ist uns das zum Glück nie abhanden gekommen. Ausschlaggebend dafür ist natürlich in erster Linie die Qualität unserer Mitarbeiter: kompetent und engagiert! Außerdem gibt es noch einen Raum, um den uns die ganze Republik beneidet: eine freie Montagehalle, etwas größer als die Opernbühne, ausgerüstet mit Hebezeugen und Hilfsmitteln, sodass wir sogar komplette Bühnenbilder wie KABALE UND LIEBE vor der ersten Bühnenprobe einmal vollständig aufstellen und Probe fahren können. Anders könnte das nicht funktionieren.“

Merkt man diese Qualität auch, wenn man als Bühnenbildner hier her kommt? KABALE UND LIEBE war ja nicht deine einzige Produktion am THEATER BONN.

Sebastian Hannak: „Ja, das merkt man definitiv. In diesem traditionsreichen Haus wurde schon so vieles möglich gemacht, dass ich als Bühnenbildner das Gefühl habe, so schnell schockt die nichts. Ich kann also Ideen entwickeln und diese gemeinsam diskutieren. Am THEATER BONN bin ich schon in der Findungsphase oft in Kontakt.  Das liegt aber auch an der Offenheit und Bereitschaft der technischen Leitung, von Jan Schulze und den Kollegen, den Entwurf soweit möglich umzusetzen und ergebnisoffen wie enthusiastisch nach Lösungen zu suchen. An dieser Stelle nochmal danke dafür!“

 

Das THEATER BONN gratuliert herzlich zum Gewinn des Awards! Bilder von der Bühne und der Inszenierung gibt es HIER.

 

 

 

20. Juni 2017

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